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29.06.2005
00:00 Von: Martig, Charles

War of the Worlds
Von der "Spielbergisierung" eines bahnbrechenden Romans

Am Anfang stand ein Zukunftsroman: H. G. Wells' "The War of the Worlds" erschien 1898 und gehört seit seinem Erscheinen zu den bahnbrechenden Werken der angelsächsischen Kulturgeschichte. Was mag Steven Spielberg gereizt haben, diesen Stoff im Jahr 2005 auf die Kinoleinwand zu bringen? Ist die Vorlage überhaupt geeignet für eine "Spielbergisierung"? Und warum spielt ausgerechnet Tom Cruise die Hauptrolle des Vaters Ray Ferrier, der seine Kinder beschützt und dadurch erwachsen werden soll? - Ketzerische Fragen eines Spielberg-Bewunderers.


Von Charles Martig

Dieser Krieg der Welten hat bereits eine lange Geschichte: von der literarischen Vorlage Herbert G. Wells' (1898), eine Satire auf den Untergang des britischen Imperiums, über die Aufsehen erregende Adaption als Hörspiel durch Orson Welles (1938) bis zur filmischen Umsetzung durch Byron Haskin (1953), die zu den Klassikern der Science Fiction zählt. Legendär ist vor allem das Hörspiel von Orson Welles, das nach seiner Ausstrahlung auf CBS am 30. Oktober 1938 zum Paradebeispiel für Medienwirkung geworden ist. "Die vermeintliche Nachricht, dass Marsmenschen die Bevölkerung von New Jersey mit Laserstrahlen grillen, löste eine Massenpanik aus. Zwei von den sechs Millionen Hörern - die kurz vor Ausbruch des Zweiten Weltkrieges ohnehin mit einer Nazi-Invasion gerechnet hatten - hielten den fiktiven Livebericht über martialische Marsianer für authentisch: Landbewohner flüchteten in die Stadt, und Städter eilten panisch aufs Land. Die Nationalgarde machte mobil, und eine Frau, so steht es im Booklet der britischen CD-Version, brachte sich um, 'weil sie Angst hatte, von Marsianern vergewaltigt zu werden'." (Riepe 2005). Orson Welles hatte seit 1934 für den Rundfunk gearbeitet und sich für die News-Sendung "The March of the Time" den Tonfall des Nachrichtensprechers angeeignet. Mit dieser Stimme intonierte er die einführenden Worte: "We know now that in the early years of the twentieth century this world was being watched closely by intelligences greater than man's, and yet as mortal as his own. We know now that as human beings busied themselves about their various concerns they were scrutinized and studied, perhaps almost as narrowly as a man with a microscope might scrutinize the transient creatures that swarm and multiply in a drop of water. With infinite complacence people went to and fro over the earth about their little affairs, serene in the assurance of their dominion over this small, spinning fragment of solar driftwood which, by chance or design, man has inherited out of the dark mystery of Time and Space. Yet across an immense ethereal gulf, minds that are to our minds as ours are to the beasts in the jungle, intellects vast, cool and unsympathetic, regarded this earth with envious eyes and slowly and surely drew their plans against us." (Welles, 1938, Originalskript).

 

Sinn aus dem Chaos: die moralische Anstalt der "family values"

