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04.08.2003
00:00 Von: Meier, Urs

Zunehmendes Nichtwissen
Lehren aus der Medienberichterstattung über den Irak

Die europäischen Medien waren und sind in der Berichterstattung über den Irak grossenteils um Unabhängigkeit und Objektivität bemüht. Während des Kriegs waren sie jedoch nicht dagegen gefeit, dass die Konfliktparteien versuchten, die Nachrichten zu instrumentalisieren. Dank vergleichsweise günstigen Voraussetzungen und einem geschärften Problembewusstsein vieler Journalisten erfüllte die Berichterstattung aber mehr oder weniger die zu erwartenden Standards. Darüber hinaus lag es im Wesen des Konflikts, dass die News vielfach durch vorgefasste Meinungen beeinflusst waren. Der Trend zur lückenlosen Live-Berichten und Instant-Kommentaren überforderte zudem die Medien und verbesserte die Information nicht. Journalistische Qualitätsmedien tun daher gut daran, sich auf bewährte professionelle Tugenden zu besinnen und diese Linie in der Öffentlichkeit selbstbewusst zu vertreten.


Von Urs Meier

An Reflexionen über die Rolle der Medien vor und während des Irakkriegs hat es nicht gefehlt. Viele Reporterinnen, Kameraleute, Fotografinnen und Korrespondenten, die aus Bagdad und vereinzelt von anderen Schauplätzen berichteten, hatten aus den vorangegangenen Debatten und aus Erfahrungen mit früheren Kriegen, insbesondere dem Golfkrieg von 1991, gelernt: Sie begaben sich nicht ohne Vor- und Hintergrundwissen auf das fremde Terrain, sie waren sich des zu erwartenden propagandistischen Kreuzfeuers bewusst und sie schätzten ihre eigenen Möglichkeiten der Informationsbeschaffung unter chaotischen Arbeitsbedingungen vorsichtig ein. Selbst die als "embedded journalists" unter der direkten Kontrolle der angreifenden US-Truppen stehenden Medienschaffenden bemühten sich vielfach, die besonderen Bedingungen ihrer Berichterstattung deutlich zu machen und sich so der Instrumentalisierung wenigstens teilweise zu entziehen. Die Unzulänglichkeiten der einen wie der anderen Position dürften auch den Leserinnen und Zuschauern mindestens der europäischen Medien im allgemeinen bewusst gewesen sein. Der Wille zur Offenlegung des beschränkten Einblicks in die Vorgänge äusserte sich hier nämlich immer wieder in Form von selbstkritischen Relativierungen, die kaum zu übersehen waren. Nicht grundsätzlich und ausnahmslos anders, aber doch mit massiv zur einseitigen Parteinahme verschobenem Schwerpunkt agierten die Medien der arabischen Welt und der USA. Solche klar propagandistischen Berichterstattungen werden in den folgenden Ausführungen bloss am Rande mitbedacht. Der Fokus der Beobachtung liegt auf jenen Medien, die sich um Unabhängigkeit und unparteiische Darstellung bemühten.

Trotz einer zweifellos verantwortungsbewussten Haltung eines Grossteils der (europäischen) Medien und einer einigermassen verbreiteten professionellen Disziplin bei den Mitarbeitenden war die Kriegsberichterstattung in den Dimensionen masslos und in der Qualität teilweise problematisch. Die Informationsgesellschaft forderte auf allen Ebenen ihren Tribut. So war es für die Konfliktparteien ein ehernes Gesetz, dass der Krieg ebenso sehr durch Bilder und Nachrichten wie durch Bomben und Panzer entschieden wird. Dieser strategischen Bedeutung des Medienschlachtfelds entsprach die Intensität, mit der beide Seiten auf die Weltöffentlichkeit einzuwirken versuchten. Für die Medien war der schon im Vorfeld weltweit heiss diskutierte Krieg der Stoff, in dem sich alle vitalen Themen des neuen Jahrhunderts verknäulten: die Angst vor Massenvernichtungswaffen in den Händen skrupelloser Despoten, die Bedrohung durch die mit 9/11 eröffnete Dimension des Terrorismus, der drohende Flächenbrand einer aggressiven Konfrontation zwischen westlicher Moderne und fundamentalistischem Islam, die Globalisierung unter der Vorherrschaft der USA als einziger Supermacht. Der Irakkonflikt erreichte frühzeitig den Rang eines weltgeschichtlichen Ereignisses. Er erregte rund um den Erdball hochgehende Gefühle und heftige Debatten. Dieser Krieg hatte von vornherein über seine Faktizität hinaus eine enorme symbolische Bedeutung. Dem starken Magnetfeld zwischen Pro- und Kontra-Pol vermochte sich niemand zu entziehen. Alle hatten eine Meinung, von der sie glaubten, es sei die eigene, aus eigenen Einsichten gebildete.

