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27.11.2006
00:00 Von: Weichert, Stephan

Terror im Internet
Eine aktuelle Bestandesaufnahme

Das Internet hat für den internationalen Terrorismus zahlreiche Funktionen übernommen: Es ist Plattform zur Selbstdarstellung und dient der Einschüchterung ebenso wie der Gewinnung von Sympathisanten. Auch das Networking und die Organisation von Anschlägen werden zunehmend über das Internet abgewickelt. Der Terrorismusexperte Gabriel Weimann legt mit seinem Buch "Terror on the Internet" eine aktuelle Bestandesaufnahme vor und beschreibt die Herausforderungen des postmodernen Terrorismus.


Von Stephan Alexander Weichert

Minimaler Einsatz bei grösstmöglichem Störeffekt - so lautet seit jeher die Devise des Terrorismus. Aber erst im Zusammenspiel mit den Massenmedien ging diese Rechnung in den vergangenen Jahrzehnten immer besser auf - um nur die prominentesten Beispiele dieser unheilvollen Symbiose zu benennen: München und die radikale Palästinenserorganisation "Schwarzer September" 1972, die RAF-Entführung Hanns-Martin Schleyers 1977, das Geiseldrama von Gladbeck 1988, die Entführung der Göttinger Familie Wallert durch die radikal-islamischen Abu-Sayyaf-Rebellen 2000, die Anschläge vom 11. September 2001, das Moskauer Geiseldrama 2002, die Bombenattentate von Madrid 2004 und London 2005. In allen genannten Fällen spielten die Medien, allen voran das Fernsehen, eine unrühmliche Rolle: Sie wurden jeweils als Resonanzkörper für terroristische Botschaften missbraucht.

Die meisten Entführungen und Anschläge werden heute fast automatisch zu Medienereignissen aufgeblasen, womit die globale Nachrichtenmaschinerie der Terrorindustrie (ungewollt) in die Hände spielt. Doch erst mit zunehmender Verbreitung des Internets hat sich die asymmetrische Kommunikationsstrategie noch einmal erheblich verschärft - zugunsten der Terroristen. Inzwischen genügt schon ein Computer samt Internet-Zugang, um die politische Agenda auch ohne grossen logistischen Aufwand aufs Heftigste zu irritieren. Alleine die Zahl der ins Netz gestellten Köpfungsvideos hat sich spätestens seit dem Irakkrieg 2003 vervielfacht. Und die unscharfen Bilder der Hinrichtung des US-Geschäftsmanns Nicholas Berg vor zweieinhalb Jahren haben zweifellos bewiesen, dass den Absendern von solcherlei grausamen Internet-Filmchen dank medialer Verwertungsketten auch die Aufmerksamkeit von Presse und Fernsehen sicher ist.

Der "elektronische Dschihad" zum Preis eines DSL-Anschlusses? Es ist sicher nicht übertrieben zu behaupten, die Möglichkeiten der Online-Medien hätten die Terrorpropaganda revolutioniert: Sie ist durch das Internet schneller, billiger, anonymer und vor allem: globaler geworden. Die romantisierte Vorstellung jener terroristischen Splittergruppen, die in afghanischen Höhlenverstecken Unmengen von Schusswaffen horten und von dort aus unter den Anweisungen eines bärtigen Mannes Pläne für ihren Glaubenskrieg ausbaldowern, gehört schon lange der Vergangenheit an. Hochintelligente Terrornetzwerke wie Al Qaida gerieren sich vielmehr als loser Zusammenschluss vieler Gesichter und Köpfe, die dank E-Mail, World Wide Web und Newsforen von überall auf der Erde aus operieren können. Ausgerechnet das Internet, jenes basisdemokratischste und unkontrollierbarste aller Medien, hat aus dem Terrorismus ein hierarchiefreies Franchise-Unternehmen gemacht, in dem, so befand der "Spiegel" neulich, "jeder bombt und mordet, so gut er kann".

