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23.12.2003
00:00 Von: Müller, Matthias

Öffentlichkeitsdefizit der katholischen Kirche
Wege aus der Stagnationskrise

Die römisch-katholische Kirche befindet sich in einer tief greifenden Krise, so der Grundtenor der aktuellen soziologischen Religionsforschung. Franco Luzzatto untersucht in seiner Dissertation, wie es der Organisation "Kirche" gelingen könnte, ihre Mitglieder wieder besser zu integrieren. Bedingungen dafür wäre eine Erneuerung der Identität der katholischen Kirche sowie die Überwindung ihres internen Öffentlichkeitsdefizits. Denn die Gewährleistung einer funktionierenden Organisationsöffentlichkeit könnte einen drohenden kommunikativen "Konkurs" der katholischen Kirche abwenden und diese aus der Stagnationskrise führen.


Von Matthias Müller

"Defizit" und "Krise" - diese beiden Negativbegriffe, die den Titel der Dissertation von Franco Luzzatto prägen, werden immer wieder zur Beschreibung der heutigen Situation der katholischen Kirche angeführt. Als aktuelles Beispiel sei die Diskussion um den Pflichtzölibat bzw. die Laienpredigt genannt: Die eine Seite diagnostiziert einen Reformstau in der Kirche, der von einer fehlenden innerkirchlichen Auseinandersetzung mit brennenden Fragen herrühren soll, die andere Seite spricht von einer Glaubenskrise und einer damit verbundenen Degeneration der katholischen Kirche Schweiz. Für Franco Luzzatto befindet sich diese in einer "Stagnationskrise", und diese Krise sei - "soweit absehbar - von Dauer" (S. 6). Zwar liegt die Veröffentlichung seiner Dissertation bald zwei Jahre zurück, aber es ist unschwer festzustellen, dass die darin aufgeworfenen Fragestellungen und Probleme noch immer aktuell sind. Mit seiner sozialwissenschaftlichen Studie verfolgt Luzzatto kein geringeres Ziel als - wie es im Untertitel heisst - "Bedingungen für eine Ende der Stagnationskrise" aufzuzeigen.

 

Katholizismusforschung vom Modernisierungskorsett befreien

Um erfolgreich aus der Stagnationskrise herauszukommen, müsse die katholische Kirche Schweiz sich die Frage der Integration ihrer Mitglieder stellen. Dabei ist die Integration eng verknüpft mit der kommunizierten Identität und der Organisationskommunikation. Ein wichtiger Grund für die Stagnationskrise ortet Luzzatto in einem Öffentlichkeitsdefizit im kirchenrechtlich definierten Bereich der katholischen Kirche.

Mit seiner Studie will Luzzatto das Forschungsdefizit bezüglich der Struktur der Organisationskommunikation und der Organisationsöffentlichkeit der katholischen Kirche beheben. Er lehnt den bisher dominierenden modernisierungstheoretischen Fokus der anwendungsorientierten Katholizismusforschung dezidiert ab. Der Expertendiskurs habe sich "auf eine - wie auch immer definierte - Modernisierungstheorie" zentriert. Die damit verbundenen Trendhypothesen wie "funktionale Differenzierung", "Rationalisierung" und "Individualisierung" würden jedoch selber zur "Perpetuierung der Stagnationskrise der Kirche" beitragen, kritisiert Luzzatto (S. 11). Diese Perspektive verneine die Gestaltbarkeit der künftigen Entwicklung und nehme damit fatalistische Züge an. Erst wenn die Religions- bzw. Katholizismusforschung aus dem "Modernisierungskorsett" befreit werde, könne der Blick frei werden für die historische Variabilität der Moderne. Luzzatto legt seiner Studie im Wesentlichen die Theorie des sozialen Wandels nach Kurt Imhof und Gaetano Romano (1996) zugrunde.

