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20.09.2001
00:00 Von: Arnold, Judith

West-Ost-Gefälle der Medienrealitäten
9/11 im Kampf der Kulturen

Während die Massenmedien die westliche Welt seit den Terroranschlägen von 9/11 auf das WTC mit Kriegsrhetorik überziehen, ist Afghanistan - erklärter Hort des Terrors und Angriffsziel für den US-amerikanischen Vergeltungsschlag - von den Massenmedien abgeschnitten.


Von Judith Arnold

Die westliche "Weltöffentlichkeit" wird seit den Terroranschlägen gegen symbolträchtige Zentren der US-amerikanischen Gesellschaft am 11. September von Nachrichten, Talk-Sendungen und Reportagen überschwemmt. Demgegenüber ist Afghanistan, das derzeit zum Herd des Terrorismus erklärt wird, medial praktisch nicht erschlossen: Die Mehrheit der afghanischen Bevölkerung kann nicht lesen. Pressefreiheit existiert nicht. Internet-Anschluss haben nur die führenden Taliban. Selbst die Behörden in Afghanistan dürfen das Internet nicht benutzen. Im Jahr 1990 hatten nur 8 von 1000 Personen in Afghanistan die Möglichkeit, fern zu sehen. Und vor drei Jahren wurden alle Fernsehgeräte und Videorekorder aus den Haushaltungen entfernt. Während sich die Medien nun zunehmend der Kriegsmetaphorik bedienen, hat die Bevölkerung in Afghanistan an dieser Medienrealität keinen Anteil. Dies wiederum kann sich die westliche Informationsgesellschaft kaum vorstellen - unter anderem auch deshalb nicht, weil die Medien nur sporadisch über die Entwicklungen aus dieser Region berichteten. Eine Folge unterdrückter Medienfreiheit. Die Nachrichten über Fundamentalismus, Verstösse gegen die Menschenrechte vor allem gegenüber Frauen und die Zerstörung von Jahrhunderte altem Kulturgut sind zwar zu unserem Bewusstsein vorgedrungen. Von diesem bruchstückhaften Wissen abgesehen sieht sich die westliche Welt mit einer Bedrohung konfrontiert, die gesichtslos genug ist für ein Feindbild.

Das Ausmass des Terrors und der Ruf nach Rache scheint für eine rechtsstaatliche Verfolgung und Verurteilung einzelner Terroristen zu gross zu sein. Ein militärischer Gegenschlag mit mindestens gleich verheerender Wirkung könnte Balsam sein für das verletzte Selbstverständnis der westlichen Zivilisation. Das Ziel für den Hass entzieht sich aber dem Konzept eines militärischen Feindes: Die Terroristen sind weltweit in Netzen organisiert. Für einen Gegenschlag fehlt ihnen die Angriffsfläche von territorial bestimmbaren Staaten. Das muss kompensiert werden. So dienen Diskussionen um mögliche religiöse Motive des Terrors dazu, ganze Kulturkreise zu "verteufeln". Was vermeintlich Klarheit schafft verstellt aber den Blick, dass die Verantwortung für Handlungen Einzelner nicht auf eine Nation, eine Ethnie, eine Kultur oder eine religiöse Gemeinschaft überwälzt werden kann. Nichtsdestotrotz sind die Absichten der US-Regierung unmissverständlich, die beispiellose Provokation auf den Welthandel, die amerikanische Regierung und ihre Militärmacht zu vergelten und ihr Ansehen als Vormacht wiederherzustellen. Im Pentagon werden täglich Kriegsszenarien entworfen, und seine Angestellten werden nicht an den Schreibtischen sitzen bleiben, wenn sie dort vom "Krieg" ereilt werden. Einzig der Feind fehlt noch - denn gesucht wird nicht ein Täter sondern ein militärischer Gegner. Und wer auch immer der Gegner sei, er muss von der Weltöffentlichkeit als solcher erkannt werden. 

Diese anspruchsvolle Aufgabe fällt nun wiederum den Medien zu. Dabei haben sie die Chance, die Werte westlicher Demokratien zu wahren und die Medienfreiheit unter Beweis zu stellen. Denn gefragt sind jetzt Medien, die sich weder von den Erwartungen westlicher Regierungen noch von ihren eigenen Nachrichtenwerten instrumentalisieren lassen, um nicht die Feindbilder zu liefern, die zur Zeit so dringend benötigt werden.

 

Links:

Buddas in Afghanistan:
http://www.heise.de/tp/deutsch/inhalt/lis/12591/1.html 
http://www.heise.de/tp/deutsch/inhalt/co/7048/1.html 

Frauen in Afghanistan:
http://www.frauennews.de/themen/weltweit/afghan.htm   


 
 

Herausgeber: Katholischer Mediendienst Charles Martig | Reformierte Medien Urs Meier
Impressum: Judith Arnold, Redaktion Medienheft, Badenerstrasse 69, 8026 Zürich
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