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07.09.2000
00:00 Von: Meier, Urs

Trauer als Event
Andy Hugs Leben und Sterben für den Boulevard

Einmal mehr wurde das Grossmünster Schauplatz eines für Zwinglis Kirche beispiellosen Events. Anlass war die Abdankungsfeier für den Kickboxer Andy Hug. Der Tod des an Leukämie gestorbenen Sportlers löste ein gewaltiges Medienecho aus, obwohl Andy Hug hierzulande kaum bekannt war. Grund: Kommerzialisierte und boulevardisierte Medien schaffen sich von Zeit zu Zeit die Grossereignisse, die sie brauchen.


Von Urs Meier

Am Freitag Vormittag, 1. September 2000 war das Grossmünster Schauplatz eines für Zwinglis Kirche beispiellosen Events, nämlich der Abdankungsfeier für den Kickboxer Andy Hug. Der Tod des an Leukämie erkrankten Sportlers löste ein gewaltiges Medienecho aus – eigentlich ein viel stärkeres, als auf Grund der nicht überaus grossen Popularität Hugs in seiner Schweizer Heimat zu erwarten war. Kommerzialisierte und boulevardisierte Medien schaffen sich von Zeit zu Zeit die Grossereignisse, die sie brauchen. Damit tragen sie zur Emotionalisierung der sozialen Kommunikation bei, die wiederum als eine der Wirkkräfte dafür sorgt, dass die Medien beim Rummel der Gefühle fast vollzählig dabei sind. Ungeachtet der eminenten wirtschaftlichen Relevanz haben die Phänomene des öffentlichen Trauerns aber auch wichtige soziale Funktionen. Sie bieten geschützte Räume, in denen die Menschen Mitgefühl und existenzielle Grenzerfahrungen ausprobieren können. Sobald das Thema Tod berührt wird, kommt Religion ins Spiel – auf welche Weise, steht allerdings nicht ohne weiteres fest. Das Religiöse kann vollständig im gefühligen Boulevardstil aufgehen oder ihm Widerstand entgegensetzen. In der Geschichte um Andy Hug ist beides geschehen. Man kann sie durchaus als Lehrstück sehen.

In Japan, seiner Wahlheimat, war Andy Hug ein Megastar, und wie ein solcher wird er dort mit einem überbordenden Kult betrauert. In der Schweiz blieb er zeitlebens ein entferntes Phänomen. Seine Sportart hat wohl ihre Fans, aber wirklich populär ist sie nicht. Und nun dieser plötzliche traurige Tod. Schlagartig machte er Andy Hug zum Liebling der Nation. Wie war das möglich?

Für Unterhaltungsmedien ist die Tragödie des Sportlers Hug eine Story, die alles hat: Der Nobody wird in der Fremde zum Superstar, bleibt in der Heimat verkannt, fällt einer tückischen Krankheit zum Opfer, hinterlässt einen kleinen Sohn und eine junge Frau. Diese Geschichte ist Emotion pur, man könnte sie nicht besser erfinden. Echte Anteilnahme und kalkulierte Interessen haben sich gegenseitig hochgeschaukelt und einen Boulevardstoff par excellence kreiert. Aus dem Sterben eines mässig bekannten Sportlers wurde über Nacht ein nationales Ereignis, wie es in diesem Ausmass nicht vorauszusehen war.

 

Medienrummel

Der Medienrummel um den sterbenden und toten Sportler sprengte alle Massstäbe. Allein der Blick druckte in den zehn Ausgaben seit dem Bekanntwerden der Leukämieerkrankung bis zum Montag nach der Trauerfeier 48 Beiträge zum Thema Andy Hug. Nachdem das Fernsehen DRS sich die Rechte zur Übertragung der Trauerfeier gesichert hatte, versuchte Tele24 sich mit allen Mitteln ins Grossmünster zu drängen. Da dies verwehrt blieb, begnügte sich Schawinskis Sender damit, die Live-Übertragung von SF DRS den ganzen Tag permanent zu wiederholen. Die Reihe der Reportagen, Talkshows und Kommentare bis hin zu einordnenden und essayistischen Hintergrundartikeln hat bei Fertigstellung dieses Beitrags noch nicht geendet. Einige Schreibende suchten die kritische Pose, indem sie allen anderen Medien massloses Ausschlachten der Geschichte vorwarfen. In einer Glosse mit dem Titel „Andy Hug und die Seelen-Bewirtschafter“ konstatierte der NZZ-Medienredaktor Rainer Stadler schon am 1. September lakonisch: „Die Medienwelt spinnt (immer mehr).“ In einem der vielen Blick-Artikel wurde der grössenwahnsinnige Vergleich mit der weltweiten Erschütterung nach dem Tod von Lady Di gezogen. Das sieht ein bisschen aus wie der Versuch, die Erfüllung einer internen Zielvorgabe herbei zu reden.