 

Starke Impressionen, schwache Faktenvermittlung

Die Öffentlichkeitskampagnen der Kontrahenten und die engagierte Aufmerksamkeit der Weltöffentlichkeit sorgten für eine historisch beispiellose Dichte und Intensität der Information in den Medien. Der Irak war über mehrere Monate vor, während und nach dem "heissen" Krieg das weltweit dominierende Thema. Wie nie zuvor beschleunigte der Einsatz mobiler Produktions- und Übertragungstechnik die mediale Vermittlung. Sie erzeugte eine fast lückenlose Simultaneität: Der Krieg war in Permanenz in den Medien, geschildert und erklärt in überhand nehmender Live-Berichterstattung und Instant-Kommentierung. Man verfolgte die Vorstösse der Panzer beinahe wie die Etappen der Tour de France. Durch die Übertragung der ersten zaghaften Freudenkundgebungen auf Bagdads Strassen war zu beobachten, wie die Menschen zunächst ungläubig ihre Unfreiheit abstreiften, nachdem das irakische Fernsehen eben noch die dem Machthaber zujubelnden und den bevorstehenden Sieg feiernden Massen gezeigt hatte. Das Niederzerren einer widerstrebenden monumentalen Statue fasste den Sturz des Tyrannen in ein unvergessliches Bild, das allerdings schon bald konterkariert wurde von erschütternden Szenen aus maroden Spitälern. Kameragänge durch verwüstete Säle des Nationalmuseums, Bilder des Mangels, des Chaos und der um sich greifenden Anomie wurden schliesslich zu Chiffren eines verwüsteten Landes. Man hatte das alles gesehen, doch was die Bilder zeigten, blieb und bleibt bis anhin ebenso undeutlich wie strittig. Al-Jazira und CNN transportierten mit ihren ähnlich aussehenden Reportagen ganz unterschiedliche Lesarten der irakischen Realität, und zwischen den Nachrichten und Kommentaren des unsäglich patriotischen US-Senders Fox News und denen der notorisch regierungskritischen BBC klafften Differenzen, als handle es sich um völlig verschiedene Ereignisse.

 

Der "Fall Nationalmuseum" und andere Desinformationen

Gewissermassen noch vor der hohen Anfälligkeit für ideologische Einfärbungen erwiesen sich die Medienberichte aus dem Irak bereits in der Darstellung schlichter Tatsachen als höchst unsicher. Selbst Sachverhalte, die zunächst als verbürgte Fakten gegolten hatten, stellten sich hinterher in mehreren Fällen als Fälschung und dreiste Propaganda heraus. Das krasseste der bisher bekannt gewordenen Beispiele ist die angebliche Plünderung und Verwüstung des Nationalmuseums von Bagdad. Der deutsche Medienspezialist Jürgen Krönig hat diese und andere "Enten" akribisch rekonstruiert (epd medien Nr. 49 vom 25.6.2003). Fernsehbilder zerstörter Vitrinen und trümmerbedeckter Säle waren um die Welt gegangen. Anscheinend geschockte Sprecher des Museums hatten von 170'000 geraubten antiken Kunstschätzen, ja von einem Totalverlust des kulturellen Erbes gesprochen. Fachleute in aller Welt hatten dies postwendend als "Tragödie ohne Parallele in der Weltgeschichte", als Katastrophe im Ausmass des Brandes der Bibliothek von Alexandria, ja als "kulturellen Genozid" gewertet. Die US-Militärs standen in Verdacht, das Verbrechen mindestens toleriert, vielleicht gar heimlich die Fäden gezogen zu haben.