Bei der Spielberg-Version erscheint nun vieles déjà-vu, da er - nach der Drehbuchvorlage von David Koepp - die Rahmenhandlung mit dieser bekannten Tonalität des Sprechers aufnimmt und im Vorspann mit Bildern illustriert. Im Wesentlichen geht es Spielberg um die Idee, die Invasion von Ausserirdischen aus der persönlichen Perspektive eines Helden zu zeigen, die er von H. G. Wells übernimmt. Darüber hinaus gewährt er sich jedoch viele Freiheiten, um aus dieser Geschichte einen "Familienfilm" zu machen. Der Vater Ray Ferrier (Tom Cruise) erlebt die Invasion der aggressiven Aliens zusammen mit seinen beiden Kindern Robbie und Rachel als persönliche Bewährungsprobe. Die Krise der getrennten Eltern mit ihren vaterlosen Kindern findet sich als Spiegelung in der Aussenwelt: Das Böse ist aussen und muss überwunden werden, um die zerrüttete Familie zu retten und den Vater in eine erwachsene Person zu verwandeln. Bei dieser narrativen Konstruktion der "Musterfamilie", die in der Identifikationslogik für "uns alle" steht, liegt das grosse Gewicht der Glaubwürdigkeit bei den Hauptdarstellern. Und gerade hier bricht der Film ein, da Tom Cruise zwar den sozial unfähigen, weil noch nicht erwachsenen Mann darstellen kann, ihm jedoch niemand den Weg zum verantwortungsvollen Vater abnimmt. Die Bedeutung, die er am Schluss des Films (mit einem etwas aufgesetzten Happy End) als Vater für die Kinder haben soll, bleibt reine Behauptung. Dabei gäbe die sozialphilosophische Perspektive von H. G. Wells einen viel breiteren Raum: In der literarischen Vorlage interessiert sich der Autor vor allem für die Folgen des Geschehens für die Menschheit. Wie im Labor untersucht er, wie sich Menschen in einer grundlegend veränderten Situation verhalten. Spielberg schränkt sich auf die individualistische Perspektive ein und nutzt das Kino konservativ als moralische Anstalt: Hier wird gezeigt was wirklich zählt, die "wahren Werte" und vor allem die "family values".

Da bleibt nun also die genretypische Erzählung des Science-Fiction- und des Katastrophenfilms. Im ersten Teil fügt sich Spielberg nahtlos ein und baut den Angriff der kompromisslosen und mörderischen Aliens solide auf. Die Spezialeffekte sind State of the Art. Währenddem sich Byron Haskin in den 1950er-Jahren in seinem Filmklassiker noch mit an Seilen aufgehängten UFOs begnügen musste, gibt es hier nun dank computergenerierten Bildern endlich dreibeinige Riesenmaschinen. Diese legen ganze Städte in Schutt und Asche, ballern auf alles, was sich bewegt, töten die Menschen oder nehmen sie gefangen, um ihnen das Blut auszusaugen. Doch die Überwältigungsästhetik kann nicht ganz überzeugen, da Spielberg die Grenze des Genres überschreiten will und dazu immer auch erstaunliche visuelle Mittel findet: zum Beispiel in der Trümmerlandschaft eines abgestürzten Flugzeugs oder in einem brennenden Zug, der gespenstisch über einen Bahnübergang rast. Doch diese bleiben eingestreute Fragmente in einem lange Zeit düsteren, disparaten, stellenweise faszinierenden, aber auch überlangen Film, der mit unzähligen Verweisen auf andere Spielbergfilme gespickt ist. Diese intertextuellen Zeichen fordern aber nicht zur Entschlüsselung auf. Sie rufen vielmehr gewohnheitsmässige Wiedererkennungsmuster ab.

 

Sehnsucht nach der Katastrophe

Ausgerechnet jener Regisseur, der mit "Close Encounters of the Third Kind" und "E.T." zwei seltene Beispiele von Begegnungen mit sympathischen und friedliebenden Ausserirdischen gedreht hat, wechselt die Seite und frönt dem bekannten Projektionsmechanismus: Die eigenen kollektiven Ängste werden nach aussen in den Weltraum projiziert und greifen nun als drohende Monster die Menschheit an. Statt Poesie und Geheimnis des Anderen schlägt hier die Angst vor der Katastrophe durch. Das zeitgenössische Amerika, das hier gezeigt wird, hofft zutiefst auf diesen Angriff. "Katastrophen, wer wüsste das besser als das Gegenwartskino, sind immer auch ein Sehnsuchtshorizont. Sie öffnen eine Chance auf Verbesserung, zumindest auf Veränderung, versprechen den Neuanfang aller Dinge. Wer sich klammheimlich schuldig fühlt, braucht die Katastrophe oder ihre Simulation, um sich von der Schuld zu befreien." (Suchsland 2005, 40). Bereits Roland Emmerich hatte 1996 in "Independence Day" diesen Mechanismus genutzt und in eine nationalpatriotische Legitimation des weltweiten Krieges gegossen.

