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11.09.2006
00:00 Von: Weichert, Stephan

Fünf Jahre danach
Wie 9/11 die Fernsehwelt veränderte

Selektion und Gewichtung von Ereignissen gehören zum Kerngeschäft der Medien. Doch gerade in Krisenzeiten sind deren Einordnung und Deutung heikel. Seit den Terroranschlägen auf das World Trade Center und das Pentagon am 11. September 2001 nimmt das Leitmedium Fernsehen eine Schlüsselrolle in der Überbringung schlechter Nachrichten ein. Dabei ist zu beobachten, dass gewisse Filtermechanismen an Schärfe verlieren, während andere an Durchlässigkeit gewinnen. Dadurch schafft das Fernsehen eine gewisse Ordnung, läuft aber gleichzeitig Gefahr, die Situation zu verschärfen.


Von Stephan A. Weichert

Fünf Jahre ist es her, seit sich der Schatten des internationalen Terrorismus über die Nachrichtenredaktionen gelegt hat. Ein halbes Jahrzehnt inzwischen, das den profes­sionellen Schock über die brutalen Anschläge noch lange nicht vergessen macht. Gerade als Medienereignis wirkt der 11. September nach, ein bildermächtiges Krisenspektakel, das wegen seiner hollywoodesken Aufnahmen aus dem Programmalltag herausragte und viele Zuschauer in seinen Bann zog. Erstaunlich ist, dass noch heute jeder Zuschauer (und Journalist) weiss, wo er genau war und was er empfand, als der Zusammensturz der beiden Türme in Manhattan die bis dahin wohl sortierte Medienagenda aufs Gründlichste irritierte - ein Streich des kollektiven Gedächtnisses, allenfalls noch vergleichbar mit Ereignissen wie das Kennedy-Attentat oder die Mondlandung.

 

Gemeinschaftsbildung in der Krise

Rückblickend wird klar, warum das Fernsehen in solchen Momenten der Unsicherheit und Bedrohung eine seiner längst verloren geglaubten Integrationsaufgaben erfüllt, zugleich aber unter dem sozialen Verantwortungsdruck leidet, der auf ihm lastet: Wie damals mussten Journalisten auch bei den unzähligen Krisen und Katastrophen der Folgejahre, seien sie terroristischen (Madrid, London), kriegerischen (Irak, Israel/ Libanon) oder ökologischen (Tsunami, Hurrikan Katrina) Ursprungs, ein für viele Menschen unfassbares Geschehen plötzlich in eine begreifbare, medial verwertbare Geschichte umwandeln. Für ihren bedingungslosen Publikumsbeistand zahlen Fernsehmacher indes einen hohen Preis - nämlich in ihrer Rolle als allwissende Orientierungsstifter besonders in Krisenzeiten gelegentlich hoffnungslos überfordert zu sein.

Als vertrauenswürdige und oft einzige Quelle für den Grossteil der Bevölkerung, als kulturelles Bindeglied sozusagen, das Krisenereignisse öffentlich bewertet, deutet und in dieser Funktion emotional zu verbinden (oder aufs Heftigste zu polarisieren) vermag, scheitert das Medium regelmässig an dem Anspruch, überall dort Übersichtlichkeit hineindeuten zu wollen, wo das Reale besonders flüchtig und brüchig scheint. Selbst bei plötzlichen, chaotischen Geschehnissen, die unerwartet über die Redaktionen hereinbrechen und konventionelle Nachrichtenabläufe durcheinander wirbeln, greifen bereits nach kurzer Zeit ähnliche Mechanismen und Routinen wie bei Ereignissen, die von den Medien arrangiert, geplant und lange erwartet sind.

Doch hat sich in der Medienbranche in den vergangenen Jahren so manches grundlegend verändert: Die Redaktionen sind in Krisensituationen teilweise besser vorbereitet und aufgestellt, es gibt mehr ausgebildete Krisenreporter, das Reaktionsvermögen ist durch MMS, Handy-Videos und andere Spielarten des "Civic Journalism" merklich flotter geworden. Aber umso mehr steht das Krisen-TV im Rausch des Live-Sendens vor fast unlösbaren Problemen: Wo liegen die ethischen Grenzen der Visualisierung von Terroranschlägen? Wie kann über alle Konfliktparteien möglichst fair berichtet werden? Welchen Informationsquellen können Journalisten trauen? Und wie wird Fernsehen seiner Verantwortung in Krisen gerecht?

