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03.09.2002
00:00 Von: Benoit, Fabienne

Die verlorene Ehre der "ZEITUNG"

Bölls Roman "Die verlorene Ehre der Katharina Blum" lädt ein, aktuelle Medienereignisse kritisch zu reflektieren. Bei der Lektüre beeindruckt, wie schnell man sich in die Lage der von einer Medienkampagne verfolgten Protagonistin hineinversetzt und beginnt, das schlicht "ZEITUNG" genannte Boulevard-Blatt zu verabscheuen. Dank der Sprachfinesse des Autors wirkt die Erzählung über weite Strecken realistisch, wobei aber auch der Humor nicht fehlt. So schreibt Böll im Vorwort: "Sollten sich bei der Schilderung gewisser journalistischer Praktiken Ähnlichkeiten mit den Praktiken der 'Bild'-Zeitung ergeben haben, so sind diese Ähnlichkeiten weder beabsichtigt noch zufällig, sondern unvermeidlich."


Von Fabienne Benoit

Trotz sinkender Verkaufszahlen weisen die Boulevardzeitungen 'Bild', 'Kronen-Zeitung' und 'Sun' immer noch die höchsten Auflagen auf. Was den 'Blick' und 'Sonntagsblick' betrifft, so wird es in den nächsten Monaten interessant, wie sich nach dem Fall "Borer/Ringier" die Auflagenzahlen entwickeln. Dass sich reisserische Storys nicht immer bezahlt machen, ist nicht neu, und auch gewisse journalistische Praktiken und Verhaltensmuster von Betroffenen sind altbekannt. Sie spiegeln sich zuweilen in filmischen oder auch literarischen Werken wieder, so zum Beispiel von Heinrich Böll.

Wer war Katharina Blum?

Die Hauptfigur in Bölls Erzählung "Die verlorene Ehre der Katharina Blum" wird von verschiedenen Seiten unterschiedlich charakterisiert. Eine erste Einschätzungen der Roman-'Heldin' nimmt der Autor mit der Namensgebung vorneweg: 'Katharina' kommt aus dem Griechischen und steht für 'die Reine', 'die Geläuterte'. 'Blum' verweist auf die Blume. Somit handelt es sich um eine 'reine Blume'. Diese ist den Gefahren der Umwelt ziemlich wehrlos ausgesetzt, was eine erste Interpretation ihrer späteren, blutigen Tat nahe legt, eine Handlung aus Hilflosigkeit und Verzweiflung. Zunächst einmal ist Katharina eine fleissige und strebsame Hausangestellte. Sie hat ihren Mann nach nur einem halben Jahr Ehe verlassen, denn er "sei eben nie zärtlich, sondern immer zudringlich gewesen" (Böll 1992:40). Im Verlauf der Erzählung erfährt Katharina weitere Charakterisierungen, positive durch ihre Freunde (Woltersheim, Blornas), negative durch ihre Widersacher (Beizmenne, Tötges, Brettloh). Katharina wird allgemein als distanziert beschrieben und hin und wieder als 'Nonne' bezeichnet. Ihre Tante sagt, sie sei immer "ein fleissiges, ordentliches, ein bisschen schüchternes, oder besser gesagt: eingeschüchtertes Kind gewesen, als Kind sogar fromm und kirchtreu" (ebd. S. 86).

Ein nahezu konträres Bild von Katharina Blum zeichnet der ZEITUNGS-Reporter Tötges: "Räuberliebchen", "Mörderbraut", "radikale Person". Zudem stellt er unzählige Behauptungen auf, die den ZEITUNGS-Leser dazu verleiten, sich ein schlechtes Bild von Katharina zu machen: Sie sei "eiskalt und berechnend" und "eines Verbrechens fähig". "Zärtlichkeiten eines Räubers und Mörders" seien ihr lieber "als Brettlohs unkomplizierte Zuneigung". Sie habe "eine richtig nuttige Art" und sich "angesehenen Wissenschaftlern und Industriellen" angeboten (ebd. S. 155; 55).

