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28.11.2003
00:00 Von: Martig, Charles

"Formieren" heisst das Zauberwort
Kirchen als globale Akteure der Zivilgesellschaft

Auf der Anfahrtspiste zum WSIS in Genf haben sich sowohl internationale christliche Organisationen wie auch kirchliche Hilfswerke aus der Schweiz in den Vorbereitungskonferenzen engagiert. Dabei bestand die Hauptleistung bisher in der Formierung der zivilgesellschaftlichen Akteure und weniger in den inhaltlichen Stellungnahmen. Es geht um einen Reifungsprozess, in dem sich diese Organisationen finden, gemeinsame Interessen formulieren und strategische Partnerschaften mit Regierungsorganisationen aufbauen können. Am Beispiel der kirchlichen Akteure - mit dem Fokus auf katholische Organisationen - zeigen sich grundlegende Spannungen und mögliche Wege, die zivilgesellschaftlichen Anliegen in den Prozess einzubringen.


Von Charles Martig

Die christlichen Kirchen haben auf internationaler Ebene mehrere Organisationen, die sich im Prozess des WSIS engagieren. Diese zivilgesellschaftlichen Akteure sind global gut vernetzt und führen professionelle Geschäftsstellen, die sich bereits über mehrere Jahrzehnte mit Fragen der Gerechtigkeit in der globalen Kommunikation auseinander setzen. Konkret haben sie sich seit Anfang der 80er-Jahre am Diskurs über die neue Weltinformations- und Kommunikationsordnung (NWIKO) beteiligt.

Ein Kenner der Entwicklungen ist seit gut 20 Jahren Jacques Berset, der sich im Formierungsprozess der kirchlichen Organisationen auf den WSIS hin sehr engagiert hat. Berset hat ein Mandat vom katholischen Hilfswerk "Fastenopfer" und von der "Union catholique internationale de la presse" (UCIP) erhalten und beteiligte sich an der zweiten und dritten Vorbereitungskonferenz (PrepCom2 und 3) als Lobbyist für die Anliegen der Zivilgesellschaft. Er ist überzeugt, dass ein Engagement im WSIS-Prozess nur mit einem historischen Bewusstsein der Ereignisse möglich ist. Anfang der 80er-Jahre schrieb Berset eine Diplomarbeit zur neuen Weltinformations- und Kommunikationsordnung (NWIKO). Diese neue Ordnung wurde von der UNESCO, der Organisation der Vereinten Nationen für Bildung, Wissenschaft, Kultur und Kommunikation, propagiert. Sie stürzte jedoch die UNESCO in den 80er-Jahren in eine fundamentale Krise. Unter dem Vorwand, die Entwicklungsländer verfolgten mit Unterstützung des damaligen Ostblocks das Ziel, die Pressefreiheit des Westens zu untergraben, traten die Vereinigten Staaten von Amerika 1984 zusammen mit einigen weiteren Ländern unter Protest aus der UNESCO aus. Tatsächlich jedoch fürchteten die USA um ihre Vormachtstellung im lukrativen weltweiten Kommunikations-Business. Mit ihrem Austritt erreichten die USA, dass die internationale Medienpolitik von der kulturellen und gesellschaftspolitischen Ebene weg auf eine technologische und wirtschaftliche Schiene verlagert wurde. Heute, 20 Jahre später, haben mit dem WSIS viele der damaligen NWIKO-Inhalte den Weg zurück auf den Verhandlungstisch gefunden - "mit einem grossen Unterschied", betont Berset. "Heute sind es nicht mehr Staaten, die diesen Positionen zum Durchbruch verhelfen wollen, sondern die Organisationen aus der Zivilgesellschaft." Mit dem WSIS in Genf und Tunis ergibt sich insbesondere für die kirchlichen Akteure die Möglichkeit, ihr sozial- und medienethisch ausgerichtetes Engagement weiterzuführen.

 

