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23.10.2006
00:00 Von: Andermatt, Nicole

Informationsgesellschaft Schweiz
Medien, Organisationen und Öffentlichkeit im Wandel

Die Gesellschaft wird aufgrund der neuen Kommunikationstechnologien immer mehr als Informations- oder Mediengesellschaft begriffen. Die Facetten dieser Gesellschaft werden im Sammelband "Informationsgesellschaft Schweiz" aus kommunikations- und publizistikwissenschaftlicher Perspektive beleuchtet.


Von Nicole Andermatt

Der Sammelband "Informationsgesellschaft Schweiz - Medien, Organisationen und Öffentlichkeit im Wandel" präsentiert die im März 2003 in St. Moritz vorgetragenen Referate der Abschlussveranstaltung des gleichnamigen Graduiertenkollegs, welches vom Januar 2000 bis Ende Juni 2003 durchgeführt wurde. Themenzentrum bildeten die Beschreibung und Erklärung der Phänomene in der sich wandelnden Informationsgesellschaft auf der Makro-, Meso- und Mikroebene. Ziel war es unter anderem, der thematischen Breite und Herausforderung der Medien- und Informationsgesellschaft Rechnung zu tragen sowie Schweizer Nachwuchswissenschaftlerinnen und -wissenschaftlern, die im Bereich Informationsgesellschaft arbeiten, in ihren Dissertationsprojekten zu unterstützen. Veranstaltet wurde das Graduiertenkolleg über das "Swiss Centre for Studies on the Global Information Society" (SwissGIS) an der Universität Zürich unter der Leitung von Professor Heinz Bonfadelli.

 

Publizistikwissenschaftliche Herausforderung

Heinz Bonfadelli und Werner A. Meier setzen sich in ihrem Beitrag "Informationsgesellschaft als Herausforderung der Publizistikwissenschaft" kritisch mit publizistikwissenschaftlichen Konzepten auseinander, die zur Analyse der Medien in der sich wandelnden Gesellschaft verwendet werden. Fokussiert wird die in der deutschsprachigen Publizistikwissenschaft vorgezogene Konzeption der Mediengesellschaft, welche die Massenmedien als zentrales Moment der heutigen Gesellschaft begreift und Merkmale wie die "Medialisierung" hervorhebt, die immer stärkere Durchdringung der Medien aller gesellschaftlichen Bereiche (26). Im Vergleich dazu wird das Konzept der Informationsgesellschaft ("Information Society") herangezogen, das in der internationalen Kommunikationswissenschaft weit verbreitet ist und die Chancen der neuen Medientechnologien betont. Die Autoren kommen zum Schluss, dass beide Gesellschaftsentwürfe als komplementäre theoretische Bezugsrahmen mit Stärken und Schwächen verstanden und ständig kritisch hinterfragt werden müssen.

 

Mediensystem im Wandel: Rundfunkpolitik und Leitbild Informationsgesellschaft

Patrick Donges stellt in seinem Beitrag "Neue Formen der Rundfunkpolitik in der Informations- und Mediengesellschaft Schweiz" ein theoretisches Instrumentarium vor, das eine Analyse der politischen Rundfunksteuerung leisten und Steuerungsformen systematisieren kann. Als theoretischen Ansatz wählt er die akteurstheoretische Steuerungstheorie und fragt nach den Medien und Programmen, den Formen, Objekten und den Zielen der politischen Rundfunksteuerung und stellt Befunde aus zehn Ländern vor. Er schlussfolgert, dass sich die akteurstheoretische Steuerungstheorie insgesamt gut eignet, um zu analysieren, welche Möglichkeiten und Formen der staatlichen Rundfunksteuerung existieren und ob eine politische Steuerung erfolgen soll. Die Frage hingegen, welche Rundfunksteuerungsziele politische Akteure verfolgen, würde die Theorie unzureichend reflektieren. Laut Autor müsste die Steuerungstheorie vermehrt berücksichtigen, dass politische Akteure nicht nur Gestaltungsziele im Sinne einer Gemeinwohlorientierung, sondern auch Machtziele verfolgen würden.

