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20.12.2004
00:00 Von: Wittmann, Frank

Zwischen Hoffnung und Ohnmacht
ICT4D und die Exklusion Afrikas

"Die neuen Informations- und Kommunikationstechniken können das Leben der Menschen erleichtern, aber auch die Kluft zwischen Arm und Reich vertiefen". So umschrieb der Direktor des BAKOM, Marc Furrer (2003), die Gründe für den UNO-Weltgipfel zur Informationsgesellschaft (WSIS). Ein Jahr nach dem ersten Teil des WSIS im Dezember 2003 in Genf und ein Jahr vor dem zweiten Teil in Tunis muss mit Blick auf den afrikanischen Kontext ein kritisches Zwischenfazit gezogen werden.


Von Frank Wittmann

Glaubt man dem wissenschaftlichen Diskurs, so gibt es kaum Anhaltspunkte für eine optimistische Einschätzung der Gegenwart und Zukunft des afrikanischen Kontinents. Der Informationstheoretiker Manuel Castells (2003) spricht im Rahmen seiner Netzwerktheorie von einer Exklusion Afrikas. Exklusion bezeichnet den Prozess der Ausgrenzung, die eine Form von Ungleichheit darstellt. Folgt man Castells Makroperspektive und blendet die Vielzahl von Unterschieden zwischen afrikanischen Ländern aus, so hat sich die Triftigkeit dieser Feststellung seit 1989 verstärkt: Die in den Demokratisierungsprozess gesetzten Hoffnungen wurden insgesamt enttäuscht und die Konflikte haben zugenommen (als Beispiele mögen Côte d'Ivoire in Westafrika, Sudan in Nordostafrika, DR Kongo in Zentralafrika oder Zimbabwe im südlichen Afrika genügen). Vor dem Hintergrund der vielfältigen Konflikte ist es in Afrika zu einer Kriminalisierung der Ökonomie gekommen, in deren Zuge der Kontinent zu einer Plattform von Diamanten- und Drogenhandel, Geldwäscherei, Schmuggel, Menschenschlepperei und Finanzbetrug verkommen ist (Bayart et al. 1999). Aber auch die Korrumpierung der Zivilgesellschaft wirkt entwicklungshemmend: Bei vielen zivilgesellschaftlichen Akteuren liegt die Motivation für ihr Engagement weniger in einer zivilen Opposition zur Regierung, sondern in der Sicherung einer Einkunftsquelle (Smith 2003).

 

Exklusion im Kommunikations- und Mediensektor

Zweifelsohne ist es seit 1989 zu einer kleinen Medienrevolution in Afrika gekommen, die vor allem den Pluralismus und die Popularisierung des Medienangebots betrifft (vgl. Wittmann 2003). Diese Transformation trägt aber auch ambivalente Züge: Die internationalen Nachrichtenagenturen sind mehrheitlich in Johannesburg, Kairo und Nairobi präsent, von wo aus ihre Korrespondenten Informationen aus den 52 Ländern des afrikanischen Kontinents sammeln, filtern und weiterleiten. Diese Struktur ist auch für die afrikanischen Massenmedien bedeutsam. Aufgrund ihrer ökonomischen Schwäche können sie sich kaum Korrespondenten in Nachbarländern (geschweige denn in Übersee) leisten und sind von den Informationen der globalen Nachrichtenagenturen abhängig. Dies bringt es mit sich, dass die Süd-Süd-Informationsströme schwach sind und meist einen Umweg über Europa nehmen. Zwar ist die Mediennutzung in den letzten 15 Jahren deutlich gestiegen, aber die Steigerungsraten an Computern, Internetcafés, Radio- und Fernsehapparaten oder Zeitungsauflagen basieren auf einem niedrigen Ausgangsniveau. Statistisch ausgedrückt besitzen heute 6,2% der subsaharischen Bevölkerung ein Mobil- und 3% ein Fixtelefon (ITU 2003), 1,2% besitzen einen Computer und 0,9% sind Internetnutzer (vgl. WDI - World Development Indicators 2004).

Diese Zahlen sind zunächst einmal wenig aussagekräftig, da in vielen afrikanischen Regionen Technologien wie Computer, Fernsehen oder Telefon von mehreren Personen geteilt werden. Auch ist das Konzept der Exklusion zu differenzieren. Es hängt von der Perspektive ab, ob die globale Polarisierung zwischen Afrika und den übrigen Kontinenten, die kontinentale Polarisierung zwischen dem Maghreb/Südafrika und den restlichen Staaten, die regionale oder gar die intranationale Polarisierung zwischen Stadt und Land in den Blick gerät. Unterdessen haben jedenfalls viele Grossstädte den Anschluss an das globale Informations- und Kommunikationsnetz geschafft.

