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05.10.2004
00:00 Von: Martig, Charles

Systematik der Filmlandschaft
Zur Entstehung der Filmlexika im deutschen Sprachraum

Die Systematisierung von Wissen hat in der Katholischen Kirche eine lange Tradition. Über die Welt der Handschriften und Bücher in Stiftsbibliotheken hinaus hat sie sich auch den neuen Medien geöffnet. Mit dem Aufkommen des Films entstand an der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert ein neuer Wissensbereich, der nicht zuletzt durch das Engagement der kirchlichen Filmarbeit systematisch erfasst wurde.


Von Charles Martig

In der Schweiz entwickelten vor allem Jesuiten wie Joseph Joye, Charles Reinert und Stefan Bamberger in Zusammenarbeit mit dem Schweizerischen Katholischen Volksverein (SKVV) die katholische Filmarbeit. In der Schweiz gab Charles Reinert das erste deutschsprachige Filmlexikon der Nachkriegszeit heraus. In Deutschland entstand der film-dienst, der seit 1947 das Kino lückenlos erfasst. Dieser Wissensbestand wurde erstmals 1987 im "Lexikon des Internationalen Films" vollständig publiziert und ist seit den 90er-Jahren als digitaler Datenbestand öffentlich zugänglich.

 

Kleines Filmlexikon - ein schweizerisches Grundlagenwerk

Das erste Filmlexikon im deutschen Sprachraum der Nachkriegszeit entstand in der Schweiz. 1946 gab der Jesuit Charles Reinert unter dem Titel "Kleines Filmlexikon" beim Verlag Benziger (Einsiedeln und Zürich) ein Buch heraus, das für die weitere Bearbeitung des "Neulands Kino" von grosser Bedeutung war. Bereits im Untertitel des 424 Seiten umfassenden Werks wird klar, dass hier zum ersten Mal versucht wird, einen umfassenden Überblick zu erstellen: "Kunst, Technik, Geschichte, Biographie, Schrifttum" lautet die informative Aufzählung: Der technisch-wissenschaftliche Teil wurde von Johannes Paul Brack in Zusammenarbeit mit Raffael Ganz verfasst. Der biographische Teil, ergänzt mit literarisch-historischen Artikeln, stammt von Paul F. Portmann. Juristische Artikel schrieb der Zürcher Rechtsanwalt Hans Sulzer. Zudem enthält das Werk Beiträge, die sich der "Behandlung von kulturell-geistigen sowie der pädagogischen und ethischen Fragen" widmen (Reinert 1946: 6). Die Letzteren wurden von Charles Reinert verfasst und geben dem Lexikon ein besonderes Profil.

Die Artikel sind alphabetisch geordnet und beruhen auf diversen Quellen, insbesondere auf frühere Lexika in diversen Sprachen, Jahrbüchern und Werken zur Filmgeschichte. Ein Kino-Tagebuch von Charles Reinert belegt, dass er ab 1940 sämtliche Filme, die er im Kino sichtete, mit Titel, Werkdaten und einer kurzen Kritik versah und damit den Grundstein legte für die katholische Filmkritik in der Schweiz. In der Redaktionszeit des Filmlexikons in den Jahren 1945-46 war die Quellenlage teilweise diffus. Am Beispiel der biographischen Einträge lässt sich dies am besten nachweisen. In den 973 personenbezogenen Einträgen beschränkte sich Reinert auf eine "Auswahl der bedeutendsten Filmschaffenden." (ebd. S. 5) Dabei war als Auswahlkriterium die Leistung nach Wert und Umfang entscheidend. Regisseure wurden den Darstellern vorgezogen. Drehbuchautoren und Komponisten sind erst in zweiter Linie aufgenommen worden. Produzenten fanden nur eine Erwähnung, wenn ihr Werk von besonderer organisatorischer oder stilbildender Bedeutung war. Als Grund für diese Auswahlfilter gibt Reinert an, dass die Informationen über einzelne Filmschaffende nicht gleichmässig zur Verfügung standen. So wurde nur bei einigen führenden Namen wie bei D. W. Griffith oder Ch. Chaplin auf möglichst grosse Vollständigkeit geachtet. Reinert räumt ein: "Die vorliegende Dokumentation war bei den Franzosen und zum Teil auch bei den Deutschen recht unzuverlässig. So verweigerten z.B. die offiziellen deutschen Stellen die Auskunft über die Geburtsdaten ihrer Darsteller, während die offiziösen amerikanischen und italienischen Organe diese Angaben fast ausnahmslos preisgaben; bei den Franzosen fehlte bisher eine derartige Informationsstelle und auch jedes biographische Nachschlagewerk über die Filmschaffenden." (ebd. S.6) Trotz dieser schwierigen Quellenlage ist es Reinert gelungen, mit seinen Mitarbeitern das erste systematische Filmlexikon nach dem zweiten Weltkrieg zu publizieren, eine Pionierleistung, die sich auch auf andere Sprachgebiete auswirkte.

