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25.01.2002
00:00 Von: Droesser, Gerhard

Stadterzählungen - Auf der Suche nach Verstehenskategorien für eine kompakte Wirklichkeit

Über das "Wesen" oder den "Begriff" der Stadt zu reden, ist wegen der grossen Unterschiedlichkeit ihrer materialisierten Erscheinungen schwierig. Was hat eine Ackerbürgerstadt, die das Dörfliche kaum hinter sich gelassen hat, mit einer Grossstadt zu tun, die vielleicht die Grenzen der städtischen Möglichkeiten schon wieder überschritten hat? Es scheint angemessener, sich von den Phänomenen führen zu lassen, die in der eigenen Lebenserfahrung gegeben sind, von Stadtbildern, die sich der Erinnerung präsentieren, die man befragen und an denen man das Fragen lernen kann. Es gilt Wege aufzutun, über das Städtische zu sprechen, Perspektiven zu eröffnen.


Von Gerhard Droesser

Die Uneindeutigkeit des Begriffs ist in der Uneindeutigkeit des Objekts selbst begründet: Die Stadt ist immer mehr, als wir von ihr in den Definitionen unserer Alltagspraxis fixieren können. Es gibt Viertel, die ein Stadtbewohner in seinem ganzen Leben nie durchqueren wird, in denen er sich nicht auskennt, während andere dort Zuhause sind. Es gibt Ämter, von deren Existenz und Funktionieren er nur dunkel weiss. Hinterhöfe, verwunschene Stellen am Bahndamm, zugänglich nur den Eingeweihten. Da ist eine Differenz, welche die Kommunikation über die Stadt irritiert, die zu Unterscheidungen anregt. Zur Enge und Engstirnigkeit der Kleinstadt trägt wohl bei, dass ihre sozialen Räume im Licht eindeutiger Sitte geheimnislos wohlgeordnet sind, und nur das, was hinter den Vorhängen im Privaten an Abweichendem geschieht, Neugier und moralische Entrüstung erregt.

Zur Eigenart der modernen Stadterfahrung mag gehören, gerade mit diesen ständigen Verunsicherungen zurecht zu kommen, mit einer gewissen Gleichgültigkeit und Kälte über sie hinwegzugehen. Das ist lebenspraktisch notwendig, um gegen den Sog der mannigfaltigen Erlebnismöglichkeiten die Identität des jeweiligen Projekts und der eigenen Identität durchzusetzen. Ebenso wie Menschen sich durch "ihre" Stadt definieren, müssen sie sich auch gegen sie bestimmen, sich für sich setzen, in weit entschiedenerem Mass, als dies auf dem Lande nötig ist. Zur Stadtfähigkeit gehört aber zugleich, reaktionsschnell den Raum des privaten Seins wieder aufheben zu können und unproblematisch auf die Erfordernisse differenter sozialer Welten einzuschwenken. Der Stadtbewohner kann gar nicht anders als weltläufig sein. Er ist offen und abweisend zugleich. 

 

Erfahrungen des Städtischen im biographischen Erinnern

Die Stadt widerfährt den lebenden Individuen als ein objektives Gebilde, dessen Gewordensein ihrem Handeln und Leben vorausgeht und ihr endliches Dasein überdauern wird. Die Stadt ist der feste Ort, in welchem die Menschen Wohnung nehmen, die sie verlassen und in die sie zurückkehren, oder, wenn das reale Band gelöst ist, die sie in der Erinnerung behalten. Welche Macht hat das Stadtgebilde über ihre Bewohner?

Zu einer Stadt zu gehören, gehört zu unseren Identitätsmerkmalen. Mit dem Stadtnamen weisen wir uns ebenso aus wie mit unserem eigenen. "Wo wohnst Du?", und: "Wo kommst Du her?", sind Fragen, die im Alltag den Gefühlsraum für Bekanntschaft und Freundschaft entstehen lassen können. Um so mehr glaubt man die Stadt zu kennen, je mehr ihre Nennung andere Namen - von Strassen, Schulen, Wirtshäusern und Cafés - evoziert, je mehr sich der Name in Erinnerungsmustern durch Lebenserfahrung gewonnene Kartierungen konkretisiert. Der Name weckt Assoziationen, verhilft zu einer - wie immer fiktiven - Orientierung.

Die Stadt ist so gewiss ein materieller Ort, in welchem die Menschen ihren Besorgungen nachgehen. Sie ist aber zugleich ein ideeller und imaginierter Ort, der im individuellen Bewusstsein seine Bedeutsamkeit entfaltet und in den lebenslangen Reflexionsprozessen individueller Selbstvergewisserung fortgedeutet wird.

Wie unfertig und roh das nur Materielle gegenüber den Bewusstseinskompositionen auch wirken mag - es bleibt die Bedingung, die unsere Phantasie und die Phantasie all jener Menschen, die zu ihm in Beziehung stehen, berührt und anregt. Das Materielle ist der objektive Widerstand, der in den Stadterzählungen nicht aufgeht. Das macht, dass wir unsere Erzählungen ineinander verfliessen lassen können, dass sie im Unterschiedlichen zu gespannter und dennoch immer unabgeschlossener Einheit finden.

Jedes Individuum nimmt einerseits teil an der sozialen Welt, in der es kommunikationsbestimmt und kommunikationsbestimmend ist. Andererseits ist jedes Individuum eine Welt für sich, deren Grund für die anderen wie für es selbst undurchsichtig bleibt. Wir kommunizieren unsere individuellen Basisdifferenzen über das Medium der städtischen Symbole, die fragil und fragmentarisch neben dem, was uns an städtischer Objektivität gemeinsam ist oder werden kann, gerade auch die Differenz der objektiven Stadtwelten bezeichnen.

