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05.12.2001
00:00 Von: Meier, Urs

In den Netzen des Schreckens
Wenn die Öffentlichkeit zur Schicksalsgemeinschaft wird

Die Anschläge von New York und Washington sind ein historischer Bruch, vergleichbar mit dem Fall der Berliner Mauer vor zwölf Jahren, aber mit umgekehrtem Vorzeichen. Die folgende Kette katastrophaler Ereignisse verdichtete die apokalyptische Stimmung, erst recht in der Schweiz, die besonders betroffen war. Ohne die vorangegangene gewaltige Erschütterung vom 11. September hätte die Unglückserie keine so tiefe Verunsicherung ausgelöst. Der Terror der Al-Kaida mit seinem unbedingten Vernichtungswillen erschien als grenzenlose Bedrohung. Zu ihrer Zurückdämmung gehört der Streit über die Antiterrormassnahmen, weil sich gerade auch in dieser Auseinandersetzung die zivile Gesellschaft zu bewähren hat.


Von Urs Meier

Der 11. September 2001 hat die Welt verändert. Mit den Schrecken dieses Tages endete das Dutzend Jahre nach 1989, das zwar nicht friedlich war, aber ein paar Hoffnungen aufkommen liess. Trotz dem Golfkrieg, der Kette von ethnischen Säuberungen auf dem Balkan, dem Genozid in Ruanda, dem ständigen Aufflackern in Israel/Palästina, den Greueln in Somalia, in Tschetschenien, im Südsudan, in Liberia und anderswo gab es Aufbrüche in die Freiheit, vitale Kräfte des Aufbaus und vereinzelt gar der Versöhnung. In Mittel- und Osteuropa entstanden teilweise Demokratien oder immerhin weniger unterdrückerische Staatsformen, Südafrika überwand die Apartheid, China begann aus dem Koma zu erwachen, das Wüten auf dem Balkan schien allmählich erschöpft.

 

Historischer Bruch

Dass die Welt dennoch nicht in Ordnung war, wussten alle Einsichtigen. Die reichen und mächtigen Staaten drückten sich vor ziemlich allen globalen Aufgaben - vor der Behebung eklatanten Unrechts im Welthandel, vor der Prävention von Klima- und Umweltkatastrophen, vor dem Anpacken weltweit wachsender Sozialprobleme und vor der Distanzierung bisher opportunistisch gestützter, maroder Regime. Darüber täuschte sich niemand. Die Netze der Medien sind so eng geknüpft, dass die meisten Menschen Informationen und Analysen zum Weltzustand in irgend einer Form mitbekommen. Die Gründe des Optimismus waren entsprechend wacklig und brüchig. Aber sie waren vorhanden. Und sie wirkten. Den einen gaben sie persönliche Zuversicht, andere wollten eine glänzende neue Wirtschaft auf sie bauen. Dass die Dot-coms binnen Kurzem wie Seifenblasen platzten, war nur ein mittlerer Schock und bloss für jene, die den Alchimistenträumen der E-conomy-Propagandisten aufgesessen waren. Die allgemeine Stimmung wurde etwas getrübt, aber sie kippte deswegen nicht.

Am 11. September wurde das Abwägen zwischen Hoffen und Bangen weggefegt. Der Einschlag der beiden Passagierjets in die Twin Towers des New Yorker World Trade Center war von epochaler Gewalt. Schon bei den ersten Bildern und Meldungen ahnten die entsetzten Zuschauer, dass sie nach dem Fall der Berliner Mauer erneut zu Augenzeugen eines historischen Bruchs wurden: damals in ungläubigem Staunen, diesmal in ungläubigem Schrecken. Allein schon die Dimension des Massenmords und das Ausmass der Verheerung in Manhattan sprengten alle bisherigen Vorstellungen von Terror. Doch tiefer noch als die reale Gewalt der Al-Kaida drang die Symbolik des Anschlags. Die Weltmacht, der Kapitalismus, die Globalisierung, die westliche Zivilisation waren ins Herz getroffen - ein Umstand, der manche Kommentatoren, Literaten und Intellektuelle dazu verleitete, die Anschläge zu "erklären", sie zu politisieren und dadurch trotz allen Beteuerungen des Abscheus letztlich doch zu legitimieren. In seiner Überdeutlichkeit liess der Vernichtungswille der Attentäter keinen Zweifel daran, dass er das Ganze des Westens meinte. Die Bedrohung war buchstäblich grenzenlos. Wer das wollen kann, der hat die völlige Auslöschung dessen im Sinn, was er hasst.

