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24.10.2001
00:00 Von: Loretan, Matthias

Aktuelle Beiträge zur Begründung der Medienethik

Angewandte und professionelle Ethiken boomen. Fast alle Professionen verfügen über eigene Zeitschriften, Forschungszentren und Bildungseinrichtungen. Über zweihundert Forschungszentren sollen sich weltweit allein mit Medienethik beschäftigen. Kaarle Nordenstreng weist für 1995 in allen fünfunddreissig untersuchten europäischen Ländern mindestens einen Ethikkodex nach, über deren Einhaltung in immerhin fünfundzwanzig Ländern Räte - meist Presseräte genannt - wachen.


Von Matthias Loretan

Im Folgenden werden aktuelle Beiträge zur Medienethik erläutert, die in zwei Publikationen erschienen sind. Es handelt sich um:

Pattyn, Bart (2000) (Ed.): Media Ethics. Opening Social Dialogue. European Ethics Network. Core Materials for the Development of Courses in Professional Ethics. - Leuven: Peeters, 422 Seiten.

Brosda, Carsten / Schicha, Christian (2000) (Hrsg.): Medienethik zwischen Theorie und Praxis. Normen für die Kommunikationsgesellschaft. Münster: Lit-Verlag (Reihe: ikö-Publikation / Schriften des Instituts für Kommunikationsökologie; Bd. 2), 223 Seiten.

 

Kontroverse Befunde über den Boom publizistischer Selbstregulierung

Neben der Medienkritik stellen die Medienräte ein verbreitetes und weithin akzeptiertes Verfahren publizistischer Selbstregulierung dar. Seinen Institutionalisierungen sind zunehmend vergleichende Studien gewidmet: Kaarle Nordenstreng über Medienräte in Europa (in: Pattyn, 69ff.), Huub Evers über Funktionen und Strukturen der Ethikcodes (in: Pattyn, 255ff.), Ingrid Stapf über Formen medienethischer Selbstkontrolle in den USA (in: Broda / Schicha, 144ff.) sowie Barbara Thomass über den Wandel der Paradigmen journalistischer Ethik in den Transformationsgesellschaften Osteuropas (in: Brosda / Schicha, 133ff.) und über die Umsetzung verschiedener Konzepte Journalistischer Ethik in den Curricula publizistischer Aus- und Weiterbildungseinrichtungen in Frankreich, Großbritannien und Deutschland (in: Pattyn, 376ff.).

Die Befunde über die Legitimation und die Leistungsfähigkeit publizistischer Selbstregulierung fallen kontrovers und zwiespältig aus. Als schwache Form der Regulierung bleibt journalistische Professionsethik auf ein spezifisches Zusammenspiel mit anderen Institutionalisierungen publizistischer Kommunikation wie dem Recht und dem Markt angewiesen. Positivistisch lassen sich diese Institutionalisierungen als ausdifferenzierte Systeme beschreiben und deren Input und Output füreinander optimieren. Wird die Funktion journalistischer Ethik allerdings am Anspruch gemessen, die Verantwortung der Professionellen für die Leistungen des Mediensystems gegenüber den Klienten zu sensibilisieren und zu regeln, so äussert Nordenstreng den Verdacht (in: Pattyn, 79), dass die Räte und Codices einem kosmetischen Repertoire von guten Absichten mit eingeschränkter praktischer Relevanz gleichkämen und letztlich das professionell organisierte, vermachtete Mediensystem stärkten, statt die Kommunikationsbedürfnisse der Klienten bzw. der Bürger aufzuwerten. Gegenüber den eher konflikt- und fallbezogenen Debatten der publizistischen Selbstregulierung lenkt Medienethik als wissenschaftliche Disziplin ihr Augenmerk stärker auf die Begründung von Kriterien und Zielwerten, nach welchen die Medien ihre Leistungen (langfristig) in einer angemessenen Qualität auszurichten haben.