Die Städte, die uns wichtig geworden sind, auch jene, in welchen wir nie waren und die uns dennoch durch empirisch unbewährtes Fühlen und Vorstellen angesprochen haben, tragen wir lebenslang als "Topoi" in unserem Bewusstsein, sie sind Konstitutiva unserer Lebensgeschichte. Ihnen begegnet zu sein, grundiert die innere Erfahrung nicht anders als die Begegnung mit Landschaften oder Personen.

Die Stadt, die mir nahe ist, erfüllt mithin die Funktionsstelle des signifikanten Anderen. Stadterfahrungen gehen zusammen mit lebensgeschichtlichen Stationen - der Kindheit und der ersten Liebe, des Studiums und des Berufs, der Trennungen und der Abschiede. Sie tragen dazu bei, dass unser Lebensbild konkret wird. Abstrakt betrachtet, könnten wir überall geboren und aufgewachsen sein. Faktisch aber sind wir an bestimmte Orte gebunden - eine zufällige Bestimmtheit, der wir uns nicht entziehen können. Die Würfel, einmal gefallen, sind ein Zugefallenes, das nicht einfach ungeschehen zu machen ist - die Konstellation erhält sich, auch wenn wir fortgehen, und gerade dann, wenn wir vor ihr fliehen.

Die Stadt zeigt und erinnert sich dem ästhetischen Blick. Ihm sind Häuser, Plätze und Brunnen wichtig, materielle Gebilde, die in die Sinne fallen und die Sinne reagieren lassen - angelockt durch den Duft, abgeschreckt durch den Lärm, der Schritt verlangsamt durch das Monument, beschwingt durch die Allee mit dem Schloss als Zielpunkt. Der Blick kann flüchtig hingleiten über das, was gefällt, was unmittelbar ins Auge springt. Oder er kann, durch lebenslangen Umgang abgeschliffen, auf dem Unauffälligen ruhen, ja auf dem Hässlichen. Aber der ästhetische Blick ist wieder mit praktischen Erfahrungen verwoben. Das Bewusstsein leistet ja nicht nur die Synthesis von verschiedenen Stadtansichten - was es erinnert, sind die Praxisstrukturen, in die sein individueller Träger einbezogen war und ist. Die Stadt gibt sich nicht nur in Vorstellungsbildern, die durch ein gedächtnisloses spontanes Anschauen sinnlicher Objekte repräsentiert werden, sondern sie ist dem eindringlichen Erinnern als ein Ensemble geistig-praktischer Beziehungen bestimmt. 

 

Stadt als Subjekt von Vergesellschaftung

Die Stadt öffnet eine Vielzahl von Bühnen, auf denen das Leben seine Szenen spielt; Bühnen, die zu bestimmten Kommunikationsweisen anreizen, andere hemmen - und noch entschiedener: die die Welterfahrung der Spieler und damit ihre praktische Kompetenz mit-determinieren.

Das städtische Ensemble vermittelt dem Individuum die Möglichkeiten sozialer Identität, zieht es über die Schwelle des Privaten hinein ins Feld der gesellschaftlichen Chancen und Bedrohungen. Es weckt und sättigt die Neugier des Kindes, ideal nach dem Mass, das weder über- noch unterfordert, sondern nach und nach das objektiv Wichtige entbirgt: den Markt, das Rathaus und die Kirche - das Gebotene und das Verbotene, die Gassen, die man eigentlich nur mit geschlossenen Augen durchlaufen darf.

Das Kind beobachtet und fragt - und die Erzählungen der Eltern und anderer Gewährsleute machen ihm verständlich, wozu diese und jene Dinge da sind und warum Menschen sich so oder anders verhalten; Geschichten, die nicht nur erzählen, was in der Stadt passiert, sondern die auch über sie selbst, was ihr einst und jetzt an Gutem und Bösem widerfahren ist, in Kenntnis setzen; Geschichten, die aus individueller Perspektive Geschick und Aktivitäten eines sozialen Ganzen erinnern: die Nacht, in der unser Haus mit allen anderen in Flammen unterging.

Durch Schule und Lehre wird der heranwachsende Mensch darauf vorbereitet, als selbstverantwortliches Subjekt einen Beruf auszuüben. Institutionen von höherem Allgemeinheitsgrad bestimmen das Individuum, seine familialen und städtischen Basiserfahrungen erneut zu transzendieren. Das Individuum lernt, dass zu seinem Selbstbewusstsein auch die Selbstverallgemeinerung gehört, das Sicheinfügen in Allgemeinstrukturen, für welche die materielle Situiertheit des Ortes und der Individualität ein verschwindendes Moment ist. Dennoch währt die ursprüngliche Erfahrung der städtischen Sozialisation im individuellen Selbstbewusstsein, wird zum Gegengewicht der Stadt und Individuum widerfahrenden Alienationen.

Wer nach langer Abwesenheit und aus weiter Ferne in die Stadt, die ihm Heimat war, zurückkehrt, dem geht die Veränderung sowohl der eigenen Lebensperspektive als auch der städtischen Strukturen auf. Wenigstens sie mochte er für beständig gehalten haben. Aber die Stadt wie der Einzelne durchbrechen ihre zirkulären Selbstvermittlungen, sind neuen Situationen ausgesetzt und bringen selbst neue Identitäten hervor. Oft bleiben nicht einmal auch nur geringe materielle Spuren, durch die angeregt das Erinnern seine Bilder entfalten könnte. Der einst vertraute Ort wird zum Irgendwo, das nun für andere Menschen von Bedeutung ist, in dem ich aber nichts mehr verloren habe. So wird die Stadt Zeugin ihres und meines Werdens und unserer Vergänglichkeit. 

