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12.12.2006
00:00 Von: Meier, Urs

Scharf beobachtete Flips
Die Jungs mit den Skateboards und der Kamera

Die Videokamera spielt eine besondere Rolle in der Szene der Skater. Sie scheint keineswegs nur Hilfsmittel zum Training zu sein, sondern mehr noch Stütze für die jugendliche Suche nach Identität und sozialer Zugehörigkeit.


Von Urs Meier

Stundenlang trainieren sie mit ihren Rollbrettern atemberaubende Kunststücke. Anlauf, gebückte Sprunghaltung, rauf auf den Betonsockel, das Brett wirbelt durch die Luft, wird mit den Füssen während des Flugs gestoppt, und dann... Ja, dann missglückt die Landung auf dem fahrenden oder über eine Kante schlitternden Brett fast immer. Nach Hunderten von Versuchen gelingt er irgendwann, der Frontside Flip, FS-Tailside, Nosebluntslide, Backside Desaster oder Frontside Half Cab Kickflip. Das Skaten ist nicht nur eine hoch entwickelte Sportart, es ist wohl vor allem ein Lifestyle, eine Subkultur. Skater sind disziplinierte Leute. Ihre Ausdauer ist bewundernswert. Der Sport, den sie mit endloser Hingabe betreiben, kommt mir, dem ahnungslosen Aussenstehenden, als schiere Schinderei vor. Dauernd stürzen sie auf den harten Beton, die Bretter schlagen ihnen schmerzhaft an die Schienbeine. Dies alles scheint einen richtigen Skater nicht zu stören. Auch von unfreundlichem Wetter lassen sie sich nicht abhalten. Anlauf, gebückte Sprunghaltung, rauf auf den Betonsockel und so weiter, ganze Tage lang.

Erst seit vielleicht ein, zwei Jahren fällt mir ein weiteres Requisit in dieser Szene auf: die Videokamera. Die Versuche mit den Skateboard-Tricks werden gefilmt. Meist bleibt die Kamera wenige Handbreit über dem Boden, um die Flüge möglichst effektvoll einzufangen. Dieser Zusatz potenziert die Schwierigkeiten. Nicht nur muss der Trick gelingen, er soll auch noch ideal in den Kasten kommen. Die beiden unsicheren Komponenten zur Deckung zu bringen, nähert sich im Schwierigkeits- bzw. Unwahrscheinlichkeitsgrad dem Erzielen eines Lotto-Sechsers.

Weshalb nehmen die Skater diese Erschwerung in Kauf? Es ist ja nicht so, dass ihre akrobatischen Tricks einfach zu lernen wären und deshalb zu wenig Differenzierung und Profilierung in der Gruppe ermöglichen würden, im Gegenteil: Die Tricks sind offensichtlich derart schwierig, dass nur eine schmale Elite sie beherrscht. Es kann also kaum der Wunsch nach Distinktion innerhalb der Szene sein, der nach der Einführung neuer Schwierigkeitsstufen gerufen hätte. Das filmische Festhalten des eigenen Tuns scheint vielmehr eine Art Bestätigung zu liefern: Das bin ich, das habe ich gemacht, so bin ich geflogen, gestürzt, gelandet. Und vielleicht ein Weiteres: Dies ist mein beinahe geglückter Nosebluntslide innerhalb der Reihe all der beinahe geglückten Nosebluntslides meiner Gruppe. Das Video ist der Beweis meiner Zugehörigkeit, meines Akzeptiertseins und sozialen Werts.

Nach dem Skaten wird die Gruppe vermutlich gemeinsam im privaten Rahmen die Aufzeichnungen anschauen. Das Medium Video fasst das auf dem Platz Geschehene in einen seriellen Ablauf, in ein visuelles Ritual. Die mediale Repräsentation zeigt, wie alle dasselbe tun und nach dem gleichen streben, und sie festigt so die soziale Bindung der Gruppe. Aus der Masse der Versuche wird ab und zu einer herausragen und jemanden zum Helden machen. Die Sequenz wird zur Trophäe und kann ins Internet gestellt werden.

So betrachtet ist die Kamera für die Jugendszene der Skater kein nebensächliches Zusatzelement, sondern ein eminent wichtiger Teil des ganzen Settings: Sie verstärkt die für diese Subkultur wesentlichen Elemente wie Ausdauer, Hingabe, Selbstdisziplin und Gruppenzusammenhalt. Ausserdem führt sie ein Element der Reflexivität, der Selbstbeobachtung in die Szene ein. Und schliesslich verkörpert sie durch die mit der Aufzeichnung verbundene Hoffnung auf den ganz grossen, perfekten Take ein utopisches Moment: Man strebt nach dem Vollkommenen und dem Ruhm, der sich ja nur dann verbreiten kann, wenn er objektiv festgehalten ist.

 

Urs Meier ist Geschäftsführer der Reformierten Medien und Mitherausgeber des Medienhefts.


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Herausgeber: Katholischer Mediendienst Charles Martig | Reformierte Medien Urs Meier
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