Mittels einer Dokumentenanalyse untersucht Matthias Künzler das Leitbild des Bundes zur schweizerischen Informationsgesellschaft. Ausgewertet werden offizielle Dokumente des schweizerischen Bundesrats und der Bundesverwaltung zur Informationsgesellschaft. Diese betrachtet man auf Bundesebene als "eine sich bereits in Entwicklung befindliche Gesellschaftsentwicklung als auch eine durch aktive Gestaltungsmöglichkeiten anzustrebende zukünftige Gesellschaftsformation" (71). Die Folgen dieser Entwicklung würden vom Bund mehrheitlich positiv beurteilt. Vor allem für Wirtschaft, Politik und Kunst erachte man sie als Chance. Auf mögliche Risiken werde aber deutlich hingewiesen, beispielsweise auf die "digitale Spaltung". Erklärtes Regulierungsziel des Bundes sei es deshalb, chancengleichen Internetzugang für möglichst alle Bevölkerungsgruppen sicherzustellen und den ungleichen Fähigkeiten im Umgang mit den neuen Technologien mit entsprechenden Bildungsmassnahmen zu begegnen. Der Autor sieht diese Massnahmen kritisch. Notwendig sei eine Erweiterung der Debatte über Informationsgesellschaft um die Frage, inwiefern die angestrebte Gesellschaftsstruktur für die Bildung einer Sphäre der Öffentlichkeit überhaupt geeignet sei.

 

Journalismus im Wandel: Online-Journalismus und Nachrichtenredaktion

Dem Online-Journalismus wurden in den 90er Jahren Eigenschaften wie die permanente Aktualisierbarkeit zugeschrieben, und es wurde ausgemalt, dieser fände aufgrund des Interaktivitätspotenzials des Internets eine gleichberechtigte Beziehung zu seinem Publikum. Vinzenz Wyss prüft in seinem Beitrag "Online-Journalismus zwischen Emanzipation und Reproduktion", ob diese Zuschreibungen gerechtfertigt sind. Dabei stellt er die Frage, ob sich berufsspezifische Regeln, Arbeitsstrukturen und Ressourcen gebildet haben, welche den neuen Journalismustyp prägen. Ausgewertet werden Ergebnisse einer explorativen Studie, einer qualitativen Befragung in elf Online-Redaktionen und einer Dokumentanalyse von Aus- und Weiterbildungskonzepten. Es zeigt sich, dass es in der Deutschschweiz bisher nicht zu einer neuen Systembildung im Online-Journalismus gekommen ist. Denn die angewandten Regeln und Ressourcen würden in reduzierter Form jenen des herkömmlichen Journalismus' entsprechen. Bis auf die Kernfunktion Aktualität müsse bei den Funktionen Interaktivität und Multimedialität von einem Mythos gesprochen werden, da sie wegen mangelnder Ressourcen nicht realisiert werden könnten. Eine Veränderung zeichne sich höchstens in Richtung Dequalifizierung oder Deprofessionalisierung ab.

Dem Forschungsgegenstand Nachrichtenredaktion nähert sich Dani Wintsch im Beitrag "Der wilde Journalist und seine abenteuerliche Arbeit. Ethnographie im Journalismus". Bisher seien Daten zur Selbsteinschätzung von Medienschaffenden mehrheitlich durch Befragung erhoben worden, ihre Aussagen konnten aber nicht mit der realen Arbeitssituation verglichen werden. Der Autor spricht sich deshalb für "einen Gang ins Feld" - in den journalistischen Alltag - aus, um Journalismus in der realen Situation teilnehmend zu beobachten (117, 122). Vorgestellt wird das in der Publizistik- und Medienwissenschaft bislang wenig bekannte mikrosoziologische Konzept der "Workplace Studies", die videounterstützt arbeiten. Der Autor sieht im Forschungsansatz, der visuelle und akustische Daten einbezieht und sich für das praktische "doing (news)" interessiert, ein Instrument, das neues Wissen über das bereits intensiv beackerte Feld Journalismus generieren könne (135).

