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02.04.2002
00:00 Von: Haller, Michael

Der Journalismus im Medientheater

Journalismus dient der Information und der gesellschaftlichen Orientierung. Dies zumindest sind die vordergründigen Funktionen, während sich die Hintergründe in der Mediengesellschaft wandeln. Schablonen der Wirklichkeit wie jene der westlichen Werte konstruieren vorschnell Antworten auf offene Fragen. Und Marktgesetze bestimmen die Nachrichtenauswahl nach Kriterien und Routinen, die gerade in Krisensituationen versagen können. Aus zeitlicher Distanz kommt die Medienberichterstattung über die Terroranschläge vom 11. September auf das World Trade Center und über die militärischen Vergeltungsangriffe der USA auf Afghanistan einem Psychodrama gleich. Dramen sollen jenseits des Faktischen den Ablauf einer inneren Wandlung nicht nur zeigen, sondern auch miterlebbar machen. Die entsprechenden dramaturgischen Muster kennen wir seit der Antike als theatralische Inszenierungen - Muster, denen heute die Medien mit der Inszenierung auch der grossen Ereignisthemen folgen. Dieses Journalismus dient der Information und der gesellschaftlichen Orientierung - zumindest vordergründig. Hintergründig erweisen sich die Muster der Medienberichterstattung oft als Psychodramen, die Grossereignisse wie die Terroranschläge von 9/11 als ein Theater inszenieren.


02. April 2002

Der Journalismus im Medien-Theater

Michael Haller

Journalismus dient der Information und der gesellschaftlichen Orientierung. Dies zumindest sind die vordergründigen Funktionen, während sich die Hintergründe in der Mediengesellschaft wandeln. Schablonen der Wirklichkeit wie jene der westlichen Werte konstruieren vorschnell Antworten auf offene Fragen. Und Marktgesetze bestimmen die Nachrichtenauswahl nach Kriterien und Routinen, die gerade in Krisensituationen versagen können. Aus zeitlicher Distanz kommt die Medienberichterstattung über die Terroranschläge vom 11. September auf das World Trade Center und über die militärischen Vergeltungsangriffe der USA auf Afghanistan einem Psychodrama gleich. Dramen sollen jenseits des Faktischen den Ablauf einer inneren Wandlung nicht nur zeigen, sondern auch miterlebbar machen. Die entsprechenden dramaturgischen Muster kennen wir seit der Antike als theatralische Inszenierungen - Muster, denen heute die Medien mit der Inszenierung auch der grossen Ereignisthemen folgen. Dieses Medien-Theater besorgte die Vermittlung des Terroranschlags und seiner Folgen mit einer eindrücklichen Inszenierung. Warum und wie er dies tut, soll die folgende Skizze erläutern.

 

Journalismus: Spieler oder Spielball im Newsmanagement?

Das Selbstbild, das unsere Mediengesellschaft von sich hat, bedeutet das Bühnenbild, vor dem die Journalisten agieren und interagieren, wenn sie sich um die Vermittlung ereignisbezogener Wahrheiten bemühen. Meine These hierzu lautet: In der Mediengesellschaft befindet sich der Journalismus in dem Dilemma, dass seine Informations- und Thematisierungsarbeit einer Dynamik unterworfen ist, die er nicht (mehr) steuern kann, deren Verlaufsmuster er indessen kennen (lernen) sollte. Andernfalls wird er die ihm zugeschriebene Orientierungsfunktion nicht mehr erbringen können.

Wie sich diese Dynamik in der Medienwelt abspielt und welchen dramaturgischen Mustern sie dabei folgt, möchte ich stichwortartig am Beispiel der Berichterstattung in den Wochen und Monaten nach dem 11. September skizzieren.

 

"USA under attack" als mediales Psychodrama

In den USA durchlief die Medienberichterstattung mehrere, deutlich voneinander abgrenzbare Phasen. Die erste Phase dauerte mehrere Tage und bestand fast nur aus der Repetition der Bilder und Fakten: immer wieder dasselbe rund um die Uhr. Die Erklärungen wirkten oft hilflos und waren reich an Fehldeutungen, weil das Gesamtbild fehlte. Während dieser Phase wurde das Geschehene symbolisch nachvollzogen, um das Unfassbare fassbar zu machen - typisch für das Verhalten nach einem traumatisierenden Schockerlebnis. Man kennt dies aus dem Individualverhalten: Die Überlebenden des Unfalls müssen wieder und immer wieder erzählen, wie es ablief, um zu begreifen, dass sie die Überlebenden sind und sich gegenüber den Toten dafür nicht schuldig zu fühlen brauchen.

