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14.03.2003
00:00 Von: Huber, Margrit

Medienethik in der Aus- und Fortbildung von Medienberufen
Rückblick auf die Jahrestagung des Netzwerks Medienethik

In der Öffentlichkeit ruft das Stichwort Medienethik meist verständige Zustimmung hervor, während in Journalistenkreisen, wo sich schnell der Verdacht auf Disziplinierung regt, eher mit skeptischer Zurückhaltung zu rechnen ist. Mit dieser Feststellung eröffnete Prof. Dr. Rüdiger Funiok in der Aula der Hochschule für Philosophie München die dritte gemeinsame Jahrestagung des Netzwerks Medienethik und der DGPuK Fachgruppe Kommunikations- und Medienethik, die am 20. und 21. Februar stattfand.


Von Margit Huber

Wer heutzutage für einen Medienberuf ausgebildet wird, sollte nicht nur lernen, nach welchen Kriterien sich verantwortliches Medienhandeln bestimmen lässt. Er sollte diese Kriterien vor allem berufspraktisch anwenden können. Medienethik als selbstverständlicher Bestandteil des Studiums der Publizistik, Journalistik oder Medienwissenschaft - davon sind deutsche Studiengänge noch weit entfernt. Um ein aktuelles Bild darüber zu gewinnen, wie Medienethik in der Ausbildung von Medienberufen verankert ist, und um sich über didaktische Methoden zu verständigen, die für eine praxisnahe Vermittlung ethikorientierten Medienhandelns tauglich sind, versammelten sich über siebzig, teils im Medienbereich, teils in der Ausbildung von Medienberufen tätige Medien-, Publizistik- und Kommunikationswissenschaftler aus Deutschland, der Schweiz, Österreich, den Niederlanden und den USA.

 

Bestandsaufnahme Ausland

Moralische Werte können gelehrt werden: Dafür spricht unter anderem der wachsende Stellenwert, den Medienethik seit 25 Jahren in der Journalistenausbildung der Vereinigten Staaten einnimmt. Dort werden, wie Prof. Dr. Bernhard Debatin von der Scripps School of Journalism, Athens (Ohio) ermittelt hat, an 73% der Hochschulen mit entsprechendem Studiengang ethische Themen in Pflichtveranstaltungen behandelt; an deutschen Universitäten ist dies nur in 31% der Fall. Nach Auskunft von Dr. Matthias Karmasin (Universität Klagenfurt) ist Medienethik an österreichischen Universitäten institutionell und curricular noch schwächer verankert als in Deutschland. In den journalistischen Studiengängen der Niederlande hingegen sei Ethik als selbständiges Pflichtfach und eigenständiges Programm integriert, gab Dr. Huub Evers bekannt, der an der Fontys Hochschule für Journalistik in Tilburg und an der Universität Amsterdam Medienethik lehrt.

Die Art aber, wie Ethik an US-amerikanischen Universitäten bzw. Medienorganisationen unterrichtet wird - Prof. Debatin sprach von einer praktizistisch vereinfachenden und individualistischen Behandlungsweise - eignet sich schon aufgrund völlig unterschiedlicher Ausgangssituationen nicht als Modell für deutsche Lehrveranstaltungen. Aber auch an der vergleichsweise differenzierten, aber oft theorielastigen Vorgehensweise hierzulande lässt sich vieles verbessern.

 

Methoden und Zielsetzungen

Mittels Fallstudien aus dem beruflichen Alltag, durch Intensivanalysen, Ethikvorlesungen, studentische Referate und schriftliche Übungen (z.B. Verfassen eines Pressekodex), anhand von Diskussionen und Rollenspielen werden in Übungen und Seminaren ethische Prinzipien erläutert und auf konkrete Praxisfälle angewendet. Medienethische Lernstrategien zielen auf dreierlei Veränderungen bei den Studierenden ab: auf die Schärfung des logisch-analytischen Wahrnehmungs- und Denkvermögens, auf die Stärkung der moralischen Sensibilität und schließlich auf die Sicherheit ethischer Urteilsbildung.

 

Medienethische Lehrveranstaltungen in Deutschland

Prof. Dr. Michael Haller (Universität Leipzig) beschrieb das Theorie-Praxis-Dilemma, mit dem Studierende der Journalistik konfrontiert sind, wie folgt: Während die Logik ethischer Prinzipien und Normen wohl begreifbar sei, könnten ihre Inhalte in den komplexen Zusammenhängen des beruflichen Medienhandelns kaum umgesetzt werden. Das übliche "top-down-Verfahren", eine abstrakte Norm an den Kasus anzulegen und diesen danach zu interpretieren, scheitere in der Ausbildung von Medienberufen, zum einen, weil Normen "realitätsblind" seien, zum anderen, weil deduktive Begründungen von Lernenden als autoritär abgelehnt würden und somit erfolgreiches Lernen verhinderten. Dem Ausbildungsziel "Handlungssicherheit durch ethisch reflektierte Praxis" nähern sich die Studierenden der Journalistik an der Universität Leipzig daher im "bottom-up-Verfahren" in drei aufeinander aufbauenden Lernphasen: Schon bei der Einführung in journalistisches Handeln (Wahrnehmen, Selektieren, Präsentieren) wird auf die Bedeutung von Normen hingewiesen, danach erfolgt das praktische Einüben journalistischer Handlungsweisen (z.B. Recherchieren) sowie das Erstellen eines Regelwerks, und zuletzt wird Ethik als Metaebene explizit thematisiert.

