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02.10.2004
00:00 Von: Schön, Gerti

Wahlentscheidende Medienkommentare
Bush und Kerry im TV-Duell

Das amerikanische Wahlvolk konnte der ersten präsidialen Debatte am Donnerstagabend kaum entkommen: Auf insgesamt zehn TV-Kanälen wurde der 90-minütige Schlagabtausch zwischen John Kerry und George Bush live übertragen, die fremdsprachigen Sender etwa für die Spanisch sprechende Bevölkerung nicht mitgerechnet. Doch selbst, wer sich die Debatte nicht direkt anschauen wollte, konnte dem geballten medialen Interesse kaum ausweichen, wurden doch die Kernaussagen von Kerry und Bush sowie die Einschätzung, welcher Kandidat wie herübergekommen sei, in einem dutzendfachen Echo in Fernsehen, Radio, Print und Internet wiedergekäut und nachanalysiert - und haben dadurch eine Eigendynamik entwickelt, die nach Ansicht der Medienwissenschaft wahlentscheidend sein kann.


Von Gerti Schön

Dementsprechend freute sich vor allem das Kerry-Camp, sprachen sich doch die meisten Diskurs-Analysten schon in den ersten Sekunden, nachdem Bush und Kerry die Bühne verlassen hatten, für die bessere Wirkung des demokratischen Kandidaten aus. Sogar das Fox News Network, das für seinen notorischen pro-Bush-Tenor bekannt ist, rühmte Kerrys Artikuliertheit und dass es ihm gelungen sei, Präsident Bushs Entscheidungen in Irak in Frage zu stellen. Und als ganz schlecht interpretierten es die Auguren, dass George Bush wiederholt geseufzt habe - und nicht nur geseufzt, sondern bisweilen auch noch gelangweilt dreingeschaut hat.

 

Folgenschwere Seufzer

Und Seufzen kann einem den Wahlsieg kosten, wie die New York Times vor einigen Tagen erinnerte. Hatte sich doch die Presse im letzten Wahlkampf im Jahr 2000 in der Nachanalyse weniger auf die Inhalte konzentriert, als auf die Körpersprache der Kandidaten. Al Gores Seufzen war ihm damals als Arroganz gegenüber einem arglos wirkenden George Bush ausgelegt worden. Die Medien warfen sich mit Verve auf diese Interpretation, Al Gores Quoten in den Umfragen sanken, und der Anfang vom Ende war eingeleitet. In einem waren sich die politischen Eliten diesmal aber einig: Es war eine substanzielle Debatte, in der es tatsächlich mehr um Inhalte als um die Ästhetik der jeweiligen Haartracht ging, auch wenn die Nachrichtenmacher es noch am Tag zuvor nicht lassen konnten, über die plötzliche Bräune in John Kerrys Gesicht zu diskutieren: Ist sie echt? Oder ist es Selbstbräuner? "Die Sache kann ihm ernsthaften Schaden zufügen", hiess es ohne jede komische Absicht auf CNN.

 

Effekt der Medienkommentare

Wie wichtig der allgemeine Tenor der sich wiederholenden Medien-Analysen und Zusammenfassungen sein kann, demonstrierte bereits der Wahlkampf von 1976, als Jimmy Carter gegen Gerald Ford antrat. Ford hatte in der Diskussion behauptet, "eine Dominanz der Sowjetunion über Osteuropa gibt es nicht". Während diese Aussage in der Diskussion selbst kaum angezweifelt wurde, prangte zwei Tage später ein Artikel auf der Frontseite der Washington Post, in dem Fords Statement als "ernsthaftes Problem" für ihn dargestellt wurde. Die Presse griff den Aspekt auf, und Fords Kandidatur wurde in der darauf folgenden Lawine von Kritik und Gelächter begraben.

Die Medienberichterstattung geht an den Wählern nicht spurlos vorbei. Haben öffentliche Meinungsforscher doch schon vor langem festgestellt, dass sich eine gewisse Tendenz in der Berichterstattung der Medien auch auf die Schwankungen im Bild der öffentlichen Meinung niederschlagen kann. Kathleen Hall Jamieson, Direktorin des Annenberg Zentrums an der University of Pennsylvania nennt dies den "Medien-Kommentator-Effekt". "Was auch immer die Kommentatoren über Bush und Kerry sagen, wird vor allem für diejenigen Wähler wichtig sein, die die Debatte nicht gesehen haben", sagt sie. Und das dürfte die überwältigende Mehrheit der Amerikaner sein. Die Grösse des Publikums wird auf 37 Millionen geschätzt.

Anders als in den Monaten nach Beginn des Irakkriegs, in denen die amerikanischen Medien sich eher wie patriotische Schosshündchen als kritische Begleiter öffentlicher Politik benahmen, scheint die US-Presse ihren Biss wiedergewonnen zu haben. Gleich nach Ende der Debatte stürzten sich die Medien auf das Fact-Checking der wichtigsten Aussagen, also das Überprüfen der Fakten. Bei allen Medien, vom National Public Radio bis hin zu CNN, wies man beispielsweise darauf hin, dass Bush behauptete, schon 100'000 Iraker hätten ein Sicherheitspersonaltraining durchlaufen. Die Zahl liegt jedoch bei nur 8'000.

