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05.10.2004
00:00 Von: Friedrich, Udo

Von der rhetorischen zur topologischen Ordnung
Der Wandel der Wissensordnungen im Übergang zur Frühen Neuzeit

Der Übergang von der Handschrift zum Druck bezeichnet eine mediengeschichtliche Epochenschwelle, die mit der Veränderung von Wissensordnungen verbunden war. Im Verbund mit sozialen, politischen und geistesgeschichtlichen Umwälzungen bringt der Buchdruck neue Formen der Wissensorganisation hervor: die Ablösung von naturalen und symbolischen Ordnungen durch technisch-funktionale, die Aufwertung der Empirie gegenüber der Theorie und die Entwicklung topischer Wissenschaftsmodelle.


Von Udo Friedrich

Es gehört offenbar zu den Kennzeichen symbolischer Ordnungen, dass ihre jeweilige Neubildung den Blick auf die Geschichte verändert. Wie autobiographische Entwürfe mit fortlaufender Lebenserfahrung die Vergangenheit umschreiben, wie Historiographie und Wissenschaftsgeschichte die vergangenen Ereignisse und Revolutionen mit zunehmendem Abstand neu bewerten, so perspektiviert auch die Mediengeschichte ihre Vergangenheit nach tief greifenden Erfindungen neu.

 

Der restrukturierende Blick

Die Erfahrung der aktuellen Medienentwicklung und die ungeahnte Multiplizierung der Informationsbestände durch die elektronische Datenverarbeitung haben den Blick auf die Geschichte des Wissens und der Wissensverwaltung verändert (vgl. Burke 1997; Fried/Süssmann 2001). So hat die Option des synchronen Zugriffs auf endlose Datenmengen, ihrer sekundenschnellen Rasterung mittels Suchmaschinen, den Begriff des Archivs dynamisiert und dezentralisiert. Der Übergang in eine elektronische Kultur geht wohl mit ebenso grundlegenden Veränderungen einher wie jener von einer Oralitäts- in eine Schriftkultur oder von einer Handschriften- in eine Druckkultur. Welche Auswirkungen hat nun der quantitative Zuwachs der Bücher durch den Druck auf die Qualität der Wissensordnungen in der Frühen Neuzeit?

 

Mittelalter: Symbolisches Wissen und rhetorische Ordnung

Wissenskulturen besitzen ihre sozialen Implikationen: Eine Klerikerkultur baut andere Ordnungen des Wissens auf als eine Feudalkultur, diese wiederum andere als eine Kultur der Handwerker, Kaufleute und Bauern. Wissensordnungen sind immer schon sozial differenziert, sie steuern Wahrnehmung und Verhalten von Gruppen und manifestieren sich gleichermassen in Sprache, Verhaltenscodes und disziplinären Systemen, selbst in Erzählformen schlagen sie sich nieder. Ordnungen des Wissens existieren mithin immer nur im Plural. Sie unterliegen überdies im historischen Prozess einem qualitativen Wandel. Die mittelalterliche Klerikerkultur etwa formuliert ihre Vorstellungen von Gesellschaft, Natur, Geschichte und Sprache noch in integralen Einheiten, d.h. in naturalen, kulturellen oder symbolischen Formen: im Organismusmodell für den Staat oder in Baumstrukturen für die Verzweigung der Wissenschaften, im Modell des Buchs der Natur und der Geschichte oder in der Vorstellung von der Sprache als etymologischem Schlüssel zur Welt, schliesslich in bedeutungsgeladener Zahlensymbolik für alle Bereiche des Lebens. Die Darstellung von Natur und Geschichte folgt der Schöpfungsordnung und die der Geschichte überdies der Abfolge der Weltreiche (translatio imperii), die final auf die Endzeit hin ausgerichtet ist. Die Wissenschaftskultur der Neuzeit wird solche hermeneutisch geladenen Muster durch abstrakte und funktionale Modelle ersetzen wie Staatsmaschine, Natursystem, Geschichte als Aggregat komplexer Verzeitlichungsformen, schliesslich Sprache als arbiträres Zeichensystem.

