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15.06.2005
00:00 Von: Stäheli, Alexandra

56kTV - Bastard Channel - Ein Zwitter aus Web und TV

Der Basler Kunsthistoriker Reinhard Storz kuratiert im Internet unter www.xcult.ch eine Plattform für Netzkunst. "56kTV – Bastard Channel" heisst das neueste Projekt, das in Zusammenarbeit mit der Pro Helvetia entstanden ist und die Mechanismen der Massenmedien Fernsehen und Internet untersucht. Eine mediale Werkschau über Sex, Crime und den unendlichen Fluss der Zeit.


Von Alexandra Stäheli

Der amerikanische Anglist und Medientheoretiker Marshall McLuhan hat in seinen Schriften einmal festgehalten, dass ein neues Medium zunächst immer ältere Medien simulieren müsse, um sich wirklich entfalten zu können: Da es sein eigenes bahnbrechendes Potenzial noch nicht kennt und somit auch nicht vollkommen ausschöpfen kann, muss ein Medium, wenn es das Licht der Technik erblickt, in den ersten Momenten seiner Lebenszeit auf die Strategien und ästhetischen Formen bereits vorhandener Medien zurückgreifen. So hat sich das Massenmedium des Fernsehens etwa in seiner Geburtsstunde als noch ziemlich starre Kreuzung zwischen Radio und Wochenschau präsentiert, während die Benutzeroberfläche unseres Personalcomputers seit seinen Anfängen so tut, als hätten wir es tatsächlich noch mit einem alten Schreibtisch zu tun.

Das internationale Netzkunst-Projekt "56kTV – Bastard Channel" nun macht, wie es der Name schon suggeriert, gerade diese medialen Zwitter zum Thema, und es wendet dabei seinen Simulations-Blick spielerisch und gleichwohl ironisch-analytisch nach rückwärts: Hier ist es nun, das Medium des Internets, das sich seinem Vorgänger Fernsehen widmet und dessen Funktionsweisen in Form und Inhalt untersucht; wie umgekehrt auch das Fernsehen mit seinen Beschränkungen der Einweg-Massen-Kommunikation nochmals ein neues Licht auf die vielfach verzweigten, reziproken und zum Teil auch parallel funktionierenden Kommunikationskanäle des Internets wirft: In "56kTV – Bastard Channel" tritt die Interaktivität der digitalen Medien gegen die von der Kulturkritik so oft beklagte Passivität der "klassischen" Massenmedien an, deren hauptsächliche Funktion zunächst einmal nur in der möglichst flächendeckenden Verbreitung von Information zu bestehen scheint. Zur lustvollen Verkreuzung wie auch Entflechtung von TV und Net hat Reinhard Storz, Kurator des Projekts und Betreiber der unabhängigen Netzkunst-Plattform "Xcult", vierzehn Künstlerinnen und Künstler aus neun Ländern eingeladen, Beiträge zu einem Web-TV-Programm zu schaffen, bei dem zwar die Formen und Codierungen des Internets verwendet werden, das sich inhaltlich jedoch an die Sendeformate des Fernsehens anlehnt.

Von diesem übernimmt "56kTV – Bastard Channel" – ganz entgegen der grenzenlosen Verfügbarkeit des Internets – auch die Programmstruktur: Die einzelnen Beiträge sind auf www.56k-bastard.tv an verschiedenen Orten der Welt jeweils nur zu bestimmten Sendezeiten zu sehen, die man einem auf dem Web publizierten Wochenprogramm samt Infomagazin entnehmen kann. Mit dieser zeitlichen Beschränkung, die von uns bastardigen "TV-Usern" eine Ökonomie der Aufmerksamkeit fordert, zeigt das Netzkunst-Projekt "der Zapp- & Surf-Attitude den medialen Finger", wie es das Infopapier in süffisant-fröhlichem Ton verkündet. Dabei ist das teilweise interaktive TV-Programm aber explizit nicht auf den Hightech-Standard eingefleischter Programmierer und Tüftler ausgerichtet, die einzelnen "Sendungen" können vielmehr auch mit der bescheidenen Ausrüstung eines 56k-Modems empfangen werden.

