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30.09.2006
00:00 Von: Arnold, Judith

Krisenbewältigung der Medien
9/11 im Kino und TV

Seit die Ereignisse vom 11. September 2001 die Welt erschütterten, sind die Medien um Einordnung bemüht. Doch standen anfänglich die politischen Analysen im Vordergrund, scheint sich das Kino nun den Emotionen zuzuwenden. Der unpolitische Film "World Trade Center" von Oliver Stone verspricht offenbar die lang ersehnte Katharsis. Dabei hat bereits die Fernsehberichterstattung zu einer ersten Krisenbewältigung beitragen, wie eine aktuelle Studie zeigt: Nach anfänglichem Kontrollverlust waren die Sender bemüht, mit ritualisierten Programmabläufen, Ästhetisierungen und Deutungsversuchen der Krise zu begegnen.


Von Judith Arnold

Fünf Jahre nach den Terroranschlägen vom 11. September wagt sich das Kino an die Aufarbeitung. Doch während der Film "Flug 93" von Paul Greengrass die unabwendbare Katastrophe zeigt, thematisiert "World Trade Center" von Oliver Stone die Hoffnung. Der Film handelt nicht von den fast 3000 Opfern, die bei den Terroranschlägen ihr Leben lassen mussten. Im Zentrum steht die authentische Geschichte zweier Polizisten, die während ihres Einsatzes beim WTC unter den Trümmern verschüttet und nach Tagen schliesslich gerettet wurden. Das Publikum - insbesondere das amerikanische - kann sich noch einmal dem Trauma des 11. Septembers aussetzen mit der Gewissheit, dass der Weg zumindest für diese beiden Menschen wieder hinausführt.

 

Katharsis im Kino

"World Trade Center" geht sehr behutsam mit den spektakulären Bildern um, die den Einschlag des zweiten Flugzeugs und den Zusammensturz der beiden Türme zeigten und sich so nachhaltig in unsere Erinnerung einbrannten. Viele Einstellungen kommen Zitaten gleich. Auch verzichtet Oliver Stone bewusst auf die Vermischung von fiktionalen und dokumentarischen Bildern. Stattdessen zeigt er die Endlosschlaufe der Fernsehnachrichten auf einer zweiten Ebene, indem er die gebannten Blicke der Menschen vor den Bildschirmen zeigt. Die Perspektive der Katastrophe ist für ein Mal nicht aus der Höhe und aus Distanz, sondern mittendrin. Bilder werden in entscheidenden Augenblicken geradezu verweigert - man sieht fast nichts, hört und weiss umso mehr. Auch ist der Film gewollt unpolitisch (vgl. Baumgardt 2006). Weder schafft er Feindbilder, noch übt er an der US-Regierung Kritik. Selbst der religiös motivierte Marine, der sich Zutritt zum Ground Zero verschafft und die verschütteten Polizisten findet, scheint vordergründig das amerikanische Ideal zu bedienen, ist aber als Identifikationsfigur zu sperrig. Viele Erwartungen wurden damit enttäuscht (vgl. ebd.). Gleichzeitig scheint gerade in dieser Zurückhaltung die Qualität des Films zu liegen. Nicolas Cage, einer der Hauptdarsteller, redet selbst von einer "heilenden Wirkung" des Films, und in einigen Kritiken ist von "Katharsis" die Rede (vgl. Mejias 2006). Können aber Medien "therapeutische Qualitäten" erlangen, wie etwa Franz Everschor schreibt? (vgl. film-dienst, 20/2006)

Die Katharsis-These der aristotelischen Dramentheorie, wonach die Tragödie auf die Zuschauer eine läuternde Wirkung hat, ist in der Medienwissenschaft seit je her umstritten (vgl. Kunczik/Zipfel 2004: 12; 65-72). Jedenfalls wurde die Annahme, dass die Zuwendung zu gewalthaltigen Medien eine "Triebabfuhr" und damit eine Verminderung von Aggressionen bewirken könne, vielfach widerlegt. Allerdings entspricht das auch nicht der ursprünglichen These. Nach Aristoteles erfolgt die Katharsis durch Empathie mit den tragischen Helden und durch Mitleid (eleos) und Furcht (phobos). Vereinzelt gibt es daher Versuche, den Katharsisbegriff medienwissenschaftlich zu präzisieren. Jürgen Grimm (2002) redet in diesem Zusammenhang von weltüberlegener Gelassenheit, "die die Souveränität gegenüber den eigenen Affekten fördert und zum toleranten Umgang mit anderen ermutigt." (S. 172) Der Tragikeffekt hätte somit weitreichende und vor allem positive Folgen: "Wer in Anbetracht des Untergangs eines Helden (oder einer anderen sympathischen Figur) auf aggressive Reaktionsbildungen verzichtet und den Übeln, die seinen Mitmenschen zustossen, mitfühlend begegnet, da er sie als seine eigenen erkennt; wer sich ob der Hinfälligkeit individueller Existenzen und der Unausweichlichkeit des Todes für einen nachsichtigen Umgang mit den Fehlern anderer entscheidet und dennoch eine optimistische, furchtarme Sichtweise der Welt bewahrt, absolviert das Gesamtprogramm der tragischen Erschütterung und wird mit innerer Ruhe und Zufriedenheit belohnt". (ebd.)