 

Rührseligkeit und Heldenverehrung

Boulevardisierte Trauer hat ihre eigenen Gesetze. Sie verlangt rührselige Geschichten und Details. Das „Grosi Fridi“, die blonde Witwe Ilona und der kleine Sohn Seya gehörten im Blick zehn Tage lang zu den Hauptfiguren einer immer weiter ausgesponnenen Tragödie. Den Verstorbenen machten die atemlosen Geschichtenerzähler zum Helden, je nach Selbstverständnis und Marktsegment des Mediums wahlweise zum schrägen, verkannten, rührenden, überschätzten oder makellos strahlenden. Die Idealisierung des Innerschweizer Metzgerburschen, der es zum Weltmeister einer nicht sonderlich schonungsvollen, aber kommerziell hoch potenten Sportart gebracht hatte, kannte keinerlei Hemmungen mehr. Es war durchaus nicht nur der Blick, der den verstorbenen Kickboxer penetrant zum „grossen Sportler und Menschen“ erhob und ihm attestierte, er sei „zu lieb für diese Welt“ gewesen. Der Zürcher Stadtpräsident stand in seiner Ansprache im Grossmünster nicht zurück. Nach Estermann hatte Hug den Kampfsport nicht nur zur „Kunstform“ gemacht, sondern auch durch seine offenbar überragende Person „geadelt“. Wohl verstanden: Die vielen Zeugnisse, die den Verstorbenen als sympathische, bescheidene und liebenswürdige Persönlichkeit schildern, sind nicht in Zweifel zu ziehen. Grund zum Heldenkult sind sie dennoch nicht. Die Stilisierung des Toten hat mit seiner wirklichen Person nichts zu tun, weil sie ganz andere Beweggründe hat. Das Interesse an der Heroisierung ist banal: Die boulevardisierten Medien und eine emotionalisierte Öffentlichkeit schaffen sich von Zeit zu Zeit die Ereignisse und Figuren, die sie zum Betrieb ihrer Gefühls- und Kapitalhaushalte brauchen.

 

Katharsis und Übungsfeld der Empathie

Weshalb aber ist Erschütterung so gefragt? Der Versuch, dies zu beantworten, lenkt den Blick unter die banale Oberfläche des Geschehens. Der dramatischen Form der Tragödie wurde seit der Antike bis in die Zeit des Idealismus eine kathartische Wirkung zugeschrieben. Dem kunstvoll geformten Tragischen traute man die Reinigung (Katharsis) von Geist und Gefühl zu, da es den Betrachter zum Mitleiden mit dem Schicksal der Figuren führte, die stellvertretend für das Publikum existenzielle Erfahrungen durchmachen: Liebe und Hass, Freundschaft und Verlassenheit, Ruhm und Verachtung, Erfolg und Niederlage, Triumph und Tod. Die Katharsis-Theorie setzte ein Verständnis des Menschen voraus, das dessen Streben nach Vervollkommnung als unzweifelhafte humane Qualität annimmt.

Festzustellen ist nun aber, dass auch ohne idealistische Voraussetzung die tragische Erzählform funktioniert: Sie zieht an und ergreift. Menschen wollen gerührt werden. Ohne die tödliche Erkrankung oder den Verlust eines nahen Menschen wirklich selbst erleben zu müssen, machen sie eine abgeleitete Erfahrung. Deren Folgenlosigkeit stellen die Agenturen der öffentlichen Gefühlsausbrüche sicher durch die Künstlichkeit der Anlässe. Boulevardtragödien bieten sich der Erlebnisgesellschaft an als adäquate Form des Trauerns. Öffentliche Ereignisse wie die Trauer um Andy Hug sind reine Medien-Artefakte. Ihr Klagen über das traurige Los der Helden und über die Schlechtigkeit der Welt will auf nichts Spezielles hinweisen und schon gar nichts verändern. Ihr Suhlen in Warum-Fragen mündet in keine Bemühung, nach Antworten zu suchen oder sich mit solchen auseinander zu setzen. Derartige Events sind künstlich nicht etwa in dem Sinn, dass die Trauer der Massen nicht echt wäre, sondern dass sie unreal bleibt: unverbunden mit der Lebensrealität der trauernden Menschen, aber umso mehr eingebunden in die kommerzielle Realität der veranstaltenden Medien, Marketingagenturen und weiteren Profitierenden.