 

Zwei Modelle der Begründung von Medienethik

Als reflexive und theoriegeleitete Disziplin versucht Medienethik, das Image idealistisch akademischer Abgehobenheit abzustreifen. Besorgt um praktische Relevanz kümmert sie sich zunehmend um die Anschlussfähigkeit ihrer theoretischen Begründungen an die praktischen Anwendungsdiskurse. "Medienethik zwischen Theorie und Praxis" lautet denn der Titel einer der zu besprechenden Publikationen. Ihrer Programmatik wissen sich die eher wissenschaftlich argumentierenden Autoren beider Publikationen verpflichtet. Diese decken insgesamt ein breites Spektrum von Fragen ab: von moralphilosophischen Überlegungen zur Rationalität von Normbegründungen, über die demokratietheoretische Legitimation von Medienfunktionen, zu effizienzorientierten Analysen publizistischer Selbstkontrolle.

Die meisten Autoren beider Sammelbände gehen von einem spezifischen "moral point of view" aus und reduzieren die ethischen Fragen nicht auf reine Angemessenheitsentscheidungen, wie empirisch-analytische Ansätze dies nahe legen. Wir konzentrieren uns im Folgenden vor allem auf begründungstheoretische Fragestellungen und vernachlässigen jene durchaus informativen Beiträge über verschiedene Institutionalisierungen der Berufsethik wie Kaarle Nordenstreng über Medienräte in Europa (in: Pattyn, 69ff.), Huub Evers über Funktionen und Strukturen der Ethikcodes (in: Pattyn, 255ff.), Ingrid Stapf über Formen medienethischer Selbstkontrolle in den USA (in: Brosda / Schicha, 144ff.). Empirisch-analytische Studien haben in den letzten Jahren wichtige und beachtete Beiträge zur realistischen Beurteilung von Legitimation und Leistungsfähigkeit der Professionsethik geleistet, so dass in der Rezension der beiden vorliegenden Sammelbände die Aufmerksamkeit vor allem auf die moralphilosophischen Begründungsstrategien gelenkt wird.

Die Herausgeber kommen ihren parallelen Ansprüchen mit unterschiedlichen Konzepten und Schwerpunkten nach. Sinnvoll ergänzen sich die Reader, indem der eine jeweils die toten Winkel des anderen ausleuchtet. Die englischsprachige europäische Publikation setzt einen kulturwissenschaftlichen Akzent und nimmt kaum Bezug auf die (deutsche) Debatte zwischen der Diskursethik und dem systemtheoretischen Konstruktivismus. Umgekehrt konzentriert sich der deutsche Sammelband auf abstrakte diskursethische Moralbegründungen und ihre Relevanz für die Medienethik und vernachlässigt dabei die Potenz der hermeneutischen Rekonstruktion moralischer Werte für eine inhaltliche Fundierung der Medienmoral.

 

Bedeutung kommunitaristischer Zeitdiagnosen für eine materiale Medienethik

Die Löwener Publikation resultiert aus dem "Core Materials Project" zur Entwicklung von Basismaterial für die berufsethische Ausbildung, das vom "European Ethics Network" betrieben und von der Europäischen Kommission finanziell unterstützt wird. In Abgrenzung zu instrumentellen und technokratischen Konzepten Angewandter Ethik weist Johan Verstraeten im Vorwort der Medienethik ihren Platz in einer allgemeinen Ethik öffentlicher Kommunikation zu. Hineingestellt in spezifische Lebenswelten, rekonstruiert Ethik normative Muster, nach denen vergesellschaftete Individuen ihre Erfahrungen deuten. In diesen Interpretationsdiskursen werden die normativen Muster nicht nur angewandt, sondern zugleich legitimiert und weiter entwickelt. Eine hermeneutisch argumentierende Medienethik rekonstruiert entsprechend ihre normativen Prämissen (Werte) aus einem kulturell imprägnierten (Selbst-)Verständnis der Gesellschaft und ihrer allgemeinen Werte und Normen. Johan Verstraeten postuliert als wichtigste Aufgabe der Medienethik, die emotionale und intellektuelle Kompetenz der Beteiligten als Verantwortung für die sozialen Folgen des (beruflichen und politischen) Handelns herauszustellen und zu bilden.

