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20.09.2001
00:00 Von: Kriest, Ulrich

96 Stunden TV
9/11 in der Endlosschlaufe des Fernsehens

Die Terroranschläge vom 11. September 2001 auf das World Trade Center in der Endlosschlaufe des Fernsehens.


Von Ulrich Kriest

Ein rauchender Wolkenkratzer mit einem Loch in der Fassade, aus dem Flammen schlagen, mitten in Manhattan. Bizarre, letztlich aber doch konventionelle Katastrophenbilder aus der Expost-Perspektive. 18 Minuten später hat sich das Szenario radikal verändert. Was jetzt geschieht, geschieht vor laufenden Kameras, ist inszeniert für die Weltöffentlichkeit: Bilder wie Special Effects aus "Independence Day" - die Apokalypse in Echtzeit. Die Nachrichten überschlagen sich, alles scheint möglich, intellektuell kaum fassbar: Katastrophe, Anschlag, Anschlagserie. Unvergesslich sein Gesichtsausdruck, als George W. Bush vor einer Schulklasse von den Geschehnissen erfährt und realisiert, dass sein Traum vom Sich-Raushalten-Können gescheitert ist. Während zunächst mit einem Hinweis auf Oklahoma City noch vor voreiligen Schuldzuweisungen gewarnt wird, beginnt die Medienmaschine, den Katastrophenloop um erste Reaktionen zu ergänzen: Rache und Schadenfreude. "Kill them all", zitiert jemand explizit John Wayne, palästinensische Kinder jubeln auf den Straßen, Bush verspricht nach alter Väter Sitte ohnmächtig: "We'll hunt them down!" "Der erste Krieg des 21. Jahrhunderts." In der ersten Nacht zeigt CNN einen Raketenangriff auf den Flughafen von Kabul, doch es handelt sich um einen Vergeltungsschlag der Nordallianz für die Ermordung ihres Kommandeurs Massud. Aus den USA erreichen uns stattdessen Genrebilder aus dem Fundus der Amerikana: Stars & Stripes, Schlangen von solidarischen Blutspendern, erschöpfte Firefighters, eine Pressekonferenz endet mit "God bless America", der inoffiziellen Hymne. Uns wird erzählt, dass die Bewohner New Yorks unter dem Eindruck des Schreckens freundlicher geworden seien. "Make this world a better place!" Es gilt: Good Guys & Bad Guys, Them or Us, Zivilisation vs. Barbarei. "Jetzt sind wir alle Amerikaner!" statt "We are the World!" Als hätte es dieses Anschlags bedurft, um mittels einer kopierten Sentenz endlich transatlantische Solidarität zurück zu geben. "Was sind das für Menschen?", lautete die Frage dieser Tage, gekoppelt mit ostentativer Fassungslosigkeit, Ohnmacht und Tränen, so, als läge das 20. Jahrhundert Jahrhunderte zurück. Für eine Antwort auf die Frage scheint sich kaum jemand zu interessieren. Gegen die narzisstisch in den Medien zur Schau gestellte bundesdeutsche Betroffenheits- und Trauergesten, die rasch ins Zentrum gerückte eigene Befindlichkeit, insbesondere unter Jüngeren, denen zum Thema "politisches Handeln" reflexhaft nur noch Lichterkette einfällt, bedarf es Zivilcourage, um auf historische Einordnung und politische Bewertung zu beharren. Wer will schon wissen, dass die USA einst die Taliban gegen die UdSSR aufgerüstet haben? Dass sich Russland die Chance bietet, sich in einem globalen Aufwasch ihrer tschetschenischen "Probleme" zu entledigen? Für die "dunkle Seite" der Globalisierung? "Kommentarlos", aber wohl polemisch gemeint, präsentiert ein Sender Ausschnitte einer irakischen Nachrichtensendung, die die aktuelle Berichterstattung mit Archivbildern aus Vietnam und Hiroshima beginnt. Der Komplexität aus den Archiven antwortet die Reduktion von Komplexität durch die Geschichten, die die Medien konventionell zu erzählen gewohnt sind, das Parlando der Nachmittagstalkshows mit den ahnungslosen Harburger Nachbarn der "Terrorbestien" ("BILD"). Die Heldengeschichten von den Passagieren des Fluges UA 93, die Schlimmeres wohl verhinderten, die Anrufe der Entführten, der in den Flammen Eingeschlossenen bei ihren Familien. Hierzulande zählt die symbolische Geste: Musikkanäle setzen ihr Programm aus, das Fernsehprogramm wird gereinigt (u.a. von "Deliverance", einem trefflichen Beitrag zur Situation), Tonträger, die plötzlich geschmacklos geworden sind, werden vom Markt genommen, Bundesliga und Oktoberfest finden statt. Business as usual, aber mit Trauerflor. Schwarzenegger erinnert an den Terminus US-amerikanischer Militärstrategen zur Bezeichnung für zivile Opfer der Bombardierung Jugoslawiens. Der Kinosstart von "Collateral Damage" wird verschoben. Stichwort: Pearl Harbor. Gern genutzte Referenz, um die nationale Tragödie einzuordnen, Filmflop des Sommers, der u.a. en passant eine größere Öffentlichkeit mit der These konfrontierte, dass es sich bei dem "heimtückischen Überfall" der Japaner um einen clever ausgelegten Köder zur Legitimation des US-amerikanischen Kriegseintritts gehandelt habe. "Jetzt wird aufgeräumt!" Gemeint ist damit das Trümmerfeld von Süd-Manhattan, aber wohl auch der strategische Raum "Zentralasien".


 
 

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