Trotz ihrem artifiziellen Charakter haben solche Ereignisse eine gesellschaftliche Funktion. Viele Menschen trainieren dabei auf abgeschirmtem Terrain ihre Fähigkeit zur Empathie, zum Mitgefühl. Im geschützten Raum einer Story, die sie nicht wirklich angeht, tasten sie sich an Grenzerfahrungen der Existenz heran, mit denen sie sonst die Begegnung tunlichst vermeiden. Mag der Erfahrungsgehalt für das mittrauernde Publikum noch so wirklichkeitsfern sein, so tragen die Rührstücke doch zumindest dazu bei, in einem immer lückenloser auf Spass, Konsum und Leistung fixierten Alltag die Erinnerung an andere Dimensionen des Lebens wach zu halten. Selbst die dümmlichen Phrasen des Blick („Andy Hug wird im Herzen von Seya und seinem Mami ewig weiterleben“) und das dreiste Auswalzen des Themas auf Tele24 lösen zahllose Micropayments auf das Konto des sozialen Gedächtnisses aus, in welchem ein Wissen bewahrt bleibt um die dunklen Zonen des Menschseins. Die Fun-Gesellschaft weiss zwar nicht recht mit den Schatten umzugehen, aber sie kann sie doch nie definitiv verdrängen. Indem sie die domestizierte symbolische Präsenz des Leids und des Todes in ihren Erlebnishaushalt einbezieht, sorgt sie selbst für ihre eigene Störung durch Derivate des Wirklichen.

 

Feier im Zürcher Grossmünster

Der Eventcharakter dieses Todesfalls war determiniert: Im System der hart konkurrierenden Medien ist Zurückhaltung als Qualität getilgt, dem eskalierenden Kampf um die Ausbeutung des öffentlichen Rührungspotentials war nicht auszuweichen. Für die Angehörigen war an ein Trauern im vertrauten Kreis nicht zu denken. Der Anlass war nicht anders zu bewältigen als mit professionellem Management. Und selbst die an Grossanlässe gewöhnten Spezialisten der Sportmarketing-Firma „First Promotion AG“ waren diesmal eher Getriebene als Treibende. In äusserst knapper Zeit mussten sie ein Programm organisieren, wofür ihnen die Erfahrung fehlte: die Trauerfeier für Angehörige, Fans und Medien.

Warum die Abdankung für den katholischen Innerschweizer im reformierten Zürcher Grossmünster abgehalten wurde, scheint im Nachhinein gar nicht völlig klar zu sein. Zürich sei aus logistischen Gründen gewählt worden, und nach der Konfession zu fragen, sei anfangs niemandem eingefallen, hiess es bei First Promotion. Irgendwie war die Information über den Ort der Abdankung schon in die Medien gelangt, bevor die Grossmünstergemeinde überhaupt angefragt worden war. Ein Schachzug war das wohl nicht, eher ein Missgeschick, wie es in solchen Situationen eben vorkommt. Für die Kirchgemeinde wirkte es sich dennoch als Zwang aus. Eine Ablehnung des nachgereichten Gesuchs kam nicht mehr in Betracht. Die Verantwortlichen der Grossmünstergemeinde wollten den Angehörigen das Herumgeschobenwerden und der Kirche eine negative Publicity ersparen.

 

Affirmative Verkündigung des katholischen Seelsorgers

Kirchgemeindepräsident Georg Weber, Pfarrerin Käthi La Roche und Pfarrer Hans Stickelberger vom Zürcher Grossmünster waren sich einig, dass die prominenteste Kirche der grössten Schweizer Stadt für besondere Anlässe wie diesen offen stehen soll. Käthi La Roche formulierte es zugespitzt: „Das Grossmünster gehört nicht uns.“ Doch Offenheit bedeutet nicht Beliebigkeit. Die Verantwortlichen der Kirchgemeinde verlangten deshalb, der Anlass müsse eine kirchliche Abdankungsfeier sein. Als katholischer Prediger wurde von Angehörigenseite der Circus-, Marktfahrer- und Schaustellerseelsorger Pfarrer Ernst Heller aus Kriens beigezogen, der irgendwann einmal einen Kontakt zur Familie gehabt hatte. Die Medien machten ihn dann zum „Seelsorger der Familie Hug“, was offensichtlich wegen des exotisch anmutenden Spezialpfarramts Hellers gut in die boulevardeske Aufbereitung passte. Heller spielte klaglos die ihm zugedachte Rolle des tief ergriffenen, dem Geschehen distanzlos ergebenen Freundes der trauernden Familie. Seine Beiträge in der Trauerfeier stimmten in Ton und Inhalt mit den vom Blick vorgegebenen Mustern überein. Er sprach unentwegt die „liebe Ilona“ und den „lieben Andy“ an und kolportierte die üblichen Trauer-Klischees vom selbstlosen und verkannten Helden, der von einem ganz tiefen Glauben beseelt gewesen sei, über welchen er jedoch nie gesprochen habe. Mittels Privatisierung, Emotionalisierung und Stereotypisierung der Verkündigung zelebrierte dieser Seelsorger eine mit den Trivialmedien restlos kompatible Volksfrömmigkeit. Dadurch passte er zwar ins vorherrschende kommunikative Umfeld, aber er trug nichts Besonderes bei. Kaum etwas von dem, was er sagte, war anders als das längst Gehörte und Gelesene.