Wie sich aus der Perspektive dieser Theorie der Identitäts- und Kohäsionsverlusts der katholischen Kirche ausnimmt, zeigt eine der Hauptthesen Luzzattos: "Kaum etwas hat die Welt dermassen gestaltet wie der Ost-West-Dualismus des Kalten Krieges. (...) Prädisponiert durch die Ära der geistigen Landesverteidigung, führte der Ost-West-Dualismus bzw. der Antikommunismus des Kalten Krieges der 1950er-Jahre in der Schweiz zur Integration aller wichtigen politisch-sozialen Grossmilieus. Dieser Integrationsprozess erst - so eine der Thesen der vorliegenden Studie - zieht den Identitäts- und Kohäsionsverlust dieser Grossmilieus nach sich" (S. 21).

Der Theologe Karl Rahner hat bereits vor fünfzig Jahren den Zusammenhang zwischen der Geltung des Organisationsöffentlichkeitsprinzips und der weiteren Entwicklung der Kirche thematisiert. In seinem Essay "Das freie Wort in der Kirche" (1953) geht Rahner der Frage nach, ob es in der Kirche eine "öffentliche Meinung" gibt, geben darf oder soll. Luzzatto sieht bei Rahner bereits diejenigen Phänomene beschrieben, die heute in den Öffentlichkeitstheorien als Minimalbedingungen gelten, um einen Kommunikationsbereich als Öffentlichkeit bzw. als Organisationsöffentlichkeit zu bezeichnen:

  • Politische Organisationen bzw. Organisationsführungen sind von Grund auf legitimationsbedürftig, also einer Legitimation durch Zustimmung und Begründung unterworfen. Sie legitimieren sich nicht über Herkunft oder traditionelles Recht.

  • Die Rede- und Meinungsfreiheit, die Versammlungs- und Vereinsfreiheit sowie die Pressefreiheit und damit die Möglichkeit der freien und öffentlichen Kommunikation beliebiger Gesellschafts- bzw. Organisationsmitglieder müssen gesetzlich gesichert sein.

  • Rahner kommt zum Schluss, dass das freie Wort des Einzelnen, vor allem des Laien, seinen Platz "wesenhaft in der kirchlichen Öffentlichkeit" besitzen sollte (S. 25).

 

Öffentlichkeit als politischer Begriff der Aufklärung

Ausgangpunkt der theoretischen Einbettung der Studie im ersten Kapitel bilden Max Webers Definition des sozialen Handelns sowie die in der geisteswissenschaftlichen Tradition verwurzelte Phänomenologie. Zusammen mit der Theorie des kommunikativen Handelns von Jürgen Habermas wird der zentrale Unterschied im Aufbau von traditionellen und modernen Gesellschaften aufgezeigt. Was Weber als "Entzauberung der Welt" definiert, heisst in der Sprache Habermas' "Entmythologisierung des Seienden". Denn während im mythischen oder religiös-metaphysischen Weltbild mit seinem Gottesprinzip die Geltungsansprüche der Wahrheit, der normativen Richtigkeit und der Wahrhaftigkeit nicht getrennt werden können, fallen diese im modernen Weltbild auseinander. Im Prozess der "Enttranszendierung" wird die Religion ausgegrenzt und bildet - wie die Wissenschaft und die Kunst - einen teilautonomen Bereich. In der Folge wird die Öffentlichkeit zum Gegenpol göttlich legitimierter Machthaber und zum Ort einer neuen Konstruktion der gesellschaftlichen Wirklichkeit. "Öffentlichkeit wird zu dem politischen Begriff der Aufklärung" (S. 47). Die geordnete Verknüpfung von Handlungen und damit die Gesellschaft selbst werden in der Öffentlichkeit erst durch die Kommunikation hergestellt. Der soziale Wandel wird in der Folge als unregelmässiger Fortgang verstanden, der einhergeht mit einer Veränderung der Kommunikationskultur und -struktur. Sozialer Wandel lässt sich daher empirisch über die öffentliche Kommunikation erfassen. Auffallend ist, dass der soziale Wandel nicht entlang eines Trends, sondern in Umbruchphasen verläuft: "Immer dann, wenn die dominierende Weltanschauung die Vielschichtigkeit der Gesellschaft nicht mehr zu reduzieren vermag, ist die Marschrichtung der Gesellschaft in verstärktem Masse offen" (S. 61).