Als semiorale Kultur zeichnet sich das Mittelalter durch eine hohe Konstanz an Wissensformen aus, auch wenn dem Fachmann schon hier vielfältige Differenzierungen sichtbar werden. Wissen wurde im Kontext der Universität durch die Ordnungen der vier Fakultäten (Artisten, Recht, Medizin, Theologie), im schulischen und akademischen Unterricht durch die Regeln der Artes liberales organisiert, d.h. durch die Wortkünste des Triviums und die Zahlenkünste des Quadriviums. Die handwerkliche Praxis dagegen war weitgehend durch bewährte Formen mündlicher Tradierung geprägt. Ob aber lebensweltliche oder gelehrte Wissensspeicher, beide wurden durch die mehr oder minder elaborierten Register der Rhetorik strukturiert: durch Topiken mit ihren Orten (loci communes) und durch Memorialtechniken mit ihren Erinnerungsräumen (vgl. Carruthers 1990). Wissen zu verwalten hiess im Mittelalter in erster Linie Wissenstradierung und Kommentierung, weniger Neuentdeckung (vgl. Burke 2001: 46f.). In mühseliger Arbeit kopierten Mönche über Jahrhunderte handschriftlich die überlieferten Texte und vervielfältigten das Traditionswissen. So wurden die christlichen und antiken Autoritäten in ihrem Bestand gesichert, verzettelt und in Exzerptsammlungen nach traditionellen Topoi zusammengestellt. Spezielle Textsorten beförderten die Erschliessung des kompilierten Materials für den Unterricht. Im mittelalterlichen Universitätsbetrieb dienten die so genannten libri pauperum als Kurzformen kanonischer Werke (Bibel, Codex Iustinian, Decretum Gratians u.a.) der leichteren Materialerschliessung und Memorierbarkeit des Stoffs (vgl. Worstbrock 1996). Eine weiterführende Form der Texterschliessung war der Kommentar, wobei der zu kommentierende Text mit Hilfe von Zitaten aus den Autoritäten erklärt wurde. Der Sentenzenkommentar (Petrus Lombardus) oder die Summe (Thomas von Aquin) dagegen bildeten neue systematische Textformen, die durch Fragen-Antwortverfahren (quaestio) und Problematisierungen (disputatio) gekennzeichnet waren. Dass selbst rhetorisch-topische Register sich nicht nur auf die Ordnung von Traditionswissen bezogen, sondern auch der operativen Erschliessung neuer Erfahrungsbereiche dienen konnten, davon zeugen schon Mitte des 13. Jahrhunderts die im päpstlichen Auftrag durchgeführten Beschreibungen der Mongolen durch Johannes de Plano Carpini und Wilhelm von Rubruck. Die Dominikaner bedienten sich rhetorischer Techniken - Name, Gestalt, Ort, Eigenschaften, etc. -, um ein geordnetes Bild vom unbekannten Volk aus dem Osten zu erlangen (vgl. Fried 1986; Münkler 2000).

 

Frühneuzeitliche Ausdifferenzierung

Vom Spätmittelalter und Beginn der Frühen Neuzeit an unterliegen die Ordnungen des Wissens zunächst einem allmählichen, später einem immer tiefer greifenden Wandel. Die tradierten Klassifikationen der Artes liberales wurden durch neue, vor allem praktische Inhalte und Formen herausgefordert. Schon vor dem Buchdruck (ca. 1450) zeichnet sich die Handschriftenkultur durch eine Phase der professionellen Textproduktion in Schreibstuben aus, um den vermehrten Informationsbedarf der Zeit zu befriedigen. Ein kostengünstiger Beschreibstoff wie Papier anstelle des Pergaments und die Professionalisierung von Technik und Schreibpraxis beförderte schon serielle Produktionsverfahren. Schriftproduktion war bis dahin auf die grossen Zentren konzentriert, auf die Skriptorien der Klöster oder auf die Kanzleien der Höfe, deren Schriftbedarf gleichfalls zunehmend stieg und sich qualitativ veränderte. Ein illustratives Beispiel ist der frühneuzeitliche Fürstenhof. Hier entstand schon vor dem Druckzeitalter mit Akten, Urkunden und Briefen ein komplexes Verwaltungsschrifttum. Die Form der politischen Führung wandelte sich, indem traditionelle Herrschaft in die Form des rationalen Regiments überging, ein Prozess, der eine komplexere innere Organisation des Hofes nach sich zog, sichtbar auch an einem neu aufkommenden Ordnungsschrifttum in der Volkksprache: Hofordnungen, Hochzeitsordnungen, Kriegsordnungen, Turnierordnungen, selbst Küchenordnungen befriedigen seit dem 15. Jahrhundert offenbar ein zunehmendes Bedürfnis nach Reglement und Zeremoniell und bilden die Vorstufen zum Verwaltungs- und Disziplinarschrifttum des 16. und 17. Jahrhunderts (vgl. Bröckling 1997). Hinzu treten humanistische Gelehrte, die nicht nur über entsprechende Schriftkompetenz verfügen, sondern in Chroniken, Epen, Reden und Lobgedichten "literarische" Textsorten zum Lob des Fürsten hervorbringen.