 

Städtische Organisation technischer und politischer Systeme

Zum Stadtbegriff gehört, dass er ein "Mehr" bezeichnet im Verhältnis zu dem, was die begrenzte Lebenserfahrung eines Individuums erfassen, was sein Sprechen und Tun verfügbar bestimmen kann. Meine Praxis ist ebenso in das städtische Getriebe involviert, als dieses sich ihr im Ganzen entzieht. Aber so verhält es sich auch mit der Praxis aller anderen Stadtbewohner. Für das individuelle Bewusstsein bleibt die Stadt undurchschaubar.

Meine Praxis vollzieht sich in Interaktion mit der Praxis anderer Menschen. Charakteristikum des Städtischen ist die Dichte der Interaktionsmöglichkeiten im Vergleich mit denen auf dem Lande, schon durch die grosse Zahl an Menschen, die sich ständig über den Weg laufen. Aber es ist klar, dass nicht alle Stadtbewohner miteinander tatsächlich durch direkte Kommunikationen verbunden sind. Die Chance zur allseitigen Kommunikation ist nicht realisierbar. Sie muss vom Individuum negiert werden, weil es sonst seine rational sinnhaltigen Vorhaben nicht ins Werk setzen könnte. Der Reiz, in Kommunikationen zu treten, muss permanent negiert werden. Das gibt der Stadterfahrung eine schmerzlich aufregende Tönung - zu gemeinsamen Lebensgeschichten aufgefordert zu sein, die doch niemals ausgelebt werden können. Gegen das Interessenehmen am andern Menschen wehrt sich das Bewusstsein, indem es sich von vornherein den Kontakt mit den konkreten Anderen verbietet, vom konkreten Dasein des Anderen abstrahiert, sich zu ihm durch die Filter von Allgemeinbegriffen auf Distanz bringt. Die Menschen sind gehalten, einander nicht fremd - also Aufmerksamkeit erregend -, sondern gleichgültig zu sein. Man muss sich mindestens den Anschein geben, als ob man mit den andern Menschen, die man auf der Strasse trifft, nichts zu tun haben will. Dann geht man mit städtischer Sitte konform: das stillschweigende Einverständnis, den Mitmenschen nicht zu behelligen. Das bedeutet einen Verlust an Nähe und Geborgenheit, wie sie einst die ländliche Lebensform gewährte, aber auch eine Zunahme an individueller Freiheit, eben nur jene Kommunikationen aufzunehmen, zu welchen ich mich entschlossen habe - eine Freiheitsentscheidung, die auch von den anderen Individuen akzeptiert wird. Die Wahl aber ist abhängig vom Zufall gegenseitiger Kommunikationsbereitschaft.

Jenseits des zufälligen Begegnens von einzelnen Individuen gibt es freilich die festgefügten, objektiven Interaktionspläne, in welche die individuellen Aktivitäten normalerweise integriert sind. Die Stadt ist ein materieller Ort, an dem sich die verschiedensten Sorten sozialer Kommunikation konzentrieren, Kommunikationen, die zueinander wieder in verschiedenster Beziehung stehen: der Trennung, der Indifferenz, der Synthese. Kommunikationsströme passieren einander, ohne sich zu verhaken - auf der städtischen Strasse grüssen sich Unbekannte nicht, wohl auf dem Land -, sie verzweigen sich zu ihren spezifischen Zielen, den "Stätten" der Arbeit und des Vergnügens, des Öffentlichen und des Privaten. Die verschiedenen Kommunikationsprogramme finden in spezifischen materiellen Ensembles ihren objektiven Ausdruck; sie sind gleichsam ihre Kanalisierung, ihre Zusammenführung und Entwirrung.

Nach dieser Seite ist die Stadt ein Konglomerat von Apparaturen, geschaffen, die gesellschaftliche Selbsterhaltung zu vollziehen, ein Ensemble von Einrichtungen, die der materiellen und geistigen Produktion und Konsumtion dienlich sind. Die praktischen Intentionen und Interaktionen der Individuen sind ermöglicht und determiniert durch die gesellschaftliche Praxis, deren reale Möglichkeiten sich in den objektiven Produktionsformen sedimentieren.

Die Stadt ist der Ort und das Geschehen des ständigen Umbaus der materiellen Lebensinstrumente, ihrer Konstruktionen und Dekonstruktionen, des Verfalls und Abrisses, des Ausuferns und Neuaufbaus. Jede Generation ihrer Bewohner ist hereingenommen in die von den vergangenen Generationen überlassenen Ordnungen, die zwangsläufig übernommen und dann zum eigenen Bedarf eingerichtet werden müssen. Die produzierten materiellen und geistigen Apparaturen überdauern ihre Produzenten: die Wohn- und Amtshäuser, die Kirchen und Spitäler, die Strassen, die Einrichtungen für Licht und Wasser, die Friedhöfe und Schlachthöfe. All dies wird aus der Notwendigkeit des Zusammenlebens vieler Menschen an einem begrenzten Ort erfunden, die Qualität des Lebens wird durch seine Quantität hervorgerufen. Die Stadtorganisation reagiert konstant auf Grundbedürfnisse, deren gesellschaftliche Interpretation freilich geschichtlich variiert und entsprechend einen Wandel der Organisationsweisen mit sich zieht. 

 

Auflösung der städtischen Gemeinschaft:
Kritischer Anspruch der Idee des Guten Lebens

Wieweit findet die Produktionsweise der Moderne in der Stadt ihren Ausdruck? Welche Konsequenzen hat die Teilung der gesellschaftlichen Arbeit in funktional differenzierte Subsysteme für das städtische Leben? Zunächst, die Division der Arbeit ist unabdingbar, wenn es gilt, die Konsumbedürfnisse von Menschenmassen zu befriedigen. Sie erlaubt die Steigerung der Produktion durch rational gezielten Einsatz technischer Mittel. So wird die Stadt zum Ort der Massenproduktion. Die Systeme der Industrie, des Dienstleistungssektors, der Verwaltung, des Gesundheitswesens und der Schule sind die sozialen Organisationsformen, für welche der Massenmensch tätig ist und durch welche er sein Dasein sichert. Durch seine Produktionskraft wie auch durch seine Konsumtion ist er von ihnen abhängig.