Auf journalistisches Handwerk bezogen geht es in dieser ersten Phase um genaues Informieren über das, was in Erfahrung gebracht werden kann - im Sinne der klassischen Recherchier- und Berichterstattungsregeln: Wer, was, wann, wo und wie? (nicht aber das "Warum", also die Gründe und Hintergründe, weil diese Antwort eine Deutung verlangt, für die das Zusammenhangswissen noch fehlt). Die Nachrichtenmedien, die das Image hoher Informationskompetenz besitzen, erzielten ab dem 12. September in allen westlichen Ländern die grössten Reichweitengewinne quer durch alle Gattungen: bei der Presse, beim Radio, beim Fernsehen, im Internet. Bis zu 60 Millionen Amerikaner scharten sich täglich um ihre Bildschirme und hörten die klärenden Worte der Chefmoderatoren von ABC, NBC, CBS und CNN. Ihre auf Orientierung gerichteten Berichte hatten eine grössere Bedeutung als die scharfmacherischen Tiraden der Leitartikel in vielen Zeitungen ("To War, not to Court", Washington Post 12.09.01).

Dass im Übrigen zahlreiche Fernsehjournalisten in Deutschland schon am 11. September lieber bedeutungsschwer (oder wichtigtuerisch) herumdeuteten anstatt genau zu beobachten, zu erzählen und zu berichten, ist eine deutsche Krankheit. Deren Deutungslust wurde noch gesteigert durch den Konkurrenzdruck, möglichst als Erster einen stimmigen Sinnzusammenhang bieten zu können, auch wenn die Puzzlesteine noch fehlten. Mehr Liebe zur Sachlichkeit, mehr Zurückhaltung - konkret: mehr Widerstand gegenüber dem "auf Speed" drückenden Marketing - wären angezeigt.

Die zweite Phase schloss sich unmittelbar an und dauerte bis Ende November, also etwa acht Wochen. Man kann sie die Phase der Vergeltungswut nennen: Öffentlich zelebrierte Revanche als Reaktion auf die schwere, das Wertegefüge der eigenen Identität beschädigende Kränkung. (die Annahme ist naheliegend, dass der Zeitpunkt für den Beginn der Bombardierung Afghanistans nicht allein strategischem Kalkül, sondern auch der dramaturgischen Logik medialer Inszenierung folgte).

In den US-Medien wurden Kriegsszenarien gefeiert, Szenen und Ereignisbilder zu Symbolen der Selbstbehauptung, zu Ikonen des american spirit stilisiert; das Personal der US-Army, das seinen Job machte, verwandelte sich im Fernsehen zum Fahnenträger US-amerikanischer Selbstbehauptung. Die Kommentatoren und Moderatoren, die sich über diese Form der Emotionalisierung kritisch äusserten, wurden abgemahnt oder gar abgesetzt (wie Bill Maher mit seiner Talkshow "politically incorrect"). Und jene Medien, die den Patriotismus am deutlichsten herauskehrten, waren die erfolgreichsten. Die Reichweite des rechtspopulistischen Fox-Channel sprang nach oben. Und neben den plump patriotisch dekorierten Fox-Studios wirkte CNN mit seiner brav drapierten Stars-and-stripes-Flagge fast schon verzagt.

Unter den US-Journalisten entbrannte eine mit Inbrunst geführte Patriotismus-Debatte. Die in Deutschland erscheinende Internationale Fachzeitschrift für Journalismus, MESSAGE, hat diese Diskussion nachgezeichnet und analysiert (in: 1/2002). Beispielsweise erliess der CNN-Vorsitzende Isaacson am 30. Oktober den Ukas, dass man über die von Amerikanern getöteten Zivilisten in Afghanistan nur unter Bezugnahme auf die Opfer des Terroranschlags in den USA berichten dürfe. Ähnliche Anweisungen gab es auch in Tageszeitungsredaktionen, meist als Reaktion auf Leserstimmen, die sich darüber empörten, dass ihre Zeitung über die Wahrheit afghanischer Zivilopfer berichtet hatte. Auf die Frage eines CBS-Reporters, warum er die Bombardierung afghanischer Dörfer für gerecht halte, antwortete US-Aussenminister Powell: "Weil ich Amerikaner bin" - eine Begründung, die dem Journalisten so evident erschien, dass er das Nachfragen vergass.