Was wirklich geschah

Ist eine 'reine Blume' zur Bluttat fähig? Dazu meint Böll im Anfang seiner Erzählung: "(..) es wird ja noch geklärt werden, warum eine so kluge und fast kühle Person wie die Blum den Mord nicht nur plante, sondern auch ausführte." (ebd. S. 19) Nachdem Götten, der Geliebte Katharinas, als Krimineller entlarvt und gefasst wird, empört sie sich über die Medienberichterstattung, was sich von Tag zu Tag bei jeder ZEITUNGS-Ausgabe steigert. Sie fühlt sich zunehmend hilflos, was schliesslich zu ihrer Vereinsamung führt. Schliesslich lädt sie den ZEITUNGS-Reporter Tötges zu einem Exklusivinterview ein. Dieser kommt mit einer anzüglichen Begrüssung in ihre Wohnung, worauf sie ihn mit mehreren Schüssen niederstreckt. Ein paar Stunden später gibt sie zu Protokoll: "Ich dachte natürlich auch an den Erschossenen da in meiner Wohnung. Ohne Reue, ohne Bedauern." (ebd. S. 188)

Von Tätern und Opfern

Tötges ist die Personifizierung der Skrupellosigkeit einer Boulevard-Zeitung. Für eine reisserische Story 'geht er über Leichen'. Das wird deutlich, wie er als Anstreicher verkleidet und entgegen den Anweisungen des Spitalpersonals zum Krankenbett von Katharinas Mutter vordringt. Er schockiert die Kranke mit Aussagen über deren Tochter dermassen, dass diese kurz darauf stirbt. Tötges schiebt die Schuld der "kalten Tochter" zu, die nach dem Ableben ihrer Mutter "nicht einmal geweint" habe (ebd. S.: 155). Weitere publizistische Figuren werden in Bölls Erzählung nur am Rande erwähnt. Da ist zum einen Lüding, der laut Sträubleder die Zeitung in der Hand hat, sowie der Bildjournalist Adolf Schönner. Nicht erwähnt werden der Chefredaktor und der Verleger der ZEITUNG. Dabei wäre interessant zu erfahren, inwiefern Tötges eigenmächtig oder gemäss den Anweisungen von Vorgesetzten und den Gesetzen herrschender Strukturen gehandelt hat. Bölls Untertitel "Wie Gewalt entstehen und wohin sie führen kann" ist Programm. Die Handlung wird in erster Linie durch die ZEITUNG vorangetrieben. Darin schlägt sich die journalistische Praxis nieder, eine Story verkaufswirksam über mehrere Wochen hinweg zu entwickeln und häppchenweise zu servieren.

Wie Böll bereits im Vorspann erwähnt, sind Ähnlichkeiten zwischen der ZEITUNG und der 'Bild'-Zeitung "unumgänglich". Tatsächlich sind ihre Ähnlichkeiten im Vorgehen, im Schreibstil und in der Art der Berichterstattung frappant. Sehr schön dargestellt werden Tötges' Methoden der Informationsverfälschung. Böll zeigt auf, wie nicht-repräsen­tative Zeugen befragt (Ex-Ehemann Brettloh), und Aussagen umgedreht werden. Ebenso führt er vor Augen, dass Übertreibung, Verleumdung, rhetorische und Suggestiv-Fragen, Schwarzweiss-Malerei, Unterschlagung und falsche Gewichtung von Informationen zu einer fast vollständigen Umdrehung der Tatsachen führen können. Dies löst bei den ZEITUNGS-Lesern zwei unterschiedliche Reaktionen aus: Entweder Betroffenheit, Ablehnung und Entsetzen oder aber der Glaube an das Dargestellte und die entsprechende Verachtung der gehetzten Person, zuerst von Katharina, später auch von Blorna.

Auf Seiten der Protagonistin eröffnen sich verschiedene Erfahrungsdimensionen. Auf der sozialen Ebene erlebt sie den Druck, den die ZEITUNG mit den wiederholten Verleumdungen auf sie ausübt: "Alle Leute, die ich kenne, lesen die ZEITUNG" (ebd. S. 83f.). Katharina weiss, wie einfach sich die Leute in ihrem Umfeld beeinflussen lassen, und glaubt ihr Ansehen und ihre Ehre verloren. Daraufhin macht sie die politische Erfahrung, dass für den Staat die Pressefreiheit wichtiger ist als der Schutz des Individuums und wie schwierig es ist, etwas gegen die Lügen der Sensationspresse zu unternehmen. Zudem vermutet sie, dass die Polizei mit der ZEITUNG zusammenarbeitet. Die moralische Erfahrung kommt ins Spiel, als sich die Frage stellt, ob Katharina trotz Göttens krimineller Vergangenheit zu ihm hält, was sie bejaht. Später trifft sie eine amoralische Entscheidung für die Selbstjustiz und erschiesst den verhassten Reporter Tötges, den für sie einzig Schuldigen.