Auch im praktischen Schrifttum kommt es seit Mitte des 14. Jahrhunderts zu einer Explosion der Wissensliteratur, zum verbreiteten Auftreten der so genannten Fachprosa, die mit der zunehmenden Ausdifferenzierung von Gesellschaft und Kommunikation vor allem mit der Entwicklung städtischer Kultur zusammenhängt. Es sind hier vermehrt die handwerklichen Künste der Artes mechanicae, die im 15. und 16. Jahrhundert ihre Wissensbestände in die Schrift überführen und neue praktische Disziplinen und ihre Ordnungen in das Wissenssystem einführen, z.B. Architektur (Vitruv), Malerei (Dürer 1528), Chirurgie (Hieronymus Brunschwyg 1497), Alchemie (Hieronymus Brunschwyg 1500), Bergbau (Georg Agricola 1530), Magie u.a.m. Ein solches Schrifttum etablierte sich an der Grenze zwischen traditioneller Gelehrsamkeit (Latein) und einer wachsenden volkssprachlichen Kultur von Fachleuten. Der Druck multipliziert hier nicht nur die Textmasse, sondern bringt auch neue Formen der Wissensorganisation hervor, z.B. die auf einen anonymen Rezipienten ausgerichtete Anleitung, die sprachlich geordnet und unterstützt durch optische Hilfsmittel wie Holzschnittsequenzen einen Herstellungsprozess veranschaulicht: die Gebrauchsanleitung (vgl. Gieseke 1991).

 

Empirie und Wissenschaft

Der um die Mitte des 15. Jahrhunderts aufkommende Buchdruck hat weniger in seinen ersten 50 Jahren, dafür aber umso nachhaltiger im Verlauf des 16. Jahrhunderts die Wissenskultur der Frühen Neuzeit umgestaltet. Die neue Möglichkeit der technischen Reproduktion von Büchern hat einerseits quantitativ die Büchermenge exorbitant gesteigert, andererseits zum Durchbruch zahlreicher praktischer Berufsfelder geführt. Kloster, Hof und Universität verloren ihr Monopol auf Schriftproduktion. Der Buchdruck hat darüber hinaus im gelehrten, akademischen Feld neue Ordnungs- und Erschliessungsmittel befördert, die zwar an die alten rhetorischen Formen anknüpfen, diese aber systematisch weiterentwickeln. Der Pluralisierung der Weltbilder korrespondiert eine Pluralisierung der Wissensordnungen. Verschiedene Strömungen sind daran beteiligt. Scholastische Tradition, Humanismus und Reformation rivalisieren auch um die Geltung unterschiedlicher Relevanzkriterien in Bezug auf die Ordnung des Wissens. Die Wiederentdeckung und Edition antiker Textbestände durch den Humanismus forderte das scholastische Wissenschaftssystem heraus und führte zur Erweiterung des akademischen Kanons der Artes liberales um Geschichte, Poetik und bisweilen Politik:

Gegen den harten Rationalismus scholastischer Wissenschaft wurden die Fakten der Geschichte systematisch ins Spiel gebracht. In diesem Zusammenhang wird Historia zu einem neuen Ordnungsbegriff, der die empirische Dimension der Wirklichkeit erfasst: Faktizität und Singularität der Daten. Historia wird geradezu zum Signum frühneuzeitlicher Empirie (vgl. Seifert 1976). Verzettelt werden nun die überlieferten Geschichtswerke aus Antike und Mittelalter und unter topischen Ordnungskriterien neu zusammengestellt. Kompilationen von Geschichten und Informationen, die nach moralisch-exemplarischen Kriterien (Tugenden / Laster) geordnet waren, kannte schon das Mittelalter, sie nehmen nun aber geradezu enzyklopädischen Charakter an, etwa in Johannes Herolds Sammlung Exempla virtutum et vitiorum (1555). Hinzu treten mit den Reisebeschreibungen der Frühen Neuzeit synchrone Wissensbestände, die im Gefolge der Entdeckungsfahrten zunehmend den Buchmarkt füllen und in Sammlungen wie des Simon Grynäus Novus orbis (Basel 1532) zusammengestellt werden (dt. v. Michael Herr, Strassburg 1534). Schliesslich der klassische Bereich der Historia naturalis, der von der Rezeption der antiken Enzyklopädie des Plinius über die mittelalterlichen Naturbücher bis hin zu den grossen Fachenzyklopädien des 16. Jahrhunderts reicht. Die durch den Buchdruck hervorgebrachte Masse an Informationen führte die mittelalterliche Naturenzyklopädie schon quantitativ an ihre Grenzen: Aus dem einen Buch der Natur gliederten sich die einzelnen Fachdisziplinen aus: z.B. die Geschichte der Pflanzen und der Tiere. Mitte des 16. Jahrhunderts stellt der Züricher Humanist Konrad Gessner alle ihm verfügbaren Informationen zur Zoologie in vier voluminösen Bänden zu einer Historia animalium (1551-) zusammen: Das gesamte Überlieferungswissen über Tiere, aber auch eigene Beobachtungen, werden unter rhetorisch-topische Kategorien (loci) subsumiert, die sich am Muster der rhetorischen Personenbeschreibung orientieren: Name, Gestalt, Lebensraum, Tugenden, Wirkungen, etc. Historia konzentriert sich auf das Faktische, wobei das alle Arten von schriftlicher Überlieferung miteinbezieht. Dass sich hier bei aller literarischen Fixierung ein Wandel des Wissenschaftsverständnisses hin zur Empirie anzeigt, wird an den wissenschaftstheoretischen Reflexionen der Einleitungen sichtbar. Zwar dominiert noch in der Frühen Neuzeit ein aristotelischer Wissenschaftsbegriff, der Wahrheit an das Kriterium der Abstraktion, der Theorie (Mathematik, Metaphysik) bindet, doch reklamiert die Naturhistorie, d.h. die Empirie, bereits ihren Ort im Wissenschaftssystem. Historia humana und Historia naturalis lieferten nunmehr das Datenmaterial für sich induktiv orientierende Wissenschaften.