Das Löwener Lehrbuch versammelt Beiträge von Autoren verschiedener wissenschaftlicher Disziplinen und unterschiedlicher kultureller Traditionen. Der bereichernden Vielfalt widersprechen allerdings editorische Unsorgfältigkeiten. So sind viele der zusammengetragenen Texte zwar durchaus aktuell, aber nicht originär für diesen Sammelband geschrieben. Die entsprechenden Erstpublikationen werden vom Herausgeber nicht erwähnt, wie er auch darauf verzichtet, die Autoren mit ein paar Koordinaten vorzustellen und ihre Beiträge im weit verzweigten Forschungsfeld zu situieren. Dies erschwert die Orientierung und schränkt die Möglichkeiten zu weiteren Recherchen ein.

In einem Überblick über die angelsächsische Geschichte der moralphilosophischen Paradigmen in der Medienethik charakterisiert Clifford G. Christians (in: Pattyn, 15) die Verbindung zwischen akademischer Moralphilosophie und angewandter Medienethik als schwach und wenig inspirierend. Als sich im ausgehenden 19. Jahrhundert mit der Professionalisierung des Journalismus in den USA Aus- und Weiterbildungsinstitutionen entwickelten, isolierte sich die philosophische Ethik als akademische Fachdisziplin mit meta-ethischen Fragestellungen und verlor den Kontakt zu den drängenden gesellschaftlichen Fragen. Die als Anwendungsethik konzipierten Professionsethiken begnügten sich ihrerseits mit wenig anspruchsvollen utilitaristischen und positivistischen Denkfiguren und begründeten die Funktionen des Mediensystems (positivistisch) mit den Erfordernissen des demokratisch organisierten Staatswesens. Die aktuelle Rezeption der diskursethischen Ansätze in der Ethik öffentlicher Kommunikation vermag zwar wieder an inspirierende, moralphilosophische Fragestellungen anzuknüpfen, Habermas' ethischer Rationalismus allerdings bleibt nach Christians in abstrakten, begründungstheoretischen Fragen stecken.

Der Abstraktion der Diskursethik stellt Robert A. White, der andere Nestor des aktuellen angelsächsischen Medienethikdiskurses, ein kommunitaristisches Begründungsprogramm entgegen (in: Pattyn, 47ff). Er diagnostiziert ein generelles Unbehagen an der Glaubwürdigkeit publizistischer Medien und führt dieses darauf zurück, dass die Werte und Normen der publizistischen Professionsethiken nur unzureichend abgestützt sind auf einen inhaltlichen Konsens über allgemeine gesellschaftliche Grundwerte. Entsprechend beurteilt White die professionelle Selbstregulierung als ein Alibi, um den Einfluss der Medienkritik und der Publikumswünsche auf die Formulierung von Medienstandards abzuwehren. Hier setzt das kommunitaristische Begründungsprogramm ein, indem es in den konkreten Kontexten inhaltliche moralische Orientierungen rekonstruiert. In einem historischen Überblick rekonstruiert White den diskontinuierlichen Wandel moralischer Paradigmen bzw. normativer Weltbild-Konstruktionen (Metaphysik, Subjektive Autonomie, Intersubjektivität) und ihre Relevanz für die Modelle öffentlicher Kommunikation in modernen pluralen Gesellschaften. Wie Habermas bezieht sich White ebenfalls auf dialogische Prinzipien, bringt diese allerdings in kontingenten sozialen Kontexten zur Geltung. Ihre normativen Orientierungen versucht White für die Medienethik fruchtbar zu machen, indem er die wichtigsten sozialen (Medien-)Akteure darauf verpflichtet, ihre Konflikte (1) nach dialogischen Prinzipien zu verhandeln und (2) ihre Optionen mit Bezug auf allgemeine sittliche Werte zu begründen. Durch die diskursive Beanspruchung der allgemeinen Werte zur Klärung von Geltungsansprüchen privater Interessen und Motivationen leisten die Beteiligten einen Beitrag zur Stabilisierung eines materiellen normativen Konsenses.