Ob die Wirkungen von tragischen Filmen dieselben sind, wenn die Erzählungen nicht auf Fiktion, sondern auf schrecklichen Begebenheiten beruhen, die noch unweit zurückliegen, bleibt abzuwarten. Sollte sich jedoch bei "World Trade Center" ein Tragikeffekt einstellen, so wäre dem amerikanischen Publikum diese weltüberlegene Gelassenheit zu wünschen. Gerade die unpolitische Ausrichtung des Films hätte einen wesentlichen Anteil daran. Jedenfalls hebt sich "World Trade Center" wohltuend von den Fernsehbildern ab, die am 11. September so unvermittelt auf uns einstürzten.

 

Krise im Fernsehen

"Ein Stück Welt ist explodiert vor laufender Kameras, und diese können - nun schon 72 Stunden lang - gar nicht mehr damit aufhören, die Explosion immer noch ein wenig näher an uns heranzuzoomen. Wir als Zuschauer wiederum können nicht aufhören, auf die Schirme zu starren" (Riehl-Heyse 2001: 18). Der Bann der Bilder wollte nicht brechen. Das Gezeigte schien so unwirklich, dass nur die Wiederholung zur allmählichen Gewissheit führte, dass wirklich passierte, was vor unseren Augen geschah. "Korrespondenten, die sich unmittelbar vor Ort aufhielten, beschrieben einen 'Zustand wie im Krieg' (ARD, ZDF), stellten 'unendliche Trauer' und eine 'Schockwelle' innerhalb der Bevölkerung fest (...)." (Weichert 2006: 338)

Der Anschlag auf das wirtschaftliche, militärische und beinahe auf das politische Zentrum der USA löste auch in den Medien eine Krise aus. Dies äusserte sich etwa darin, dass Live-Übertragungen unvollständig gesendet wurden, "Korrespondenten-Schalten zusammenbrachen oder gar nicht erst zustande kamen, dass Nachrichtenbeiträge nicht folgten, obwohl sie angekündigt wurden, oder etwa, dass Pressekonferenzen der US-Regierung von den Moderatoren aus dem Stegreif übersetzt werden mussten." (ebd. S. 334) Die Ereignisse, die sich am 11. September überstürzten, brachten nicht nur die Dramaturgie gehörig durcheinander, sondern auch die Technik, so dass kurzzeitig die Themenlogos und Hintergrundbilder vor das Gesicht des Moderators geschoben wurden (ZDF, SAT.1), Namen oder Bezeichnungen falsch eingeblendet oder Kameras falsch angewählt wurden (vgl. ebd.). Die Krise, die über die westliche Welt hereinbrach, führte zu zahlreichen Unterbrechung des ansonsten gleichmütig fliessenden TV-Programms. Damit wurde die Krise als Bruch mit der gewohnten Ordnung für die Zuschauer geradezu augenfällig. Zwar wurde die Situation anfänglich von einigen Sendern noch unterschätzt und das Programm unbeirrt weitergeführt (vgl. ebd. S. 318ff.). Minuten später kam es jedoch zu rudimentären Umstellungen, die teilweise auch in den folgenden Tagen andauern sollten: War anfänglich noch von "Unfall" oder "Unglück" die Rede, sprach man schon bald von "Anschlag", "Alptraum" und "Apokalypse" (ebd. S. 349). Sondersendungen wurden in aller Eile zusammengestellt und Filme wie "Apocalypse Now" (ARD), "Das Inferno" (Prosieben), "Sudden Death" (RTL), "Katastrophenflug 243" (Prosieben) oder "Massaker im Morgengrauen" (ARD) aus Pietätsgründen abgesetzt (ebd. S. 303ff.).