Mittlerweile ist bekannt, dass sehr viel weniger aus dem Museum geraubt wurde, als zuerst geglaubt; die Schätzungen gehen von wenigen Dutzend bis zu einigen Hundert Objekten. Ein Kamerateam der BBC konnte die unversehrten geheimen Lagerräume zeigen, in denen die Schätze des Museums vor dem Krieg in Sicherheit gebracht worden waren. Was dort fehlte, war von Insidern entwendet worden, die per Schlüssel Zugang hatten. Die angeblich von Plünderern verwüsteten Räume hatten sich seit Jahren in diesem Zustand befunden. Das Museumsgebäude selbst hatte als militärische Kommandozentrale gedient, von dem aus US-Truppen beschossen worden waren. Der als Augenzeuge der behaupteten Ungeheuerlichkeiten und als Ankläger gegen die USA von den Medien weitergereichte Donny George stellte sich als Parteigänger Saddam Husseins und selbsternannter Museumssprecher heraus und steht unterdessen selbst im Zwielicht dubioser Machenschaften, die lange vor dem Krieg ihren Anfang genommen hatten.

 

Manipulationen der Konfliktparteien

So lange das Saddam-Regime an der Macht war, führte es die in Bagdad arbeitenden ausländischen Korrespondenten an kurzer Leine. Mit seltenen Ausnahmen konnten sich die Reporter und Fernsehteams nicht ohne Begleitung von Beamten des Informationsministeriums im Land bewegen. Vieles durfte nicht gefilmt und fotografiert werden, dafür aber wurden die Medienleute in Bussen zu den vom Regime für eine Berichterstattung ausersehenen Schauplätzen geführt. Während der Bombardierungen war es verboten, die Einschläge live zu zeigen - offiziell, um den Angreifern die Trefferkontrolle zu verwehren, zugleich aber auch aus propagandistischen Gründen. Stattdessen wurden die Bilder für die ausländischen Medien hinterher arrangiert. Zerstörte Wohnhäuser und zivile Opfer sollten die Zuschauenden in aller Welt zu sehen bekommen. Der deutsche Kriegsberichterstatter Christoph Maria Fröhder erklärte in einem Interview mit "epd medien" (Nr. 54 vom 12.7.2003), dass jeweils auch Tote aus Leichenhäusern herangeschafft worden waren, um die erwünschten Effekte zu erzeugen. Für sprachkundige Journalisten war es, wie Fröhder sagte, nicht allzu schwierig, derartige Machenschaften zu durchschauen. Da aber die meisten westlichen Medienleute wenig oder kein Arabisch sprächen, sei es leicht gewesen, sie hinters Licht zu führen.

Propagandistische Tricks gab es auch auf der anderen Seite. Zu erinnern ist an die Behauptungen der amerikanischen Regierung, der Irak unterstütze Al-Kaida. Dies wurde bald genauso als gezielte Desinformation zwecks Beeinflussung der Öffentlichkeit entlarvt wie die spätere angebliche CIA-Information, wonach Saddam Husseins Regime in Niger Uran für die Produktion von Atomwaffen habe kaufen wollen - eine plumpe Fälschung, wie später erwiesen wurde. Hier wie auch im derzeit ungeklärten Streit zwischen der BBC und der britischen Regierung um einen angeblich manipulierten Geheimdienstbericht über die Gefährlichkeit der irakischen Chemie- und Biowaffen werden die Kontroversen in den Medien ausführlich und intensiv ausgefochten. Erstaunlicherweise findet die nachträgliche Aufklärung jedoch bei den klassischen "Enten" den Weg in die Öffentlichkeit nicht. Über die Gründe der Zurückhaltung gegen die Aufdeckung von Fehlleistungen der Medien wie im Fall des Nationalmuseums kann man nur Vermutungen anstellen. Eine Erklärung liegt wohl im Umstand begründet, dass solche Enthüllungen nicht so knackig sind, weil ein prominenter Bösewicht fehlt. Hier ginge es nicht darum, den als Kriegstreibern verschrieenen Regierungschefs Bush und Blair, sondern vermutlich bloss einer untergeordneten Charge der Saddam-Diktatur einen Betrug anzulasten. Und - dies ein weiterer möglicher Grund der Zurückhaltung - die Medien hätten sich selbst zu kritisieren, da sie ungeprüft eine haarsträubende Fälschung verbreitet hatten, der man mit professioneller Quellenprüfung durchaus auf die Schliche gekommen wäre.