Die Erkenntnis, dass ethisches Medienhandeln wirksam und nachhaltig nur durch eigene Einfühlung in die fachimmanente Problematik zu erlernen sei, wird an der Universität Dortmund, ähnlich wie in Leipzig, in einem dreistufig gegliederten Studiengang umgesetzt: Nach dem viersemestrigen Grundstudium, zu dem auch Ethikvorlesungen gehören, folgt eine intensive Praxisphase in einem einjährigen Volontariat. Daran schließt sich das viersemestrige Hauptstudium an. In einem medienethischen Seminar werden ausschließlich Fälle aus der studentischen Volontariatspraxis behandelt. Für Prof. Dr. Horst Pöttker, der diese Seminare seit Jahren leitet, hat sich gezeigt, dass die zur Urteilsfindung relevanten Normen zu zwei Dritteln aus der allgemeinen Moral stammen und nur zu einem Drittel aus der spezifischen journalistischen Moral. Aber gerade diese Normen seien Studenten nicht von vornherein einsichtig. Für Pöttker geht es im Kern um den gesellschaftspolitischen Auftrag des Journalismus, für einen möglichst ungehinderten und unbeschränkten Grad an gesellschaftlicher Kommunikation zu sorgen. Die Lehrbarkeit und praktische Umsetzbarkeit ethischer Prinzipien sei ferner an einen positiven Bezug zu dieser "offen legenden" Tätigkeit gebunden: "Man muss Journalismus mögen, um Berufsethik vermitteln zu können."

PD Dr. Rainer Leschke (Uni Siegen) rechtfertigte seine ausschließlich produktions­analytische Vorgehensweise mit der Vielfalt von Berufsrollen im gesamten Medienbereich. Die ethischen Grenzdiskurse, die sich aus der medienwissenschaftlichen Gegenstandsanalyse ergeben, seien zum Lehren und Lernen von allgemeiner Medienprofessionalität geeignet: Durch Genre-überschreitendes Aufdecken und Hinterfragen informell transportierter Normen weckten sie Interesse an der Entstehung von Normen, dienten der Bewusstseinsentwicklung für das Funktionieren von Normen, ließen ein Gespür für Risikoabschätzung entstehen und unterstützten so das Einüben von Techniken des moralischen Handelns in bestimmten Situationen.

 

Didaktische Anleihen aus Erwachsenenbildung und Medienpädagogik

Mit einem breiten Methodenspektrum für nachhaltiges und praktisch umsetzbares Lernen im Fach Medienethik wartete PD Dr. Barbara Thomaß (Universität Hamburg) auf. In ihrem Vortrag über kognitive und verhaltensorientierte Methoden bei der Vermittlung journalistischer Ethik unterstrich sie die Vorteile eines ganzheitlichen, verhaltensnahen Lernkonzepts. Lernen mit Kopf, Herz und Hand entspreche der Rückbindung der moralischen Urteilsbildung an das praktische Handeln und eigne sich deshalb gut für den Medienethikunterricht an Hochschulen. Ihre Auswahl aus der Vielfalt der Vermittlungsmöglichkeiten betonte vor allem Methoden mit hohem Anteil studentischer Eigenaktivität sowie Methoden mit hoher emotionaler Involviertheit der Studierenden.

 

Einblicke in die medienethische Unterrichtspraxis

Zwei parallele Panelsitzungen boten Gelegenheit, sich eingehend über praktizierte Methoden in der universitären Journalisten-Ausbildung zu informieren. Authentische Materialien bildeten den Ausgangspunkt für den fachlichen Austausch von Seminarkonzepten: Journalistenfilme, triviale Formate, Werbung, Videoszenen aus der journalistischen Alltagspraxis sowie problematische Überschriften und Bilder als Objekte medienethischer Analysen. In einem dritten Panel wurde die Rolle der Medienethik in einem Trainee-Programm zum Verlagsmanagement (der Mediendienstleistungsgesellschaft München) beleuchtet. An der Hochschule der Medien in Stuttgart-Vaihingen erfahren medienethische Fragen eine vergleichsweise ausführliche Behandlung, mit starker studentischer Beteiligung. Die Reflexion der Berufsmoral innerhalb der einjährigen Ausbildung an der Bayerischen Akademie für Fernsehen muss umso gezielter erfolgen, je weniger Zeit dafür aufgebracht werden kann.

 

Reflexion und Ausblick

Den Mitgliedern des Netzwerks Medienethik ging es in erster Linie um Grundsätzliches wie die Sicherung der Ethik als Bestandteil der Ausbildung aller Medienberufe. Der fachliche Erfahrungsaustausch diente einer Verständigung über die zentralen Ziele und die geeigneten Methoden in der Vermittlung der Medienethik. Die Tagung des Netzwerks Medienethik vermochte Anregungen zu geben, wie die ethische Reflexivität in Medienberufen gestärkt werden könnte. Konsens bestand darüber, dass Medienethik keine zusätzliche Belastung im Alltag der Medienschaffenden darstellen darf, sondern diese unterstützen soll, einen klaren Kopf zu bewahren, um nicht in Zynismus, Gleichgültigkeit oder Opportunismus zu verfallen.

Die Ergebnisse der Referate und Diskussionen der Tagung werden voraussichtlich im Herbst 2003 veröffentlicht als Themenheft der "Zeitschrift für Kommunikationsökologie", herausgegeben vom Institut für Informations- und Kommunikationsökologie e.V., Duisburg. Einzelne Beiträge werden im Medienheft erscheinen.

Die nächste Tagung des Netzwerks Medienethik findet am 19. und 20. Februar 2004 in München statt zum Thema "Medien und globale Konflikte". Entsprechende Informationen befinden sich auf der Website des Netzwerks Medienethik: www.netzwerk-medienethik.de

 

Margit Huber M.A., Institut für Kommunikationswissenschaft und Erwachsenenpädagogik (IKE) der Hochschule für Philosophie München.


 
 

Herausgeber: Katholischer Mediendienst Charles Martig | Reformierte Medien Urs Meier
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