1948 erschien das erste Filmlexikon in italienischer Sprache unter der Federführung des Filmwissenschaftlers Francesco Pasinetti. Das "Filmlexikon. Piccola enciclopedia cinematografica" wurde auf der Basis des Reinertschen Filmlexikons entwickelt und weitergeführt. Vor allem die biographischen Artikel wurden von 973 auf 3'200 Einträgen bedeutend ausgeweitet, wobei die Systematik weitgehend erhalten blieb. Auffallend ist neu die Unterteilung in zwei Hauptteile: "Prima parte: voci generali e tecniche" sowie "Seconda parte: voci biografiche". Pasinetti hat einen grossen Teil der Texte von Reinert ins Italienische übertragen und führt die alphabetische Ordnung von Reinert fort. Damit kann die Publikation von Charles Reinert als massgebend für die Entwicklung von Filmlexika in Italien gelten.

 

Vigilanti cura - Mit wachsamer Sorge

Die Basis für diese systematische Leistung wurde Anfang des Jahrhunderts gelegt. Der Schweizerische Katholische Volksverein (SKVV) wurde 1904 als Laienorganisation der (männlichen) Schweizer Katholiken gegründet. Drei Jahre später schuf er eine Sektion zum Schutze der Sittlichkeit mit einer "Spezialsektion für Schaustellungen einschliesslich der Kinematographie". Im Anschluss an die Gründung der internationalen katholischen Filmorganisation OCIC im Jahr 1928 in Den Haag wurde 1931 auch in der Schweiz eine katholische Filmkommission eingerichtet. Diese Entwicklung beruhte vor allem auf der Initiative von Basisbewegungen in der katholischen Kirche. Das Medium Film wurde von offizieller Seite lange als Bedrohung der Sittlichkeit wahrgenommen.

Erst 1936 unterstützte ein päpstliches Schreiben die fundierte Auseinandersetzung mit dem Film. Aufgrund der Erfahrungen der amerikanischen Katholiken mit der "Legion of Decency", mit der "Liga des Anstandes", hatte Papst Pius XI. am 29. Juni 1936 die Enzyklika "Vigilanti cura - Mit wachsamer Sorge" veröffentlicht. Darin äussert der Papst sowohl grundsätzliche Überlegungen als auch Vorschläge für die Praxis: "Es gehört also zu den dringlichsten Aufgaben unserer Zeit zu wachen und zu wirken, dass der Film nicht ferner eine Schule der Verführung sei, sondern dass er sich umgestalte in ein wertvolles Mittel der Erziehung und Erhebung der Menschheit." In seinem Weltrundschreiben erinnerte der Papst an frühere Äusserungen zum Film. "So hatte er 1934 vor Vertretern der Filmpresse auf die 'ausserordentliche Bedeutung' dieser 'Art von Schauspielen' hingewiesen, auf den weitreichenden Einfluss, den der Film auf dem Weg zum Guten, aber auch zum Bösen ausüben kann. Er erinnerte aber auch daran, dass er den Film 'das grosse Geschenk der Kunst' genannt habe. Er müsse dem Gesetz der Moral folgen, wobei der Papst nicht so weit geht, dass er an die christliche Moral denkt, 'sondern einfach an die menschliche, natürliche gute Sitte'." (Bettecken 1987: 14)