Die Lebensbewegungen der vielen Individuen, denen immer weniger die öffentliche Chance relevanter selbstexpressiver Kommunikation zugestanden ist, erfahren nun objektive Gegenkräfte, die sie umbiegen und in ihre Richtung drängen und vereinheitlichen. Jetzt gewinnen die technologischen Kommunikationsmuster Dominanz. Der Produktionsablauf der kollektiven, sachlich rationalen Ziele wird aus der Erlebniswelt des Stadtalltags ausgegliedert, wird in vielen Phasen unsichtbar und unbegreiflich. Menschen verschwinden hinter den Toren von Fabriken und Büros - initiieren Wirkungen, die translokal sind, die den Ort ihrer Entstehung nicht betreffen. Die Stadt zeigt sich jetzt als Moment umfassenderer rationaler Strukturen, der nationalen und globalen Wirtschaft und Politik. So entsteht in den zentrierten Produktionssystemen selbst die Tendenz zur Dezentralisierung - in dieser Hinsicht ist die Stadt keine in sich stehende individuelle Sinneinheit.

Freilich nicht alle Produktionssysteme wirken entschieden von der Stadt nach aussen, für den Export, sondern auch für den eigenstädtischen Bedarf wird produziert. Der Bäcker und seine Kunden können sich nah erleben und als Personen wahrnehmen. Aber weitaus häufiger sind die Filialen der Brotfabrik - Verkaufssysteme trennen die Her­steller der Ware und ihre Konsumenten. Und die nette Verkäuferin, mit der wir noch gestern freundlich plauderten? Sie ist nicht gestorben, sondern versetzt oder gekündigt, hat ihre Rolle ausgespielt.

In der Welt der formalisierten Beziehungen fällt es den Individuen schwer, die Orientierung ihres Lebenssinns zu finden. Die innerbetrieblichen Kommunikationen erweitern sich nicht zu solchen der bürgerlichen und politischen Gemeinde. Sie thematisieren Ziele, die mit der konkreten Lebensproblematik der Arbeiter und Angestellten, mit ihrer individuellen Persönlichkeit und ihren sozialen Geschicken wenigstens scheinbar nichts zu tun haben. Weil seine Produkte ihm nicht anschaulich und greifbar sind, und es von seinem blossen Arbeiten absorbiert ist, kann das Individuum die Stadt nur noch als Kulisse seiner Tätigkeit begreifen. Sie ist nicht der Ort der Identitätsfindung und Identitätsbewahrung. Das moderne Individuum hat keine erfüllte bürgerliche Identität. Neben der Arbeit bleibt ihm nur der Rückzug auf den privaten Bereich, der sich wieder hinter den Türen der Apartments und Einfamilienhäuser abspielt. Das öffentliche Leben reduziert sich auf die Kreuzung der Verkehrswege vom Betrieb zur Wohnung und zurück.

Die objektive Stadtidentität kann als individuelle Einheit und Synthesis ihrer besonderen Momente nur noch durch Inszenierung behauptet werden. Sie wird als touristische Attraktion erzeugt und vermarktet. Die Einwohner werden sich selbst als Touristen vorgeführt, wieder als Privatleute, die zu einem "Event" zusammenlaufen, das für keinen von ihnen Lebensbedeutung hat. Das Festival ist ja kein Zeichen für gemeinsam bestandene Geschicke, keine Erneuerung des Gründungsmythos.

Die Verödung des Stadtlebens hat folglich zum einen mit den Produktionssystemen zu tun, die gegenüber dem historischen Ort und der historischen Zeit gleichgültig sind, zum anderen - als Konsequenz - mit der Privatisierung der individuellen Lebensführung. Sich auf dem Marktplatz zu treffen, um Geschäfte abzuschliessen und die öffentlichen Angelegenheiten zu erörtern, dazu besteht für niemanden Veranlassung. Muss die Idee der Stadt als politischer Gemeinschaft darum aufgegeben werden? Lässt sich nicht doch verteidigen, dass die Stadt - nach allen Funktionsverlusten, die ihr die Moderne zugemutet hat - doch eine bleibende politische und humane Aufgabe zu erfüllen hat?

Muss man nicht die Rede von der Entpolitisierung der Stadt in ein umfassenderes Politikverständnis aufheben? Lässt sich die Bürgerschaft zwar nicht neben, aber in den Produktionssystemen erneuern? Eine positive Antwort würde implizieren, dass neben den instrumentell gebundenen Kommunikationen Spielräume freier Sinnthematisierung bestehen oder zugelassen werden. Sie vorausgesetzt würde es möglich, Systemzwänge von innen her zu relativieren und negative Systemfolgen zu begreifen. Systemdefizite zu benennen heisst anders gewendet, Massstäbe eines besseren Lebens vorzuschlagen, Massstäbe, die auf Sachkompetenz und Leidenskompetenz gegründet sind. Dieses wie immer bescheidene Transzendieren nimmt auf die "Idee guten Lebens" Bezug. Diese Idee lässt sich ins Universale wenden - und dann ist sie das letzte Mass, der letzte Zweck aller Produktionssysteme; und sie lässt sich ebenso auf das Lokale konzentrieren, eben auf die Stadt als jener Ort, an welchem sich die Produktionssysteme dicht überlagern. Der Bezug auf das gute Leben wird dann den Systemen nicht äusserlich, durch blanke Gesinnung, von aussen aufgesetzt; vielmehr zeigt er sich ihnen als empirische Realität und deren bessere Möglichkeit immanent. Freilich zunächst nur in der fragmentierten und je isolierten Form der gegeneinander indifferenten Systemverläufe. Verlangt wäre mithin eine ethische Reflexion, die die gegebenen Systemzustände auf den funktionalen Sinn des Systems hin bezieht und relativiert und die verschiedenen Systeme reflexiv in ihren Verhältnissen zueinander begreift.