Den Abschluss der Einführung bilden Erläuterungen zum methodischen Vorgehen: In der Praktischen Theologie war lange Zeit die Hermeneutik die vorherrschende Methode. Dass auch empirische Studien hier langsam Fuss fassen, ist ein jüngeres Phänomen. Auf welche Weise sich Hermeneutik und Analytik als Methoden ergänzen können, veranschaulicht Luzzatto in Kapitel 4 mit einer Inhaltsanalyse der Bettagshirtenbriefe als Beispiel für Binnenkommunikation in der katholischen Kirche Schweiz.

 

Ambivalentes Verhältnis der katholischen Kirche gegenüber der Moderne

In den folgenden vier Kapiteln führt Luzzatto jeweils eine These aus, um sie in der Folge zu erhärten. Ausgangspunkt für die erste These bildet die Frage, weshalb die katholische Kirche im kirchenrechtlich definierten Organisationsbereich keine Organisationsöffentlichkeit hat, sondern nur - und dies teilweise auch nur mit Widerwillen - im öffentlich-rechtlich definierten Bereich. Klären soll diese Frage ein historischer Rückblick auf die Auseinandersetzung der katholischen Kirche mit der politischen Moderne. Beginnend mit der Reformation werden anhand der relevanten Dokumente des Lehramts die wichtigsten Etappen des programmatischen Verhältnisses der römisch-katholischen Kirche zu Staat, Gesellschaft, Öffentlichkeit und Demokratie aufgezeigt. Das Kernproblem in der spannungsgeladenen Beziehung zwischen katholischer Kirche und Öffentlichkeit sei aus der Sicht des Marktes der Umstand, dass eine auf dem konkurrierenden Meinungsmarkt erscheinende Glaubenswahrheit zunächst bloss eine Meinung unter vielen anderen ist. Dem versuchte die katholische Kirche unter anderem 1546 mit dem Erlass des "Index" von verbotenen Schriften zu begegnen, einem Zensurinstrument, das die religiöse Kommunikation und damit das Verhältnis zur öffentlichen Kommunikation entscheidend geprägt hat. Ähnlich ablehnende oder ambivalente Haltungen der katholischen Kirche dem Öffentlichkeitsprinzip gegenüber macht Luzzatto auch im Bereich der diskursiven Sozialformen (zum Beispiel Vereinsrecht) und der Staatstheorie aus. Das änderte sich erst im Zuge des Zweiten Vatikanischen Konzils. Luzzatto stellt fest, "dass es in der unmittelbar nachkonziliären Phase (...) Dokumente des Lehramts gibt, die Öffentlichkeit als gesellschaftsprägendes Prinzip programmatisch befürworten - und zwar derart umfassend, dass - so lässt sich daraus schliessen - eigentlich auch keine grundsätzlichen Vorbehalte gegenüber Organisationsöffentlichkeit als kirchenverfassungsprägendes Prinzip vorliegen" (S. 76). In den 1990er-Jahren änderte sich die Haltung des Lehramtes jedoch wieder. Mit dem Verweis auf erneute Hierarchisierungstendenzen auf der institutionellen Ebene der katholischen Kirche hält Luzzatto fest: "Die einzige authentische Instanz für die Auslegung des geschriebenen und überlieferten Wort Gottes sind erneut ausschliesslich die Bischöfe und der Papst, was mit Rahners Vorstellung aus den 1950er-Jahren von einem freien Wort in der Kirche nicht zu vereinbaren ist" (S. 99).