Für die Medienethik als eine Disziplin angewandter Ethik erweisen sich kommunitaristische Begründungsprogramme als anregend, weil sie die Rationalität kommunikativen Handelns nicht nur formal in universalpragmatischen Bedingungen von Diskursen (Habermas) rekonstruieren, sondern weil sie die Werte öffentlicher Kommunikation inhaltlich im Kontext konkreter gesellschaftlicher und damit kontingenter Verständigungsprozesse und ihrer normativ wirksamen Traditionen evaluieren. So bezieht sich Cees J. Hamelink bei der Begründung der normativen Intuitionen der Medienethik auf die Menschenrechte (in: Pattyn, 127). White nimmt die Medien im Kontext westlicher Demokratien in die moralische Pflicht, indem er sie an ihrem Beitrag misst, die Werte der Gerechtigkeit und der menschlichen Würde zur Geltung zu bringen. Ein Modell für eine solch wertorientierte Publizistik stellt für White der Public Journalism dar, der sich in Themenwahl und -bearbeitung der Partizipation des Publikums an der öffentlichen Meinungsbildung verpflichtet weiss (vgl. Sonja Fink: "Public Journalism" - ein neues journalistisches Konzept und seine Umsetzung in Lokalredaktionen der USA. In: Communicatio Socialis 2/2001, 196-218).

 

Zeitdiagnosen der Postmoderne und ihre Relevanz für die Medienethik

Für die zeitgebundene, aber auch zeitdiagnostische und gesellschaftskritische Relevanz materialer Begründungsprogramme stehen die beiden Aufsätze von Luc Van Poecke (in: Pattyn, 139) und Walter Lesch (in: Pattyn, 191), die sich mit den Spannungen zwischen Moderne und Postmoderne und ihrer Konsequenzen für die Medienethik auseinander setzen. Mit dem Instrumentarium einer kritischen Kulturphilosophie evaluiert Lesch die Diagnosen der Postmoderne nicht als Verfallsgeschichte, die durch die Ästhetisierung der Ethik bzw. durch die relativistische Aufgabe von nicht eingelösten Potentialen der Moderne scheinbar beliebig würde, sondern entdeckt in Konzeptionen von postmodernen Ethiken Gewinne für das Denken von Pluralität und Differenz. Entsprechend postuliert Lesch, sich nicht krampfhaft an ein einziges normatives Konzept von Öffentlichkeit zu klammern, sondern die Beiträge der Medien (1) zur privaten Unterhaltung des Publikums sowie (2) zur Herstellung demokratisch funktionsfähiger Öffentlichkeiten als spezifisch ethische Leistungen zu würdigen und kritisch aufeinander zu beziehen. Gegen die Diagnose der Postmoderne als "Posthistorie", die mit dem Erreichen wirtschaftsliberaler und rechtsstaatlicher Verhältnisse jenseits der mühsamen Emanzipationsgeschichte zu einem Ende gelangt wäre, besteht Lesch in Anlehnung an Derrida auf der Dignität der journalistischen Tätigkeit, die mit seismographischer Genauigkeit die sozialen Entwicklungen und geistigen Befindlichkeiten von Tag zu Tag zu protokollieren und zu bewerten habe.

In der Unübersichtlichkeit der späten Moderne konstatiert Lesch eine strukturelle Parallelität zwischen Medien und Ethik, die in einem wechselseitigen Lernprozess zu kultivieren sei. Zum einen kommunizieren Medien nicht nur über die gesellschaftlichen Verhältnisse, sondern auch in ihren normativ problematischen Strukturen. Zum anderen ist verantwortliches Handeln nur möglich, wenn moralisches Urteilen gekoppelt ist mit einem unvoreingenommenen Sehen der Wirklichkeit. In ihrer Interpretationsarbeit an den verwirrenden und widersprüchlichen Zeichen der Zeit bleibt auch die nicht bereichsspezifische Ethik auf den kritischen Dialog mit den Medien angewiesen. Im Kontext der Spätmoderne haben sich (medien-)ethische Diskurse als kritische Kommentare zu immer rasanteren und medial imprägnierten Entwicklungen ihrer Zeit- und Zeichengebundenheit bewusst zu werden. Ähnlich wie die Medienwissenschaften innerhalb der Sozialwissenschaften avanciert die Medienethik zu einer Leitdisziplin innerhalb der praktischen Philosophie.