Diese grundsätzlichen Äusserungen gaben den eigentlichen Startschuss für die systematische Auseinandersetzung mit dem Film als Kunstwerk und als Wissensobjekt. Aufschlussreich sind auch die Vorschläge für die Praxis die in der Enzyklika publiziert wurden. Papst Pius XI. schlug die Veröffentlichung von regelmässig erscheinenden und sorgfältig hergestellten Listen vor. Wegen der wechselnden Lebensbedingungen, Sitten und Gebräuchen in den verschiedenen Ländern müsse für jede Nation eine eigene Klassifikation erstellt werden. In jedem Land sollten daher die Bischöfe ein "permanentes nationales Revisionsbüro" schaffen. Dieses sollte die Aufgaben erhalten, gute Filme zu fördern, alle Filme zu klassifizieren und die Beurteilung zu veröffentlichen.

 

Basis der katholischen Filmarbeit

Die Aufforderung zur Klassifikation war im deutschsprachigen Raum die Geburtsstunde des Filmlexikons mit katholischer Prägung. Erste Informationen zum Film wurden vom Schweizerischen Katholischen Volksverein (SKVV) bereits im Jahre 1935 systematisch gesammelt und auf Karteikarten vermerkt. Die Rezeption der Enzyklika "Vigilanti cura" führte 1938 zur Einrichtung des katholischen Filmbüros, das in unregelmässigen Abständen die "Filmberichte" als Beilage für die Zeitschriften des SKVV veröffentlichte. 1939 erschien erstmals "Der Filmberater", der ab 1941 mit regelmässigen Informationen zu Filmen im Kino eine eigenständige Zeitschrift wurde.

Die Initiative des Volksvereins zur Klassifikation und Information verband sich mit einer Bewegung, die primär vom Jesuitenorden ausging. Bereits um die Jahrhundertwende sammelte der Jesuit Abbé Joseph Joye (1852-1919) Filmkopien für seine Bildungsarbeit, die später als eine der bedeutendsten Sammlungen der frühen Stummfilmgeschichte an das "British Film Institute" überging und dort restauriert wurde.

Charles Reinert (1899-1963) erwies sich als Pionier der Filmpublizistik in der Nachkriegszeit, indem er die Klassifikation vorantrieb. Diese begann mit seinem persönlichen Kinotagebuch, das seine ersten 120 Filmkritiken vom 24.10.1938 bis zum 10.04.1940 enthält. Als erster Film erscheint "Die barmherzige Lüge" (Verleih Tobis), den er am 24.10.1938 gesichtet hat. Es folgt der für die Schweizer Filmgeschichte bedeutende "Wachtmeister Studer", eine Produktion der Praesens Film im Verleih von Columbus, gesichtet am 13.11.1938. Das dritte Werk ist William Wylers "Das Tal der heulenden Winde" (Wuthering Heights), das Reinert am folgenden Tag gesehen hat. Dazu schreibt er "Meisterwerk der Regie!" und fügt nach dem Thema und den Grundthesen des Films an: "Für gereifte, gefestigte Erwachsene". Das Tagebuch ist der Ausgangspunkt für die systematische Erfassung und Beschreibung von Filmen, die sich über Jahrzehnte fortsetzen sollte bis hin zur ökumenischen Filmzeitschrift ZOOM (1973-1999). Die Filmpublizistik der Katholischen Kirche in der Schweiz entwickelte sich von den bewahrungspädagogischen Anfängen über die Klassifikation und lexikographische Arbeit bis hin zur professionellen, international anerkannten Filmkritik.

Reinert wirkte bis 1960 als Leiter des katholischen Filmbüros. Zu dieser Zeit erstellte er eine erweiterte Fassung des "Kleinen Filmlexikons", dessen erster Band 1960 beim Verlag Herder erschien. Er arbeitete redaktionell mit Hanspeter Manz zusammen, der als Filmredaktor der Zeitung "Die Tat" und als renommierter Verfasser der "Internationalen Filmbibliographie" (1952-) in Zürich wirkte. Die vollständig überarbeitete Fassung enthält 1'300 Kurzbiographien mit rund 10'000 Filmtiteln.