 

Medienangebote im Wandel: Gesundheitskommunikation und Framing-Ansatz

Nina Hautzinger befasst sich im Beitrag "Gesundheitskommunikation in der Informationsgesellschaft" mit den Veränderungen, die das Internet in der Gesundheitskommunikation ausgelöst hat. Sie stellt fest, dass die Informationsmenge im Internet aufgrund der einfachen und günstigen Produktion und Distribution gestiegen sei. Auf der Ebene der Kommunikatoren bieten neben klassischen Organisationen wie Krankenkassen oder Pharma-Unternehmen zunehmend auch Privatpersonen, Selbsthilfegruppen oder Patientenorganisationen Informationen und Diskussionsforen im Netz an. Inhaltlich seien Qualitätsmängel vorhanden, denen man mit Qualitätssicherungsinstrumenten entgegenzuwirken versucht. Trendaussagen belegen, dass Patienten sehr gezielt nach Gesundheitsinformationen im Web suchen und zum "informierten Patienten" avancieren, wodurch ihre Autonomie in der Arzt-Patienten-Beziehung steige (154). Insbesondere chronisch oder lebensbedrohlich erkrankte Menschen würden zu Experten ihres Leidens. Die Autorin prognostiziert eine zunehmende Bedeutung der Gesundheitskommunikation als kommunikationswissenschaftliches Forschungsfeld.

Die Mediengesellschaft sei eine Herausforderung für die Publizistik- und Medienwissenschaft und stelle theoretisch und methodisch neue Anforderungen, meint Martina Leonarz in ihrem Betrag "Framing: Potential und Tücken einer neuen Perspektive". Die Autorin stellt den Framing-Ansatz als theoretische Perspektive und als Analyseinstrument vor und prüft anhand theoretischer Überlegungen und empirischer Studien dessen Potential und Schwächen. Die Framing-Perspektive geht davon aus, dass Medienframes - wie Trivialisierung, Polarisierung oder Marginalisierung - gewisse Aspekte in der Medienberichterstattung hervorheben oder weglassen, wodurch eine eigene Realitäten hergestellt und Wertvorstellungen vermittelt würden (161f.). Trotz Schwachstellen wird der Ansatz als neue integrative Perspektive empfohlen. Dieser ist laut Autorin nicht nur ein Hilfsmittel, um die zunehmende Informationsflut in der Mediengesellschaft auf Seiten der Medienproduktion und -rezeption zu bewältigen, sondern berücksichtigt auch die unterschiedlichen Ebenen des Kommunikationsprozesses und erklärt die wachsende Einflussnahme der Medien auf die Gesellschaft.

 

Mediennutzer im Wandel: Cyberdating, Desintegrationsverdacht, Bücherlesen

Evelina Bühler-Ilieva geht in ihrem Beitrag "Die eigene Beschreibung als Selbsterkennung: Identitätskonstruktion im Cyberdating" der Frage nach, ob durch computervermittelte Kommunikation neue Identitäten entstehen, ob herkömmliche Identitäten verändert werden und wenn ja, inwiefern. Gestützt auf die Ergebnisse einer repräsentativen Webumfrage von Usern der Dating-Site www.partnerwinner.ch stellt die Autorin bei nahezu einem Fünftel der User multiple Online-Identitätskonstruktionen fest. Gründe hierfür seien soziales Experimentieren und Selbstinszenierung, um die Erfolgschancen auf dem virtuellen Partnermarkt zu optimieren. Anders als im realen Leben würden sich Menschen online von innen nach aussen kennen lernen. Die Bedeutung der Körperlichkeit würde jedoch nur teilweise aufgehoben, schlussfolgert die Autorin, da das erste Face-to-Face-Treffen für die Entscheidung, ob eine Liebesbeziehung aufgebaut werden soll, entscheidend sei. Online-Beziehungen würden tendenziell so rasch wie möglich ins reale Leben transferiert. Entsprechend sei die Entfernung der virtuellen Teilidentitäten vom realen Selbst selten gross.