 

Talkshows, News und Doku-Soaps

Das Spektrum der elf bis jetzt "ausgestrahlten" Sendungen – eine weitere befindet sich gerade noch in der Pipeline – reicht von Talkshows und News über Doku-Soaps bis hin zum rasanten, den Monitor misshandelnden Actionfilm, für den der Pariser Jimpunk mit seinem Beitrag "AcidMissile" verantwortlich ist. Ähnlich turbulent geht es auch bei "ZZZZZap" des japanischen Künstler- und Hackerduos Exonemo zu: Als würde ein übernächtigter Fernsehzuschauer unwirsch seine Fernsteuerung malträtieren, zucken da die Bilder und Bildverschnitte über den Monitor, die die beiden Künstler – genauso wie den Ton – laufend neu aus an sie verschickten Spam-Mails generieren. Marc Lee hingegen ist mit seiner Arbeit den News-Süchtigen bei der Stoffsuche behilflich: Sein "TV-Bot" grast das Internet auf sämtliche Live-Kamera-, TV- und Radio-News ab, die nicht älter als eine Stunde sind, und präsentiert uns dabei tatsächlich Neuigkeiten, die gerade erst im Begriff sind, solche zu werden; während Young-Hae Chang Heavy Industries aus Seoul mit "View and Plan of Seoul" die jazzigen Dialogzeilen einer Agenten-Soap in dreizehn Teilen über den Bildschirm flimmern lassen.

Auch Fran Ilichs "Telenouvelle Vague", eine in absolutem Minimalisten-Format gedrehte und gesendete, 13-teilige mexikanische Telenovela, nimmt die dramatischen Themen klassischer Soaps auf. Dass das Wort "Serie" dabei nicht unbedingt von seriös kommen muss, zeigen Beat Brogle und Philippe Zimmermann in ihrem ironischen TV-Miniplot-Lexikon "The Series". Aus einer Liste von je 104 Figuren und 56 Tätigkeitsworten kann sich der "TV-User" seine eigenen Mini-Filmserien zusammenstellen, die aus einem Subjekt und einer Handlung bestehen – wobei er seine Lieblinge ehren oder auch an alten Nervensägen endlich einmal Rache nehmen kann. "Bugs Bunny > suffers" könnte man zum Beispiel eingeben, und diese Kombination generiert in Brogles und Zimmermanns Lexikon dann eine animierte Bildershow, bei der sich sämtliche im World Wide Web zu diesen Begriffen gefundenen Bilder wechselnd zu neuen "Two-Word-Movies" kombinieren.

 

Nature morte

Für die dunkle Seite des Nachtprogramms sorgt Shu Lea Cheang mit ihrer harmlos klingenden Arbeit "Milk": Beim Anwählen dieses TV-Programms füllt sich der Bildschirm langsam mit Porno-Bildern, die Cheangs Suchmaschine – ähnlich wie Lees "TV-Bot" – jeweils auf dem Internet gerade findet. Dazu tickt erbarmungslos schnell ein Zähler, der die Aids-Toten in Afrika während der Zeit des Bilderkonsums anzeigt (wobei Cheang die posierenden Nacktheiten aus Rücksicht auf Schweizer Sensibilitäten mit rieselnden Pixel-Schneeflocken überdeckt; eine unzensurierte Fassung kann auf www.xcult.ch betrachtet werden). Das eigentlich Obszöne liegt dabei in Cheangs im Netz bereits heftig diskutierter Arbeit nicht in der Weiterverwendung pornografischer Materialien, sondern in der Verbindung zwischen Bild und Text: zwischen vitalen, ineinander verschlungenen Körpern einerseits und dem Body-Count qualvoll Verstorbener andererseits, die sich wohl teilweise selbst durch ungeschützten Geschlechtsverkehr angesteckt haben mögen.

Weil nebst Sex die zweite kommerzielle Stütze jeder TV-Kette alle möglichen Manifestationen von Kriminalität sind, hat sich die Fotografin und Medienkünstlerin Jody Zellen aus Los Angeles in ihrer Arbeit "Crime Scene" zu einem makaberen Tableau der Verbrechen hinreissen lassen. In einem rechteckigen Raster hat Zellen Stills aus der US-Fernsehserie "Crime Scene Investigation" miteinander kombiniert wie etwa die Detailaufnahme eines Fingerabdrucks oder des Gesichts einer entstellten Leiche. Wenn man auf diese einzelnen Bilder klickt, die an kriminologischer Deutlichkeit wirklich nichts zu wünschen übrig lassen, dann scheinen sie sich wie bei einem Memory-Spiel aufzudecken – und einem nächsten, darunter liegenden Bild zu weichen. Jedes Bild verweist so letztlich auf nichts anderes als auf ein neues Bild. Und jedes kriminologische Rätsel verbirgt bei genauerem Hinsehen nicht seine Lösung, sondern nur ein weiteres Geheimnis unter sich. Das jedenfalls scheint Zellens eigentümliches Nature-morte-Arrangement nahe zu legen, das ein typisches TV-Thema internetgerecht umsetzt. Hinter den Bildern fliesst als eine Art Nachspann ein Erzähltext, aus dem man nur einzelne Sätze wie "he found her collapsed on the floor" oder "her jealous husband" erhaschen kann. In ihrer erratischen Fragmentierung klingen diese Sätze dabei wie das Erinnerungsecho im Gehirn eines Detektivs, der verschiedene Zeugenaussagen zu einem Verbrechen eingeholt hat und sie nun angesichts der neuesten gerichtsmedizinischen Befunde wieder abruft.