Sein Nachfolger Stefan Bamberger (1923-1997), ebenfalls Mitglied des Jesuitenordens, verfasste seine Doktorarbeit im Bereich Filmsoziologie (Bamberger 1958). Bamberger wirkte als Visionär und Impulsgeber. Er gründete die Gesellschaft Christlicher Film sowie das Akademische Filmforum und publizierte zum Themenkreis Religion im Film (Bamberger 1963; 1968). Auf internationaler Ebene war der Ordensmann Kommunikationsberater im Generalrat der Jesuiten (1968-1976) sowie Gründer und Leiter des "Center for the Study of Communication and Culture" in London. Er publizierte regelmässig in der Zeitschrift "Communication Research Trends". Auf seiner Anregung beruht auch die Gründung des "Centro Interdisciplinare sulla Communicazione Sociale" an der Gregoriana in Rom. Diese Ausweitung in die Medienwissenschaften bedeutete aber auch eine Entfernung von der Filmarbeit.

 

Filmpublizistik in der Schweiz: Filmberater - ZOOM - FILM

Das systematische Dokumentieren und Archivieren übernahm in der Schweiz 1966 Franz Ulrich, zuerst als Leiter des katholischen Filmbüros, dann als Redaktor des "Filmberaters" und ab 1973 als Redaktor der ökumenischen Medienzeitschrift "ZOOM - Filmberater". Hier wurde der Grundstein gelegt für das publizistische Archiv der ZOOM Filmdokumentation und der damit verbundenen ZOOM Datenbank. Es handelte sich um die grösste Sammlung an Filmkritiken, Pressematerialien und Fotos zu sämtlichen in der deutschen Schweiz aufgeführten Filmen. 1994 führte eine Kooperation mit der deutschen Zeitschrift "film-dienst" zu einem regelmässigen Datenaustausch und zum Aufbau der ZOOM Datenbank, die über 50'000 Filmtitel aufgefächert in 64 Datenfelder umfasste. Die Entwicklung einer relationalen Datenbank, die die Verknüpfung von Filmtiteln, Werkdaten, Personen und Filmkritiken in einem mehrdimensionalen Datenmodell erlaubte, wurde erstmals 1998 erreicht. Es handelte sich um die digitale Version des "Kleinen Filmlexikons", das nun in einer "Grossen Datenbank" vorhanden war und von "ZOOM - Zeitschrift für Film" fortlaufend gespeist wurde. Die Digitalisierung war für die Erfassung und Verbreitung von Schweizer Filmdaten ein Meilenstein. Das Filmpodium Zürich pflegte seit 1995 einen regelmässigen Datenaustausch mit der ZOOM Datenbank. Im Auftrag des Bundesamtes für Kultur arbeiteten das Schweizerische Filmzentrum und die Urheberrechtsorganisation Suissimage ab 1997 mit der ZOOM Filmdokumentation in einem "Film Data Network" zusammen, um Standards der Filmdatenerfassung zu entwickeln und mit internationalen Organisationen abzugleichen.

1998 wurde klar, dass sich die römisch-katholische Kirche und die evangelisch-reformierten Kirchen in der Schweiz aus finanziellen Gründen vom Sammeln und Dokumentieren der Filmdaten zurückziehen müssen. Die Filmzeitschrift ZOOM wurde 1999 von einer Stiftung der Filmbranche übernommen und unter dem Namen FILM weitergeführt, musste dann aber 2001 eingestellt werden. Das Schweizerische Filmarchiv mit Sitz in Lausanne übernahm den Bestand der ZOOM Filmdokumentation im Jahr 2002 und führt seitdem eine Zweigstelle in Zürich. Damit spannt sich der Bogen von der lexikographischen Pionierarbeit von Charles Reinert bis zur Integration des systematisch geordneten filmpublizistischen Bestandes im datenbankgestützten Archiv der "Cinémathèque suisse", Dokumentationsstelle Zürich.

 

Vom deutschen Pionier film-dienst zum Lexikon des Internationalen Films

Für die filmlexikographische Entwicklung in Deutschland lassen sich zwei wesentliche Perioden abgrenzen, die durch den Einschnitt der nationalsozialistischen Machtergreifung und den zweiten Weltkrieg historisch gegeben sind. Für den Stummfilm und im Hinblick auf die internationale Ausstrahlung ist das wichtigste Werk das "Universal Filmlexikon", das von Frank Arnau 1932 in der ersten Auflage in Berlin herausgegeben wurde. Beachtlich ist das internationale Konzept: In Deutsch, Englisch und Französisch wurde mit zahlreichen Abbildungen auf 776 Seiten der Bestand dokumentiert und beschrieben: Über 600 Fotos und Biographien finden sich im Konvolut, über 6'000 europäische Bühnen- und Filmschaffende sind im Anhang aufgeführt. Heute ist diese Ausgabe ein Sammlerstück mit einem Wert von 150 Euro, was wohl mit der Einmaligkeit seines universalen Anspruchs zu begründen ist.