Dass der virtuelle Kommunikationsraum also auch zu einem unübersichtlichen Sammelbecken des internationalen Terrorismus geworden ist, zeigen die jahrelangen Studien des Kommunikationsprofessors Gabriel Weimann und seiner Mitarbeiter von der Haifa Universität in Israel, die vor einigen Monaten als Buch erschienen sind: "Terror on the Internet. The New Arena, the New Challenges". Darin beschreibt Weimann den Cyberspace als prädestinierten Ort, an dem Sympathisanten nicht nur untereinander Kontakt aufnehmen, sich rund um die Uhr konspirativ verabreden und unerkannt Informationen austauschen können, sondern beispielsweise auch ein professionelles "fundraising" betreiben und neue Mitglieder, darunter sogar Kinder und Frauen, rekrutieren, indoktrinieren ("recruitment") und für ihre perfiden Zwecke instrumentalisieren ("mobilization"). Wegen seiner dezentralen Struktur und den multimedialen Angebotsplattformen, auf denen Schrift, Grafiken, Audio- und Bildsequenzen auf simpelste Weise miteinander verknüpft werden können, bietet sich das Internet Weimann zufolge geradezu ideal als "neue Arena" für allerlei terroristische Aktivitäten an.

Weimanns Forschungen erwecken den Eindruck, als hätten die Terroristen mit dem Internet endlich ein adäquates Kommunikationsmittel gefunden, das ihrer psychologischen Kriegführung am ehesten entgegenkommt. Die Liste der von Weimann aufgeführten Nutzungsarten ist jedenfalls länger und die Umtriebigkeit der Terroristen offensiver, als einem lieb sein kann: Angefangen beim "data mining", also etwa dem kinderleichten Googlen von Fern- und Nahverkehrsplänen und möglichen Anschlagszielen (Atomkraftwerke, Häfen und zivile Gebäude) über das weltweite Networking zwischen den unterschiedlichsten Terrorgruppen mittels E-Mail-Verteilern und Chat Rooms ("networking the terrorists") bis hin zum Download von Trainingsvideos, Terror-Pamphleten und bebilderten Bastelanleitungen für den Bombenbau ("instructions and online manuals") ist so ziemlich alles Erdenkliche dabei, was die technischen Innovationen der vergangenen Jahre überhaupt erst möglich gemacht haben. Und das alles frei Haus.

Selbst die konkrete Planung, Koordination und Ausführung von Attentaten ("planning and coordination") via Internet hält Weimann prinzipiell für möglich - und liefert einige eindrucksvolle Beispiele mit: So kursierten auf einer Web-Site Al-Qaidas mit dem Namen "Global Islamic Media" bereits im Dezember 2003, also drei Monate vor den verheerenden Bombenanschlägen in Madrid (bei denen 201 Menschen getötet und 1.240 verletzt wurden), detaillierte Informationen über das Vorgehen der Terroristen. Nicht nur, dass in dem von dort verschickten Online-Dokument das Motiv - den Rückzug der US-Truppen aus dem Irak zu erwirken - und mit Spanien sogar das Ziel eines terroristischen Anschlags aufgeführt wurden. Der Autor des Schreibens, offenbar ein Mitglied des "Media Committee for the Victory of the Iraqi People" (Mujaheddin Service Centre), schlägt ausserdem die spanischen Wahlen als geeigneten Zeitpunkt vor und erwähnt konkrete Massnahmen, mit denen Spanien als schwächstes Glied in der Koalition der willigen Irak-Besatzer in die Knie gezwungen werden soll: "It is necessary to make utmost use of the upcoming general election in Spain in March next year. We think that the Spanish government could not tolerate more than two, maximum three blows, after which it will have to withdraw as a result of popular pressure." (S. 134)