 

"Embedded journalists" als perfektes PR-Konzept?

Die US-Regierung hatte aus dem kritischen Medienecho auf ihre Informationspraxis im Golfkrieg von 1991 Folgerungen gezogen. Damals versuchte das Militär die Berichterstattung mittels Zensur unter Kontrolle zu halten. Der Einblender "Censored by the US military" war ungewollt zum Markenzeichen der Golf-Fernsehberichte geworden und hatte weit über die Kreise der Medieninteressierten hinaus Skepsis bewirkt. Auch in dem im Vergleich zum jüngsten Irakfeldzug längst nicht so kontrovers beurteilen Afghanistankrieg fanden sich die USA nach einer Serie von Negativmeldungen für sie überraschend auf der Anklagebank wieder. Sie hatten in der Medienöffentlichkeit die Initiative verloren - und dies, nachdem sie zunächst für ihr umsichtiges diplomatisches Vorgehen im Vorfeld der Aktion grosse Zustimmung gefunden hatten. Um Ähnliches nicht nochmals zu erleben, wollten Regierung und Militärs diesmal alles richtig machen. Ihre PR-Strategen setzten auf die Attraktion des Kriegs als Event und verfielen auf das Konzept der "eingebetteten" Journalisten: Es sollte dafür sorgen, dass die Medien attraktive Bilder und Erlebnisschilderungen bekämen, dass die Journalisten und ihre Kameras aus der Perspektive der Angreifer berichteten und dass die übermittelten Inhalte unter Kontrolle blieben. Während des Angriffs funktionierte diese Idee mindestens zum Teil. 600 Medienleute waren als Eingebettete mit den US-Truppen unterwegs und lieferten vermutlich in etwa die gewünschten Bilder. Trotzdem war es nicht möglich, die Berichterstattung umfassend zu steuern. Für die Sender gab es stets auch andere Quellen, die eigene Sichtweisen und Informationen lieferten. Das als "arabisches CNN" lancierte und in Katar domizilierte Fernseh-Network Al Jazira spielte als alternativer Newslieferant eine äusserst wichtige Rolle - wiewohl hinterher bekannt wurde, dass der (später abgesetzte) Chef des Senders entgegen der behaupteten Unabhängigkeit mit dem Saddam-Regime paktiert hatte. Doch nicht nur die von den Amerikanern vermutlich unterschätzte Konkurrenz durch Al Jazira, BBC News und andere wichtige Akteure vor Ort, sondern auch ihr eigenes Konzept des "Embedding" brachten den scheinbaren PR-Erfolg ins Wanken. Was nämlich geblieben ist von der aufwendigen Kampagne, das ist genau dieser neue Begriff "embedded journalist". Erneut hat das US-Militär ungewollt ein Markenzeichen in Umlauf gesetzt. Die Bezeichnung des Irakfeldzugs ("Iraqi Freedom") hat sich im Vergleich dazu bei weitem nicht so gut eingeprägt. Was haften bleibt, ist die Erinnerung an den gross angelegten Manipulationsversuch jener Regierung, die im Namen der Freiheit gegen eine Diktatur Krieg führte.