 

"Kommunikativer Notstand" wegen fehlender Organisationsöffentlichkeit

Das dritte Kapitel zum Wandel und zur Kontinuität der Struktur kirchlicher Organisationskommunikation beginnt mit einer im Grunde trivialen Feststellung: "Die Struktur, innerhalb derer sich die Kommunikation vollzieht, beeinflusst die Kommunikation selbst" (S. 101). Für die katholische Kirche Schweiz stellt Luzzatto die These auf, dass der heutige "kommunikative Notstand" massgeblich auf die spezifisch-kirchliche Beschaffenheit der Organisationskommunikationsstruktur zurückzuführen sei, auf das Fehlen eines Bereichs der Organisationsöffentlichkeit, was wiederum eine Anschlusskommunikation verunmögliche. Dieses Manko sei erst im Zuge des Zerfalls des politisch-sozialen Grossmilieus virulent geworden, "in dem Masse also, wie die Integration der Organisationsmitglieder nicht mehr durch den ideologischen Kampf der Weltanschauungen gesichert war" (S. 102). Zur Analyse der Organisationskommunikationsstruktur der katholischen Kirche Schweiz benutzt Luzzatto ein Kategorienschema. Darin wird unterschieden zwischen der Organisationsöffentlichkeit (unterteilt in einen verwaltungstechnischen und einen pastoralen Bereich) den restriktiv bestimmten Allgemeinkommunikationsbereichen (Liturgie, Prozession, Hirtenbriefe, Pfarrblätter) und einer Geheimsphäre. In der Praxis dominant ist, wie sich in der Folge zeigen wird, der Bereich der restriktiv bestimmten Allgemeinkommunikation. An die biblischen Illustrationen dieser Kommunikationsformen - diese sind im Umfeld der ganzen Studie tatsächlich nur als Illustrationen zu verstehen - schliesst eine Analyse der kirchlichen Versammlungskommunikation in den vergangenen zwei Jahrhunderten an. Eine tabellarische Übersicht gibt Auskunft darüber, seit wann es in den einzelnen Kantonen Kirchgemeindeversammlungen bzw. ein kantonales Kirchenparlament gibt. Dieser Befund darf jedoch nicht darüber hinwegtäuschen, dass im Pastoralbereich - dem kirchenrechtlich definierten Bereich - eine Organisationsöffentlichkeit fast vollkommen fehlt. Luzzatto folgert: "Zur Diskussion stehen pastorale Fragen also fast nur im Arkanbereich der Kirche, nämlich innerhalb von privilegiert beobachtbaren bzw. zugänglichen Organen (...)" (S. 133).

Als für die binnenkirchliche Kommunikation "einschneidendste Entwicklung" bezeichnet der Autor den Verlust der milieuorientierten katholischen Zeitungen seit den 1960er-Jahren. Deshalb kommt heute die Kommunikation der kirchlichen Elite (Bischöfe) zu den eigenen Mitgliedern über eine Aussenkommunikation zustande. Luzzatto zeigt sich erstaunt darüber, "wie wenig der 1917 gegründete Schweizerische katholische Presseverein diesen Prozess in seinen Dokumenten reflektiert" (S. 138).

Die heute noch existierenden kirchlichen Binnenmedien (z.B. Pfarreiblätter) seien fast ausschliesslich nur noch mitgliedorientiert. Auch eine gewisse Zensur sei nicht auszuschliessen. Deshalb könne von einer binnenvermittelten Organisationsöffentlichkeit nur dann gesprochen werden, "wenn entweder ein Parteimedienwettbewerb mit etwa gleich langen Spiessen entstehen oder sich ein kirchliches Binnenmediensystem herausbilden würde, das von der Basis und den kirchlichen Amtsträgern gleichermassen autonom wäre (...)" (S. 142). Die mit diesem Befund ergänzte Übersicht über die Organisationskommunikationsstruktur der katholischen Kirche Schweiz zeigt eine deutliche Schieflage und belegt die eingangs des Kapitels formulierte These.

 