 

Kritik gerecht verteilen

Doch wie es der angelsächsische Journalismus vorschreibt, fühlen sich amerikanische Reporter gezwungen jeweils beide Opponenten der Einseitigkeit anzuklagen. Also mussten auch in Kerrys Statements Löcher gefunden werden. Dafür nahm selbst das Annenberg Center auf seiner Website Factcheck.org Aussagen zu Hilfe, die in ihrer "Verzerrtheit" angeblich Zweifel aufkommen lassen: Kerrys Behauptung etwa, Osama Bin Laden sei vor drei Jahren "umstellt" gewesen, jedoch nicht gefangen worden, weil diese Aufgabe an afghanische Warlords "outsourced" worden war, wurde hier angegriffen, weil das Wort "umstellt" nicht eindeutig korrekt sei.

Die medienkritische Organisation FAIR argumentiert schon seit einigen Monaten, dass dieser Ansatz nicht hilfreich sei, und zwar schlichtweg "weil es nicht immer der Fall ist, dass beide Seiten im gleichen Ausmass für Täuschungsmanöver verantwortlich sind". Berechtigte Kritik werde damit neutralisiert mit dem Hinweis "sie tun es doch alle". Die Nachrichtenagentur AP etwa hatte vergangene Woche einen Bericht versandt mit dem ursprünglichen Titel "In einem erneuten Angriff dreht Bush Kerry das Wort im Munde um". Doch die Geschichte wurde im Nachhinein berichtigt und mit der Überschrift versehen: "Bush und Kerry drehen sich gegenseitig das Wort im Munde um".

Als Nachweis für Kerrys Fehlverhalten wurde eine E-Mail seines Wahlkampftrosses zitiert. Darin wurde das Bush-Zitat "eine Umfrage besagt, dass der richtige/falsche Weg besser als in den USA ist" verwendet und mit dem Kommentar versehen, dies würde bedeuten, dass Bush der Ansicht sei, die Zukunft Iraks sei besser als diejenige der USA. Auch wenn kein Mensch wirklich weiss, was das Bush-Zitat bedeutet, so wurde das Beispiel dennoch bemüht, um zu demonstrieren, dass beide Seiten mit schmutzigen Tricks arbeiten würden.

Auf eine ähnliche Weise hatte sich die US-Presse auch von einer Schmierkampagne des vergangenen Sommers instrumentalisieren lassen. Hatten doch die so genannten "Swiftboat Veterans for Truth", die es nie verwinden konnten, dass John Kerry nach seinem Einsatz in Vietnam gegen den Krieg Stellung bezogen hatte, einen Wahl-Feldzug gegen ihn begonnen. "Sie mussten nur ein paar Fernsehclips in ein paar Staaten zeigen, doch weil die Medien sich so darauf stürzten, wurde ihre Propaganda überall gezeigt", sagt Bob Lichter, Direktor des Meinungsforschungsinstituts CMPA. In dem Werbeclip wurde behauptet, Kerry habe über seine Leistungen in Vietnam gelogen, ohne dass die Swiftboat Veterans dafür einen Nachweis erbringen konnten.

 

Er sagt,...sie sagt,...

Die US-Presse mochte auch hier nicht eindeutig Stellung beziehen: Weil es das "he says, she says"-Prizip beide Seiten zu zitieren so vorschreibt, bekamen jene Veteranen, die die Verleumdungskampagne starteten, genauso viel Gelegenheit, ihre Sache zu rechtfertigen, wie Kerry selbst. Am Ende blieb in der Öffentlichkeit der Eindruck bestehen, dass Kerry etwas zu verheimlichen habe. "Das beweist, dass man gegen eine solche Kampagne mit journalistischen Korrekturen nicht ankämpfen kann", urteilt Lichter. "Die Leute gehen nun mal davon aus, dass jede Schmierkampagne ein Fünkchen Wahrheit enthält".

Dennoch findet Lichter auch etwas Tröstliches an dem gegenwärtigen Wahlkampf: Verglichen mit den Kampagnen der Vergangenheit habe es schon viel schlimmere Negativ-Feldzüge gegeben. So habe sich Thomas Jefferson vor 200 Jahren vorhalten lassen müssen, er habe schwarzes Blut in seinen Adern - angesichts des damaligen grassierenden Rassismus eine üble Propaganda. "Die Leute hatten damals überhaupt keine Möglichkeit nachzuprüfen, was an diesen Anschuldigungen stimmt und was nicht", meint Lichter. Allerdings bleibt für ihn jeder Wahlkampf am Ende ein zwielichtiges Geschäft. "Gewählt wird derjenige, dessen Propaganda man am ehesten Glauben schenken möchte".

 

Gerti Schön, Reporterin bei European Media, lebt und arbeitet in New York.


 
 

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