Der funktionale Sinn eines Systems gibt Antwort auf die Frage, wozu es denn überhaupt dem Menschen dienlich ist. Recht und Politik, Arbeit und Freizeit, Markt und Privatleben sind Organisationsformen, die menschliche Bedürfnisse erfüllen. Die Stadt ist das Ensemble dieser Organisationsformen, die Objektivität, die das Gesamt der menschlichen Bedürfnisbefriedigung zum Ausdruck bringt. Das Zusammenwohnen vieler Menschen ist allein schon eine Tatsache, die Erfindungszwang und Technik provoziert wie bei der Bereitstellung von Nahrung, von hygienischen Einrichtungen oder bei der Organisation des Verkehrs.

Die Weise der Bedürfnisbefriedigung ist qualitativ verschieden und auf Fortschritt ausgerichtet. Das als "besser" Erfahrene hebt die bisherigen Vermittlungen auf. Eine gelungene Vermittlung zeigt sich an ihrem unproblematischen Funktionieren; wenn sie völlig zur Gewohnheit geworden ist, wird die menschliche Praxis frei, sich neuen Erfahrungsmöglichkeiten zu öffnen, Bedürfnisse zu entdecken, sich zu differenzieren und zu verfeinern. In der Stadt beschleunigen sich diese Prozesse, herausgefordert durch die wirtschaftliche Konkurrenz. So ist sie der Ort des materiellen Luxus, der sich ständig zu überbieten sucht. Luxusgüter sind teuer, in ihren Genuss kommt nur, wer sie bezahlen kann, wer sich durch seine Kaufkraft von anderen distinguiert. Die Arbeiterquartiere des 19. Jahrhunderts unterscheiden sich noch heute evident von den Villen der Fabrikherren. Der Gegensatz von reichen und armen sozialen Schichten, von Oberstadt und Unterstadt, gehört wohl zu den Grundkategorien einer Hermeneutik des Städtischen. Denn wo die betreffenden Güter den Charakter des Exquisiten verloren haben, wenn sie billig und zu Massenartikeln geworden sind, entstehen wieder neue Unterschiede, neue soziale Exklusionen.

Der Grundplan schafft lediglich die Rahmenbedingungen für soziale Vielfalt und auch für Gegensätze. Das materielle Gesamtprodukt lässt Spielraum für ungleiche Verteilung, für eine bestimmte Interpretation sozialer Gerechtigkeit. In die technische Planung, die gewährleistet, dass Menschen überhaupt zusammenleben können, ist der praktische Plan verwoben, in welchem Verhältnis zueinander sie das tun. Die technische Planung vollzieht sich unter Voraussetzung der geltenden ökonomischen, rechtlichen und politischen Ordnung, sie stellt deren Vernünftigkeit nicht in Frage. Die technische Lösung der Stadt ist Ausdruck objektiver Interessen- und Machtverhältnisse, deren womöglich "schlecht" Einrichtung erst post factum erfahren werden kann, dann nämlich, wenn die Machtkonstellation als solche thematisierbar wird, wenn ein angemesseneres menschliches Wohnen vorstellbar, wünschbar und durchsetzbar erscheint. So werden in der Stadt sowohl technische wie politische Probleme ausgelebt und bewältigt. Ihre Entwicklung folgt der Dynamik des gesellschaftlichen Fortschritts - verstanden als bestimmte Antwort auf bestimmte Problemlagen und als ein Revidieren dieser Antworten. Revisionen sind notwendig, weil gegebene Vermittlungen ihrerseits wieder Folgeprobleme aufwerfen. So bedeutet beispielsweise die Individualisierung des Verkehrs ein Zugewinn an Freiheit, dessen negative Folgen durch eine angestrengte Verkehrs- und Umweltpolitik gebändigt wird; oder: die Chancen individuellen Wohnens führen zu einem Verlust städtischer Mitten, zu einer Zersiedelung des Umlandes.

Jede der besonderen Strukturen hat eine eigensinnige Entwicklung, aber ebenso berühren sie einander - die Veränderung in der einen Struktur löst Resonanzen in den anderen aus. Jede Struktur nimmt die anderen zunächst nur aus der eigenen Perspektive wahr. Die Eigenrationalität führt das Nichtverstehen des Anderen korrelativ mit sich. Das Stadtgeschehen ist ebenso rational wie irrational. Es ist diese Mischung, die die Ordnung des Stadtlebens zu einer unendlichen Aufgabe bestimmt. 

Was kann die ethische Reflexion im Kräftespiel dieser Strukturdynamiken leisten? Es ist klar, dass sie nur in den je besonderen Strukturen ihren Stand nehmen kann. In ihnen hat sie die Aufgabe, sie an ihre Grundbestimmung, Mittel zum Zweck des guten Lebens zu sein, zu erinnern. Insofern sucht sie den Begriff des Menschen inhaltlich zu füllen. Neben der Verdeutlichung der verschiedenen Systemziele - also des Heterotopen und Heterogenen - bringt sie in den Begriff des Guten Lebens eine utopische Komponente ein: den Begriff der geglückten interstrukturellen Vermittlung. Sein und Sollen sind aufeinander zirkulär bezogen, beide Begriffspole erläutern sich wechselseitig. Der utopische Stadtbegriff ist das kritische Regulativ, an dem die Ist-Bestände gemessen werden. Das regulative Ideal aber erhält sein argumentatives Gewicht, weil es von den wie immer partikularen geglückten Lebensformen, ihren Realitäten und realen Möglichkeiten her komponiert ist. Weil die ethische Reflexion selbst immer eine perspektivisch gebundene ist, wird natürlich auch das "Ideal der Zukunft" immer einseitig gespiegelt. Weil sie sich aber selbst als relativ reflektiert, kann sie sich frei anderen ethischen Reflexionen zuwenden und sich ihren mannigfaltigen Aufbrüchen anschliessen, mitteilen und durch sie erweitern. 