Stephan A. Weichert hat in seiner Disseration (2006) die Fernsehprogramme am 11. September 2001 und den folgenden Tagen von den deutschen Sendern ARD, ZDF, RTL und SAT.1 untersucht und dabei aufgezeigt, wie das Fernsehen am Tag der Katastrophe selbst von der Krise erfasst wurde und erst allmählich zur Routine zurückfand. Darin erkennt Weichert eine "Ritualisierung", die nicht unwesentlich zur Krisenbewältigung beitrug. Denn so unvermittelt, wie die Menschen vornehmlich durch das Fernsehen mit der Katastrophe konfrontiert wurden, so rituell vollzog sich die Aufarbeitung von den anfänglich endlosen Wiederholungen des Unfassbaren und dem Ringen um Worte bis hin zur routinierten Berichterstattung. Standen zunächst die Anschläge und die Opfer im Vordergrund, wechselte das Interesse tags darauf zur Trauer der Hinterbliebenen und zur Strafverfolgung der mutmasslichen Täter und klang bereits am dritten Tag mit der "Rückkehr zum Alltag in NY" (RTL) aus (vgl. ebd. S. 358f.). Bedeutete der Bruch mit der gewohnten Ordnung die eigentliche Krise, so kam die Rückgewinnung der journalistischen Routine einer Normalisierung gleich. Die Weltordnung war wieder hergestellt, wenn auch mit neuen Vorzeichen. Denn der 11. September bedeutete weniger für die Medien denn für die Politik eine unumkehrbare Zäsur.

"Dieser 11. September 2001 wird die Welt und die politische Landkarte verändern", war nicht nur die ZDF-Moderatorin Susanne Conrad überzeugt (vgl. ebd. S. 349). Tatsächlich wurde ein Gegenschlag der USA schon am Tag des Geschehens erwartet, als die Terroranschläge wiederholt mit dem Militärangriff der Japaner auf Pearl Harbour verglichen wurden, der 1941 als Grund für den Kriegseintritt der Amerikaner galt (vgl. ebd. S. 363f., 368f.). Einige sprachen sogar von der "Stunde Null" und zuweilen hat die Moderation Floskeln wie der "Krieg gegen die zivilisierte Welt" von Politikern einfach übernommen (vgl. ebd. S. 347). Wie treffend sich die Übernahme solcher Deutungen erweisen sollte, war spätestens am 7. Oktober klar, als in Kabul der "Krieg gegen den Terror" begann und die Berichterstattung noch einmal aus der bereits zurückerlangten Gleichförmigkeit riss (vgl. ebd. S. 288ff.).

 

Mediale Krisenbewältigung als Ritual

Weichert gelingt es mit seiner kulturtheoretischen Arbeit, die Terroranschläge des 11. Septembers als ein ausserordentliches Medienereignis zu beschreiben. Dieses Ereignis erwies sich auch für die Medien als Krise, als sie den Programmfluss der Fernsehsender empfindlich störte, sie vorübergehend in eine Deutungskrise versetzte und erst allmählich wieder in den Alltag entliess. Gleiches kann von den Zuschauern gesagt werden, die in Deutschland innerhalb eines Tages von den Ereignissen erfuhren und sich vor allem über das Fernsehen weiter zu informieren suchten (vgl. ebd. S. 30; 44). Die medial erzeugte "Katastrophe im Kopf" entwickelte beim Publikum eine gemeinschaftsbildende Kraft, wobei das Fernsehen mit seiner Rund-um-die-Uhr-Übertragung eine Integrations- und Orientierungshilfe bot (vgl. auch Weichert 2005: 5ff.).

In dieser Abweichung von der Routine werden die rituellen Funktionen des Fernsehens erst fassbar. Dabei erweist sich die Ritualtheorie als ergiebiger Ansatz, um die kulturelle Bedeutungsproduktion des flow of broadcasting zu begreifen. Das Fernsehen erscheint dabei als zentraler Faktor der sozialen Aufmerksamkeitsbündelung, Synchronisation und Deutungsmacht. "Indem [die Medien] grosse Teile der Bevölkerung auf gemeinsame kulturelle Erlebnisse verpflichten und ihnen dabei Interpretationen von Wirklichkeit liefern, wirken Medienereignisse zugleich den aktuellen sozialen Desintegrations- und Desorientierungstendenzen entgegen." (Weichert 2006: 54) Vor allem das Leitmedium Fernsehen wird zu einer "Transformationsinstanz zur Überwindung von Krisen und Konflikten" (ebd.) So sehr die Katastrophe eine Orientierungskrise auslöst und das Publikum vor dem Bildschirm bannt, so sehr kann das besorgte Monitoring der Selbstvergewisserung dienen: "Gerade beim Fernsehen stellt sich für den Zuschauer oftmals das Gefühl ein, dass, so lange gesendet wird, die Welt noch in Ordnung sein muss." (ebd. S. 225) Dem Moderator kommt dabei fast eine staatsmännische Rolle zu, wenn er die Haltung bewahren kann (vgl. ebd. S. 226).