Diachrone Inhaltsanalyse der Bettagshirtenbriefe

Im Folgenden analysiert Luzzatto die Bettagshirtenbriefe als "Quelle der Binnenkommunikation aus dem dominanten Bereich der restriktiv-bestimmten Allgemeinkommunikation", die lückenlos über den ganzen Untersuchungszeitraum vorhanden sind. Er belegt mittels einer diachron vergleichenden Inhaltsanalyse die These, wonach der Verlust der kirchlichen Identität in der Schweiz auf den Integrationsprozess zwischen den politisch-sozialen Grossmilieus (des politischen Katholizismus, des Liberalismus und der Sozialdemokratie) zurückzuführen sei. Mit anderen Worten: "Der Verlust des ideologischen Gegners, unter anderem der Kommunisten, lässt die scharfen Konturen der eigenen kirchlichen Identität mehr und mehr verwischen. Dieser sich allmählich verselbständigende Prozess wäre durch das Aufbauen eines neuen Feindbildes zumindest teilweise aufhaltbar gewesen" (S. 145). Auf diesen Identitätsverlust sei auch der Kohäsionsverlust, der sich in schwindenden Mitgliederzahlen äussert, zurückzuführen. Der Rede von der kollektiven Identität geht eine wichtige Bemerkung voraus: Die katholische Kirche Schweiz habe sehr wohl noch eine unverwechselbare Identität. Das zeige sich z.B. am Reizthema Sexualität. Dabei handle es sich jedoch nicht um "die gemeinsam geteilte Identität der Katholikinnen und Katholiken (...), sondern vorwiegend um die Identität der katholischen Elite. Weite Kreise der Basis teilen diese Identität nicht (...) und sind insofern von den Nicht-Katholikinnen und Nicht-Katholiken nicht unterscheidbar (...)" (S. 148).

Den Identitätsverlust bzw. den Wandel der kollektiven Identität der katholischen Kirche Schweiz untersucht Luzzatto anhand der zwei Indikatoren "Fremdtypisierungen" und "Anspruchsreichweite". Die Fremdtypisierungen betreffen primär den Sozialismus, daneben aber auch den Liberalismus und so genannte Sekten. Der Rückgang der Anspruchsreichweite macht Luzzatto primär über eine Entpolitisierung der Bettagshirtenbriefe deutlich. Für die Untersuchung der Entpolitisierung bildet er zwei Perioden: 1887-1959 und 1960-2000. Dabei spielen auch die Akzentverschiebungen bei politischen Themen eine Rolle. Manche Befunde erscheinen hier trivial, so die grössere Gewichtung von Themen wie "Internationale Entwicklungsarbeit" oder "Migration" in der zweiten Zeitperiode. Andere, wie die an Bedeutung einbüssende Arbeitsmarktpolitik, vermögen zu überraschen. Zum zweiten Indikator, dem Rückgang der Anspruchsreichweite, gehört auch ein Rückzug auf das Individuum. Luzzatto weist unter anderem nach, dass über den gesamten untersuchten Zeitraum eine grosse Zahl von religiösen Appellen und Handlungsanweisungen an das Individuum zu finden sind: "Die Handlungsanweisungen, etwas zu tun, verharren in allgemeinen Formulierungen. Einerseits erhöht sich dank des allgemeinen Charakters die Offenheit der Appelle, andererseits muss jedes Individuum die Adaptionsleistung an sein Leben selbst erbringen, und damit steigt die Komplexität auf der Ebene des Individuums" (S. 211). Im Unterkapitel zum Kohäsionsverlust bemängelt Luzzatto das Fehlen von empirischen Bestandesaufnahmen sowohl bezüglich des Realisierungsgrades der gesetzten Ziele, als auch bezüglich adäquater Strukturdaten, die für eine Indikatorenforschung nötig wären. Dies betrifft die Zahlen über Kirchenaustritte genau so wie Mitgliedszahlen von kirchlichen Organisationen und Daten zu den katholischen Medien. Luzzatto hält fest: "Die katholische Kirche Schweiz ist also weitgehend unreflektiert, was die empirische Bestandesaufnahme anbelangt" (S. 220).

