Artikelsuche

Nach Stichwort


Nach Autor


Nach Rubrik


Nach Jahr


24.05.2004
00:00 Von: Meier, Urs

Der Papst und die Medien - eine Symbiose
Prognosen über den Besuch Johannes Pauls II. in der Schweiz

Das Papsttum liefert den Medien Stoff, der tief sitzende Bedürfnisse befriedigt. Prachtentfaltung und absolute Autorität verlieren ihre Faszination offensichtlich nicht. Als ungebrochenes und nicht gewalttätiges Herrschaftssystem hat die katholische Monarchie in der Welt eine Sonderstellung. Unabhängig von Meinungen über die Haltung des jetzigen Papstes zu konkreten kirchlichen und allgemeinen Fragen, werden die Berichte über seinen Besuch ein flüchtiges Wohlwollen auslösen. Die anlässlich der Visite verkündeten Appelle werden jedoch einzig den innersten Kreis der Kirche erreichen.


Von Urs Meier

Wenn am 5. und 6. Juni Papst Johannes Paul II. die Schweiz besuchen wird, dann werden die Medien voll sein mit diesem Ereignis. Ob er offiziell zu katholischen Jugendorganisationen kommt, ob seine Visite unter dem Label Pastoralbesuch als innerkirchliche Angelegenheit deklariert ist, dies alles wird keine grosse Rolle spielen. Entscheidend wird sein: Der Papst ist da. Und genau dies wird die Message sein, die alles andere überdeckt. Inhaltliche Botschaften werden neben der dominierenden Tatsache, dass der Oberhirte der katholischen Kirche in der Schweiz ist, ein Schattendasein fristen.

 

Stoff für Boulevardmedien

Selbstverständlich wird es Unterschiede geben. Einzelne Medien werden sich durchaus für die Aussagen des Papstes interessieren. Die meisten werden jedoch bild- und wortreich vor allem mitteilen, dass er da ist. Je boulevardesker die Medien, desto grösser und monolithischer werden sie diese Neuigkeit aufmachen. An der Art, wie sie den Papstbesuch behandeln, wird man einmal mehr ablesen können, wie weit die Boulevardisierung bei den einzelnen Medien gediehen ist.

Der Boulevard lebt von Sex, Action, Katastrophen, Promis, Bossen, Pomp, Exotik, Zoff und Rührung. Ausser den drei ersten Punkten der genannten Liste kann das Papsttum dem Boulevard alles Weitere in reichem Mass bieten. Das Oberhaupt der römischen Kirche ist eine der weltweit prominentesten Persönlichkeiten und steht an der Spitze einer streng monarchischen Hierarchie. Die Auftritte des Papstes gehören zu den grandiosesten Inszenierungen, die als Repräsentationen absoluter kirchlicher Macht in der heutigen Zeit ebenso exotisch wie bombastisch erscheinen. Und weil Dogmatik und Regentschaft Johannes Pauls II. in seiner eigenen Kirche umstritten sind, fehlt es auch nicht an aufmerksamkeitsfördernden Auseinandersetzungen. Schliesslich weckt der Umstand, dass Johannes Paul II. ein schwerkranker Mann ist, auch öffentliche Anteilnahme.

Was Boulevard von anderen Medien unterscheidet, ist - zugespitzt ausgedrückt - der unbedingte Vorrang der Formen vor den Inhalten. Mit Formen sind in diesem Fall gemeint: vordefinierte Wirkungen, Befriedigung immer gleicher Erwartungen. Die Boulevardmedien stehen daher den gesellschaftlichen Funktionen der Märchenerzähler und Bänkelsänger näher als denjenigen der Boten und Herolde. Sie halten die kollektiven Mythen lebendig und berichten die im Kern immer gleichen schrecklichen und erheiternden Begebenheiten. All dies braucht eine Gesellschaft, um sich stets von neuem der gemeinsamen Werte zu vergewissern. Mythen sind Vehikel der Verständigung. Sie definieren, was belohnt wird, worüber Empörung herrschen soll, wer zusammengehört, wer ausgeschlossen ist, was Glück bedeutet, was zu bewundern ist, mit wem man Mitleid hat.

 

Der Mythos der reinen Monarchie

Das Papsttum - und der jetzige Papst in besonderem Mass - nimmt weit über den Kreis der Papsttreuen hinaus eine mythische Funktion wahr. Der Pontifikat erscheint als idealtypische Herrschaft. Heute ist der Papst der einzige Monarch, der kein Despot und dessen Macht ungebrochen ist. Im Unterschied zum Gewaltcharakter von Diktaturen eignet dem Papsttum eine fast ausschliesslich symbolische und moralische Macht. Dadurch erscheint es im Vergleich zu anderen Machtgebilden in vieler Hinsicht als geradezu rein. Wer nicht ausgesprochen papstgeschädigt oder aus anderem Grund antipäpstlich motiviert ist, kann diese Herrschaft hinnehmen; sie steht, was die Art ihrer Machtausübung angeht, nicht nur vergleichsweise gut da, sondern befindet sich beinahe schon ausser Diskussion. Die Exotik der einzigen "reinen" Monarchie taucht das Papsttum in ein mythisches Licht, in dem divergierende Meinungen über die Person des Herrschers und seine Entscheidungen das Bild nicht nachhaltig verdüstern. Das Papsttum ist gegenüber den um ihre Positionen ringenden Mächten der Welt ein exterritoriales Gebilde. Seine medienwirksamen Zeichen und Botschaften stützen diesen Status: Das altersweise und entschlossene Gesicht Johannes Pauls II., seine warme und immer beschwörende Stimme, seine gebeugte Gestalt im weissen Ornat, seine in alle Welt übertragenen segnenden Gesten. Dieses Ensemble von Signalen hebt den Papst ab von den weltlichen Machthabern und vermittelt ein vielleicht schillerndes, aber dennoch vergleichsweise positives Bild.