Diese Linie der kollektiven Entlastung von Schuldgefühlen könnte demnach eine dekonstruktivistische Lesart von "War of the Worlds" sein, wodurch Spielberg - bewusst oder unbewusst - die Katastrophensehnsucht der USA kritisiert. Als fiktionale Formel spielt Spielberg sie durch, vermischt sie aber auch mit eigenständigen Gestaltungselementen. Als Einführung in das Normalleben von Ray Ferrier zeigt er uns das dreckige, heruntergekommene Amerika, das seine Träume bereits begraben hat. Er filmt dies in einem sozialrealistischen, schmutzigen Stil mit der digitalen Kamera. Die Grobkörnigkeit der Bilder vermittelt eine Assoziation zum Stil des New Hollywood der 1970er-Jahre (Steven Spielberg, Francis F. Coppola, Martin Scorsese, George Lukas). Nur eine nachhaltige Erschütterung könnte diese soziale und gesellschaftspolitische Sackgasse noch aufbrechen. Dass dazu gar ein Angriff aus dem Weltraum notwendig ist, könnte auch als satirisches Element gelesen werden.

Damit wäre Spielberg wieder beim Original. Bereits H. G. Wells hatte sein Buch mitten in der Krise des British Empire geschrieben und mit satirischen Aspekten bestückt. Doch im Vergleich zu Tim Burtons Science-Fiction-Parodie "Mars Attacks!" bleibt Spielberg wohl sehr weit von einer Satire entfernt. Und so bleibt auch dem geneigten Spielberg-Bewunderer nur ein bitterböses Fazit: Selbst ein Klassiker wie "The War of the Worlds" ist nicht vor der "Spielbergisierung" gefeit.

 

Charles Martig ist Filmpublizist und Geschäftsführer des Katholischen Mediendienstes in Zürich

 

Literatur:

Wells, Herbert G. (1898): The War of the Worlds. London.
The Literature Network: http://www.online-literature.com/wellshg/warworlds/ 

Welles, Orson (1938): Originalskript der Radio-Ausstrahlung von CBS am Sonntag, 30. Oktober 1938, 20.00 bis 21.00 Uhr: http://members.aol.com/jeff1070/script.html 

New York Times (1938): Radio Listeners in Panic, Taking War Drama as Fact. Many Flee Homes to Escape 'Gas Raid From Mars' - Phone Calls Swamp Police at Broadcast of Wells Fantasy. In: New York Times, 31. Oktober 1938: http://members.aol.com/jeff1070/wotw.html 

Riepe, Manfred (2005): Mars attacks - schon wieder. "Krieg der Welten": Vom Hörspiel zum Blockbuster. In: epd Film Nr. 7/2005: http://www.epd-film.de/epdfilm_neu/themen_35695.htm 

Suchsland, Rüdiger (2005): Krieg der Welten. In: Film-dienst Nr. 13/2005, 39-40: http://film-dienst.kim-info.de/kritiken.php?nr=7760

 

Filme:

War of the Worlds, Regie: Byron Haskin, USA 1953
http://www.filmevona-z.de/filmsuche.cfm?wert=28364&sucheNach=titel&CT=1 

Close Encounters of the Third Kind, Regie: Steven Spielberg, USA 1977

E.T. The Extraterrestrial, Regie: Steven Spielberg, USA 1981

Independence Day, Regie: Roland Emmerich, USA 1996

Mars Attacks!, Regie: Tim Burton, USA 1996

War of the Worlds, Regie: Steven Spielberg, USA 2005
Besetzung: Tom Cruise, Dakota Fanning, Justin Chatwin, Tim Robbins, Miranda Otto; Kinostart: 29. Juni 2005: http://www.waroftheworlds.ch


 
 

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