Verlust und Widerstand der Sprache

Ein wichtiger Bestandteil von Katharinas Charakter ist ihre Sprachsensibilität, die im Kontrast zur derben Sprache der ZEITUNG steht: "Die Dauer der Vernehmungen liess sich daraus erklären, dass Katharina Blum mit erstaunlicher Pedanterie jede einzelne Formulierung kontrollierte, sich jeden Satz, so wie er ins Protokoll aufgenommen wurde, vorlesen liess." (ebd. S. 39) Sowinski (1994: 34f.) schreibt dazu in seiner Interpretation: "Der Widerstand der Katharina Blum gegen ihre Umgebung ist immer auch ein sprachlicher Widerstand; die verlorene Ehre ist zugleich auch die verlorene Sprache, in der man es nur ficken nennen kann, in der ein Wort wie gütig nicht vorkommen darf, sondern behördlicherseits durch sehr nett oder gutmütig ersetzt werden soll. Dem Verlust an Ehre für das Individuum entspricht der Verlust der Sprache für die Gesellschaft."

Überhaupt ist das Zusammenkommen verschiedener Sprachstile in Bölls Erzählung zentral: der kommentierende und dokumentierende des Autors, der Protokollstil der Polizei, die hin und wieder vulgäre Umgangssprache Beizmennes, die grobe Sprache Blornas während seiner Wutanfälle sowie die herablassend vulgäre Sprache Tötges' kurz vor seiner Ermordung. In dieser Hinsicht stellt Katharina mit ihrer wohlüberlegten Ausdrucksweise einen Gegenpol dar. Böll selbst lässt es aber nicht an Ironie fehlen: "Natürlich ist es betrüblich, wenn eine freiberuflich arbeitende Hausangestellte einen Journalisten erschiesst." (1992: 131)

Eine Retourkutsche?

Im Zusammenhang mit der Darstellung der Medien wäre auch nach den Umständen zu fragen, unter welchen Böll "Die verlorene Ehre der Katharina Blum" verfasst hat. Ende der 60er Jahre löste die Springer-Presse mit ihren Geschichten um die Baader-Meinhof-Gruppe in Deutschland Unruhe aus.

Böll äusserte sich in einem Artikel im Spiegel wie folgt:
"Das ist nicht mehr kryptofaschistisch, nicht mehr faschistozid, das ist nackter Faschismus, Verhetzung, Lüge, Dreck. (...) Die Überschrift Baader-Meinhof-Gruppe mordet weiter ist eine Aufforderung zur Lynchjustiz. Millionen, für die 'Bild' die einzige Informationsquelle ist, werden auf diese Weise mit verfälschten Informationen versorgt. (...) Wer von ihnen [von den Parlamentariern] weiss schon, was es bedeutet, in einem Rechtsstaat gehetzt zu werden von 'Bild', das eine weitaus höhere Auflage hat als der 'Stürmer' sie jemals gehabt hat?"

In der Folge nahmen die Verleumdungen gegen Böll von Seiten der Boulevardpresse nochmals zu. Man unterstellte ihm, mit seiner Erzählung zur Gewalt aufzufordern. Diese Behauptung fand ihren Weg gar bis ins Parlament, wo sich der damalige CDU-Franktionsvorsitzende Prof. Dr. Karl Carstens im Oktober 1974 zur Aufforderung hinreissen liess, "sich von der Terrortätigkeit zu distanzieren, insbesondere auch vom Dichter Heinrich Böll, der noch vor wenigen Monaten unter dem Pseudonym Katharina Blum ein Buch geschrieben hat, das eine Rechtfertigung von Gewalt darstellt." (Peuckmann 1977: 15) Zuvor hatte man mit einer gesteigerten Kampagne gegen die Baader-Meinhof-Gruppe im Volk auch die Feindseligkeit gegenüber den demonstrierenden Studenten geschürt. Vor diesem Hintergrund wurde Bölls Erzählung verschiedentlich als Retourkutsche betrachtet.