 

Reformierte Nüchternheit quer zur Drift des Events

Markant anders positionierten sich die beiden reformierten Pfarrpersonen. Hans Stickelberger hatte mit Bedacht als Lesung die Seligpreisungen aus dem Neuen Testament ausgewählt. In diesem Abschnitt aus der Bergpredigt Jesu werden die Armen, Leidenden, Gewaltlosen, Gerechtigkeit Suchenden, Barmherzigen, Arglosen, Frieden Stiftenden und Verfolgten an die Spitze der Rangordnung gestellt – ein deutlicher Kontrast zu den Prioritäten der Prominenz. Käthi La Roche öffnete den Horizont des Anlasses mit der Fürbitte, die den Blick auf anonyme Schicksale und soziale Zustände lenkte. Diese Beiträge waren die Eckpunkte, die den Anlass gottesdienstlich ausrichteten. Mühsam musste sich die Verkündigung gegen die Drift des Anlasses durchsetzen. Aber es war auch zu merken, dass sie mit ihrer Widerständigkeit hier Hausrecht genoss. Salbungsvolles prallte an den Mauern des Grossmünsters ab. Die Fernsehkameras zeigten karge und kühle Bilder, da sie nichts finden konnten, was die vorgespurten Emotionen genährt hätte. Der Andy-Hug-Kult musste draussen bleiben, und er liess sich mit Bildern, Blumen, Votivgaben und Kerzen üppig auf dem Zwingliplatz nieder. Drinnen im Kirchenraum jedoch herrschte reformierte Nüchternheit. Das einzig Prächtige war Johann Sebastian Bachs Musik, von Rudolf Scheidegger eingangs und zum Schluss auf der Orgel meisterlich gespielt. Fremd und irgendwie zu gross wirkten die Fantasia und das Präludium in dieser eben doch falsch platzierten Feier. Der gottesdienstliche Abschied von Andy Hug hätte sich leichter mit einem Ort vertragen, der den Totenkult nicht vor die Kirchentür weist. In einem katholischen Barockbau, etwa der Luzerner Jesuitenkirche, hätten die verbalen Beweihräucherungen sich zwanglos eingefügt in ein Ambiente, das mit Gott auch sich selbst feiert.

 

Chance der Unabhängigkeit

Haben wir nun schlicht einen Beleg mehr, dass katholische Kultur sich leichter popularisiert und alerter mit Boulevard- und Bildmedien umgeht als reformierte? Die These ist in dieser pauschalen Form so richtig wie falsch und braucht keinen neuen Beweis. Interessant ist jedoch die Beobachtung, dass die sich im Medienbetrieb spiegelnde Populärkultur beim Thema Tod die kirchlichen Riten mit grosser Selbstverständlichkeit in Anspruch nimmt und offensichtlich nicht nur eine affirmative, sondern auch eine widerborstige Religiosität akzeptiert. Vertreterinnen und Vertreter der Kirche können im hektischen Mediengeschäft eine relativ unabhängige Position einnehmen und ihre Botschaft ungeschmälert einbringen. Dazu müssen sie allerdings die Mechanismen der populären Medien verstehen und bereit sein, sich im konkreten Fall zu exponieren.


Dateien:
AndyHug_01.pdf54 Ki
 
 

Herausgeber: Katholischer Mediendienst Charles Martig | Reformierte Medien Urs Meier
Impressum: Judith Arnold, Redaktion Medienheft, Badenerstrasse 69, 8026 Zürich
Website © Medienheft: www.medienheft.ch