 

Unwiederbringliche Zeit

Ein veritables Computergame haben Monica Studer und Christoph van den Berg mit "Travelogue" geschaffen – eine schöne und faszinierende Weiterführung ihrer Internet-Arbeit "Hotel Vue des Alpes", die nun allerdings das Thema des Fernsehens inhaltlich explizit aufnimmt. Denn im Zentrum dieses nach dem Muster klassischer Abenteuergames wie "Myst" gestalteten Spiels steht ein kaputter und deshalb endlos laufender Fernseher, der mit allen Mitteln des Glücks und der Kombinationsgabe zum Schweigen gebracht werden soll. Die Ausgangslage von "Travelogue" ist, wie in "Hotel Vue des Alpes" auch, ein Hotelzimmer, diesmal jedoch nicht eine Edelsuite mit Blick auf glühende digitale Berge, sondern eine heruntergekommene billige Kammer, die nichts als graue Wände und einsame Nächte anzubieten hat. Mit Geduld und Schlauheit gilt es nun, in diesem Raum Objekte einzusammeln und im gegebenen Moment wieder einzusetzen, um damit letztlich zu erreichen, dass die Fernbedienung des ewig dröhnenden TV-Geräts wieder funktioniert. Mit dem Stellen dieser nicht ganz einfachen Aufgabe widmen sich Studer und van den Berg in ihrem Game jedoch nicht allein inhaltlich dem Sujet des Fernsehens; "Travelogue" scheint vielmehr auch auf eine fast metaphysische Schnittstelle im realen Raum hinzuweisen, die die beiden Medien TV und Internet aller formaler Unterschiedlichkeit zum Trotz miteinander verbindet: die Erfahrung der verlorenen Zeit nämlich, die uns keine Recherche jemals mehr wieder an die Oberfläche der Gegenwart wird zurückbefördern können. Denn sowohl beim haltlosen (und zappenden) TV-Konsum wie auch beim exzessiven Gamen gibt es diesen Moment, da man sich – Joystick oder Fernbedienung steinern in der Hand – einer seltsamen Leere gewahr wird, einer dumpfen Gewissheit, dass all die künstlichen Leben, die man nun während Stunden gelebt zu haben glaubte, spur- und folgenlos an der Wirklichkeit vorbei gezogen sind; was bleibt sind kleine Löcher im Fluss der biographischen Zeit.

 

Nachrichten aus dem Jenseits

Übersinnliches schliesslich spukt in zwei Arbeiten zwischen den Pixeln unserer Bildschirme hervor, die sich beide auf den Begriff des Mediums in seiner ursprünglichen, schamanistischen Bedeutung zurück zu beziehen scheinen: als eine Instanz, die zwischen dem Diesseitigen und dem Göttlichen, Allwissenden, Jenseitigen zu vermitteln weiss. In "missed" von Nathalie Novarina und Marcel Croubalian erzählt uns ein kleines Skelett die letzten "News from the Dead" und karikiert damit den immer absurdere Grenzen sprengenden Sensationshunger unserer abendlichen TV-Talkshows. Die Entblössungen der Seele, die letzten Bekenntnisse zu den absonderlichsten Perversionen, wie sie seit den frühen 90er-Jahren in immer neuen Gesprächsrunden ausgebreitet werden, finden ihre unheimliche Fortsetzung – so scheinen die Künstler zu suggerieren – in den Botschaften und Geständnissen der Toten. "Wir sind hier für die Menschen, die ihre lieben Verstorbenen suchen", preist der Skelett-Showmaster seine Sendung an, um gleich darauf einen ersten Gast "online" zu empfangen. Es ist ein transparent erscheinendes Mädchen mit Zöpfen und dunkel geränderten Augen, das "hello to mum and dad" sagen möchte; der Rest der Durchsage geht im kribbeligen White Noise und in fiependen Sendestörungen unter, wodurch uns in frustrierender Lakonie vorgeführt wird, dass selbst die Messages aus dem Totenreich auch nur den Bedingungen irdischer Medien unterliegen.