US-amerikanische Medienwissenschaftler deuten diese Phase rückblickend als angemessen, weil das Land auf eine direkte, auf Vernichtung gerichtete Aggression reagiert habe, indem sein verletztes Selbstbewusstsein auf Satisfaktion sann. Die US-Journalisten seien Mitbetroffene in der Gesellschaft und darum distanzlose Akteure gewesen. Sie übertrugen und verstärkten die Wut, mit der die narzisstische Kränkung abgewehrt wurde.

In Bezug auf das Handwerk hat in dieser Phase der Journalismus als Orientierungssystem versagt. Statt aufzuklären, wurde die Hysterisierung mitbetrieben, die Attentäter und ihre Hintermänner als Inkarnation des Bösen in grellen Farben ausgemalt und alles Irritierende ausgeblendet. Als deutlich wurde, dass die Urheber der Anthrax-Briefe in den USA zu suchen waren, schwand jedes Recherchier-Interesse.

Newsweek hatte in kluger Weitsicht bereits am 5. November geschrieben: "The patriots furor is sure to ebb at some point". Anfang Dezember war es dann soweit. Mit dem Zusammenbruch der Taliban in Afghanistan begann im US-Journalismus die dritte Phase, die der Katharsis. Sie galt vor allem der Klärung der eigenen Rolle wie auch dem Versuch einer differenzierteren Sinndeutung des Geschehenen. Es begann die Zeit der Rückgewinnung journalistischer Kompetenz. CNNs Screen-Banner "America strikes back" galt jetzt als unprofessionell und wurde demontiert. Die anfangs beliebten Anti-Muslim-Polemiken wirkten deplaziert. Als die populäre Kolumnistin Ann Coulter erneut einen Beitrag über die "mad mullahs" schrieb und darin den Wunsch äusserte, man möge deren Führer umbringen, verlor sie ihren Job beim Magazin National Review. Susan Sonntags kritische Reflexionen - bereits am 24. September im New Yorker publiziert - wurden endlich aufgegriffen und fanden ein diskussionswilliges Publikum. Einige Chefredakteure grosser Blätter entschuldigten sich für ihren übertriebenen Patriotismus und publizierten zum Thema Islam und Vergeltung Pro- und Kontrabeiträge in ihren Spalten.

Ich sehe die US-Medien derzeit in einer - die Katastrophe des 11. September abschliessenden - vierten Phase, während der die meinungsführenden Medien den "Infomüll" aufräumen, Recherchedefizite aufarbeiten und um Aufklärung bemühte Sinnzusammenhänge erarbeiten - zum Beispiel auch zur Frage nach den Urhebern der Anthrax-Briefe, die derzeit von verschiedenen Rechercheteams bearbeitet wird.

Auch die von Georges W. Bush während seiner Asien-Reise erneut lautstark in Szene gesetzten Kreuzzugs-Metaphern werden jetzt in ein deutlich differenzierteres Gesamtbild eingefügt als noch im September. Inzwischen ist die Stimmung optimistisch, sozusagen auf Happyend eingestellt: Karzai is a good guy.

 

Uralte Dramaturgiemuster

Diese Themenkarriere bestätigt eine Beobachtung, die wir schon früher bei anderen Ereignisthemen gemacht haben: In der Mediengesellschaft erzählen uns die Medien Grossereignisse nach dem Muster einer Geschichte, die tradierten Dramaturgieregeln folgt - Regeln, nach denen traumatisierende Erlebnisse re-inszeniert, durchlebt und vielleicht auch bewältigt werden.

Diese seit der Antike bekannten Muster gehörten früher ausschliesslich auf die Bühne des Theaters. Heute erzeugen die Bildschirmmedien ihre eigene Theatralik und inszenieren katastrophische Grossereignisse in der Form eines Psychodramas. Dabei folgen sie einer archetypischen Dramaturgie, die von der Exposition in die Polarisierung, weiter zur kathartischen Krise und schliesslich zur Auflösung, wenn möglich zum Happyend führt. Die Olympischen Winterspiele in Salt Lake City waren nach Massgabe des Publikumsinteresses die erfolgreichsten. Sogar Skispringen und Langlauf fanden viele Millionen Zuschauer eine spannende, weil folgenlos-unterhaltende Sache.