 

Die sachrationale Einigungsform städtischer Administration

Sinnlich erfahrbar war die Grenze der Stadteinheit einst durch Graben, Wall und Tor. Sie umschrieb sich selbst im Gegensatz zum Land. Die Grenze ist durchlässig - für die Tauschbeziehungen, für die Eigentumsverhältnisse, aber auch für die Lebensweise, wovon die ländlich geprägte Kleinstadt bis in unser Jahrhundert Zeugnis gibt. Das Städtische hat sich immer gegen eine Umwelt zu behaupten, und was als Fremdes eindringt und bleibt hat es zu assimilieren und zu kultivieren. Das scheint die Bedingung dafür zu sein, dass die Stadt selbst an den gesamtgesellschaftlichen Fortschrittsmöglichkeiten teilnehmen kann. Sie kann vom Land festgehalten werden; aber auch von der Übermacht eines Fürsten, für den sie nur Teil seines Hauswesens war. Kann hier die Stadt nicht prosperieren, so wird sie im anderen Extrem über sich hinausgetragen und zersetzt durch die raumgreifenden Industrien, die aus ihrer Mitte - dem unternehmenden Bürgertum - entstanden sind. Das Städtische ist also einmal Entfaltung, die gehemmt werden kann, und es ist Integrationsleistung, die überfordern kann. Die Balance zwischen Innenraum und Aussenraum muss ständig neu hergestellt werden. Die Stadt definiert sich in geschichtlichen Prozessen. Diese Prozesse sind ebenso von Zufällen und Geschicken, wie von rationalen Eingriffen und Kontrollen bestimmt. Die Stadt gerät in unvorhergesehene Lagen, die teils von aussen, teils von innen induziert sind. Ist die Kontrolle zu stark, erstarrt das bürgerliche Leben, ist sie zu schwach, löst es sich in divergierende Interessen auf. Die Aufgabe der Balancebewahrung wiederholt sich auch im Innern des Systems als Bindung sowohl der subjektiven Interessen wie auch als ihre Freigabe. Stadtidentität bildet sich im Widerstand nach aussen, sie bildet sich ebenso in der inneren Einigung ihrer Momente. Auf welchen Ebenen kann diese innere Integration beschrieben werden? Was macht das einigende Band zwischen den Individuen aus? Was sind die inneren Widerstände, und was die äusseren?

In der Stadt kommt das Gefüge der differenzierten gesellschaftlichen Subsysteme und ihrer Vernetzungen zum Ausdruck. Im städtischen Raum interagieren nicht nur Individuen, und es sind nicht nur deren Wohnungen, die zufällig nebeneinander liegen, sondern es sind durchgreifende gesellschaftliche Interessen, aus deren Zusammen- und Gegenspiel die Stadt gleichsam als Sekundärprodukt entsteht. Hinter der Stadterscheinung steht eine bestimmte gesellschaftliche Produktionsweise, die als objektives Allgemeines den Individuen eine bestimmte Lebensform auferlegt - eine Struktur von gegenseitigen Abhängigkeiten, in denen keine Funktion ohne die anderen sein kann. Eine Fabrik braucht Arbeiter, die in ihrer Nähe siedeln. Sie zieht Menschen an, indem sie ihnen eine Chance materiellen Überlebens gibt. Diese arbeiten nicht nur zusammen, sondern müssen ihr gesamtes Leben unter den von der Fabrik definierten Bedingungen verbringen. Die materielle Produktion bestimmt die Form des sozialen Miteinanders, indem sie zu weiteren sekundären Produktionen, den Dienstleistungen, Anlass gibt. Gut oder schlecht, es wird umfassend für die Reproduktionsmöglichkeiten der Arbeiter gesorgt.

Die innere Einigung der Stadt leistet die Administration. Sie unternimmt seit dem 19. Jahrhundert die technische Aufgabe ihrer Gliederung in Funktionsbereiche sowie den Aufbau und den Unterhalt der Infrastruktur wie die Versorgung mit Strassen, Wasser, Elektrizität und Gas. Freilich wird man nicht sagen können, dass Städte in früherer Zeit wild gewachsen wären. Auch da gab es Bauordnungen. Vielleicht sollte man besser von einer Neugliederung sprechen, die die Errungenschaften des technischen Fortschritts bewusst einsetzt und die sozialen Herausforderungen der Industrie zweckrational wiederum mit industriellen Mitteln beantwortet. Die Trennung der Bereiche von Wohnen und Arbeit etwa ist ohne den Einsatz moderner Verkehrsmittel wie der Stadtbahnen in den Metropolen nicht denkbar.

Sind die modernen Produktionen arbeitsteilig, so wird diese Trennung in den Konsumbedürfnissen der an einem Ort agglomerierten Menschen wieder aufgehoben. Die Stadt ist der Kreuzungspunkt der verschiedenen sich gegenseitig anregenden Produktionen - sie ist der Ort der Kommunikation des Handels, der Politik, der Bildung. Die städtische Verwaltung gibt diesen Kommunikationen die äussere Ordnung, in deren Rahmen sie sich vollziehen können. Nicht den Subsystemen, sondern dem Ort, an dem sie aufeinander stossen, gilt ihre Sorge. Ihn sucht sie zu stabilisieren und zu entwickeln. Insofern ist die städtische Verwaltung - die ja selbst keinem partikularen Interesse nachgeben sollte - an verallgemeinerbaren Interessen orientiert, an der Erhaltung und Hebung der Qualität von Lebensbedingungen der Menschen, die im städtischen Raum koexistieren. Die Verwaltung kann die Stadt nicht machen, aber es ist ihre Funktion, sie zu kultivieren. 