Erst ab 1946 war ein Neubeginn der deutschen Filmpublizistik und der systematischen Erfassung des Kinofilms möglich. Auch hier stand die Katholische Kirche mit ihrer internationalen Unterstützung der Filmarbeit und ihrem Interesse an der Klassifizierung am Ausgangspunkt. Der systematische Aufbau katholischer Filmarbeit fand zwischen 1919 und 1932 statt, daraufhin wurden die entwickelten Strukturen wie z.B. der Katholische Lichtspielverband vom NS-Regime vereinnahmt oder aufgelöst. Die Rezeption der Enzyklika "Vigilanti cura - Mit wachsamer Sorge" von 1936 erfuhr in Deutschland eine deutliche Verzögerung. Klaus Brüne gründete 1948 den Filmdienst der Jugend, der systematisch die Filme in deutschen Kinos erfasste und filmkritisch beschrieb. Dabei knüpfte er an die katholische Bildungsarbeit der Zwischenkriegszeit an.

Herausragendes Merkmal der katholischen Filmpublizistik war die klare und strenge Systematik der Zeitschrift film-dienst. Sämtliche Filme wurden nach dem Erscheinungstermin nummeriert. Eine Filmkritik bestand aus den Werkdaten, einer Inhaltsbeschreibung, einer Interpretation und einer Einordnung in den filmbiographischen Kontext. Zudem gab es eine Kurzsynopsis mit Wertung der Katholischen Filmkommission für Deutschland. Die grosse Leistung, die hier erbracht wurde, ist weniger in der Qualität der einzelnen Texte oder im Stil zu suchen, als im systematischen Anspruch, sämtliche in Deutschland aufgeführten Kinofilme nach Kriegsende zu erfassen.

Aus diesem Ansatz heraus entwickelten sich insgesamt elf Ausgaben des Handbuchs der katholischen Filmkritik. Der systematische Anspruch wurde erstmals 1987 in einem umfassenden Lexikon realisiert. Das "Lexikon des Internationalen Films" wurde in einer Kooperation zwischen dem film-dienst (bzw. der Trägerorganisation Katholisches Institut für Medieninformation in Köln) und dem Rowohlt Verlag herausgegeben. Es handelte sich um ein Filmtitellexikon, das 21'100 Filme unter dem deutschen Verleihtitel beschrieb. Für den film-dienst war diese Publikation ein Durchbruch, da die lexikographische Arbeit der katholischen Filmkritik in der breiten Öffentlichkeit wahrgenommen und zum Standard wurde. Der Datenstamm beruhte auf der Datenbank des film-dienst, dessen Redakteure Horst Peter Koll, Stefan Lux und Hans Messias auch für die 1995 vollständig überarbeitete Gesamtausgabe verantwortlich zeichneten. In dieser Ausgabe mit über 40'000 Filmtiteleinträgen wurden rund 800 Schweizer Filme erfasst, die von der ZOOM Filmdokumentation in Zürich zur Verfügung gestellt wurden. Mit jährlichen Ergänzungsbänden wurde zwischen 1987 und 1995 sowie im Anschluss an die überarbeitete Gesamtausgabe versucht, das Lexikon aktuell zu halten.