 

Vergleichsweise gute Bedingungen und Leistungen

Für die Berichterstattung aus dem Irak war die Ausgangslage trotz starker Einwirkung von Kriegspropaganda deutlich besser als die üblichen journalistischen Arbeitsbedingungen in Krisenherden. Auf Nachrichten aus dem Irak waren die Menschen weltweit aufs Äusserste gespannt. Die Sorge um den Verkauf der mit ausserordentlichem Aufwand produzierten Storys konnte für einmal in den Hintergrund treten. News aus den vorangehenden Wirren und ganz besonders aus dem Krieg fanden reissenden Absatz. Dank der Konkurrenz einer Vielzahl von Teams mit unterschiedlichen, teils konträren Auffassungen durfte man eine Pluralität von sich gegenseitig kontrollierenden Positionen und Sichtweisen erwarten. Die Arbeit ganzer Heerscharen von Berichterstattern am Kriegsschauplatz und in den heimischen Redaktionen sprach für eine intensive Beobachtung der Ereignisse. Dass schon im Vorfeld die Einflussnahmen der Kriegsparteien kritisch diskutierten worden waren, liess diesbezüglich eine hohe Sensibilität der Medien erwarten. Zudem ermöglichte der Einsatz modernster Technologie eine rasche Verarbeitung und eine sofortige Übermittlung des Materials selbst unter widrigen Umständen, was die Unabhängigkeit der Medien gegenüber Beeinflussungen vor Ort zusätzlich stärkte.

Misst man die Qualität des von den Medien Geleisteten an Standards der Information in derartigen Situationen, so schneidet die Berichterstattung über den Irakkrieg, zumindest was europäische Medien betrifft, relativ gut ab. Die Menge der Newsproduktion war überwältigend, was eine umfassende Beurteilung der Medienleistung schlicht verunmöglicht. In der Flut fanden sich immerhin zahlreiche kritisch abwägende Stimmen sowie Versuche zur Einordnung in historische und kulturelle Zusammenhänge. Und es gab nicht selten Journalistinnen und Reporter, die souverän genug waren zu sagen, dass sie über entscheidende Punkte keine verlässlichen Informationen hatten und wichtige Fragen nicht beantworten konnten. Selbstverständlich war das für die Korrespondenten eine Gratwanderung. Man schickt sie nicht an den Ort des Geschehens, um dann von ihnen zu hören, dass sie auch nicht mehr wissen als die Redaktion zu Hause. Schliesslich wollen alle Medien laufend den Beweis erbringen, dass sie informieren können, dass sie über die nötige Kompetenz zur Wertung und Einordnung von Nachrichten verfügen und dass sie deshalb als Kundschafter und Orientierungshilfe in unübersichtlichen Situationen wertvolle Dienste leisten.

 

Übergewicht der Meinungen

Der Irakkonflikt spielt sich in einem komplizierten Gemenge von historisch-kulturellen Bedingungen, wirtschaftlich-politischen Interessen und Machtkonstellationen ab. Aus westlicher Sicht handelt es sich um eine weit entfernte, fremdartige und schwer verständliche Weltregion. Nur schon deren jüngere Geschichte ist kaum bekannt, die involvierten Ethnien und Religionen sind schwer zu überblicken, und die Finsternis des eisernen Baath-Regimes machte den Irak seit Jahrzehnten ebenso undurchschaubar wie bedrohlich. Es war deshalb notwendig, dass sich die Medien von Anfang an um Erläuterungen und Kommentierungen des Geschehens bemühten. Fachleute der Militärstrategie, Waffentechnik, Geostrategie, Politik, Wirtschaft, Geschichte, Kultur, Religion, aber auch der Flüchtlings- und Nothilfe kamen ausgiebig zu Wort. Manche von ihnen entpuppten sich leider als allzu gewiefte Verkäufer einer fraglichen Kompetenz. Die als Expertenprognosen von den Medien im Vorfeld des Kriegs kolportierten Horrorszenarien der Hunderttausende ziviler Opfer, des lange dauernden und unkontrolliert ausufernden Kriegs, der Millionen zählenden Flüchtlingsströme, der Häufung von Terroraktionen in der Grössenordnung von 9/11, der irreparablen Umweltschäden durch gewaltige Erdölbrände, der geschlossenen Front der arabischen Welt gegen den Westen und des globalen wirtschaftlichen Niedergangs wegen Ölboykotten und Terrorängsten - es ist alles zur Peinlichkeit verkommen, und es fällt im Nachhinein schwer, sich den damals in den Medien grassierenden Alarmismus in Erinnerung zu rufen. Aus heutiger Sicht ist klar, dass solche Gewährsleute eher unterschwellige kollektive Ängste zu verbalisieren als Fachwissen beizusteuern vermochten. Etliche von ihnen hatten den Expertenstatus praktisch über Nacht erlangt, ganz einfach, weil sie im richtigen Moment verfügbar gewesen und bereit waren, Statements in der jeweils geforderten Konfektionierung möglichst live am Telefon oder im Studio abzuliefern.