Der Journalismus kann diese Dynamik nicht steuern, er kann sich ihr auch nicht entziehen; sie ist der Medienkommunikation in der offenen Gesellschaft eigentümlich. Der Journalismus führt auch nicht Regie, er ist nur Mitspieler. Aber er hat immerhin die Möglichkeit, den Erwartungen an seine Rolle zu genügen und sie so glaubwürdig auszugestalten, dass das Stück nicht allein der Kurzweil, sondern auch der Orientierung dient.

 

Journalismus in der offenen Gesellschaft

Übrigens erscheint auch der Ablauf solcher Themenkarrieren wie festgelegt. Ob Bosnienkonflikt, ob Parteispendenskandal oder die Nato im Kosovo: Das Mediendrama läuft selten länger als vier Monate - dann ist die Luft draussen: Die Leute können es nicht mehr hören, heisst es in den Redaktionen. Und so ist es auch, die Geschichte ist zu Ende, auch wenn wir noch nicht viel wissen. Nicht viel über die Parteispender, nicht viel über die wahre Rolle der Nato im Kosovo, nicht viel über Osama bin Laden, der in den Medien seine Hauptrolle als Satan schon zu Ende gespielt hat, noch ehe im realen Leben die wahren Rollenträger identifiziert sind.

Wie erklärt sich diese Dynamik, der die Inszenierung solcher Ereignisthemen folgt? Meines Erachtens geht sie auf die veränderte Funktion der Medien in der informationsoffenen, entideologisierten Gesellschaft zurück. Unsere Gesellschaft erzeugt ihre kulturelle Identität nicht mehr über die überkommenen Normensysteme (Religion, Staat, politische Ideologie), sondern zirkulär über mediale Kommunikation: Die Medien insgesamt thematisieren und moderieren das gesellschaftliche Selbstgespräch. Und sie machen es nicht schlecht, solange die Kommunikation inhaltlich offen und die Moderation diskursiv, also auf Verständigung gerichtet ist. Denn diese allein wirkt integrativ.

Doch das öffentliche Gespräch verliert seine integrierende Funktion, wenn die Medien im Kampf um Reichweite und Marktanteile ihre Selbstreferenz erhöhen, zum Beispiel, indem sie aus den Ereignissen surrogate Events machen, diese nach dem "Me-too"-Muster durchsetzen und kontinuierlich über das Marketing recyceln (Die Talk-Welle, die Realsoap-Welle, die Quizwelle usw.) - und zeitgleich die Informationsleistung abgebaut wird. Zu viel Selbstreferenz ist vergleichbar mit einem Neurotiker, der seinen zirkulär ablaufenden Zwängen ausgeliefert ist.

Diese dysfunktional wirkende Selbstreferenz wird unter dem Druck des Medienwettbewerbs von mancher Programmdirektion weiter verstärkt, etwa, indem die Auslandberichterstattung zurückgefahren, die redaktionelle Infrastruktur ausgedünnt und journalistische Kompetenz abgebaut wird. Wenn sich dann katastrophische Grossereignisse zutragen, müssen die Verbliebenen in den Redaktionen Unglaubliches leisten und sind dennoch fachlich überfordert. Sie können die Rolle des Journalismus in dieser Gesamt-Inszenierung nicht ausfüllen, wirken beiläufig und hilflos - und werden prompt auf Nebenrollen abgedrängt. Dies ist freilich kein irreversibler Prozess, sofern die Fernsehjournalisten sich ihrer angestammten Rolle vergewissern und Widerstand gegen diese Marginalisierung leisten.

Der unbeirrt nachforschende, von partikularen Interessen unabhängige, mithin rollengerechte Journalismus ist tatsächlich die Gegenkraft, weil er zumindest dies kann: durch kontinuierliche Informationsarbeit Aussenreferenz herstellen. Sie allein gewährleistet die Offenheit unserer Gesellschaft, hält ihre Integrationskraft lebendig und wirkt als Immunsystem gegen alte Ideologien wie gegen neue.

 

Michael Haller ist Professor für Allgemeine und Spezielle Journalistik an der Universität Leipzig. und Herausgeber von MESSAGE, der Internationalen Fachzeitschrift für Journalismus. Der Text ist ein Auszug eines Referats, das er anlässlich der 35. Mainzer Tage der Fernsehkritik vom 18./19. Februar 2002 vorgetragen hat.


 
 

Herausgeber: Katholischer Mediendienst Charles Martig | Reformierte Medien Urs Meier
Impressum: Judith Arnold, Redaktion Medienheft, Badenerstrasse 69, 8026 Zürich
Website © Medienheft: www.medienheft.ch