 

Funktionen der Kirche

Das fünfte Kapitel betrachtet die Funktionen der Kirche in der Moderne im Spiegel der Organisationskommunikation. Die Religionskritik der Aufklärung hatte zur Folge, dass die Kirche ihre Aufgabe, den gegenwärtigen Zustand der Gesellschaft zu beglaubigen, verlor. Stattdessen erhielt die Kirche die Aufgabe, Antworten auf existenzielle Fragen des Lebens zu geben (Kontingenzfunktion). Weiter hat die Kirche im Zuge der Entkoppelung von der Wissenschaft und der Kunst die Aufgabe, menschenunwürdige gesellschaftliche Entwicklungen zu kritisieren (Kritikfunktion). Und als dritte Funktion wird ihr die Aufgabe zugeschrieben, totalitären Systemen zu widerstehen (Totalitarismusresistenzfunktion). Luzzatto untersucht in der Folge, ob sich diese Aufgaben auch in Bettagshirtenbriefen nachweisen lassen. Dies sei direkt jedoch nur bedingt zu erwarten, "denn was wie selbstverständlich ausgeübt wird, wird in der Regel nicht besonders thematisiert" (S. 231). Im Zuge des politisch-sozialen Integrationsprozesses verlor die katholische Kirche Schweiz in den 1960er-Jahren zudem ihre Milieuintegrationsfunktion. Laut Luzzatto führt eine Ausdifferenzierung in solchem Aussmass zu einer höheren Selbstreflexivität von Organisationen. Diese trete nur dann nicht ein, wenn der drohende Bedeutungsverlust reaktionslos hingenommen werde. "Dies ist bei der katholischen Kirche Schweiz offenbar der Fall: Die Bettagsmandate weisen einen verschwindend geringen Anteil an selbstreflexiven Passagen auf" (S. 257).

 

Auswege aus der Stagnationskrise

In seinem Fazit macht Luzzatto auf einen innerkirchlichen Widerspruch aufmerksam: "Kirchliche Dokumente betonen immer wieder den so genannten 'Öffentlichkeitsauftrag' der Kirche. (...) Die Kirche erhebt also auf der einen Seite den Anspruch, ein wichtiger Faktor des öffentlichen Lebens zu sein. Auf der anderen Seite organisiert sie sich aber selber nicht auf der Grundlage des Organisationsöffentlichkeitsprinzips und hat dementsprechend keine Organisationsöffentlichkeitsstruktur" (S. 267). Eine solche Organisationsöffentlichkeitsstruktur müsste mit einer Kultur der Organisationskommunikation gefüllt werden. Und diese wiederum müsste von verschiedenen Diskursregeln geprägt sein: Metaphysische Begründungen für moralisch-praktische Fragen sind prinzipiell unzulässig und Amt bzw. Funktion und Person müssten getrennt werden. Andernfalls sind systematische Kommunikationsstörungen programmiert.

Unter der Voraussetzung, dass das normative Ziel der Mehrheit der Kirchenleitung nach wie vor im Typus einer offenen Volkskirche - in Abgrenzung zu einer geschlossenen Bekenntniskirche - liegt, formuliert Luzzatto vier Punkte für einen Ausweg aus der Stagnationskrise:

  • Die Organisationsöffentlichkeit als verfassungsprägendes Prinzip der katholischen Kirche Schweiz liesse sich unabhängig von der Weltkirche und ohne substantielle Hindernisse autonom einführen. Sie würde einer Selbstregulierung entsprechen, wie sie beispielsweise im Rahmen von bischöflichen Pastoralplänen oder basisinitiierten gemeindespezifischen Pastoralkkonzepten bereits praktiziert wird.

  • Um das Organisationsöffentlichkeitsdefizit auszugleichen - was Bedingung wäre, um den kommunikativen "Konkurs" abzuwenden - müsse einerseits eine Arbeitsgruppe der kirchlichen Elite gebildet und andererseits ein Kursangebot für die Basis angeboten werden. Ziele wären die Erarbeitung konkreter Modalitäten der versammlungsförmigen und binnenvermittelten Organisationsöffentlichkeit, ihrer Schnittstelle zu publizitätsfreien Arenen und die Verinnerlichung der Kultur der öffentlichen Organisationskommunikation in Form von minimalen Diskursregeln.

  • Wenn statt einer unbeeinflussbaren Modernisierungsmechanik oder eines Kulturpessimismus der Kalte Krieg zur Erosion des politisch-sozialen Grossmilieus und - zusammen mit eigendynamischen kirchlichen Prozessen - zur Erosion der Kirchenorganisation geführt hat, so lässt sich dieser Prozess stoppen und eine Trendwende herbeiführen, wie dies auch anderen gesellschaftlichen Gruppierungen gelingt.