Der Buchdruck sichert zum einen die klassischen Autoren durch pure technische Reproduktion. Zum andern bringt er neue Möglichkeiten hervor, die überlieferten Wissensbestände zusammenzustellen und zu sortieren. Die traditionellen Zentren der Schriftkultur erfahren durch den Buchdruck eine Relativierung, da nun neue Bildungs- und Wissenseliten unabhängig von institutionellen Zwängen Bücher produzieren und der entstehende Buchmarkt Distribution und Rezeption regelt. Das hat Auswirkungen auch auf die Darstellungsform der Texte und damit auf die Ordnungen des Wissens. Die ungeheuere synchrone und diachrone Datenfülle, die der Buchdruck hervorbringt, kann je nach Relevanzkriterium zu neuen Textsorten zusammengestellt werden: Konrad Gessner durchsucht die schriftliche Überlieferungen nicht nur nach Material für seine Tiergeschichte. In seiner Bibliotheca univeralis (1545) erfasst er alle ihm verfügbaren Autoren aus Vergangenheit und Gegenwart und stellt sie zur ersten systematischen Bibliographie der frühen Neuzeit zusammen, und sein Mithridates vereinigt alle historischen Informationen über den Ursprung der Sprachen, so dass eine Sprachgeschichte das Ergebnis ist. Zahlreiche Lexika, Sprichwörter- und Exempelsammlungen entstehen im 16. Jahrhundert, Polydorius Vergilius sortiert aus der Schrifttradition Geschichten über den Ursprung der Wissenschaften: De inventoribus rerum, Venedig 1499. Im theologischen Feld vervielfältigen sich mit der Reformation und ihren Verzweigungen die Möglichkeiten, das theologische Wissen in alternative Ordnungen zu überführen, wie etwa Sebastian Franck es in zahlreichen Werken tut. Mit der Entstehung von Privatbibliotheken und der privaten Zirkulation von Büchern öffnet sich der Thesaurus des zeitgenössischen Wissens auf vorher nicht gekannte Weise unterschiedlichsten Möglichkeiten der Nutzung. Was heute mit dem Internet in bisher ungeahnte Dimensionen zielt, hat in der Vervielfältigung und Privatisierung des Wissens durch den Buchdruck seinen historischen Ursprung.

 