 

Inklusion als Lösungsstrategie

Warum sollten uns diese Ungleichheiten kümmern? Es wirkt heutzutage antiquiert, sich auf die moralische Verpflichtung zur Solidarität zu beziehen. Vergegenwärtigt man sich stattdessen die Argumentation der europäischen Aussenministerien, so stellt die Exklusion Afrikas eine Gefahr für die Netzwerkgesellschaft dar. Denn die steigende Armut im Süden führt zu Migration mit ihren hohen Kosten und Integrationskonflikten und schürt die Gefahr des Terrorismus (besonders die ostafrikanischen Länder sind zum Brennpunkt für extremistische Gruppierungen geworden, und auch manche westafrikanische Regierung hat die Gefahr erkannt). Trotz ihrer niedrigen Produktivität spielt auch die afrikanische Wirtschaft eine Rolle im globalen Netzwerk. Einerseits verstärkt eine Wirtschaftskrise die Tendenz zur Kriminalität, andererseits sind nach wie vor eine ganze Reihe von multinationalen Unternehmen auf dem afrikanischen Markt aktiv. Herauszuheben ist die starke Präsenz der internationalen Ölindustrie am Golf von Guinea. Heute beziehen die USA genauso viel Erdöl aus Afrika wie aus Saudi-Arabien, nämlich jeweils 13% ihres Gesamtimportes.

Für die Lösungsstrategie, Afrika verstärkt in das Weltsystem einzubinden bzw. die Exklusionsmechanismen zu reduzieren, gibt es in jüngster Zeit einige Anzeichen. Zu nennen ist beispielsweise der Konsens über den Verhandlungsrahmen der WTO-Runde oder der WSIS und dessen im Aktionsplan definierten Ziele zu Informations- und Kommunikationstechnologien für Entwicklung (ICT4D - ICT for Development) und zu einer neuen Kommunikationsordnung.

 

Der WSIS und die Schweiz

Unter grossem Engagement der Schweizer Delegation und besonders des BAKOM ist am von der Internationalen Fernmeldeunion (ITU) organisierten UNO-Gipfel eine juristisch unverbindliche Grundsatzerklärung und ein Aktionsplan verabschiedet worden. Diese beiden Dokumente stellen den kleinsten gemeinsamen Nenner der beteiligten internationalen Institutionen, Regierungen, Wirtschafts- und Zivilgesellschaftsvertreter dar. Kurz zusammengefasst: In einer zukunftsgerichteten Weltgemeinschaft schaffen, benützen und teilen alle Menschen Wissen und Information derart, dass Einzelpersonen, Gemeinschaften und Völker das Potenzial für dauerhaften Fortschritt und Verbesserung der Lebensqualität voll ausschöpfen können. Im Aktionsplan heisst das konkret, dass bis im Jahr 2015 alle Dörfer, Schulen, Universitäten, Forschungszentren, Bibliotheken, Kulturzentren, Museen, Postämter, Archive, Krankenhäuser und Gesundheitszentren digital vernetzt sind, dass alle Regierungen und öffentlichen Verwaltungen über eine Webseite und E-Mail-Adressen verfügen, alle Menschen einen Zugang zu Radio und Fernsehen haben, die sprachliche Vielfalt im Internet gewährleistet ist und mehr als die Hälfte der Weltbevölkerung einen Internetanschluss in Griffnähe hat.

Wie Anja Prodoehl von der ICT4D-Sektion der DEZA betont, ist man damit zufrieden, dass an der ersten Gipfelkonferenz in Genf ein Konsens gefunden wurde und dass es gelungen ist, die Weltgemeinschaft für die Dimensionen der Informations- und Kommunikationstechnologien für Armutsbekämpfung und Entwicklung zu sensibilisieren. Bevor es dann an der zweiten Gipfelkonferenz in Tunis um die Umsetzung des Aktionsplans gehen wird, sind die beteiligten Institutionen und Regierungen derzeit damit beschäftigt, eine Dokumentation mit einer Beschreibung der derzeitigen ICT-Infrastruktur, den laufenden Projekten und den bestehenden Problemen zu erstellen.

Im Kontrast zu diesem vorsichtig positiven Fazit lassen sich drei Hindernisse im Bereich ICT und Massenmedien benennen, die zeigen, dass der am WSIS erstellte Aktionsplan hinsichtlich des westafrikanischen Kontextes inadäquat ist.