Wie tief die Bejahung dieser Institution und dieser Person geht, hängt von Glaubenseinstellungen und Meinungen ab. Die Zustimmung wird wohl bei vielen Menschen eher oberflächlich und flüchtig sein. Bei ihnen löst das Medienereignis ein momentanes Wohlwollen aus, das nichts daran ändert, dass sie manche der ehernen Doktrinen des Gefeierten indiskutabel finden. Warum stellen sie solche Wertungen zurück, wenn der Papst ins Land kommt? Weshalb lassen sie der positiven Emotion den Vortritt? Wahrscheinlich hat dies mit dem Mythos der reinen Herrschaft, des guten väterlichen Prinzips zu tun. Selbst in aufgeklärten, republikanisch in der Wolle gefärbten Menschen lebt als Reminiszenz das Wunschbild der guten Herrschaft, der man blind folgen könnte. Sobald es um Meinungen und persönliche Entscheidungen geht, wird man die unbefragbaren Autoritäten weit von sich weisen. In populären Kino-Epen, auf der Opernbühne und im Medienspektakel hingegen lässt man sie sich gefallen.

 

Problematische Medienwirksamkeit des Papsttums

Mit dieser psychosozialen Verwurzelung in kollektiven Mythen ist dem Papsttum ein unschlagbares Erfolgsrezept für die öffentliche Aufmerksamkeit zugefallen. Unabhängig von der Person, den Worten und Taten des Amtsinhabers (einzige Bedingung ist die unbedingte Identifikation der Person mit der Rolle des Pontifex maximus) ist der Papst eine der weltweit wichtigsten Medienfiguren. Ihre Wirkung ist fast nicht zu vermeiden. Für die Medien kann ein Papst, solange er wirklich Papst ist, gar nichts falsch machen. Paradoxerweise ist nun aber genau diese überwältigende Wirksamkeit der Papstfigur in der Medienöffentlichkeit für die katholische Kirche ein nicht geringes Problem. Sie hat Schwierigkeiten, andere Botschaften zu vermitteln. Die katholische Kirche wird tendenziell reduziert auf den Papst und die Hierarchie. Dass unzählige andere Aspekte für sie oft viel wichtiger sind, hat als Message gegenüber dem monarchischen Mythos stets das Nachsehen. Die mit dem kommenden Papstbesuch verbundenen pastoralen und kirchenpolitischen Ziele sind ein Thema für den innersten Kreis der kirchlich Interessierten. Von nachhaltiger öffentlicher Wirkung wird einzig das pure Spektakel sein.

Die moderne Medienwelt hat dem Papsttum nicht nur eine grandiose Aufmerksamkeit beschert. Sie hat es dadurch auch in einer Weise verändert, die vermutlich in der katholischen Kirche noch nicht richtig wahrgenommen und schon gar nicht verarbeitet ist. Die römische Kirche, obschon von ihrer spirituellen Grundlage her nicht auf Personenkult angelegt, ist in einer Exklusivität auf die Person des Papstes fixiert, wie es nie zuvor in der Geschichte der Fall war. Die weltweite Direktübertragung seiner Reisen und Auftritte hat dem Bischof von Rom einen Popstar-Status gegeben. Seine Kirche wird zunehmend wahrgenommen in der Form von Mega-Events.

Bei der bevorstehenden Visite kommt als dramatisierendes Moment der schlechte Gesundheitszustand Johannes Pauls II. hinzu. Es wird bis zuletzt ungewiss bleiben, ob er die Reise überhaupt wird antreten können. Die Spekulation, die Schweiz könnte die letzte Destination dieses weit gereisten Papstes sein, drängt sich förmlich auf, und die Medien (zumindest die boulevardisierten) werden sich diesen Nachrichtenwert nicht entgehen lassen. Johannes Paul II. muss sich seine öffentlichen Auftritte und Reisen förmlich abringen. Man sieht ihn kämpfen gegen Schmerzen und Schwäche. So verkörpert er erst recht die schwache, aber unbeugsame Macht der moralischen Instanz. - Ein Gegenbild sondergleichen zu den Mächtigen der Welt.

 

Urs Meier ist Geschäftsführer der Reformierten Medien und Mitherausgeber des Medienhefts.


 
 

Herausgeber: Katholischer Mediendienst Charles Martig | Reformierte Medien Urs Meier
Impressum: Judith Arnold, Redaktion Medienheft, Badenerstrasse 69, 8026 Zürich
Website © Medienheft: www.medienheft.ch