Enzyklopädie und Universalgelehrsamkeit

Die quantitativ ausufernden Wissensbestände bedurften systematischer Erschliessungsmittel: Eine alphabetische Ordnung des Materials oder eine topisch differenzierte Gliederung, Inhaltsverzeichnis, nicht zuletzt genaue Wort- und Sachregister wurden zu unerlässlichen Instrumenten für den praktischen Zugriff auf diese als Nachschlagewerke angelegten Historien. Das Induktionsmaterial der Historien forderte überdies den theoretischen Wissenschaftsbegriff und das Wissenschaftssystem der Scholastik gleichermassen heraus. Im Zuge der Empirisierung der Wissenschaften veränderte sich der Status der loci von reinen Klassifikations- hin zu systematischen Ordnungsbegriffen (vgl. Kallweit 1988). Melanchthons Loci communes theologici (1521/44) systematisierten die protestantische Lehre nach Zentralbegriffen des Glaubens, andere Wissenschaften lehnten sich an. Theodor Zwinger differenzierte in seinem Theatrum vitae humanae (1565) den Bereich der Moralphilosophie - Ethik, Ökonomik, Politik - auf alle Bezüge des menschlichen Lebens hin: Seine theoretische Systematik entlehnt er der topischen Methode des Petrus Ramus, eines zeitgenössischen französischen Logikers, der in Absetzung von der aristotelischen Topik ein binäres Verzeigungssystem erfunden hatte (Klammerbifurkationen). Jedes Stoffgebiet liess sich so thematisch nach loci communes aufbauen und systematisch gliedern. Wenn Zwinger aber seinen theoretischen Grundriss einer Ethik mit Exempeln aus der Geschichte illustriert, wird auch hier der zunehmende Status der Anschauung, der Empirie, im Wissenschaftssystem der Frühen Neuzeit sichtbar. Überdies fügte Zwinger seinem mit jeder Auflage weiter ausufernden Werk verschiedene Typen von Registern bei, die ihrerseits mehrere hundert Seiten umfassen und einen Zugriff jenseits philosophischer Systematik erlaubten. Der Buchdruck erfindet weniger die verschiedenen Erschliessungsmittel - Alphabet, Topik, System, Register, Illustrationen -, als dass diese durch die Explosion der Einzelinformationen erst eigentlich zu ihrer Wirkung gelangen. Stoffinventarisierung und systematische Ordnung aber bilden dann die Vorstufe zu den grossen Universalenzyklopädien des 16. und 17. Jahrhunderts (vgl. Schmidt-Biggemann 1983).

 

Udo Friedrich ist Professor für Ältere Deutsche Literatur an der Ernst-Moritz-Arndt-Universität Greifswald.

 

Literatur:

Bröckling, Ulrich (1997): Disziplin. Soziologie und Geschichte militärischer Gehorsamsproduktion. München.

Burke, Peter (2001): Papier und Marktgeschrei. Die Geburt der Wissensgesellschaft. Berlin. (Zuerst 1997: Burke, Peter: A Social History of Knowledge. Cambridge).

Carruthers, Mary (1990): The Book of Memory. A Study in Medieval Culture. Cambridge.

Fried, Johannes (1986): Auf der Suche nach der Wirklichkeit. Die Mongolen und die europäische Erfahrungswissenschaft im 13. Jahrhundert. In: Historische Zeitschrift, Bd. 243, S. 287-332.

Fried, Johannes / Süssmann, Johannes (2001): Revolutionen des Wissens. Von der Steinzeit bis zur Moderne. München.

Friedrich, Udo (2002): Ordnungen des Wissens. Ältere deutsche Literatur. In: Benthien, Claudia / Velten, Hans-Rudolf (2002): Germanistik als Kulturwissenschaft. Eine Einführung in neue Theoriekonzepte. Reinbek, S. 83-102.

Giesecke, Michael (1991): Der Buchdruck der frühen Neuzeit. Eine historische Fallstudie über die Durchsetzung neuer Informations- und Kommunikationstechnologien. Frankfurt am Main.

Kallweit, Hilmar (1988): Archäologie des historischen Wissens. Zur Geschichtsschreibung Michel Foucaults. In: Meier, Christian / Rüsen, Jörn (1988): Historische Methode (= Beiträge zur Historik, Bd. 5). München, S. 267-299.

Münkler, Marina (2000): Erfahrung des Fremden. Die Beschreibung Ostasiens in den Augenzeugenberichten des 13. und 14. Jahrhunderts. Berlin.

Schmidt-Biggemann, Wilhelm (1983): Topica universalis. Eine Modellgeschichte humanistischer und frühneuzeitlicher Wissenschaft. Hamburg.

Seifert, Arno (1976): Cognitio historica. Die Geschichte als Namengeberin der frühneuzeitlichen Empirie. Berlin.

Worstbrock, Franz Josef (1996): Libri pauperum. Zu Entstehung, Struktur und Gebrauch einiger mittelalterlicher Buchformen der Wissensliteratur seit dem 12. Jahrhundert. In: Meier, Christel et al. (Hrsg.): Der Codex im Gebrauch. München, S. 41-60.

Zedelmaier, Helmut (1992): Bibliotheca universalis und Bibliotheca selecta. Das Problem der Ordnung des gelehrten Wissens in der frühen Neuzeit. Köln, Weimar.


 
 

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