 

Unterhaltung als sittlicher Wert privater Lebensgestaltung

Im Unterschied zu den Professionsethiken rückt die Publikumsethik die Verantwortung der Klienten in den Blickpunkt. Demokratietheoretisch begründete Konzepte stellen die Rolle des Publikums und seine politische und soziale Mitverantwortung heraus. Der elitäre Anspruch neigt zur Überforderung, da die Einflussmöglichkeiten des Publikumsverhaltens auf die Qualität der Medienprodukte zum einen beschränkt sind, zum anderen gerade problematische Programminhalte sich besonderer Beliebtheit bei den Rezipienten erfreuen. Der resignierte Gestus publikumsethischer Analysen wird zunehmend durch neue, realistische Konzepte einer Ethik der Mediennutzung abgelöst (Cees J. Hamelink, in: Pattyn, 393; Rüdiger Funiok, in: Pattyn, 403 und in: Schicha / Brosda, 62). In einer bedürfnisethischen Perspektive geht Rüdiger Funiok von den medienbezogenen Wünschen und Bedürfnisbefriedigungen des Publikums aus. Indem er die Rezipienten bei ihrem Lebensgefühl abholt, kann Funiok seinen Adressaten ethische Dimensionen der von ihnen bejahten Lebensstilgestaltung aufzeigen. Dabei wird Mediennutzung nicht nur als mediale Form politischer Partizipation thematisiert, sondern vor allem als Teil des privaten Konsumstils, der in einer gemeinwohlorientierten Rahmenordnung als Ausdruck freier Selbstbestimmung gelten kann, zugleich aber auch ökologisch und sozial verantwortlich ist. Funiok diskutiert anthropologische Begründungen der Publikumsethik (in: Pattyn, 403) und entwirft eine bedürfnisethische Programmatik im Rückgriff auf ein wirtschaftsethisches, aber nicht utilitaristisches Konzept (in: Brosda / Schicha, 62).

 

Bedeutung formeller diskursethischer Verfahren zur Beurteilung von Medienentwicklungen in modernen demokratischen Gesellschaften

Editorisch sorgfältig verfahren die Herausgeber der Publikation aus der Schriftenreihe des Institutes für Kommunikationsökologie in Dortmund. In ihrer Einführung bieten die Herausgeber Christian Schicha und Carsten Brosda einen aktuellen und informierten Überblick über den Stand der medienethischen Debatte vor allem im deutschen Sprachraum. Sie umreissen das Spannungsfeld zwischen Ideal- und Praxisnormen und bilanzieren den Ertrag diskursethischer Verfahren für die qualitative Beurteilung von Medienentwicklungen (Technologien, Symbolsprachen, Inhalte) in modernen demokratischen Gesellschaften. Angesichts der funktionalen Differenzierung moderner Gesellschaften messen viele deutsche Autoren der Integrationskraft von allgemeinen Werten und Normen keine grosse Bedeutung zu. Positivistisch beschränken sie sich darauf, im Rahmen gegebener systemischer Funktionszusammenhänge, Dysfunktionen zu beschreiben (Medienkritik) und bei der Steuerung der noch offenen praktischen Konflikte formelle Diskursansprüche, aber keine inhaltlichen Werte zur Geltung zu bringen.