 

Neue Publikationsformen: CD-ROM und Online-Datenbank

Den Sprung in das digitale Zeitalter schaffte das "Lexikon des Internationalen Films" 1996 mit der Herausgabe einer CD-ROM, die neben den 40'000 Filmeinträgen der Buchausgabe zusätzlich 1'700 Szenenfotos und Porträts, rund 30 Minuten Filmclips sowie 370 Artikel aus der Zeitschrift film-dienst und aus dem Buch "Spuren des Religiösen im Film" (Hasenberg et al. 1995) bot. Doch wenige Jahre nach diesem entscheidenden Schritt für die mediale Zugänglichkeit war die CD-ROM bereits von der technischen Entwicklung des Internets überholt. Der film-dienst erstellte deshalb eine Online-Datenbank mit Zugangsrecht für Abonnenten der Zeitschrift. Hier sind nun sämtliche Filmkritiken des film-dienst seit 1992 elektronisch auffindbar und der Zugang zum Lexikonbestand gewährleistet (www.film-dienst.de).

Bedingt durch die Auflösung der Kooperation mit Rowohlt Ende der 90er-Jahre wurde ein neues Konzept mit dem Verlag Zweitausendeins in Frankfurt am Main gesucht. Seit 2002 gibt der Verlag in Zusammenarbeit mit dem film-dienst das "Lexikon des Internationalen Films" in einer neuen Fassung heraus. Es handelt sich um das bisher umfassendste Filmtitellexikon in deutscher Sprache und beschreibt 52'000 Filme. Im Vergleich zur Ausgabe von 1995 kamen also rund 12'000 Filme hinzu. In dieser Ausgabe finden sich 60'000 Einträge zu 52'000 Filmen, die seit 1945 im Kino, auf Video oder im Fernsehen in der Bundesrepublik, in der DDR oder in Gesamtdeutschland bis Dezember 2001 Premiere hatten - d.h. zu sämtlichen Kinofilmen, aber auch zu den meisten der grossen Fernsehproduktionen (wie "Fackeln im Sturm", "Shogun" oder "Die Manns"). Jeder Film wird vorgestellt mit Bewertung, Inhaltsbeschreibung, ausführlichen technischen Angaben zu Verleih, Produktion, Laufzeit und den wichtigsten Mitwirkenden: 160'000 Regisseure, Drehbuchautoren, Kameraleute und Hauptdarsteller. Sogar das Jugendschutz-Urteil der Freiwilligen Selbstkontrolle (FSK) und das beliebte Prädikat der Filmbewertungsstelle Wiesbaden ("besonders wertvoll") sind verzeichnet. Auch gibt es Informationen darüber, welche Filme in Deutschland auf Video und DVD (und in welchem Format) erschienen sind.

Die neueste Edition umfasst 4'800 Seiten und enthält über die lexikalischen Einträge hinaus mehr als 130 Berichte, Essays und Debattenbeiträge, die den aktuellsten Stand der Diskussion dokumentieren. Hierbei geht es um die klassischen und neuen Leitfiguren des Kinos, um Kinogeografie, Ästhetik, neue und wieder neu zu entdeckende Filme sowie um News aus Hollywood. Diese "Leseinseln", die in der Druckversion zwischen die Filmtitel eingestreut sind, werden in Rezensionen zum Lexikon allerdings kritisiert, da sie die Leserführung beeinträchtigen würden (vgl. Arnold 2004). Aus dem Blickwinkel der lexikographischen Systematik erscheinen sie tatsächlich als Fremdkörper, in der Online-Version jedoch gibt es komfortable Suchfunktionen, womit über den gesamten, durch die Redaktion des film-dienst laufend aktualisierten Bestand recherchiert werden kann (http://www.filmevonabisz.de). Hier ist die oben erwähnte Erweiterung durch Berichte und Essays ein deutlicher Mehrwert, denn der Zugriff auf die Datenbank ist durch die relationale Verknüpfung ein grundsätzlich anderer als derjenige in der linear geordneten Struktur der Druckausgabe.

Im deutschen Sprachraum sind neben dem "Lexikon des Internationalen Films" und dem "Kleinen Filmlexikon" von Charles Reinert als weitere Sachlexika auch "Buchers Enzyklopädie des Films" (Bawden/Tichy 1977) sowie "Reclams Sachlexikon des Films" (Koebner 2002) zu nennen. Unter den Letzteren herrscht eine breite Auffächerung, etwa nach Filmklassiker (Koebner 1995), Filmgenres (Seesslen 1995-2004) und Filmregisseuren (Koebner 1999). Zudem gibt es eine Darstellung des deutschen Stummfilmes (Lambrecht 1967-70) und nationale Filmographien wie bei Reclams deutschem Filmlexikon (Holba et al. 1984) oder bei Übersichten zum Filmschaffen der ehemaligen DDR (Habel 2001). Dieser Teil der deutschsprachigen Filmlexikographie wird hier allerdings nicht mehr weiter ausgeführt, da er nicht direkt mit der katholischen Filmpublizistik zusammenhängt. Was jedoch die Bedeutung der kirchlichen Filmarbeit für die Entstehung deutscher Filmlexika angeht, so gibt die vorliegende Synopsis ein umfassendes Bild.