 

Das Medium als Austragungsort

Einige neuere Entwicklungen im Journalismus verdeutlichen, warum die Stunde des Katastrophischen für das Fernsehen gegenwärtig zur Feuertaufe wird. Auch wenn man vielleicht nie so weit gehen würde wie der Philosophieprofessor Peter Sloterdijk, der unlängst behauptete, Terrorismus werde hierzulande "sakralisiert", indem nadelstichgrosse Effekte auf das Format von "interstellaren Phänomenen" vergrössert würden, ist nicht zu leugnen, dass Anschläge heute ab der ersten Minute zu Medienereignissen aufgeblasen werden. Der US-amerikanische Medienkritiker Douglas Kellner erkennt darin eine "Expansion der Spektakel-Kultur", einen Megatrend, den das Fernsehen begünstige, und der das politische und soziale Leben mehr und mehr bestimme. Dies gilt natürlich nicht nur für die Medienkarrieren grosser Sport-Events wie der Fifa Fussball-WM 2006, gesteuerter Pseudodebatten wie des Grass-SS-Outings oder öffentlicher Trauerspektakel wie der Beerdigung von Papst Johannes Paul II. Ebenso ist die Konjunktur von Bombenattentaten, Geiselnahmen und Flugzeugentführungen nicht zuletzt ihrer Omnipräsenz auf den Bildschirmen zu verdanken.

Dass sich das Fernsehen immer häufiger als zentraler Austragungsort und Forum für eine so verstandene "Publizistik der Tat" (Dovifat) geriert, entgeht auch der virtuellen Gemeinschaft radikaler Fundamentalisten nicht. Sie wissen natürlich um die publizistische Durchschlagskraft, die ihre archaischen Botschaften im Herzen der Zivilgesellschaft jedes Mal haben, wissen um den grösstmöglichen Störeffekt bei minimalem Einsatz, sobald die Kameras draufhalten. Doch liegt es nicht nur an den filmreifen Plots des Terrors, dass sich diese Asymmetrie seit dem 11. September erheblich verschärft hat: Teilweise sind es die Medien selbst, die solche "Feind-Erwartungen" (Sloterdijk) ungewollt schüren und die Sensationalisierung von Gewalt breitenwirksam vermarkten.

Neu ist die Terrortaktik freilich nicht, Angst und Hysterie mit einfachsten Mitteln via Medien zu verbreiten. Aber so richtig Aufschwung bekam sie erst mit Gründung des unabhängigen Nachrichtensenders Al Jazeera, der bei uns vor allem als Verkünder des Schreckens berühmt wie berüchtigt wurde. Der Aufklärung über die arabisch-muslimische Kultursphäre zum Trotz, steckt hinter den ausgestrahlten Terrorvideos, Interviews mit islamischen Extremisten und unzensierten Bildern entstellter Leichen nach wie vor die Gefahr, sich zu Beihelfern des Terrors zu machen. Längst hat der "Al-Jazeera-Effekt" das ursprüngliche Leitparadigma der Krisenkommunikation, den CNN-Effekt, auch bei uns abgelöst: Sobald mehr handwerkliches Feingefühl gefordert wird, zieht man sich einfach auf die bequeme Berichterstatterposition zurück - denn: Was Al Jazeera oder einer der anderen 150 nahöstlichen Satellitenkanäle versendet, darf im westlichen Fernsehen natürlich nicht ungehört, schon gar nicht ungesehen bleiben.