Mit wenigen Ausnahmen konnten sich die Medien der Pro-Kontra-Polarität des Themas Irak nicht entziehen. Entsprechend herrschte in ihren Berichten entweder das eine oder das andere vor: die Perspektive der Wahrung des Völkerrechts oder der Beseitigung des mörderischen Regimes, die internationale Konfliktregelung oder die Notwendigkeit raschen Handelns, die Gefahr der Verschärfung weltweiter Spannungen oder die Bedrohung durch Massenvernichtungswaffen in Schurkenhänden. Die opponierenden Sichtweisen konnten nicht als sich ergänzende Aspekte eines komplexen Ganzen aufgefasst werden, sondern erwiesen sich von Beginn weg als schroffe Antagonismen. Eine Parteinahme war und ist praktisch unvermeidlich. Man war für oder gegen diesen Krieg. Auf beiden Seiten gab und gibt es sowohl populistische Haltungen, für die einfach alles klar ist, wie auch abwägende Argumentationen, die sich schwer tun mit der Entscheidung. Alle aber, ob platt oder differenziert, müssen bestimmte Aspekte ausblenden, alle haben in ihrer Wahrnehmung blinde Flecken, alle behelfen sich gegenüber der verwirrenden Realität mit Vorurteilen, alle sind nur widerstrebend bereit, notfalls ihre Meinung zu ändern. Eine breite Strömung der europäischen Öffentlichkeit war von Anfang an vehement gegen den Krieg und sieht in den Schwierigkeiten der Nachkriegszeit die Bestätigung, dass militärisches Eingreifen der falsche Weg war. Ein grosser Teil der Medienschaffenden teilt diese Haltung und bestärkt laufend die Mehrheit in ihrer Meinung. Caspar Selg, Redaktor bei Schweizer Radio DRS, hat die herrschende Voreingenommenheit des eigenen Berufsstands in einer bemerkenswerten Analyse aufgezeigt (Gazette - das Medienmagazin des Schweizer Syndikats Medienschaffender, Nr. 2/2003, 20. Juni):

"Die hiesigen Medien bemühten sich stark, den Überblick in einer ungewissen Lage zu bewahren, die Quellenlagen transparent zu halten, den Krieg nicht zum Spekulieren vor einigen militärischen Karten verkommen zu lassen. Und die Positionen der Kriegführenden kritisch zu hinterfragen. Das war gegenüber der US-Regierung fraglos sehr nötig und wurde auch getan. Allerdings waren die kritischen Fragestellungen an die Adresse der Iraker wesentlich spärlicher. Aufgrund der Vorgeschichte, der US-Weigerung, sich an die Prozeduren der UNO zu halten, aufgrund der US-Erklärung, man werde jetzt auch präventive Kriege führen, angesichts der Tatsache, dass hier ein Grosser illegal gegen einen Kleineren vorging, aufgrund all dessen wandte sich die Emotion stark gegen den Grossen, und in der Konsequenz wurde die Rolle des vermeintlich Kleinen nicht kritisch genug wahrgenommen."

Selg erinnert im Weiteren daran, dass die irakische Regierung es jederzeit in der Hand gehabt hätte, diesen Krieg zu vermeiden, dass sie sich zudem zehn Jahre lang geweigert hatte, den einen nötigen Schritt zu tun, um das für die eigene Bevölkerung verheerende Embargo zu beenden. Und er wies die vehementen Kriegsgegner darauf hin, dass nicht nur der Krieg, sondern auch der Verzicht auf Krieg im Irak permanent Menschenleben gekostet hätte.

