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05.12.2000
00:00 Von: Rickenbacher, Iwan

Selber denken. Die Reformierten.
Eine Imagekampagne sorgt für Aufregung

Der Auftakt der Plakataktion in der Medienarena ist vollauf geglückt. Sonntagszeitung und Tagesschau berichteten am ersten Adventssonntag prominent über die Imagekampagne der Reformierten. Die Medien taten es nicht zuletzt darum, weil der öffentliche Auftritt der evangelisch-reformierten Kirchen der deutschsprachigen Schweiz in den eigenen Reihen für Auseinandersetzung sorgt.


Von Iwan Rickenbacher

Motive zu Schöpfung, Toleranz, Zukunft und Respekt sollen zu eigenem Denken anregen. Gezeigt werden geklonte Frauen, ein Jodlerchor mit einem Schwarzen in ihrer Mitte, ein tiefgefrorener Mensch sowie Arm und Reich provokativ gegenüber gestellt. Der Slogan ist überall der gleiche: "Selber denken. Die Reformierten."

Darf Kirche dermassen provozieren? Ich meine, die Provokation geht nicht von der Kirche aus. Das britische Parlament entscheidet in diesen Tagen über weitere Grenzüberschreitungen beim Eingriff in menschliches Erbgut. In der Schweiz reiht sich Überfremdungsinitiative an Ausländergesetzgebung. Die Kluft zwischen Wohlhabenden und Benachteiligten wächst auch bei uns täglich. Die Kampagne "plakatiert" einen Teil dieser Herausforderungen, die von Christen als solche empfunden werden müssten. Sie tut es eindringlich, knapp und zu all dem noch ästhetisch.

Als Katholik stocke ich einen Augenblick, wenn ich die Unterschrift lese: "Selber denken. Die Reformierten". Das tönt selbstbewusst, fast ein wenig trotzig. Die Aussage fordert mich als Nichtreformierten heraus. Wer möchte ausserhalb der evangelisch-reformierten Kirche nicht auch eigenständig denken? Ja mehr noch: Wer muss angesichts der heutigen wissenschaftlichen und technischen Möglichkeiten, die zwischen Würde und Unwürde gegenüber der Natur keinen Unterschied mehr machen, nicht eigenständig denken, entscheiden und handeln? Dennoch: Mitzudenken ist ein guter Anstoss.

Wie kann der Diskurs weitergehen? Zu verheimlichen ist die Aktion nach dem wirksamen Auftakt nicht. Die Auseinandersetzung darüber, ob mit dem einen oder andern Bild Gefühle verletzt wurden, muss geführt werden. Wichtiger aber ist meines Erachtens die Debatte darüber, wie die Kirche auf die ständige Provokation christlicher Überzeugungen und Werte in Wirtschaft, Gesellschaft und Staat reagieren soll: mit Worten hinter Kirchenmauern oder mit Bildern und Symbolen, die heutigen Menschen geläufig sind? Mein geistiges biblisches Bilderbuch jedenfalls ist voll von Symbolen, die vor 2000 Jahren in Palästina möglicherweise genauso zu reden gegeben hätten, wie heute der Nadelstreifenanzug vor dem Bettler oder die geklonten Frauenbilder.

Die Kampagne wirft wichtige Fragen auf, zum Beispiel in Bezug auf unseren Auftrag, den zukünftigen Generationen eine intakte Schöpfung zu übergeben. Die Auseinandersetzung um die Kampagne ist daher mit Toleranz und Respekt zu führen, so wie es auch die knappen Überschriften der Plakate fordern. Mit dieser Gesprächskultur hätten Reformierte und Katholiken die Chance, auch andere zum Nachdenken einzuladen, wie wir die Verantwortung für unser gemeinsames Erbe übernehmen können.

Iwan Rickenbacher ist Kommunikationsberater.


 
 

Herausgeber: Katholischer Mediendienst Charles Martig | Reformierte Medien Urs Meier
Impressum: Judith Arnold, Redaktion Medienheft, Badenerstrasse 69, 8026 Zürich
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