Alte Strukturen in neuer Bewegung

Auf katholischer Seite gibt es die Plattform C.I.O.C., die Konferenz der Internationalen Katholischen Organisationen, in welcher 35 zivilgesellschaftliche Akteure zusammengeschlossen sind. Die C.I.O.C. hat mit dem "Centre Catholique International de Genève" ein operatives Zentrum, das die katholischen Akteure zusammenführt und koordiniert. Die Konferenz hat die beiden Medienorganisationen SIGNIS und UCIP im Hinblick auf den WSIS beauftragt, eine Stellungnahme zur Deklaration der Prinzipien und zum Aktionsplan zu verfassen. SIGNIS ist die Katholische Weltorganisation für Kommunikation, die sowohl digitale wie auch analoge elektronische Medien in ihrer Entwicklung begleitet, weltweit an Film- und Fernseh-Festivals sowie an Fachmessen für Medienschaffende präsent ist und Bildungsangebote führt. Mit einer Abstützung in über 130 Mitgliedländern ist gerade der interkulturelle Dialog über die Entwicklung der Informationsgesellschaft ein fundamentales Anliegen von SIGNIS. In enger Beziehung zu SIGNIS steht die internationale katholische Pressearbeit, die seit 1927 in der Katholischen Weltunion der Presse UCIP organisiert ist. Sie engagiert sich für die Arbeit von Journalistinnen und Journalisten in einer weltweit vernetzten Kommunikation, unterstützt die Qualitätssicherung ethischer Standards durch Weiterbildungsmassnahmen, tritt ein für die kritische Bewertung des Berufsstandes und unterstützt die Entwicklung freier und unabhängiger Medien. Dabei wird das Katholische im ursprünglichen Wortsinn als globales Engagement für die Vielfalt von Kulturen und Lebensformen verstanden. Die Leitbilder dieser beiden Organisationen, die sich für eine demokratische, offene und kulturell vielfältige Informationsgesellschaft einsetzen, prägen inhaltlich die Stellungnahme, die sie für die C.I.O.C. erarbeitet haben. Viel wichtiger als diese Stellungnahme ist jedoch der Schritt zur Formierung der katholischen Organisationen, der relativ spät eingetreten ist. Mitten in der Krise während der dritten Vorbereitungskonferenz (PrepCom3) haben sich die Teilnehmer darauf geeinigt, dass die grundlegenden Inhalte und Prozeduren des WSIS in Genf nicht mehr beeinflusst werden können. Die katholischen Organisationen beteiligen sich deshalb an der öffentlichen Begleitplattform, bestehend aus einer Ausstellung und einem Konferenzteil, die von der "Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit" (DEZA) der Schweizer Bundesverwaltung gemeinsam mit dem Netzwerk "Global Knowledge Partnership" (GKP) organisiert wird. Den Gipfel werden die katholischen Akteure vor allem nutzen, um strategische Allianzen aufzubauen. Es gibt bereits Vorschläge der "Caritas Internationalis" - ein weiterer wichtiger Akteur, der primär sozialethische Anliegen verfolgt - im Frühjahr 2004 ein Treffen der internationalen katholischen Organisationen einzuberufen, das die Ergebnisse der ersten Phase in Genf reflektiert und einen eigentlichen Aktionsplan für Tunis 2005 entwickelt. Zur Zeit gibt es zwei Entwicklungsrichtungen, die von katholischen Akteuren verfolgt werden, um ihre Anliegen in den Prozess einzubringen: Die neue Formierungsstrategie ist einerseits auf die Mitwirkung in den Regierungsdelegationen ausgerichtet und andererseits auf die internationale ökumenische Kooperation der christlichen Kirchen.

 

Katholische Kirche als Stimme der Zivilgesellschaft

Die erste Strategie besteht darin, offizielle Teilnehmer für die zivilgesellschaftlichen Anliegen zu gewinnen und einzubinden. So haben beispielsweise die Hilfswerke "Brot für alle" und "Fastenopfer" mit Chantal Peyer eine offizielle Vertretung in der Schweizer Delegation (vgl. den Beitrag von Matthias Müller in dieser Ausgabe). Dies scheint erfolgsversprechend, da durch eine aktive Mitwirkung der kirchlichen Organisationen zivilgesellschaftliche Anliegen in die offiziellen Stellungnahmen Eingang finden können, die bisher nur als beratende Stimmen eingestuft wurden. Das Lobbying auf katholischer Seite besteht nun darin, die Beteiligung des Vatikans im Regierungssektor als Möglichkeit wahrzunehmen, um zivilgesellschaftliche Anliegen zu stärken. Es bestehen bereits Kontakte zum Nuntius Tomasi, dem Vertreter des Heiligen Stuhls bei den internationalen Organisationen in Genf. Die Annäherung zwischen den internationalen katholischen Organisationen und dem Vatikan ist jedoch ambivalent. Die Stärke besteht im Zugang zu den offiziellen Formulierungsprozessen des WSIS. Gleichzeitig besteht die Gefahr, dass die Anliegen der Zivilgesellschaft vereinnahmt werden und nur in abgeschwächter Form einfliessen. Dadurch verliert der Formierungsprozess an Klarheit und Schärfe. Das Lobbying eröffnet also nur vermittelt Zugänge zum Entscheidungsprozess über die Prinzipien und den Aktionsplan des WSIS. Vielleicht verhindert diese Strategie auch indirekt, dass die Zivilgesellschaft als gleichwertiger Sektor anerkannt wird.

 

Allianzpartner gesucht: Lobbying im ökumenischen Verbund?