 

Charles Martig, Geschäftsführer Katholischer Mediendienst, ist Filmpublizist und Mitherausgeber des Medienhefts.

 

Filmlexika (chronologisch):

Arnau, Frank (Hrsg.) (1932): Universal Filmlexikon. Berlin, London, Paris.

Reinert, Charles (Hrsg.) (1946): Kleines Filmlexikon. Kunst, Technik, Geschichte, Biographie, Schrifttum. Einsiedeln, Zürich.

Pasinetti, Francesco (Hrsg.) (1948): Filmlexikon. Piccola enciclopedia cinematografica. Milano.

Manz, Hanspeter (1952-): Internationale Filmbibliographie (= Schriftenreihe der Schweizerischen Gesellschaft für Filmwissenschaft und Filmrecht). Zürich.

Bode, Walter (1954): Das kleine Filmlexikon. Ein Taschenbuch über das gesamte Filmwesen. Frankfurt am Main.

Reinert, Charles (Hrsg.) (1960): Wir vom Film - 1300 Kurzbiographien aus aller Welt mit rund 10'000 Filmtiteln. Basel, Freiburg, Wien.

Lamprecht, Gerhard (1967-1970): Deutsche Stummfilme 1903-1931. Berlin.

Bawden, Liz-Anne / Tichy, Wolfram (Hrsg.) (1977): Buchers Enzyklopädie des Films. Luzern, Frankfurt am Main.

Bawden, Liz-Anne / Tichy, Wolfram (Hrsg.) (1978): rororo Filmlexikon. 6 Bände. Band 1-3: Filme (Filmbeispiele, Genres, Länder, Institutionen, Technik, Theorie), Band 2-6: Personen (Regisseure, Schauspieler, Kameraleute, Produzenten, Autoren). Reinbek.
(Basierend auf The Oxford Companion to Film).

Holba, Herbert / Knorr, Günter / Spiegel, Peter (1984): Reclams deutsches Filmlexikon. Stuttgart.

Stresau, Norbert / Wimmer, Heinrich (Hrsg.) (1986-): Enzyklopädie des phantastischen Films. Meitingen.

Dumont, Hervé (1987): Geschichte des Schweizer Films. Spielfilme 1896-1965, Lausanne.

Koll, Horst Peter / Messias, Hans (1987): Lexikon des Internationalen Films, hrsg. v. Katholischen Institut für Medieninformation und der Katholischen Filmkommission für Deutschland, Reinbek. (Mit fortlaufenden Ergänzungsbänden von 1987-1995).

Koll, Horst Peter / Lux, Stefan / Messias, Hans (1995): Lexikon des Internationalen Films, hrsg. v. Katholischen Institut für Medieninformation und der Katholischen Filmkommission für Deutschland, vollst. überarbeitete Gesamtausgabe, Reinbek.

Koebner, Thomas (Hrsg.) (1995): Filmklassiker. Beschreibungen und Kommentare. Stuttgart.

Lexikon des Internationalen Films (1996): Die ganz Welt des Films auf CD-ROM, hrsg. v. Katholischen Institut für Medieninformation und der Katholischen Filmkommission für Deutschland. München.

Koebner, Thomas (Hrsg.) (1999): Filmregisseure. Biographien, Werkbeschreibungen, Filmographien. Ditzingen.

Reclams elektronisches Filmlexikon (2001). Ditzingen.

Habel, Frank-Burkhard (2001): Das grosse Lexikon der DEFA-Spielfilme. Berlin.
(Vollständige Dokumentation aller DEFA-Spielfilme von 1946-1993).

Habel, Frank-Burkhard / Wachter, Volker (2002): Das grosse Lexikon der DDR-Stars. Berlin.