Nicht nur bei Radio DRS wurden gelegentlich Meinungsfärbungen der Berichte und Moderationen sowie die Ausblendung von Teilen der Zusammenhänge beobachtet. Auch die britische BBC, Vorbild aller Service-public-Sender und Inbegriff journalistischer Verlässlichkeit, zeigte neben eindrücklichen Beweisen ihrer Kompetenz und Unabhängigkeit in Einzelfällen auch das Insistieren auf vorgefassten, gegen die Regierung Blair gerichteten Meinungen. "Die Zeit" publizierte am 24. Juli einen grossen Artikel des bereits genannten Jürgen Krönig, der die journalistischen Sünden der BBC dokumentierte. Krönig ist allerdings der Meinung, dass hier nicht nur vorgefasste Meinungen im Spiel sind, sondern auch das Bestreben, aus einem publikumsträchtigen Show-down mit der imagemässig angeschlagenen britischen Regierung für sich selbst Marktvorteile herauszuholen.

 

Konkurrenz und Überforderung der Medien

Fakten zu beschaffen und zu überprüfen ist in jedem Krieg schwierig. Die Konfliktparteien wollen kriegswichtige Informationen geheim halten und das Nachrichtengeschehen kontrollieren - und sie setzen dafür in der Regel unzimperliche Mittel ein. Die Medien mit ihrem legitimen Interesse an Transparenz und Aufklärung sind prinzipiell in der schwächeren Position. Dieser banale Sachverhalt ist im Ausnahmezustand des Kriegs zwar nicht widerspruchslos hinzunehmen, aber als Gegebenheit der besonderen Lage zu begreifen. Die Klagen von Medienschaffenden und ihrer Organisationen über Behinderungen bei der Arbeit im Kriegsgebiet waren oft etwas blauäugig - oder vielleicht auch schlitzohrig, weil man kritische Aufklärung sagte und marktgängige Sensationen meinte. In seltsamer Diskrepanz zur Forderung nach ungehindertem Informationszugang stand die Neigung zu unkritischem Kolportieren von Meldungen, die sich auf dem Markt einmal durchgesetzt hatten. Nur so ist zum Beispiel die folgenschwere Medienkarriere der Falschmeldung über das leer geplünderte Nationalmuseum zu erklären. Man wollte die heisse Story sofort ebenfalls haben, zum Nachforschen blieb keine Zeit, und je mehr Medien sie verbreitet hatten, desto selbstverständlicher wurde ihre Richtigkeit angenommen. Dies umso mehr, da die Geschichte ein paar gängige Vorurteile wunderbar bestätigte: Die kulturlosen Amis passen aufs Erdölministerium auf und überlassen das Nationalmuseum, wohl nicht ohne tückisches Kalkül, den Plünderern.

Viele Fehler und Verzerrungen der Berichterstattung entstanden nicht aus journalistischen Missgriffen oder Unterlassungen, sondern waren eher Folgen einer strukturellen Selbstüberforderung der Medien. Man wollte nicht nur schnell und zuverlässig informieren, sondern man wollte lückenlos dabei sein, nichts verpassen und die Wahrheit aufdecken. Kein Medium kann dies leisten, und doch versuchten es insbesondere die Grossen unter ihnen. Der BBC-Nachrichtendirektor Richard Sambrook erklärte gegenüber der Tageszeitung "Independent" am 4. April: "Die Schwierigkeit mit einem 24-Stunden-Nachrichtenkanal ist, dass wir während der Sendung herausfinden müssen, was stimmt und was nicht." BBC News stand im Irakkrieg erstmals in direkter Konkurrenz zu CNN und zum Murdoch-Sender Sky News, die ebenfalls rund um die Uhr Nachrichten verbreiten. In live ausgestrahlten Berichten ist eine klassisch journalistische Arbeitsweise im Sinn des Prüfens durch Quellenvergleich, des Einordnens in Zusammenhänge, des Gewichtens und des Ortens extrem erschwert, häufig sogar ganz unmöglich. Jürgen Krönig stellte in der erwähnten Kritik an den Leistungen der BBC fest, dass Korrespondenten und Moderatorinnen angesichts dieser Schwierigkeit oft versuchten, Elemente der kritischen Distanz kommentierend in die Berichte einzubringen - und damit den Stereotypen ihrer notorischen Regierungskritik Tür und Tor öffneten.