 

Die ethische Einigungsform reflexiver Öffentlichkeit

Die Stadt ist Struktur von Strukturen, von Einheit und Differenz. Sie bindet die Dynamik ihrer Momente, durch die sie zugleich verwandelt wird. Sie ist der objektive Ausdruck des Fortschritts der Gesellschaft und ihrer Selbststabilisierung, der in vielfache Tätigkeiten aufgefächerten gesellschaftlichen Produktion und ihrer aus vielfachen Reflexionen sich versammelnden gesellschaftlichen Reflexion. Derart ist sie keine selbständige und selbstmächtige Einheit.

Die Form, in der sich die sozialen Aktivitäten mit ihren inhaltlichen Zielen vollziehen, wird zusammen mit ihnen - teils gezielt, teils ungezielt - produziert. Zwar ist nicht jede Produktionsweise notwendig an die Stadtstruktur geknüpft; aber die Stadtstruktur kann sich nur erhalten, solange sie für bestimmte Produktionszweige von Interesse ist. Das Haus, in dem Menschen praktisch und technisch tätig sind, muss selbst durch Praxis und Technik instand gehalten werden.

Die Stadt als materieller Ort wird geformt durch Arbeiten und Unternehmungen, die in der Stadt vollzogen werden, ebenso durch Arbeiten, die für die Stadt aufgewendet werden. Ihr individueller Charakter ergibt sich als Mischung von Notwendigkeiten, Zufällen und Planungen, indem die Akte der Entfaltung und Zusammenführung sich in geschichtlicher Progression übereinanderschichten, unbrauchbar Gewordenes ausscheiden und neue Ansprüche integrieren.

Die städtische Verwaltung ist selbst das Produkt der funktionalen Differenzierung, die als Subsystem neben anderen Hilfestellung leistet für den intersystemischen Verkehr. Ihre Leistung ist eine der Sozialtechnologie: Was ist von aussen zu tun, damit die divergierenden Interessen, die sich im Stadtraum geltend machen, wenigstens zum Minimalkonsens gelangen können? Die jeweilige Stadtidentität wird für die städtische Verwaltung nur nach dem unterschiedlichen Quantum und dem unterschiedlichen Komplexitätsgrad sachrational abzuarbeitender Aufgaben relevant. Aus ihrem Gesichtspunkt kann die Stadteinheit kein individuelles Wesen haben - jede ist der anderen gleich.

Die Stadt als Gemeinwesen dagegen wäre das objektive Symbol ihrer Strukturen, wie sie durch ihre Bewohner als öffentlichkeitsfähige Personen, als Bürger repräsentiert wird. Diese Repräsentation ist allerdings nicht einfach als gegeben vorauszusetzen. Die moderne Gesellschaft hat die Individuen mehr und mehr aus ihren objektiven Repräsentationspflichten entlassen. Der Einzelne mag zwar öffentliche Orte besuchen - das Theater, die Kirche und das Stadion - aber er bleibt an ihnen nur privater Konsument des Angebotenen, ist nicht mehr unter dem Zwang der Sitte, seinen Status als Mitglied der Kommune darzustellen. Jedes Individuum bleibt für sich und anonym und nimmt entsprechend auch sein Gegenüber nur wahr als Mensch überhaupt, nicht durch die Zugehörigkeit zu einer bestimmten Gemeinschaft ausgewiesen. Dort, wo das Individuum aus seinen funktionalen Berufsverpflichtungen freigesetzt ist, ist es seiner unsozialen und darum selbstverschlossenen Expressivität überlassen, der niemand auch nur die geringste Beachtung schenkt. Die Verbindung zu den Mitmenschen jenseits des intimen Lebenskreises ist eben eine quasi-vertraglich geregelte und keine inhaltlich gefüllte, keine, in der sich individuelles Engagement und soziale Verpflichtung von vorneweg treffen würden. Eine persönliche Beziehung zur Stadtgemeinde auf öffentlicher Ebene ist eine ebenso abstrakte Vorstellung wie eine solche zum Staat.

Dennoch zwingt die funktionale Differenzierung die Individuen nicht notwendig in die Haltung der Isolation und der stadtpolitischen Abstinenz. Die Reflexion auf das soziale Ganze schwingt unausdrücklich in den in Berufskontexten geführten Reden mit. Wie immer fragmentarisch und flüchtig angedeutet bildet sie den Horizont, in dem die besonderen Vorhaben interpretativ vermittelt werden, auf die Vorhaben anderer Individuen und Gruppen in der mittleren Reichweite des Stadtraums. Mehr oder minder deutlich weiss jedes Subjekt um die Fülle der sozialen Beziehungen, in welche seine Aktionen eingewoben sind. Um ihre Ziele zu verwirklichen, muss jede Praxis auf andere Praxen Rücksicht nehmen und sich in ihr Ensemble einpassen. Soweit für sie von Belang, wissen die Akteure, was in der Stadt vor sich geht und nehmen daran Interesse: die faktischen Konkurrenzen und Allianzen sind in ihrem Wissen repräsentiert, ebenso wie die Vorhaben und Aktivitäten der Verwaltung. So wird das Stadtganze in den Perspektiven der interessierten Parteien und ihren diskursiven Auseinandersetzungen repräsentiert. Hier geht es durchaus um die Durchsetzung von Macht, die aber zum Kompromiss genötigt sich wenigstens einigermassen allgemeinverträglich gestalten muss. Macht und Gegenmacht lavieren sich in die Lage, das Gesamtwohl in ihr Kalkül mit aufzunehmen.