Koebner, Thomas (Hrsg.) (2002): Reclams Sachlexikon des Films. Ditzingen.

Koll, Horst Peter / Lux, Stefan / Messias, Hans (2002): Lexikon des Internationalen Films. Kino, Fernsehen, Video, DVD, hrsg. v. Katholischen Institut für Medieninformation und der Katholischen Filmkommission für Deutschland, vollst. überarbeitete Gesamtausgabe in Kooperation mit Zweitausendeins, Frankfurt am Main.
(Vgl. http://www.filmevona-z.de ).

 

Weitere Literatur:

Arnold, Frank (2004): Leseinseln im Info-Strom. Neue Vorzüge, alte Fehler: Das "Lexikon des Internationalen Films". In: epd Film 8/2004, S. 54.

Bamberger, Stefan (1958): Studenten und Film. Eine Untersuchung an den schweizerischen Universitäten und Hochschulen. Freiburg.

Bamberger, Stefan / Franz Everschor (1963): Religion im Film. Ein Beitrag zur Geschichte, Funktion und Gestaltung des "religiösen Films". Düsseldorf.

Bamberger, Stefan (1968): Christentum und Film. Aschaffenburg.

Bettecken, Wilhelm (1987): Dienst am Film - Dienst am Menschen, hrsg. zum 40-jährigen Bestehen der Zeitschrift film-dienst 1947-1987. Bonn.

Hasenberg, Peter / Luley, Wolfgang / Martig, Charles (1995): Spuren des Religiösen im Film. Meilensteine aus 100 Jahren Filmgeschichte. Mainz, Köln.
(Vgl. Lexikon des Internationalen Films, CD-ROM, 1996).

Seesslen, Georg (1995-2004): Grundlagen des populären Films. Marburg.

Papst Pius XI. (1936): Vigilanti cura - Mit wachsamer Sorge. Rom.
http://www.vatican.va/holy_father/pius_xi/encyclicals/documents/hf_p-xi_enc_29061936_vigilanti-cura_ge.html

 

Links:

Deutsches Filmmuseum in Frankfurt am Main:
http://www.deutsches-filmmuseum.de 

Filmmuseum Berlin - Deutsche Kinemathek:
http://www.filmmuseum-berlin.de 

Österreichisches Filmmuseum in Wien:
http://www.filmmuseum.at/fm/default.pxml 

Schweizerisches Filmarchiv - Cinémathèque suisse in Lausanne und Zürich:
www.cinematheque.ch 

Lexikon des Internationalen Films (der Zugang zu diesem Online-Filmlexikon wird über den Kauf der Printversion erworben und ist im Jahresabonnement zugänglich):
www.filmevona-z.de 

Katholische Filmarbeit in der Schweiz:
http://www.kath.ch/mediendienst/menu_film.php 

Katholische Filmarbeit in Deutschland:
http://www.katholische-filmarbeit.de 

Publikationen zum Bestand der DEFA Filme:
http://www.defa-sternstunden.de/htm/infos.htm 

Readings on German Film History:
http://www.goethe.de/z/wwfilm/guide/literat/engesch_bis33.htm 

Rezension zum "Lexikon des Internationalen Films" (Koll 2002):
http://www.kultur-insel.de/filmlexikon.htm 

Rezension zu Reclams "Sachlexikon des Films" (Koebner 2002):
http://www.filmgeschichte.de/magazine/koebner_sachlexikon.htm 

Schweizer Studiofilmverband in Kooperation mit dem Katholischen Mediendienst und den Reformierten Medien (Studiofilme in den Schweizer Kinos systematisch erfasst):
http://www.independent-pictures.ch/reviews.php 

Swiss Films (fortlaufend aktualisierte Datenbank des Schweizer Films):
http://www.swissfilms.ch 

Zeitschrift film-dienst (mit dem Abonnement der Filmzeitschrift besteht ein Zugriff auf die Datenbank, die dem Lexikon des Internationalen Films zugrunde liegt):
http://www.film-dienst.de 

Zentrales Verzeichnis antiquarischer Bücher (die genannten Filmlexika sind hier erhältlich):
http://www.zvab.com


Dateien:
d22_MartigCharles.pdf74 Ki
 
 

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