Weichert stützt sich theoretisch auf den konstruktivistischen Ansatz der "symbolischen Sinnwelt" von Peter L. Berger und Thomas Luckmann, auf die Cultural Studies, auf die Fernsehforschung und auf die Ritualtheorie unter anderem von Victor W. Turner, James Carey und Émile Durkheim, wobei er den religionssoziologischen Zugang gewissermassen "säkularisiert" (vgl. ebd. S. 66ff., 79f.). In Rückgriff auf die rituelle Medienereignistheorie von Daniel Dayan und Elihu Katz (Kap. 6) entwirft er schliesslich ein Phasenmodell (Kap. 7), das die mediale Bewältigungsstrategie der Krise vom 11. September exemplarisch beschreibt. Die Phasen der Liveness, Ästhetisierung, Dramatisierung, Ritualisierung und Historisierung bezeichnen dabei modellhaft die Stationen, die Krisenereignisse in einer ritualisierten Medienberichterstattung durchlaufen (vgl. ebd. S. 256ff.). In der Entwicklung dieses ritualtheoretischen Analyserasters zur Untersuchung von mediatisierten Krisenereignissen liegt denn auch das eigentliche Verdienst der Studie. Schliesslich wendet Weichert sein Modell an, um die deutsche Fernsehberichterstattung des 11. Septembers exemplarisch zu beschreiben. Einer quantitativen Programmstrukturanalyse folgen qualitative Programminhalts- und Textanalysen, die eindrücklich die Krisenberichterstattung von ARD, ZDF, RTL und SAT.1 nachzeichnen. Weicherts Dissertation ist damit zugleich eine wertvolle Dokumentation der Ereignisse vom 11. September 2001 im deutschen Fernsehen.

 

Judith Arnold ist Medienwissenschaftlerin und Redaktorin des Medienhefts.

 

Literatur:

Stephan Alexander Weichert: Die Krise als Medienereignis. Über den 11. September im deutschen Fernsehen. Herbert von Halem Verlag: Köln, 2006.
(469 Seiten, ISBN 3-938258-18-7, ISBN 978-3-938258-18-7)

 

Links:

World Trade Center (Oliver Stone, 2006):
http://www.wtcmovie.com 

Flug 93 (Paul Greengrass, 2006)
http://movies.uip.de/flug93/

 

Weiterführende Literatur:

Aristoteles: Poetik. Griechisch/deutsch, übersetzt und herausgegeben von Manfred Fuhrmann. Stuttgart, 1994.

Baumgardt, Carsten (2006): World Trade Center (9/11 Drama). In: Filmstarts.de:
http://www.filmstarts.de/kritiken/World%20Trade%20Center.html 

Everschor, Franz (2006): World Trade Center. In: film-dienst 20/2006:
http://film-dienst.kim-info.de/kritiken.php?nr=8462 

Grimm, Jürgen (2002): Differenziale der Mediengewalt - Ansätze zur Überwindung der Individualisierungs- und Globalisierungsfalle innerhalb der Wirkungsforschung. In: Hausmanninger, Thomas/ Bohrmann, Thomas (Hrsg.): Mediale Gewalt. München, S. 160-176.

Kunczik, Michael/ Zipfel, Astrid (2004): Medien und Gewalt. Befunde der Forschung seit 1998. Hrsg. vom Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend, Berlin.

Mejias, Jordan (2006): Oliver Stones "World Trade Center" - Zwei Stunden Katharsis für alle. In: F.A.Z., 23.08.2006, Nr. 195, S. 31. (vgl. auch faz.net)

Riehl-Heyse, Herbert (2001): Der Terror in Bildern. Wirkungen und Nebenwirkungen von 72 Stunden Fernsehberichterstattung über die amerikanische Tragödie. In: Süddeutsche Zeitung, 15./16. September 2001, S. 18.

Weichert, Stephan A. (2006): Fünf Jahre danach. Wie 9/11 die Fernsehwelt veränderte. In: Medienheft, 11.09.2006:
http://www.medienheft.ch/kritik/bibliothek/k26_WeichertStephanAlexander_2.html 

Weichert, Stephan A. (2005): Medien im Ausnahmezustand. Was das Fernsehen in Krisenzeiten alles (nicht) leisten kann. In: Medienheft, 19.12.2005:
http://www.medienheft.ch/kritik/bibliothek/k25_WeichertStephanAlexander.html


 
 

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