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06.02.2006
00:00 Von: Meier, Urs

Karikaturen im Kampf der Kulturen
Zwischen Pressefreiheit und Respekt vor dem Islam

Die Mohammed-Karikaturen, die in der dänischen «Jyllands Posten» abgedruckt wurden, brachten die arabische Welt in Aufruhr. So kalkuliert die Provokation der Karikaturen schien, so orchestriert waren die Aufstände, die erst Wochen später erfolgten. Offen bleibt die Frage, wie das Verhältnis von Prinzipienreiterei und Toleranz der Kulturen zu gewichten ist. Ein Kommentar zum eskalierten Streit zwischen Pressefreiheit und Respekt vor dem Islam.


Von Urs Meier

Zuerst brennende dänische Flaggen in Sanaa, dann brennende Botschaftsgebäude in Damaskus: Die moslemische Welt ist in Aufruhr. Nun sind beide Schauplätze nicht als Orte freier Meinungsäusserung bekannt. Die als erste der Demonstrationen rapportierte Kundgebung zehntausender von Frauen in der jemenitischen Hauptstadt dürfte kaum ein spontanes Ereignis gewesen sein. Es ist schwer vorstellbar, dass die Leute dänische Flaggen zum Abfackeln vorrätig hatten. Auffällig ist auch die Verzögerung des Eklats. Er ging erst vier Monate nach der Veröffentlichung der Karikaturen durch «Jyllands Posten» hoch. Offensichtlich war der Protest orchestriert, scheint dann aber - so jedenfalls sehen die Meldungen vom Wochenende aus Damaskus aus - ausser Kontrolle geraten zu sein. Doch auch wenn politisches Kalkül von Machthabern und extremistischen Strömungen die Initialzündung gab, so ist doch die Empörung in der muslimischen Welt echt. Unter Pressefreiheit kann man sich dort wenig vorstellen. Umso lebendiger ist das Empfinden für die Würde der Religion, die man immer wieder durch einen übermächtigen und überheblichen Westen verletzt sieht. Und vielleicht steckt in der überschäumenden Wut gegen die Ungläubigen auch ein Anteil Frustration über die eigene Unfähigkeit, sich aus der ewigen Verliererrolle zu befreien.

Die Wirkungen stehen in einem grotesken Missverhältnis zum Anlass. An der Karriere des Konflikts lässt sich lehrbuchmässig ablesen, wie man bei derartigen Auseinandersetzungen nicht verfahren sollte. Wie ist die Sache eskaliert? Eine rechtskonservative dänische Zeitung stichelt mit ein paar eher dummen Karikaturen gegen den Islam und damit gegen die starke Minderheit moslemischer Einwanderer. Der von der Zeitung genannte Anlass zur Publikation ist fadenscheinig und dämlich: Ein Kinderbuchautor findet niemanden, der die Lebensgeschichte Mohammeds illustriert. Die Zeitung wittert dahinter ein Komplott, das sie mit ihren Karikaturen platzen lassen will. - So ahnungslos dürfen weder Kinderbuchautoren noch Journalisten sein! Vom Bilderverbot im Islam sollten sie irgendwann gehört haben. Die unvermeidlichen Proteste moslemischer Organisationen in Dänemark prallen zuerst an der Arroganz der Zeitungsleute ab und werden dadurch definitiv zum Politikum. Die Demarchen der beleidigten Gläubigen bei der dänischen Regierung hieven die Auseinandersetzung um das Produkt eines unbedarften und hämischen Journalismus erst auf das Podest der Pressefreiheit. Die Behörden reagieren formal korrekt, aber ohne jede Empathie: Sie erklären die Pressefreiheit für unantastbar und erklären sich für unzuständig. Hätten sie diese richtige und notwendige Antwort ergänzt mit einem Ausdruck des Bedauerns über die unzweifelhafte Verletzung religiöser Gefühle, mit einer Geste des Respekts für die enervierte Minderheit, hätten sie als Zeichen guten Willens gar ein Gespräch angeboten, so wäre der Karikaturenstreit wahrscheinlich eine dänische Angelegenheit geblieben. Nun aber geht es erst richtig los. Arabische Regierungen intervenieren, wohl nicht zuletzt mit dem Hintergedanken, ihren entmündigten Völkern einen Anlass zu innenpolitisch folgenlosem Dampfablassen zu liefern und sich als Verteidiger des Islam in Szene zu setzen. Damit ist der Streit definitiv auf der weltpolitischen Bühne angekommen. Völlig abgelöst von seinem zweideutigen Ursprung, wird er nun zum reinen Prinzipienkrieg: Die Forderung des Respekts für eine konkrete vormoderne Kultur steht der abstrakten Freiheitsforderung gegenüber.

Auf dieser prinzipiellen Ebene bleibt nicht anderes, als für die Freiheit auch noch so geschmackloser Äusserungen einzustehen. Doch das allein genügt nicht. Wenn für das Zusammenleben auf diesem Globus eine friedliche Perspektive offen bleiben soll, muss die freiheitlich-aufgeklärte Position zu selbstkritischer Differenzierung fähig sein. Sie muss sich erstens darüber klar sein, dass die allzu selektiv geübte Prinzipienfestigkeit (wo zeigt sich die westliche Kritik beispielsweise gegenüber China?) nicht zu ihrer Glaubwürdigkeit beiträgt. Und zweitens gehört zu einer nicht nur sich selbst ins Recht setzenden Haltung unbedingt Respekt für die Opponenten. Im Fall von «Jyllands Posten» hätte dies geheissen, dass die dänischen Behörden an ihrem klaren Nein zu den islamischen Forderungen nach «Bestrafung» der Zeitung nicht hätten rütteln lassen - bei gleichzeitiger freundlicher Bereitschaft, diese Haltung in Gesprächen zu erklären. Auf diese Weise wäre der Streit vermutlich ein Konflikt geblieben und nicht zum Krieg ausgeartet.

 

Urs Meier ist Geschäftsführer der Reformierten Medien und Mitherausgeber des Medienhefts.


 
 

Herausgeber: Katholischer Mediendienst Charles Martig | Reformierte Medien Urs Meier
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