  • Der Kohäsionsverlust könne nur über eine Erneuerung der Identität erreicht werden. Mit Blick auf die jüngere Geschichte gilt jedoch: Je fundamentalistischer bzw. gesinnungsethischer die Identität ausgerichtet ist, desto eher komme sie einer faktischen Ausdünnung der Volkskirche gleich. Ebenso wenig könne der gegenwärtig verwendete Begriff des "Glaubensverlusts" Ansatzpunkt für eine aussichtsreiche Erneuerung der Identität sein. Denn auch der Kern dessen, was eine so genannte Glaubensgemeinschaft im Innersten zusammenhält, sei nicht das, was gegenwärtig als "Glaube" bezeichnet wird. Eine chancenreiche erneuerte Identität der Kirche könne erst eine systematische Resonanzanalyse der Kirche in der Medienöffentlichkeit beantworten Ebenfalls eine Rolle spiele die Frage nach der staatlichen Anerkennung von Religionsgemeinschaften bzw. die Kriterien für eine Anerkennung. Eine funktionierende Organisationsöffentlichkeit beispielsweise verhindert eine dauerhafte fundamentalistische Identität von selbst.

Für den Fall, dass die Kirchenleitung nicht den Typus einer offenen Volkskirche vor Augen hat, sondern eine geschlossene Bekenntniskirche, dann könnte dies ebenfalls aus der Stagnationskrise herausführen, sofern dieses normative Ziel transparent gemacht würde. "Mit der Zeit gäbe es nämlich gar keine volkskirchlich Enttäuschten mehr, wie die entsprechenden Erwartungen gar nicht mehr aufgebaut würden" (S. 277). Allerdings würde die Ausrichtung auf die rechtskatholischen "Bewegungen" den freien Fall in die gesellschaftliche Bedeutungslosigkeit nach sich ziehen.

Tatsache sei, dass die Kirche nur noch Binnenmedien und keine aussengerichteten Medien mehr habe. Damit eine erneuerte Identität gesamtgesellschaftlich diffundieren könnte, müsste die Schnittstelle zwischen binnenmedienvermittelter Organisationsöffentlichkeit (unabhängiges Binnenmediensystem) und Medienöffentlichkeit jedoch porös sein. Aufgrund dieser Überlegungen stellt Luzzatto fest, "braucht es in der Schweiz ein Medium, das eine Überlappung dieser beiden Bereiche ermöglicht. Die angewandte Katholizismusforschung könnte einen Beitrag dazu leisten, ein solches Medienprojekt anzuregen" (S. 278).

 

Erkenntnisgewinn für die Praxis

Eine Dissertation stellt hohe Ansprüche. Jene von Luzzatto tut es im Besonderen, und dies aus verschiedenen Gründen: Luzzatto versucht, sozialwissenschaftliche Methoden für ein Forschungsfeld nutzbar zu machen, das bisher wenig systematisch bearbeitet wurde. Dabei ist es begrüssenswert, dass er die quantitative Inhaltsanalyse einem wohl vorwiegend aus der Theologie stammenden Publikum nahe bringen will. Allerdings wäre gerade deshalb eine eingehendere Erläuterung dieser empirischen Methode wünschbar gewesen. Und weil die Konzepte, worauf sich Luzzatto in seiner Studie bezieht, nicht überall klar dargelegt, voneinander abgegrenzt und auf seine Fragestellung hin bezogen werden, lässt sich der theoretische Teil ohne gezielte, systematisierende Eigenleistung von Seiten des Lesers nur schwer überblicken.

