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25.01.2002
00:00 Von: Loretan, Matthias

Fleisch, Stein und Medien
Bilder städtischer Öffentlichkeiten im Film

Das Kino ist eine urban geprägte Versammlungsöffentlichkeit. An ihrer Architektur lässt sich ein Stück wechselhafter Mediengeschichte rekonstruieren: vom Jahrmarkt, über die repräsentativen Kult-Orte in den Zentren, zum Pantoffelkino in der Intimität der Couchecke, bis hin zu den Multiplex-Vergnügungszentren an den Rändern der Städte. Als szenisches Medium eignet sich die Kinematographie aber auch, um raumzeitliche Strukturen öffentlicher Kommunikation in urbanen Verhältnissen darzustellen und im Hinblick auf ihre Funktionalität zu reflektieren.


Von Matthias Loretan

Wie nehmen die Figuren in Filmen die Ambivalenz städtischer Lebenswelten wahr (zwischen Faszination und Krise)? Welche Möglichkeiten bietet urbane Kultur Menschen aus Fleisch und Blut, ihre Erfahrungen als Beteiligte zu artikulieren und über politische Kommunikation von unten Einfluss zu nehmen auf die Gestaltung der sozialen Probleme und die Steuerung der Stadtentwicklung? Wie reflektiert der Film das Handeln der Figuren in den Strukturen öffentlicher Kommunikation? - An vier ausgewählten Filmen sollen raumzeitliche Modelle öffentlicher Kommunikation kurz vorgestellt werden.

In "Metropolis" (Deutschland 1927) zeigt Fritz Lang den Alptraum einer modernen Stadtmaschine, deren entfesselte Mechanik die Welt dem Untergang zutreibt. Das hohe Paar überwindet mit seiner Liebe allerdings die zerstörerischen Gegensätze der väterlichen Herrschaft (zwischen den Klassen, zwischen Intellekt und Gemüt) und hebt sie vor der Kulisse einer gotischen Kathedrale in einer romantischen Versöhnung auf. Die Metaphorik der Familie und des Körpers (Versöhnung von Kopf und Hand im Herz) symbolisiert eine religiös legitimierte Ordnung, welche die Helden vor dem Volke repräsentieren, ja verkörpern. Öffentlichkeit von unten ist in die Katakomben verwiesen und anfällig für dämonische Verführungen. Dem Volk fällt die Rolle zu, das neue Erlöserpaar zu akklamieren.

In "The Belly of an Architect" (GB 1987) untersucht Greenaway die Möglichkeiten, einen Raum für Versammlungsöffentlichkeiten unter Bedingungen moderner Massengesellschaften zu schaffen. Das Pantheon mit seiner offenen Kuppel steht für den Anspruch, die Einheit der römischen Welt (Kultur und Natur, Himmel und Erde, urbi et orbi, Einheit des Kaiserreichs und Vielfalt der Götter) architektonisch zu fassen und als religiöser (Ver-)Sammlungsraum eine idealtypische Form der Öffentlichkeit antiker Stadtstaaten zu repräsentieren. Ob dieser Anspruch von den römischen Bürgern zur Kaiserszeit noch wahrgenommen wurde, bleibt eine offene Frage. Bei neuzeitlichen Menschen evoziert der Anspruch nur noch eine nostalgische Trauer um antike Vollendung. Das Vorhaben des amerikanischen Architekten Kracklite, der Hauptfigur von Greenaways Film, jedenfalls scheitert: Die Ausstellung zu Ehren Etienne-Louis Boullées, des Architekten der französischen Revolution, kommt nicht zustande. Sie bleiben ebenso nur ein Projekt wie die wegen ihres Gigantismus nicht realisierten Kuppelbauten, mit denen Boullée die Vernunft moderner Gesellschaft darzustellen versuchte. Die utopische Vision, moderne Gesellschaften in ihrer strukurellen Pluralität und funktionalen Differenzierung in einem Kuppelbau als Einheit zu repräsentieren (z.B. als eine in der Religion oder im Staat zentrierte Versammlungsöffentlichkeit), denunziert Greenaway als repressiv und faschistisch. Die männliche Allmachtsphantasie macht krank und verkennt die naheliegenden Möglichkeiten des Lebens, das seine Rundungen gerade nicht unter eine Kuppel aus Stein zwingen lässt.

Bescheidener nehmen sich die Erkundungen urbaner Öffentlichkeiten in zwei kleinen Filmstudien aus: In "Night on Earth" zeigt Jim Jarmusch (USA 1991), wie Menschen während der Dauer einer Taxifahrt einander näher kommen, in der geschützten Atmosphäre des anonymen Raumes zu Geständnissen provoziert werden und schliesslich nach Erledigung des Auftrags wieder auseinander gehen. Durch die Wahrung der Anonymität erweisen sich Taxis als soziale, aber geschützte Orte der Mitteilung von Persönlichem. Befreit vom Druck der Entscheidungsorientierung formell regulierter parlamentarischer Beratungen kann das Taxi als eine öffentliche Bühne verstanden werden, auf der sich publikumsorientierte Meinungsbildung informell, offen und anarchisch bilden kann (vgl. dazu die funktionalen und räumlichen Analogien und Differenzen zur Beichte).