Die zweite Strategie ist eine Zusammenarbeit auf ökumenischer Ebene. Die Weltvereinigung für christliche Kommunikation WACC ist ein valabler Partner, der auf dem Ökumenischen Rat der Kirchen aufbaut. Die Organisation ist ein Zusammenschluss von 850 Institutionen und Einzelpersonen in 115 Ländern. Die WACC hat das deutschsprachige Informationsangebot ihrer Website stark erweitert. Damit sollen das Wissen und die Erfahrungen der Mitglieder über das Internet noch stärker in einen globalen Austausch über die Perspektiven einer demokratischen Kommunikation einbezogen werden. Die Dienstleistung wird in insgesamt 33 Sprachen angeboten. Damit zeigt sich in der digitalen Vernetzungsarbeit der WACC, was sie unter einer demokratischen Kommunikation in der Informationsgesellschaft versteht. Ausgehend von der CRIS-Kampagne (Communication Rights in the Information Society), die sich für die Kommunikationsrechte in der Informationsgesellschaft stark macht, hat sich die WACC mit international operierenden Hilfswerken auf den WSIS-Prozess vorbereitet. Sie hat sich auch aktiv in die Vorbereitungskonferenzen des WSIS eingebracht und mit Vertretern von SIGNIS und UCIP, den katholischen Partnerorganisationen, zusammengearbeitet. In Bezug auf die Strategie der kirchlichen Akteure besteht die Frage, wie sich die katholischen Organisationen der C.I.O.C.-Plattform mit der WACC und dem Ökumenischen Rat der Kirchen koordinieren. Bisher ist der Formierungsprozess noch nicht so weit fortgeschritten, dass ein gemeinsames Vorgehen der christlichen Kirchen aller Denominationen möglich wäre. Insbesondere führt auch das Lobbying des Vatikan dazu, dass die C.I.O.C. und die WACC sich nur teilweise annähern können, obwohl eine grosse Übereinstimmung in den medienethischen Anliegen besteht. Die politische Distanz zwischen der Katholischen Kirche und dem Ökumenischen Rat der Kirchen in bestimmten Sachfragen wirkt sich hier dysfunktional aus.

Fazit: Die internationalen katholischen Organisationen könnten über die Annäherung an den Vatikan ihre Anliegen in den Regierungssektor offiziell einbringen. Diese direkte Verbindung ist ein möglicher Lösungsweg zur Stärkung der Zivilgesellschaft, beinhaltet aber auch Widersprüche. Insbesondere die ökumenische Kooperation wird durch dieses Lobbying beeinträchtigt. Die Definition von Nähe und Distanz zwischen offiziellen kirchlichen Strukturen, wobei auf katholischer Seite ein Demokratiedefizit besteht, während unabhängige internationale Organisationen ein demokratisch offenes Leitbild haben, ist eine der Kernfragen für den weiteren Formierungsprozess.  

 

Charles Martig ist Theologe und Medienwissenschafter, Geschäftsführer Katholischer Mediendienst in Zürich und Mitglied der internationalen katholischen Medienorganisation SIGNIS.

 

Literatur:

Berset, Jacques (1983): Structure mondiale de l'information et de la communication: flux à sens unique et domination politico-culturelle et économique du Tiers-Monde, Fribourg (Verfügbar in der BCU Fribourg).

Jaeggi, Urs A. (1996): Basisdienste in jeder Hütte? Telekommunikation und Entwicklungsländer. In: ZOOM K&M Nr. 7: http://www.medienheft.ch/zoom_km/texte/t07.06.pdf 

Peyer, Chantal / Jaeggi, Urs A. (2003): Entwicklung braucht Kommunikation. Die Weltkonferenz der UNO zur Informationsgesellschaft, Bern. (Bestellung: materialstelle@bfa-ppp.ch)

 

Links:

Caritas Internationalis:
http://www.caritas.org 

Centre Catholique Internationale de Genève:
http://www.ccig-iccg.org 

CRIS - Communications Rights in the Information Society:
http://www.crisinfo.org 

KIPA - Katholische Internationale Presseagentur:
http://www.kipa-apic.ch 

SIGNIS - Katholische Weltorganisation für Kommunikation:
http://www.signis.net 

UCIP - Union catholique internationale de la presse:
http://www.ucip.ch 

WACC - Weltorganisation für christliche Kommunikation: http://www.wacc.org.uk 

World Forum on Communication Rights:
http://www.communicationrights.org 

WSIS - offizielle Website:
http://www.itu.int/wsis 

WSIS - Civil Society:
http://www.geneva2003.org/wsis/indexa01.htm 

WSIS - Contributions of the Civil Society:
http://www.geneva2003.org/wsis/index_c01_1_01.htm 

WSIS - The Community Platform:
http://www.wsis-online.net 


 
 

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