Christian Schicha (in: Brosda / Schicha, 173) diskutiert normative Modelle von Öffentlichkeit in demokratischen Gesellschaften. Im Anschluss an diskursive und liberale Konzepte werden ethisch relevante Postulate für die journalistische Bearbeitung von Themen vorgestellt. Sein Kollege Carsten Brosda (in: Brosda / Schicha, 109) verfolgt ein ähnliche journalismusrelevante Reformulierung der Diskursethik, indem er die moralphilosophischen Prinzipien der Diskursethik in einem diskursiven Jouralismus-Konzept zu operationalisieren versucht. Brosda begreift die Journalisten in einer Doppelrolle: zum einen als Vermittler von Diskursen zwischen anderen gesellschaftlichen Akteuren, zum anderen als Teilnehmer an öffentlichen Auseinandersetzungen. In der Vermittlungsdimension verpflichtet die Diskurstheorie die Medien zur diskursiven Repräsentanz, nach deren Anspruch zumindest der informationsorientierte Journalismus die wesentlichen Argumente öffentlicher Debatten zu vermitteln hätte. Die Teilnehmerperspektive verlangt von den Journalisten die kritische Einordnung der in den öffentlichen Auseinandersetzungen vorgebrachten Argumente. Die strukturellen Sachzwänge einer kommerziell orientierten Berichterstattung widersprechen allerdings diesen Anforderungen. Für die beiden Herausgeber stellen Personalisierung, Visualisierung und Unterhaltungsdominanz Nachrichtenfaktoren dar, welche die Komplexität der Wirklichkeit soweit reduzieren, dass es den Rezipienten schwer fällt, die politischen Zusammenhänge angemessen zu erfassen. Günther Rager (in: Brosda / Schicha, 76) diskutiert in seinem Beitrag, in welcher Weise und mit welchen Konsequenzen ethische Aspekte als fünfte Dimension neben den Kriterien Aktualität, Vermittlung, Relevanz und Richtigkeit in Qualitätskonzepte des Journalismus integriert werden könnten.

Autoren und vor allem Herausgeber der Dortmunder Publikation scheinen zuweilen die Leistungsfähigkeit der Medienethik als Reflexionsorgan zu überschätzen, wenn sie die Spannung zwischen Ideal- und Praxisnormen mit ihrem ethischen Rationalismus aufheben. Die unterschiedlichen gesellschaftlichen Erwartungen an die Medien und an die Qualität ihrer Leistungen lassen sich nicht ohne Zwang in einer theoretisch konsistenten Argumentation begründen. Zu vielfältig und zu wenig gleichgerichtet vertreten die Beteiligten ihre ethischen Optionen und faktischen Interessen, zu diskontinuierlich verlaufen die Diskurse um normative Orientierungen in Bezug auf ihre Reichweiten (faktische Kompromisse in Gesellschaftspolitik, Medienpolitik, Berufspolitik, Unternehmenspolitik und individuelle Optionen) und im Kontext ihrer systemischen Institutionalisierung (Markt, Politik), als dass die Diskursethik als Moraltheorie eigene substantielle Beiträge zu berufsethischen und medienpolitischen Debatten beisteuern könnte. Wenn es in medienethischen Diskursen um möglichst angemessene Applikationen begründeter und somit gültiger Normen auf konkrete Situationen geht, dann verfügen allenfalls die empirisch-analytischen Wissenschaften über methodisch gesicherte Kompetenzen. Die Diskursethik als begründende Moraltheorie kann jedoch bei der inhaltlichen Evaluation normativer Problemlösungen keine privilegierte Position unter den Beteiligten geltend machen. In zivilgesellschaftlichen Diskursen vermag sie als moralphilosophische Institution die formalen Prinzipien normativer Argumentation von innen her zur Geltung zu bringen, bei ihren inhaltlichen Stellungnahmen ist sie insbesondere auf den Dialog mit den empirischen und hermeneutischen Wissenschaften sowie den Medien verwiesen. Letztere stellen ihr insbesondere aktuelles und problemorientiertes Fallwissen zur Verfügung (vgl. Christoph Neuberger 1996: Journalismus als Problemverarbeitung. Objektivität und Relevanz in der öffentlichen Kommunikation. Konstanz; auch Helmut F. Spinner 1988: Wissensorientierter Journalismus: Der Journalist als Agent der Gelegenheitsvernunft. In: Lutz Erbring u.a. (Hrsg.): Medien ohne Moral. Variationen über Journalismus und Ethik. Berlin).