Samir zeigt in "Babylon 2" (Schweiz 1993) die Unwirtlichkeit der wuchernden Agglomerationssiedlungen und fragt Kolleginnen und Kollegen seiner Generation, alle Secundos, Angehörige der zweiten Generation von sogenannten Fremdarbeiterfamilien, wo sie sich Zuhause fühlen. In einer geschickten Montage vernetzt er die Aussagen der Interviewten, nachgestellte Szenen und persönliche Erinnerungen zu einem Diskurs über Heimat und Verständigung im Exil. Die Medien und ihr Collageprinzip werden dabei zum virtuellen sozialen Ort, zur kreativen Lebenswelt der Secundos, in der sie zu kultureller Artikulation finden. Gerade weil sie den Turm ihrer Öffentlichkeit nicht im städtischen Zentrum in den Himmel steigen lassen (Babylon 1), sondern über mediale Vernetzungen vom Rande her organisieren, vermögen sie ihre exponierte Problemlage sensitiv wahrzunehmen und ihre Selbstverständigungsdiskurse mit musikalischer Leichtigkeit ironisch zu führen (Babylon 2).

Die exemplarische Auseinandersetzung mit dem szenischen Medium Film kann Bedingungen des Gelingens öffentlicher Verständigung in modernen urbanen Kontexten bewusst machen. Ihre Institutionalisierungen lassen sich nicht ohne Zwang als Einheit repräsentieren. Urbane Meinungsbildung gibt es weder als Inhalt noch als Verfahren nur im Singular (Babylon 1). Ihre raumzeitlichen Konkretionen sind vielmehr auf Pluralität, Differenzierung, Offenheit und Vernetzung angelegt. Die Kommunikation der Bürger entzündet sich am Strittigen und Defekten in alltäglichen Lebenszusammenhängen und organisiert sich als Netzwerk inhaltlicher Stellungnahmen spontan von den Rändern her. Das Netzwerk schafft Verbindungen zwischen Innen und Aussen, Arbeit und Freizeit, Privatem und Öffentlichem (Babylon 2).

Die publizistischen Medien können die öffentliche Verständigung stärken, indem sie ihr eine wirksame Infrastruktur zur Verfügung stellen. Das Mediensystem kann urbane Bürgerkommunikation aber auch lähmen, vor allem dann, wenn Medien sich einseitig nach Kriterien des Marktes oder der politischen Bürokratie ausrichten. Der schwachen Position des Publikums im Kreislauf der Macht dienen die Filme am ehesten dann, wenn sie den Anforderungen moderner Kunst (Adorno) Rechnung tragen: wenn sie für die Interpretation und Inanspruchnahme der Beteiligten offen, wenn sie sinnlich konkret (statt abstrakt und allgemein) und fragmentarisch sind.

Matthias Loretan führt im Rahmen seines medienethischen Lehrauftrages am Institut für Journalistik und Kommunikationswissenschaft in Freiburg i. Ue. seit über 10 Jahren Seminare durch, die der Publizistik eines bestimmten Landes (USA, Schweiz, Frankreich, Italien, Lateinamerika, Westafrika, Bosnien, Algerien und Kurdistan) gewidmet sind. Ein besonderes Augenmerk richtet sich jeweils auf die Darstellung der Medien und der öffentlichen Einrichtungen im Filmschaffen des entsprechenden Landes. Im Sommersemester 1999 beschäftigte sich das Seminar unter der Leitung von Walter Lesch und Matthias Loretan mit "City Life: Ethik und Ästhetik städtischer Öffentlichkeiten". Die Ideen und Ergebnisse dieses Seminars haben die Planung des aktuellen Dossiers angeregt.

 

Literatur:

Bürgisser, Margrit (1992): Zwischen Heimat und Niemandsland. Zum Bild der Stadt im Schweizer Spielfilm von 1970 - 1990, Zürich (NFP Stadt und Verkehr).

Möbius, Hanno / Vogt, Guntram (1990): Drehort Stadt. Das Thema "Grossstadt" im deutschen Film. Marburg.

Schenk, Irmbert (Hrsg.) (1999): Dschungel Grossstadt. Kino und Modernisierung. Marburg.

Sennett, Richard (1995): Fleisch und Stein. Der Körper und die Stadt in der westlichen Zivilisation. Berlin.

Vogt, Gruntram (2002): Die Stadt im Kino. Deutsche Spielfilme 1900-2000 (geb. mit über 1000 Abbildungen). Marburg.


 
 

Herausgeber: Katholischer Mediendienst Charles Martig | Reformierte Medien Urs Meier
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