 

Von der Krise zum Ritual

Die Fernsehbranche ist sichtlich nervöser geworden. Krisen werden in der Nachrichtenwelt strukturell eher erwartet als noch vor wenigen Jahren, was sich hauptsächlich in der Etablierung des Krisenjournalismus als einem eigenen Handlungsfeld mit redaktioneller Infrastruktur widerspiegelt. So wurden überwiegend erst nach dem 11. September "Breaking-News-Systeme" installiert, Korrespondenten in Arabisch-Seminare geschickt und innerredaktionelle Krisennotfallpläne geschmiedet. Auch die Karteien mit Terror- und Konfliktforschern werden seither pausenlos aufgefrischt, um im richtigen Moment nur ja nicht den falschen Experten ins Studio zu lotsen. Denn kein Terroranschlag im Fernsehen kommt momentan ohne Ad-hoc-Analyse zum Tathergang aus, kein Krieg ohne Spekulationen über Täter und Opfer. Gerade an diesen zwanghaften Inszenierungs- und Ritualisierungsvorgängen zeigt sich eines besonders: der Doppelcharakter des Krisenfernsehens.

Fest steht: Noch nie war fernsehen so aufreibend wie heute. Angesichts des Wechselspiels aus billigen Multiplikationseffekten, Trittbrettfahrertum und neuer Übertragungstechnologien (digital, mobil, IP-TV) gewinnt das Fernsehen jedoch nicht nur an Facetten, sondern auch an politischem Gewicht. Einige der gravierenden Probleme aus dieser unverhofften Renaissance ergeben sich für das Berufsethos: wenn es darum geht, Bürger umfassend und ausgewogen über Erdbeben, Flutkatastrophen und Terroranschläge zu unterrichten, zugleich aber die von Kellner beschworene Spektakel-Spirale nicht unnötig zu überdrehen.

Es gibt im Journalismus sicher Angenehmeres, als Erklärungen und Interpretationen liefern zu müssen, wenn man selbst nichts Genaues weiss. Am 11. September, das war unschwer zu erkennen, waren selbst die routiniertesten Nachrichtenmacher sprachlos und konsterniert, als sich die ungeheuerlichen Echtzeit-Aufnahmen ihren Weg in die Redaktionsstuben bahnten. Souverän zu sein, gar einen journalistischen Filter einzubauen, war in diesem Moment eigentlich unmöglich. Um ebensolchen Dilemmata des Krisen-TV künftig entgegenzuwirken und seiner professionellen Doppelverpflichtung nachzukommen, sind neue medienpolitische Impulse und Instrumente gefordert.

Redaktionelle Richtlinienkataloge wie die "Editorial Guidelines" der öffentlich-rechtlichen BBC, die unter anderem für Krisensituationen entworfen wurden, sind sicherlich auch für das deutschsprachige Fernsehen wegweisend, damit das neue alte Leitmedium weiterhin unser menschliches Bedürfnis nach Orientierung und Krisenbewältigung befriedigt. Denn wir Zuschauer sind angewiesen auf ein Beruhigungsmittel, wenn Terroristen wieder einmal verrückt spielen, und mehr denn je brauchen wir das Grundvertrauen, dass - solange gesendet wird - die Welt noch in Ordnung ist.

 

Dr. Stephan A. Weichert arbeitet am Institut für Medien- und Kommunikationspolitik in Berlin sowie als freier Medienberater und Publizist. Sein Buch über die Terroranschläge am 11. September 2001 als Medienereignis erscheint im Verlag Herbert von Halem.

Weichert, Stephan A. (2006): Die Krise als Medienereignis. Über den 11. September im deutschen Fernsehen. Köln.

468 Seiten, Broschur, 213 x 142 mm
ISBN 3-938258-21-7
ISBN 978-3-938258-21-7

"Weichert entwirft hier ein Modell des Fernsehens, das wir in dieser Form noch nicht beschrieben gefunden haben. (...) Mit seinem Ansatz einer 'Ritualtheorie der Medien' liefert er nicht nur einen wichtigen Baustein zu einer kommunikationswissenschaftlich fundierten Kulturtheorie des Fernsehens, sondern auch ein paradigmatisches Gesamtkonzept für anknüpfende Forschungen in diesem weiten Feld von Medien, Kultur und Gesellschaft."

(Aus dem Geleitwort von Prof. Dr. Knut Hickethier, Universität Hamburg.)


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