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19.09.2000
00:00 Von: Imhasly, Andreas

Event Andy Hug
Aufhänger für konfessionelle Medienschelte? Eine Replik

Der Artikel „Trauer als Event“ wurde in einer Gruppe von katholischen Seelsorgern, die in Luzern eine Weiterbildung absolvierten, kritisch diskutiert. Als Sprecher dieser Gruppe nimmt Andreas Imhasly in der folgenden Replik Stellung. - Das Medienheft versteht sich als Diskussionsforum und veröffentlicht den Text ungekürzt.


Von Andreas Imhasly

Schade, dass die kluge Analyse der Abdankungsfeier für Andy Hug als Medien-Artefakt mit einer wichtigen These zur Chance des Religiösen auf dem Medien-Boulevard in einer polemisch zugespitzten konfessionellen Entgegensetzung katholischer und reformierter Gottesdienst-Gestaltung endet.

Urs Meier weiss um die Umstände dieses Gottesdienstes im Grossmünster, aber dessen Ablauf kommentiert er offensichtlich durch eine zweifarbige Brille: Unter der Überschrift „Affirmative Verkündigung des katholischen Seelsorgers“ stellt er den katholischen Pfarrer in die Ecke der Anpassung, ja der Unterwerfung unter das Diktat der inszenierten Boulevard-Tragödie. Seine Sprache, seine Wortwahl in diesem Abschnitt, der so anders tönt als im folgenden: „Reformierte Nüchternheit quer zur Drift des Events“ verrät einen beinahe konfessionalistischen Blickwinkel. Dem „kolportierenden“ Katholiken werden die nüchtern widerständigen reformierten Partner entgegengestellt, die ihren Part meisterlich gespielt haben sollen. Den eindrücklichen Lichtritus des katholischen Teilneh­mers z.B., der eine Verbindung zwischen den Liturgen und den unmittelbar Betroffenen her­­stellte, übergeht Urs Meier. Andererseits deutet er die „reformierte Lastigkeit“ des intensiven Orgelspiels nur an.

Zufällig haben wir die Entstehung dieses Gedächtnis-Anlasses in einer Kurs-Gruppe erlebt. Die Anfrage von Frau Hug an Pfarrer E. Heller war eine reale Einladung zur Gestaltung dieser Feier. Die Ortswahl dagegen mit all ihren Konsequenzen war offensichtlich anders motiviert. Plötzlich sah sich der katholische Pfarrer ohne sein Zutun ins Grossmünster versetzt, zwei ihm nicht bekannten reformierten Kollegen gegenüber und schliesslich im nationalen Fernsehen ausgestellt, neben weiteren Gästen mit Redeauftrag.

Öffentliche Anteilnahme in Nähe und Distanz, wie sie sich im persönlichen Kontakt zu Betroffenen einstellt und gestaltet sein will, muss kritischer Nachfrage standhalten. Aber die karikierte Qualifikation eines Seelsorgers mit Spezialauftrag sagt mehr über den Ärger des Kritikers als über die Schwierigkeiten der gestellten Aufgaben aus. Ein „Circus-, Marktfahrer- und Schaustellerseelsorger“ entspricht vielleicht nicht dem reformierten Pfarrer-Cliché, aber hat – wo er seine Rolle im Wissen um ihre Gefahren ausfüllt und nützt – wohl seine besonderen Möglichkeiten gerade auf diesem Boulevard. Die Inszenierungen in unserer Medienwelt führen sogar zu einem differenzierteren Verständnis des Priesters als „Clown Gottes“. Und die Volksfrömmigkeit, die durchaus als eine medial vorstrukturierte Bühne verstanden werden kann, vermag dem persönlichen Zeugnis auf ihre eigene Art einen Platz zu schaffen.

Hierin liegt allerdings eine widerborstige Religiosität ganz anderer Art als sie „reformierte Nüchternheit“ in ihrer Worthaftigkeit und ihrem akademischen Differenzierungszwang zu akzeptieren bereit ist.
Viel mehr hat uns betroffen gemacht, wie schlussendlich die verschiedenen Elemente des Gottesdienstes als Beiträge der Leitenden völlig nebeneinander stehen blieben, spürbar nach einem konfessionellen Proporz auf die verschiedenen Rollenträger verteilt. Sicher mangelte es an Zeit, aber offenbar fehlte auch die Kraft und vielleicht sogar der Wille, diesen zufälligen Grossmünster-Anlass als einen wirklich ökumenischen Gottesdienst zu gestalten, in dem die von Urs Meier mit Recht geforderte Widerständigkeit der christlichen Feier inmitten des „Medienrummels“ zum Tragen gekommen wäre. Die Seligpreisungen flossen nicht in die menschlich einfühlsame Würdigung des „Helden“ ein, und diese wurde in den Fürbitten nur indirekt aufgenommen (obwohl der Text des Katholiken früh vorlag und eine Bearbeitung möglich gewesen wäre). Schade, dass so Stadtpräsident und Sportmoderator mehr gemeinsames Profil zeigten (wohl unabgesprochen) als die Repräsentanten der Kirchen.

Wir sind überzeugt, dass weder affirmative Verkündigung noch reformierte Nüchternheit - die Vertreter der christlichen Kirchen - „im hektischen Mediengeschäft eine relativ unabhängige Position einnehmen und ihre Botschaft ungeschmälert einbringen“ lassen. Im Grossmünster setzte sich nicht reformierte Widerstandskraft gegen katholische, „restlos kompatible Volksfrömmigkeit“ durch. Vielmehr blieb das geballte theologische und emotionale Potential im konfessionellen Nebeneinander ungenutzt. Und die Frage stellt sich, ob Widerstand die einzige Antwort der Kirchen darstellt. Als Patentrezept wird dieser kaum mehr ausrichten als die „Beweihräucherungen“, die der Kommentator aggressiv mit der Luzerner Jesuiten-Kirche assoziiert.

Bei aller menschlichen Wirkung dieser Abdankungs-Feier für einen kirchlich und wohl auch religiös entwurzelten Menschen der öffentlichen Szene blieb es deshalb eine verpasste Chance. Unserer Fun-Gesellschaft werden wir mit Johann Sebastian Bach genauso wenig Widerstand leisten können wie mit einer boulevardesken Aufbereitung eines persönlichen Schicksals. Aber unsere Einigkeit in der Theorie erspart uns in keinem Einzelfall, vertrauensvoll miteinander um eine stimmige Gestalt in der jeweiligen Situation zu ringen.


Dateien:
ReplikAndyHug_01.pdf41 Ki
 
 

Herausgeber: Katholischer Mediendienst Charles Martig | Reformierte Medien Urs Meier
Impressum: Judith Arnold, Redaktion Medienheft, Badenerstrasse 69, 8026 Zürich
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