Dennoch: Luzzatto gelingt mit der besprochenen Studie in mancher Hinsicht eine präzise und kohärente Analyse dessen, was er im Begriff "kommunikativer Notstand" in der katholischen Kirche Schweiz zusammenfasst. Wer sich täglich beruflich mit der kirchlichen Kommunikation auseinander setzt, weiss, wie vielgestaltig sich dieser Notstand präsentieren kann. Umso dringender scheint seine Behebung, damit aus dem Notstand nicht der befürchtete "Konkurs" wird. Luzzatto löst sein im Titel gegebenes Versprechen ein, "Bedingungen für eine Ende der Stagnationskrise" zu liefern. Indem er die katholische Kirche als "Organisation" betrachtet und analysiert, liefert er Antworten auf die Fragen, wie die katholische Kirche in ihren Kommunikationsstrukturen geöffnet, sprich demokratisiert und professionalisiert werden könnte.

Seine Thesen kann Luzzatto im Verlauf seiner Studie erhärten. Das Fazit, das er jeweils aus den Ergebnissen zieht, ist prägnant, dürfte aber nicht in allen Kreisen der katholischen Kirche Anklang finden. So bleibt noch zu diskutieren, ob die Kirche als Körperschaft der Gläubigen von ihrer Struktur her tatsächlich als "Organisation wie jede andere" betrachtet werden kann oder inwiefern der Faktor "Glaube" konstitutiv für die katholische Kirche bleibt. Zu diskutieren bleibt ausserdem die Identitätsfrage: Sicher ist die Analyse von Luzzatto zutreffend, dass die katholische Kirche mit dem Zusammenbruch des Kommunismus ein Feindbild und damit auch an Konturen gegen aussen verloren hat. Es kann aber kaum die Lösung für den Ausgang aus der Identitätskrise sein, ein neues Feindbild aufzubauen, wie dies Luzzatto vorschlägt. Anstatt sich negativ gegen aussen abzugrenzen, wäre es wichtig, die Diskussion um die positive Identität der katholischen Kirche lebendig zu halten beziehungsweise zu stärken. Der biblische Glaube und die diakonische Haltung der Kirche dürften dabei zentral bleiben.

Eine echte Fortsetzung des "Aggiornamentos" des Zweiten Vatikanischen Konzils wäre zu wünschen. Denn wie Luzzatto richtig zeigt, reichen die Bemühungen, die katholische Kirche in ihren Strukturen und Kommunikationsabläufen zu professionalisieren, bereits in die Zeit vor dem jüngsten Konzil zurück. Für alle Kräfte, die sich für offenere Kommunikationsstrukturen in der katholischen Kirche einsetzen, bildet die vorliegende Studie ein wichtiges Referenzwerk. Schliesslich will Luzzatto mit seiner theoretischen und methodischen Herangehensweise eine Brücke schlagen zwischen Theologie und Soziologie. Genau dies jedoch könnte auf beiden Seiten zu Verständnisschwierigkeiten führen, was einer breiten Rezeption von Luzzattos Studie innerhalb der relevanten Zielgruppe entgegenstehen könnte. Damit die Erkenntnisse der Studie nutzbar gemacht werden können, bedarf es daher einer Übersetzungs- und Umsetzungsarbeit durch die Verantwortlichen in der Kirchenleitung, durch die Mitglieder pastoraler Leitungsgremien und nicht zuletzt durch die kirchlichen Medienschaffenden.

 

Matthias Müller ist Redaktionsleiter des katholischen Internetradios Radio kath.ch (www.radio-kath.ch) und Mitarbeiter im Ressort Grundlagen des Katholischen Mediendienstes in Zürich.

 

Literatur:

Luzzatto, Franco (2002): Öffentlichkeitsdefizit der katholischen Kirche. Organisationskommunikation und Kommunikationsstruktur der katholischen Kirche Schweiz - Bedingungen für ein Ende der Stagnationskrise. Universitätsverlag Freiburg i.Ue. (Band 21 der Reihe "Praktische Theologie im Dialog", herausgegeben von Leo Karrer).

 

Weiterführende Literatur:

Imhof, Kurt / Romano, Gaetano (1996): Die Diskontinuität der Moderne. Zur Theorie des sozialen Wandels. Theorie und Gesellschaft. Bd. 36, Frankfurt am Main, New York.

Rahner, Karl (1962): Das freie Wort in der Kirche: Das freie Wort in der Kirche. Einsiedeln; zuerst 1953.


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