 

Erstes Hindernis: Technologie vor Bildung

Ein erstes Hindernis für ICT4D besteht im Vorrang des Technologietransfers gegenüber der Bildung. Die Folgen für die Vernachlässigung der Bildung und der klassischen Medien durch die Interneteuphorie der 1990er-Jahre kann vorzüglich am Beispiel des gemeinsam von HP und Youssou N'Dour 2001 lancierten Projektes Joko aufgezeigt werden: Bei Joko ging es darum, 350 nicht-kommerzielle Internetclubs im ganzen Land Senegal zu eröffnen. Hier sollte die vornehmlich rurale Bevölkerung günstigen Zugang zum Netz haben, hier sollten Programmier- und Alphabetisierungskurse angeboten, die lokale Kultur auf einer eigenen Homepage aufbereitet und diese kommerziell zum Verkauf von Artisanalprodukten genutzt werden. Da es für ein rurales Internetzentrum illusorisch ist, die Mängel des öffentlichen Schulsystems auszubügeln, ist das Projekt nie über die Pilotphase hinausgekommen und diente vor allem als PR-Instrument. Insgesamt wurden 1 Mio. US-$ an Gehältern und Spesen ausgegeben. Die Gerüchte um Bereicherung und Misswirtschaft von Seiten der Angestellten wurden niemals aufgeklärt. Als gravierendes Problem hat sich auch herausgestellt, dass der private Monopolist Sonatel (Mehrheitsaktionär ist France Telecom) sich nicht am Projekt beteiligt hat. Dem Joko Club in Ngoundiane wurde zuerst die Telefonleitung gekappt und dann der Strom abgestellt...

 

Zweites Hindernis: Begrenzte Pressefreiheit

Voraussetzung für die im WSIS-Aktionsplan definierten Ziele sowie die sinnvolle Nutzung der Infrastruktur ist im Rahmen der Menschenrechte auch die Meinungsäusserungs- und Pressefreiheit. In vielen offiziell demokratischen Staaten Westafrikas ist die Pressefreiheit zwar medienrechtlich garantiert, aber in der journalistischen Praxis gilt sie nur beschränkt: Die Pressefreiheit und der Medienpluralismus dienen den Regierungen vor allem dazu, ihre Demokratisierungsfortschritte zu dokumentieren und sich damit Gelder der internationalen Entwicklungspolitik zu sichern. Sobald aber die Massenmedien den politischen Einflussbereich beschneiden, verletzen die Regierungen hemmungslos das Medienrecht. Als Beispiele lassen sich anführen: das Sendeverbot von Radio France International (RFI) von September 2002 bis März 2003 und die Ermordung der beiden Korrespondenten Kloueu Gonzreu und Jean Hélène 2003 in der Côte d'Ivoire, die Ermordung des Zeitungsjournalisten Norbert Zongo 1998 in Burkina Faso, die kurzzeitige Schliessung von Rádio e Televisão de Portugal 2002, die Bedrohung des Radiojournalisten Braima Dabo von der Station Bombolom 2003 in Guinea-Bissau oder die Ausweisung der Korrespondentin Sophie Malibeaux von RFI 2004 in Senegal.

 

Drittes Hindernis: Informalität der Medienmärkte

Die im WSIS-Aktionsplan definierten Ziele sind nicht bloss durch Entwicklungshilfe und Technologietransfer einzulösen, sondern sie bedingen auch die privatwirtschaftliche Ausbildung von Medienmärkten. In Westafrika ist der Mediensektor aber vor allem informell organisiert. Ein Beispiel aus dem Bereich der senegalesischen Zeitungsdistribution: Den Markt teilen sich formelle (ADP, Marketing Press) und informelle Händler. Die mehrheitlich französische ADP besitzt ein nationales Vertriebsnetz und arbeitet auf Exklusivitätsbasis. Wie die informellen Händler kooperiert auch die ADP mit Grossisten, die den Strassenverkauf organisieren. Im Vergleich zum informellen Sektor ist die ADP aufgrund des Service Public etwas teurer. Dagegen fungiert ihre informelle Konkurrenz als Bank und übernimmt gegen Bezahlung der Druck-, Papier- und Lohnkosten die Zeitungsauflage, wobei sie nur die rentablen Orte des Landes versorgt. Eine Folge dieses Parallelsystem ist die sinkende Dichte der Presseabdeckung. Ausserdem verführt es die Grossisten dazu, informell Zeitungen einzukaufen und die unverkauften Exemplare an die formelle ADP zurückzugeben. Dieses Prinzip gilt auch für ein Leihmodell, das an vielen Kiosken besteht: Hier kann man drei Zeitungen während einer Stunde zum Preis von einer Zeitung ausleihen. Die mehrfach ausgeliehenen Zeitungen werden am Abend als unverkäufliche Exemplare an die ADP zurückgegeben.