 

Apokalyptische Stimmung

Nach dem 11. September ging eine Kette weiterer Schreckensmeldungen um die Welt: Mitten in Toulouse explodierte eine Chemiefabrik; ein russisches Verkehrsflugzeug wurde über dem Schwarzen Meer versehentlich abgeschossen; eine SAS-Maschine prallte auf dem Mailänder Flughafen mit einer Cessna zusammen und brannte aus; die USA schirmten den Krieg gegen die Taliban und Al-Kaida in Afghanistan mit Geheimhaltung und Desinformation gegen die Weltöffentlichkeit ab und wurden zu Hause von einer Welle von Bio-Terror mit Anthrax-Erregern heimgesucht; ein Airbus stürzte in den New Yorker Stadtteil Queens und weckte die latente Furcht vor weiteren Anschlägen der Terrororganisation Bin Ladens; palästinensische Attentäter bombten in Jerusalem und Haifa den Nahostkonflikt in eine neue heisse Phase. In der Schweiz wurde die nicht abreissende Folge negativer Auslandmeldungen zeitweise in den Hintergrund gedrängt durch eine Serie von einheimischen Katastrophen: Ein Amoktäter verübte das Massaker im Zuger Parlament, die Swissair ging pleite und schockte das ganze Land mit dem Verlust des vielleicht wichtigsten nationalen Symbols und der Angst vor wirtschaftlichem Niedergang, der tagelang wütende Brand im Gotthardtunnel deckte die Verletzlichkeit der Zivilisation auf, und der Absturz des Crossair-Jumbolino bei Bassersdorf bestätigte vielen die Befürchtung, dass dieses Land vom Unglück verfolgt werde.

Nach der Erschütterung vom 11. September untergruben die folgenden Schreckensmeldungen das Weltvertrauen vieler Menschen vollends. Ein kollektives Gefühl des Bedrohtseins und der verbreitete Eindruck des allgemeinen Niedergangs verschafften sich vielfachen Ausdruck. Die zivilreligiöse Grundannahme, trotz Problemen und Störungen in einem letztlich wohlgeordneten Kosmos zu leben, wurde verschattet vom bedrängenden Gefühl des Chaotischen. Bilder einer drohenden Apokalypse verdüsterten die Vorstellung der guten Schöpfung. Die beiden mythischen Erzählungen sind tief verwurzelt in der christlich geprägten Kultur. Sie sind als überindividuelle Bewusstseinsgehalte in ihr stets latent gegenwärtig und in besonderen Situationen abrufbar. Der Begriff der Apokalypse und ihre uralten Sprachbilder wurden auffallend häufig benützt, um die schlimmen Ereignisse und deren vermutete Bedeutung in Worte zu fassen. Auch die oftmals bezeugte Sprachlosigkeit, die Beteuerung, dass einem die Worte fehlen sind fester und kulturell verankerter Bestandteil des apokalyptischen Repertoires. Diese Feststellung schmälert nicht die Glaubwürdigkeit derer, die sich so geäussert haben. Sie zeigt bloss, wie sehr Kommunikation kulturell vorgeformt ist, und zwar gerade auch dann, wenn die Sprechenden und Schreibenden sich "ganz persönlich" zu erkennen geben.

Es war, als duckten sich die Leute unter den Schlägen der Ereignisse. Grosse Katastrophen wurden zum Teil kaum mehr richtig wahrgenommen. So fand das SAS-Unglück von Mailand knapp einen Monat nach den Terroranschlägen gegen die USA in den Medien wenig Aufmerksamkeit, obschon es in der Nachbarschaft geschah und 118 Menschen das Leben kostete. Die Fassungskraft des Medienpublikums war überfordert. Viele Stimmen in Kommentaren und Leserbriefen glaubten überdies feststellen zu können, die Menschen würden unter dem Eindruck der Hiobsbotschaften näher zusammen rücken. Was mit diesem angeblichen Schulterschluss real gemeint war, blieb im Unklaren. Gut möglich, dass viel Wunschdenken im Spiel war: Man sollte einander stärken, indem man die üblichen Differenzen zurückstellt und in Solidarität dem Unglück widersteht. Die Schicksalsgemeinschaft wurde zum Leitbild in der Not erhoben. Symbole und Gesten wie das Anzünden von Kerzen und das gemeinsame Schweigen wurden diesem Bedürfnis besser gerecht als erklärende Worte. Die erste mögliche Antwort auf überwältigenden Schrecken ist stets das Ritual, die Gebärde, die symbolische Kommunikation. Das ist in der aufgeklärten und durchrationalisierten Gesellschaft von heute nicht anders als von alters her.