 

Das Orakel von Pontresina

Die vielleicht poetischste Arbeit nimmt Bezug auf die Astro-, Magier- und Tarot-Shows, wie man sie vor allem auf den italienischen Fernsehkanälen in grellen Farben betrachten kann. Die von der Basler Autorin Birgit Kempker ins Leben gerufene "Sphinx" von Pontresina ist ein seufzendes und trillerndes Orakel: eine von der Autorin betreute magische Mailbox, die auf alle Fragen eine Antwort weiss – und zugleich auch eine geheimnisvolle, mit allen Seifen der Rhetorik gewaschene Poesiemaschine, die von Kempker immer wieder neu mit Worten gefüttert werden muss. Wer der Sphinx per E-Mail eine Frage stellt, bekommt postwendend entweder von ihr selbst oder ihrer technischen Helferin eine klingende Antwort. "Die Sphinx von Pontresina und ihre Maschine, die Pontresina der Sphinx", erklärt die Autorin dabei über die sich wundersam eröffnenden Interaktionen, "hören die Fragen ab mit ihren jeweiligen Mitteln und lernen dabei voneinander und von den Fragen." Wenn die Maschine länger antworte, stellt Kempker fest, dann stecke sie die Sphinx mit ihrer Art des Antwortens an – und umgekehrt. Dies habe bei den Fragenden auch schon zu kleinen Eifersüchteleien geführt, wenn sie sahen, dass andere zum Teil dieselben Worte "bekommen" hätten: Von einem Orakelspruch wird offenbar verlangt, dass er einzigartig und das heisst eben höchst individuell sei. Und die Sphinx selbst, welche Entwicklungen hat sie seit ihrer Geburt erlebt? Hin und wieder in die Haut einer weisen Person zu schlüpfen, wirke sich beinahe reinigend aus, erzählt die Autorin nachdenklich, denn die Rolle des Orakels verhelfe ihr zu einer positiveren Haltung gegenüber den Menschen: "Durch die Vielfalt der Fragen habe ich erkannt, dass es die Abwesenheit von Sinn überhaupt nicht gibt. Jede noch so unmögliche Frage enthüllt ihren Sinn, wenn man sie nur sorgfältig genug abhört. So führt diese Gründlichkeit letztlich auch dazu, dass ich die Menschen ernster nehmen muss – und kann." Auf die Frage, welche Zukunft der Netzkunst wohl blühe, antwortete die Maschine der Sphinx mit einem langen Gedicht über das Netz, die Kunst, die Spinne und das Spinnen, welches mit den Worten endet: "Das Blühen droht / der Kunst und das / ist artig." Möge sich das Orakel in einer artig versponnenen Netz-Nachkommenschaft erfüllen. Bis jetzt jedenfalls stellt die Koproduktion zwischen "Xcult" und der Stiftung Pro Helvetia, an der sich noch weitere namhafte Sponsoren beteiligt haben, im World Wide Web noch immer eine Einzigartigkeit dar und kann als eines der grössten kuratierten Netzkunst-Projekte weltweit gelten.

 

Alexandra Stäheli ist Dozentin an der Hochschule für Gestaltung und Kunst in Basel und Redaktorin im Feuilleton der Neuen Zürcher Zeitung.

 

Links:

http://www.xcult.org
http://www.56k-bastard.tv

 

BROADCAST YOURSELF

Das WebTV-Kunstprojekt 56kTV BASTARD CHANNEL stösst weiterhin auf Interesse. In den kommenden Monaten ist es Bestandteil der Ausstellung BROADCAST YOURSELF, die vom 28. Februar bis 5. April 2008 in der Hatton Gallery, University of Newcastle, und danach vom 13. Juni bis 10. August im Cornerhouse, Manchester, gezeigt wird. Die Ausstellung wurde kuratiert von Sarah Cook (CRUMB, University of Sunderland) und Kathy Rae Huffman (Visual Arts Director, Cornerhouse, Manchester).

Die Ausstellung zeigt Kunstprojekte seit den 1970er Jahren bis heute, die sich mit dem Massenmedium Fernsehen und mit Strategien des "self-broadcasting" auseinander setzen.

Präsentierte KünstlerInnen und Projekte: 56KTV Bastard Channel (curated by Reinhard Storz / xcult.org); Active Ingredient (Rachel Jacobs / Matt Watkins); Alistair Gentry; Bill Viola; Chris Burden; Doug Hall, Chip Lord and Jody Procter; Guillermo Gomez-Pena; Ian Breakwell; Joanie 4 Jackie (Miranda July et al.); Kit Galloway and Sherrie Rabinowitz; Shaina Anand; Stan Douglas; TV swansong (curated by Nina Pope and Karen Guthrie); Van Gogh TV; Wendy Kirkup and Pat Naldi.

mehr Informationen unter:
http://www.broadcastyourself.net


Dateien:
d23_StaeheliAlexandra.pdf51 Ki
 
 

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