 

Interventionen zu ICT4D

Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass die partiellen und punktuellen Fortschritte bei Afrikas Inklusion seit 1989 einer stärkeren Tendenz zur Exklusion gegenüberstehen: Die Zunahme politischer Konflikte und sozialer Spannungen, die Informalisierung und Kriminalisierung der Ökonomie, die zunehmende Korrumpierung der Zivilgesellschaft und die begrenzte Pressefreiheit geben derzeit wenig Anlass zu irgendwelchen Hoffnungen, wie Afrika aus dem Teufelskreis ausbrechen könnte. Wie gezeigt, fügt sich die Situation der ICT und der Massenmedien nahtlos in die allgemeine politische, ökonomische und soziale Situation des afrikanischen Kontinents ein, wobei die bisher eingesetzte Inklusionsstrategie als ungenügend erscheint.

Trotz dieser pessimistischen Befunde können drei Interventionen zum WSIS abgeleitet und für den zweiten Teil des Gipfels im November 2005 in Tunis zur Diskussion gestellt werden: Erstens muss es ICT4D gelingen, die multinationalen Medienunternehmen für ihr Vorhaben zu gewinnen. Die globale Informationsgesellschaft ist nämlich in erster Linie ein Konzept der Kulturindustrie, bei dem es um "Standortvorteile, Wirtschaftswachstum, neue Märkte und Wertschöpfung" (Meier 2003) sowie um "eine Durchkapitalisierung der Informations- und Kommunikationstechnologien" (ebd.) geht. Operativ sollte dies in verschiedenen Formen der Zusammenarbeit der multinationalen Unternehmen in Afrika niederschlagen. So könnte ein Beitrag an die Formalisierung der lokalen Wirtschaft geleistet werden. Zweitens sollte die Bildungspolitik der lokalen Regierungen bzw. der internationalen Institutionen angepasst werden, da das Bildungsniveau und die Qualität der Mediennutzung korrelieren. Drittens kann der soziokulturelle Wandel nur von innen, das heisst von der Bevölkerung kommen. Der Förderung von Demokratisierung und Pressefreiheit wird so lange kein Erfolg beschieden sein, als die zivilgesellschaftliche Aktivität nur eine Strategie der Bereicherung ist. Daher sollte im Rahmen der UNO eine Charta der Zivilgesellschaft ausgearbeitet werden, bei der die zivilgesellschaftlichen Akteure selbst die Kriterien definieren, unter denen sie arbeiten und unterstützt werden sollten. Auf diese Weise könnte die Korrumpiertheit reduziert und die Effizienz der zivilgesellschaftlichen Investitionen erhöht werden.

 

Frank Wittmann ist Assistent am Departement für Gesellschaftswissenschaften der Universität Fribourg.

 

Literatur:

Bayart, François et al. (1999): Criminalization of the State in Africa. London.

Castells, Manuel (2003): Jahrtausendwende. Teil 3 der Trilogie "Das Informationszeitalter". Opladen.

Furrer, Marc (2003): "Einmalige Chance, auch für die Schweiz": Der UNO-Gipfel als Beginn einer globalen Diskussion. In: Neue Zürcher Zeitung vom 28. November 2003:
http://www.nzz.ch/dossiers/2003/wsis/2003.11.28-em-article994UG.html 

ITU - International Telecommunication Union (2004): Africa: The World's Fastest Growing Mobile Market: http://www.itu.int/newsroom/press_releases/2004/04.html 

Meier, Werner, A. (2003): "Eine einzigartige Chance”: Jahrzehntealte Debatte um die Informationsgesellschaft. In: Neue Zürcher Zeitung vom 5. Dezember 2003:
http://www.nzz.ch/dossiers/2003/wsis/2003.12.05-em-article9903B.html 

Smith, Steven (2003): Négrologie: Pourquoi l'Afrique meurt. Paris.

The World Bank Group (2004): World Development Indicators (WDI). Washington:
http://www.worldbank.org/data/wdi2004/index.htm 

Wittmann, Frank (2003): Medienlandschaft Westafrika. Chancen und Barrieren der Kommunikationsflüsse. In: Medienheft, 11. August 2003: http://www.medienheft.ch/kritik/bibliothek/k20_WittmannFrank.html

 

Links:

DEZA:
http://www.deza.admin.ch 

ICT4D - Plattform Genf 2003:
http://www.ict-4d.org 

Panos:
http://www.panos.sn 

reporters sans frontières:
http://www.rsf.org 

WSIS - The World Summit on the Information Society:
http://www.itu.int/wsis 

Absichtserklärung, Aktionsplan und Bericht der Zivilgesellschaft:
http://www.itu.int/wsis/documents


 
 

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