Im Beitrag "Das Ende der Gemeinsamkeiten? Folgen der Internetnutzung für den medialen Thematisierungsprozess" fragt Mirko Marr, welche negativen Folgen das Internet für die gesellschaftliche Integration hat. Das Internet würde aufgrund seiner Ausdifferenzierung des Angebots und seiner Möglichkeit zur individualisierten Nutzung die herkömmlichen Massenmedien und ihre Thematisierungsfunktion konkurrenzieren. Daher falle das Internet unter den Verdacht, langfristig desintegrativ zu wirken. Diese Desintegrationsthese dient dem Autor als Ausgangspunkt für seine in der Schweiz durchgeführte Studie. Auf der Basis eines Agenda-Setting-Designs wurden die inhaltsanalytischen Befunde der medialen Themensetzung mit den Befragungsdaten über Themenreichweite und -gewichtung der deutschschweizerischen Bevölkerung verglichen. Es zeigte sich, dass es keine Hinweise auf ein mögliches Ende der Gemeinsamkeiten in Folge der Internetnutzung gibt. Es findet beispielsweise keine Substitution der klassischen Medien durch das Internet statt, sondern feststellbar wäre eine "moderate Umverteilung bei der Zuwendung zu den einzelnen Medientypen" (235). Der Desintegrationsverdacht gegen das Internet lässt sich entkräften, so der Autor.

Seit der Veröffentlichung der PISA-Studie 2000 ist das Leseverhalten wieder in die öffentliche und medienwissenschaftliche Diskussion gerückt. Priska Bucher beschäftigt sich denn auch mit dem "Lesen in der Mediengesellschaft". Mittels Befragung von Zürcher Schülerinnen und Schülern sowie deren Lehrkräfte untersucht sie, wie das Leseverhalten von Heranwachsenden aussieht und wie diese von Familie und Schule darin unterstützt werden. Sie stellt fest, dass heute viele Schülerinnen und Schüler keine enge Beziehung zum Medium Buch haben, Lesehäufigkeit und -freude von Bildung, Schicht und Geschlecht abhängen und das Engagement der schulischen Leseförderung je nach Lehrkraft und Schulstufe variiert. Die Autorin legt zudem dar, dass Bücherlesen kognitive, affektive und soziale Kompetenzen fördert, etwa die Fähigkeit, argumentative Medieninhalte besser zu verstehen, Emotionen dosiert zu erleben und zu reflektieren und empathisch reagieren zu können. Abschliessend plädiert die Autorin für eine stärkere Miteinbeziehung der Eltern und für eine vermehrte Kooperation mit Bibliotheken im Bereich der schulischen Leseförderung.

Der Sammelband ist gut strukturiert und bietet einen breiten Einblick in die Themenbereiche des Instituts für Publizistikwissenschaft und Medienforschung der Universität Zürich. Die leserfreundlichen Beiträge beschreiben Phänomene der Informationsgesellschaft Schweiz und stellen verschiedene Ansätze und Instrumente zur Analyse vor. Nicht alle Beiträge passen jedoch schlüssig zum Ganzen. Und etwas überraschend erscheint auch die Titelwahl des Bandes, zumal in jüngster Zeit die Konzeption der Mediengesellschaft in der deutschsprachigen Publizistikwissenschaft eine herausragende Rolle spielt, wie es im einführenden Beitrag heisst (24). Ingesamt jedoch geht das Konzept mit der Fokussierung auf die Informationsgesellschaft auf.

 

Nicole Andermatt studiert Publizistik- und Filmwissenschaft an der Universität Zürich.

 

Literatur

Bonfadelli, Heinz/ Leonarz, Martina/ Meier, Werner, A. (Hrsg.) (2004): Informationsgesellschaft Schweiz. Medien, Organisationen und Öffentlichkeit im Wandel. Seismo Verlag, Zürich.
[264 Seiten, ISBN: 3-03777-034-1]


Dateien:
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