 

Städtische Repräsentation in der Gestaltungsvielfalt ethischer Diskurse

Öffentlichkeit hätte in der modernen Stadt keinen materiell klar fixierbaren Ort, der eindeutig von den Privat- und Geschäftsbereichen abzugrenzen wäre. Sie würde sich vielmehr in den inner- und zwischensystemischen Kontakten immer dann ergeben, wenn die besonderen Kommunikationen der politischen, ökonomischen und administrativen Eliten Folgen und Nebenfolgen ihres Tuns auf das Gesamt der Stadt berücksichtigen müssen. Die Dimension Öffentlichkeit wird in Konfliktlagen beansprucht. In der Auseinandersetzung werden die Individuen zu interessierten Bürgern, die vor anderen Bürgern ihre Absichten erklären und über ihr Tun Rechenschaft abzulegen gezwungen sind. Die Einheit der Stadt konstituiert sich in den Öffnungen, die der Streit ermöglicht, in den verschiedenen Lebensbereichen und ihren Überschneidungen. Konflikte gewinnen über die internen Öffentlichkeiten hinaus an Aussenwirkung, je mehr Einwohner spürbare Nachteile einer systemintern vorbereiteten Entscheidung zu erwarten haben - das Konfliktthema verbreitert sich dann zum Stadtgespräch. Eine Resonanz, die zur Politisierung der nächstbetroffenen Gruppen führen kann, über deren Köpfe gemeinhin wegentschieden wird. Aber auch die Bürgerbewegung von unten ist eine Partei neben anderen, sie repräsentiert ein Interesse und nicht das soziale Ganze.

Demnach ist der objektiv allgemeine Zweck des städtischen Ganzen in viele Zielrichtungen aufgefächert und darum nicht eindeutig und kontinuierlich von einer Instanz oder auf einer Handlungsebene zu repräsentieren. Die stadtpolitische Praxis hat die Stadt nicht in der Hand. Sie ist nicht beherrschbar, immer nur dieses oder jenes Problemfeld lässt sich modellieren. Nun gibt es freilich eine Institution, deren Bestimmung es ist, die verschiedenen Lebenswelten miteinander bekannt zu machen, einander zu Gesicht zu bringen. Der Journalismus hat die Funktion, dem realen Ganzen der Stadt Tag für Tag sein Selbstbild vorzuhalten, das Besondere in Allgemeinvorstellungen zu integrieren und dieses wieder dem Besonderen mitzuteilen. Der Journalist, der dieser Aufgabe gerecht zu werden sucht, ist nicht einfach Lokalberichterstatter, der platt ein Faktum an das andere reiht, solange, bis die Spalten oder die Sendezeit gefüllt sind. Als Beobachter zweiter Ordnung, der sich in fremde Situationen versetzen kann, ohne in ihnen engagiert zu sein, besteht sein berufsethisch vorprogrammiertes Interesse darin, den Sinn des Alltagsgetriebes zu erfassen, durch Selektion zu enttrivialisieren und in stimmige Geschichten zu übersetzen.

Der Journalismus hebt das bloss Faktische ins Exemplarische - gewiss von unterschiedlicher Intensität und Dauer. Die exemplarischen Erzählungen verweisen auf die an sich ungreifbare Mitte der Stadt als einem individuellen Allgemeinen. Sie geben Antwort auf das Wo und Wie menschlichen Zusammenlebens. Ist für die individuelle Selbsterzählung die Stadt der Inhalt ihres Formens und ihrer Reflexion, so verfährt das journalistische Konstruieren gleichsam umgekehrt - die Stadtidentität gilt als Erstes, das sich aus und gegen die individuellen Produktionen mit differenziertem Sinn erfüllt. Der Journalist beschreibt präzise die Fliessgestalten der Oberflächen des gesellschaftlichen Lebens. Er verzichtet auf die grossen Erzählungen der Dichter; er informiert jeden, der des Lesens, Hörens und Sehens mächtig ist. Sein Angebot ist für den Alltagsgebrauch bestimmt, das Werden bewahrend und freigebend zugleich. Er diktiert den Menschen in der Stadt nicht, wie sie leben sollen, aber er regt an, durch Kritik und Kommentar, das Niveau und die Ziele der je besonderen Praxis an der Idee gemeinschaftlicher Praxis zu prüfen. Gleichwohl beschränkt er die objektive Einheit der Bürger nicht auf die Kommune, sofern er deren Gewordensein und Werden nochmals in mannigfach gerichteten Erzählungen in Relation setzt zu überkommunalen Strukturen und Ereignissen, wie sie auf die Stadt wirken und von ihr Gegenwirkungen erfahren, vom Erleiden bis hin zum kraftvollen Agieren. Dann wird die Stadterzählung für ihn und seine Adressaten zu einer Stufe des Verstehens der gesellschaftlichen Welt, in der jedes Ich seine eigene individuelle Rolle, aber auch ihr zugehörig die Rolle des Stadtbürgers und Weltbürgers zu tragen hat.

 

Gerhard Droesser, M.A., Dr. phil., Dr. theol. habil., Ordinarius für Christliche Sozialwissenschaft an der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Würzburg. Forschungsschwerpunkte: Anthropologie des Ethischen, Politische Ethik, Interkulturelle Ethik, Bereiche der Angewandten Ethik.

 

 

Literatur:

Hoffmann-Axthelm, Dieter (1993): Die dritte Stadt. Frankfurt/M..

Ronneberger, Klaus et al. (1999): Die Stadt als Beute. Bonn.

Sennett, Richard (1994): Fleisch und Stein. Berlin.

Simmel, Georg (1957): Die Grossstädte und das Geistesleben (1903). In: Landmann, M. (Hrsg.): Brücke und Tür, Essays. Stuttgart, 227-242.

 


 
 

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