Der Chefredaktor des Schweizer Fernsehens DRS, Ueli Haldimann, tat deshalb gut daran, sich für seinen Sender nichts Unmögliches vorzunehmen. Er teilte in einer Medienmitteilung von SF DRS vom 25. März mit:

"Wir können, dürfen und wollen uns nicht zum permanenten Info-Kanal umdefinieren. Der Zwang, dauernd live dabei zu sein, schafft eine hypnotische Gewöhnung an Kriegsbilder und führt letztlich zu einer Banalisierung des Krieges, die mit dem Informationsauftrag nichts mehr zu tun hat. Ein Gefecht oder fahrende Panzer in der Wüste live zu übertragen ist eventuell eine technische Leistung, aber keine journalistische."

Vermutlich hatte der Chefredaktor aus der Not der fehlenden Mittel seines (international gesehen) kleinen Senders eine Tugend gemacht, doch seine Begründung trifft den Nagel auf den Kopf. Die Flut der Instant-Informationen verringert die Defizite an Wissen und Verstehen nicht, im Gegenteil: Die journalistische Qualität wird im gleichen Mass ausgedünnt, wie die Masse der Berichte sich aufbläht.

 

Besinnung auf professionelle Tugenden

Was ist aus den Erfahrungen mit der Irak-Berichterstattung zu lernen? Im Grunde nur das, was besonnene Medienprofis immer schon wussten. Es lässt sich in drei Punkten zusammenfassen:

1. Die Medien müssen in Extremsituationen wie der Irakberichterstattung aus der Eskalation der Schnelligkeit aussteigen. Alles live zu zeigen und aus dem Stand zu kommentieren, bringt ausser Hektik, Oberflächlichkeit und Abstumpfung rein gar nichts. Besser ist es, sich Zeit zu nehmen für die Überprüfung von Fakten, für Recherchen, für interne Diskussionen in der Redaktion. Aussenstehende Experten müssen nicht immer selbst und schon gar nicht live zu Wort kommen. Pressekonferenzen gehören im Prinzip nicht direkt übertragen, da sich die Medien sonst selbst zu Herolden der Regierenden degradieren. Unbestätigte Meldungen und Gerüchte sowie dubiose Dokumente verdienen es in der Regel nicht, verbreitet zu werden. Wenn Medienbenützer die Wahl hätten, möglichst rasch möglichst alles zu erfahren oder möglichst zuverlässig und möglichst verständlich informiert zu werden, würden sie sich für das Zweite entscheiden.

2. Journalistische Medien müssen in Extremsituationen wie der Irakberichterstattung die Inflation der Informationsmassen begrenzen. Fernseh-Newskanäle und Online-Dienste enthalten zu grossen Teilen ungenügend oder überhaupt nicht aufbereitetes Rohmaterial. Journalistische Nachrichtenmedien brauchen solche Kanäle daher nicht als echte Konkurrenten zu betrachten, und sie müssen mit ihnen in der Quantität und im Rund-um-die-Uhr-Service nicht wetteifern. Ihre Stärke ist gerade die Selektion, die kompetente Reduktion auf das Wichtige, und für diese Leistungen werden sie von den Medienbenützern geschätzt.

3. Recherchierende, selektierende und kommentierende Qualitätsmedien sollten gerade in Extremsituationen wie der Irakberichterstattung ihre Leistungen gegenüber der Öffentlichkeit aktiv kommunizieren. Sie können bei solchen Gelegenheiten zum Beispiel ihre Nachrichtenquellen und Wissensressourcen darlegen sowie ihre redaktionellen Verfahren und Regeln publik machen. Derartige "About-Infos" und entsprechende Marketingoffensiven würden den Redaktionen verbindliche Selbstverpflichtungen auferlegen, einen Qualitätswettbewerb fördern und dem Publikum wesentliche Kriterien zur Beurteilung von Medienleistungen nahe bringen.

 

Urs Meier ist Geschäftsführer der Reformierten Medien


 
 

Herausgeber: Katholischer Mediendienst Charles Martig | Reformierte Medien Urs Meier
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