 

Bedürfnis nach Repräsentation

Moritz Leuenberger sprach anlässlich eines Rückblicks auf sein Präsidialjahr davon, zum Amt des Bundespräsidenten habe angesichts der nationalen Katastrophen die Artikulation kollektiver Gefühle gehört. In Leuenbergers Amtsjahr traf sich die Rolle des Regierungsvorstehers mit jener des in drei von vier Fällen sachlich involvierten Departementchefs. Ein genereller Rückschluss auf eine neue öffentliche Funktion des Bundespräsidenten in Katastrophenfällen wäre deshalb voreilig. Doch die Tatsache, dass dem als Person durchaus nicht "landesväterlich" erscheinenden Moritz Leuenberger durch die besonderen Umstände eine solche Rolle zuwachsen konnte, unterstreicht das Bedürfnis der Öffentlichkeit nach stellvertretender Äusserung von Betroffenheit und Mitgefühl.

Eine Tendenz zur Personalisierung von Sachverhalten lässt sich in den Medien seit längerem feststellen. Sie greift ganz besonders auch in Extremsituationen. New Yorks Bevölkerung und Amerikas Öffentlichkeit brauchten nach dem Vernichtungsschlag eine Figur, die Stärke symbolisierte und Durchhaltewillen ausstrahlte. Rudolph Giuliani, abgehalfterter, krebskranker Bürgermeister der Stadt, von den Medien noch kurz zuvor durch den Kakao gezogen wegen einer hässlichen Scheidung, wuchs über Nacht in diese Rolle hinein. "Rudy the Rock", in Feuerwehruniform tagelang fast pausenlos im Scheinwerferlicht, wurde zur nationalen Symbolfigur.

 

Das Absolute und die Politik

Durch die Mechanismen des Öffentlichen nimmt die Gesellschaft Informationen aus ihrer Umwelt auf. In der Kommunikation setzt sie sich mit sich selbst auseinander. Solche Vorgänge kann man im weitesten Sinn als das Politische verstehen: Verschiedene Akteure verfechten ihre Interessen, suchen in Streit und Verständigung gemeinsame Angelegenheiten zu regeln, ringen um Einfluss und Macht, stellen Bestehendes in Frage. Zum Politischen gehören fundamental der Dissens und die Differenz. Wer sich aufs Feld der Auseinandersetzung begibt, hat dieses Prinzip zum vornherein anerkannt, selbst wenn er nicht fähig oder willens ist, die moralische Leistung der Toleranz zu erbringen. Wo Politik ist, da gibt es die andere Meinung, das andere Interesse, die anderen Wertvorstellungen. Politisches ist relational, es kann nur sein in (toleranter oder feindseliger) Beziehung zu anderem Politischem.

Steigert sich jedoch die Feindschaft zum unbedingten Vernichtungswillen, so ist der Handlungsrahmen des Politischen zerstört. Terror generell, und ganz besonders ein alle Relationen sprengender Akt wie die Anschläge vom 11. September setzt sich in einen antagonistischen, absoluten Gegensatz zu jeglicher Politik. Aus diesem Grund sind Deutungen, die solche Handlungen als politische Botschaften oder als Ausdrucksformen politischer Ziele anerkennen wollen, schon im Ansatz verfehlt.

Anders steht es mit den politischen Debatten darüber, wie dem Terror zu begegnen sei. Sie haben bald nach dem 11. September notwendigerweise eingesetzt und werden übrigens gerade auch in den USA trotz der Gängelung der Medien durch Regierung, Militär und Justiz mit Vehemenz und grossem Ernst geführt. Die Spannweite möglicher politischer Positionen bestimmt die Breite dieser Diskussion, die Tragweite der Fragen ihre Tiefe und die Gegensätzlichkeit der Positionen ihre Lautstärke.

Der Streit um die richtige Antwort auf den Terror ist ein entscheidender Beitrag zu dessen Bewältigung. Nicht das Finden der einen Antwort (die es sowieso nicht gibt) führt weiter, sondern die Tatsache, dass über den Angriff auf das Politische politisch gestritten wird. Nur so - d.h. wenn die gegen den Terror ergriffenen Massnahmen zu umstrittenen Gegenständen der politischen Kommunikation gemacht werden - ist der ungeheuerliche Übergriff des Absoluten zurück zu drängen und die zivile Gesellschaft gegen den Fanatismus zu verteidigen.

 

Urs Meier ist Geschäftsführer der Reformierten Medien und Mitherausgeber des Medienhefts.


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