Die Begründung der Medienethik im Rahmen einer normativen Theorie öffentlicher Kommunikation setzt die Medien den Irritationen der anderen Systeme bzw. den wirtschaftlichen und politischen Sachzwängen nicht schutzlos aus, sondern macht sie zu Mandataren zivilgesellschaftlicher Diskurse. Medien haben sich folglich auf Klienten hin zu orientieren, welche als private Konsumenten im direkten Umgang mit Medien ihre Unterhaltungsbedürfnisse befriedigen und zugleich als Bürger (citoyen) ihre Wirklichkeitskonstruktionen (Meinungen) bilden, in denen sie ihre Erfahrungen und Interessen deuten und artikulieren. Wie diese zivilgesellschaftlichen Zielwerte auch im stark marktorientierten Medienbereich durchgehalten werden können, zeigen zwei Publikationen mit einem wirtschaftsethischen Fokus: Carmen Kaminsky (in: Brosda / Schicha, 43) entlarvt den Hinweis auf das kommerziell ausgerichtete Mediensystem als Immunisierungsstrategie gegen ethische Ansprüche und insistiert auf der Verantwortlichkeit der Beteiligten für die Zustände innerhalb der Medienpraxis, indem sie trotz vorhandener struktureller Zwänge auf den Handlungsspielräumen absichtsvoll und bewusst handelnder Akteure festhält. Matthias Karmasin (in: Brosda / Schicha, 195) versucht die Relevanz wirtschaftlicher Kriterien in einem medienethischen Konzept zu operationalisieren, das der zunehmenden Ökonomisierung der Medien und der von ihnen durchdrungenen Lebenswelten in der Informationsgesellschaft Rechnung trägt. Zur Sensibilisierung der Verantwortung von (Medien-)Unternehmen skizziert Karmasin das Stakeholder-Modell, das die betriebliche Leistungserstellung nicht prinzipiell in Frage stellt, sondern sie um die strategische Dimension der Stakeholder erweitert. Das in den USA entwickelte Konzept ermöglicht ex ante die Einbindung und den Einfluss gesellschaftlicher Anspruchsgruppen in die Entscheidungsfindung und ex post die Kontrolle und das Feedback zivilgesellschaftlicher Akteure.

 

Matthias Loretan ist Dozent für Medienethik am Institut für Journalistik des Fachbereichs Gesellschaftswissenschaften der Universität Freiburg i. Ue., Geschäftsführer des Katholischen Mediendienstes in Zürich sowie Redaktor des Medienhefts.

 

Literatur:

Brosda, Carsten / Schicha, Christian (2000) (Hrsg.): Medienethik zwischen Theorie und Praxis. Normen für die Kommunikationsgesellschaft. - Münster: Lit-Verlag (Reihe: ikö-Publikation / Schriften des Instituts für Kommunikationsökologie; Bd. 2), 223 Seiten.

Fink, Sonja (2001): "Public Journalism" - ein neues journalistisches Konzept und seine Umsetzung in Lokalredaktionen der USA. In: Communicatio Socialis 2/2001, 196-218.

Neuberger, Christoph (1996): Journalismus als Problemverarbeitung. Objektivität und Relevanz in der öffentlichen Kommunikation. Konstanz.

Pattyn, Bart (2000) (Ed.): Media Ethics. Opening Social Dialogue. European Ethics Network. Core Materials for the Development of Courses in Professional Ethics. - Leuven: Peeters, 422 Seiten.

Spinner, Helmut F. (1988): Wissensorientierter Journalismus: Der Journalist als Agent der Gelegenheitsvernunft. In: Lutz Erbring u.a. (Hrsg.): Medien ohne Moral. Variationen über Journalismus und Ethik. Berlin.


 
 

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