Allerdings schreibt Marcel Reich-Ranicki in seiner Rezension (1974):
"So unzweifelhaft dieser direkte biografische Anlass, so sehr würde man Böll verkennen, wollte man die Geschichte der Katharina Blum vor allem oder gar ausschliesslich als Reaktion auf diese Presse-Attacken verstehen. Zunächst einmal geht es um das Individuum als Opfer der Massenmedien überhaupt, das Extreme (also die ZEITUNG) dient hier zur Verdeutlichung des Exemplarischen. Zum anderen ist Bölls Kritik weniger gegen die Bild-Zeitung gerichtet als gegen die Gesellschaft, die ein Phänomen wie die Bild-Zeitung duldet, ermöglicht und offenbar benötigt."

Zehn Jahre nach der Veröffentlichung schrieb Böll in einem Nachwort:
"ZEITUNG ist derart vollgesogen mit Verlogenheit, dass in ihr sogar eine unverfälschte Tatsache als Lüge erscheinen würde. Kurz gesagt: sie zieht sogar die Wahrheit in den Dreck, wenn sie sie 'wahrheitsgemäss' wiedergibt."

Die Moral der Geschichte

Böll will mit seiner Erzählung keine Identifikation im klassischen Sinne erwirken. Der Leser soll zwar Sympathie für Katharina entwickeln, aber gleichzeitig erkennen, dass sie den falschen Weg gewählt hat. Bereits im Untertitel weist Böll darauf hin, dass Katharina zur Gewalt getrieben wurde. Dies ist gewiss nicht als Billigung ihrer Tat gemeint. Vielmehr will Böll das Ausmass und die möglichen Folgen einer medialen Hetzjagd aufzeigen und zu einer kritischen Einstellung gegenüber der Presse anhalten: "Das wäre meine Moral: Misstrauisch sein, und wenn man zum Opfer wird, sich wehren dagegen, wie weiss ich nicht. Diese junge Dame wählt diesen Weg, den ich nicht empfehlen kann, aber es gibt andere Möglichkeiten, sich zu wehren und die Unfehlbarkeit der Zeitungen permanent in Frage zu stellen. Das wäre meine Moral." (1992: 240f., aus einem Interview von Dieter Zilligen für NDR, Fernsehen III. Programm: Bücherjournal, 19.10.1974).

 

Fabienne Benoit studiert an der Universität Freiburg Medien- und Kommunikationswissenschaften, Journalismus und italienische Literatur. Sie arbeitet als freie Sportjournalistin.

 

Literatur:

Balzer, Bernd (1994): Böll. H.: Die verlorene Ehre der Katharina Blum. Reihe: Grundlagen und Gedanken zum Verständnis erzählender Literatur. Frankfurt.

Balzer, Bernd (1977): Heinrich Bölls Werke: Anarchie und Zärtlichkeit. Köln.

Bernsmeier, Helmut (1997): Heinrich Böll. Literaturwissen für Schule und Studium. Reclam. Stuttgart.

Böll, Heinrich (1992): Die verlorene Ehre der Katharina Blum. Mit Materialien und einem Nachwort des Autors. KiWi. Köln.

Ludwig, Gert (1999): Heinrich Böll. Die verlorene Ehre der Katharina Blum. Eine literarische Auseinandersetzung mit dem Sensationsjournalismus. In: Königs Erläuterungen und Materialien. Bange. Hollfeld.

Peuckmann, Heinrich (1977): Unterrichts-Einheit Heinrich Böll: Die verlorene Ehre der Katharina Blum oder: Wie Gewalt entstehen und wohin sie führen kann. In: Hensel, Horst (Hrg.): Unterrichts-Einheiten zur demokratischen Literatur. Eine Publikation des "Werkkreises Literatur der Arbeitswelt", Frankfurt a. M..

Reich-Ranicki, Marcel (1974): Der deutschen Gegenwart mitten ins Herz. Eine unpathetische Anklage: Heinrich Bölls Erzählung "Die verlorene Ehre der Katharina Blum". In: Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 17.12.1974.

Sowinski, Bernhard (1994): Heinrich Böll. Die verlorene Ehre der Katharina Blum. Oldenbourg Interpretationen. München.


 
 

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