Sieben lange Jahre hat Weimann Hunderte von terroristischen Web-Angeboten pedantisch archiviert, katalogisiert und diese systematisch auf Zielgruppen und die Variationsbreite ihrer Rhetorik hin interpretiert. Nicht grundlos folgert der ehemalige Senior Fellow des renommierten "United State Institute of Peace" in Washington aus seiner empirischen Untersuchung, dass das Netz zu einem zentralen, mithin notwendigen strategischen Instrument für die Realisierung einiger folgenreicher Terroranschläge der jüngeren Vergangenheit geworden sein muss - und dieser Stellenwert auch in den kommenden Jahren nicht unbedingt geringer wird. Vielmehr weisen die Ergebnisse seiner Mehrmethoden-Analyse auf eine beunruhigende Tendenz hin: Die Zahl der von terroristischen Organisationen ins Leben gerufenen und genutzten Websites ist in den vergangenen Jahren regelrecht explodiert - von 12 im Jahr 1998 auf aktuell über 4.800. Und diese werden bei weitem nicht nur von den Terrorzellen Al-Qaidas oder anderen islamistischen Extremistengruppen kontrolliert: Hatten vor wenigen Jahren erst die Hälfte der vom US State Department designierten internationalen Terrororganisationen Websites etabliert, waren es 2004 sämtliche der bis zum diesem Zeitpunkt registrierten 37, die meisten von ihnen betrieben gleich mehrere Internet-Angebote.

Die alarmierende Omnipräsenz von Abu Sayyaf, ETA, Hamas et al. im Netz-Medium stellt in der Tat - wie es auch im Buchtitel anklingt - eine medienpolitische und behördliche Herausforderung dar, vor allem, was die zukünftigen Methoden der Anti-Terrorismusbekämpfung angeht. Allerdings bleiben Weimanns Überlegungen zu diesem wichtigen Kapitel Terrorismusforschung erstaunlich blass. Zum wohl grössten Dilemma, wie Demokratien gegen die wachsende Terrorgefahr aus dem Internet taktisch vorgehen könnten, ohne dass sie den derzeitig gültigen Rechtsrahmen verlassen, fällt auch dem gefragten Analytiker Weimann (immerhin ist es seine sechste Monografie zum Themenkomplex Medien und Terrorismus) nur wenig ein. Was aber auch nicht weiter kritikwürdig ist, trotzt das Internet doch bisweilen erfolgreich jeglicher Form von Zensur, Regulierung und sonstiger staatlicher Kontrolle - Ausnahmen wie China bestätigen die Regel.

Was bis heute als neues libertäres Medienzeitalter gefeiert wird, könnte in diesem Fall den einen oder anderen an den Errungenschaften der digitalen Freiheit zweifeln lassen. Dennoch darf niemand - und das ist die Message, die Weimann mit seiner Studie unmissverständlich rüberbringen will - in einen voreiligen Überwachungswahn à la USA Patriot Act verfallen. Der Preis wäre einfach zu hoch dafür. Auf reine Schockeffekte in den traditionellen Medien zu verzichten und Terrorismus kein unnötiges massenmediales Forum zu bieten, sich also nicht bei jeder Terrorbotschaft und jedem - mitunter gefälschten - Köpfungsvideo in einen atemlosen News-Hype hineinzusteigern, ist indes eine professionelle Option, die Journalisten ernsthaft zu denken geben sollte.

Die Söldner des Terrors lieben die diffusen Weiten des Internets. Und ein Grossteil der Zukunft des organisierten Verbrechens findet, ohne Frage, genau dort statt. Dennoch kann man bisweilen - jedenfalls bis ein wirksameres Rezept gegen den Online-Terrorismus gefunden wird - eigentlich nur empfehlen, dass es für die Anti-Terrorbewegung vorerst darum gehen muss, noch wachsamer, noch technisch versierter, noch gewiefter vorzugehen. Denn auch das sollte nicht aus dem Blickfeld geraten: die Spuren noch so vorsichtiger Netz-Terroristen können nicht immer rechtzeitig verwischt werden, und der Cyberspace wird daher auf Dauer kein geheimer Zufluchtsort bleiben. Vielmehr wird die scheinbare Achillesferse des Internets hier ins Gegenteil verkehrt, können Terroristen Weimann zufolge mit den eigenen Waffen geschlagen werden: So gelang es Terrorfahndern des FBI bisher mittels spezieller Netzwerk-"Sniffer" (S. 183ff.) wie dem Überwachungstool "Carnivore" (lat. Fleischfresser) und anderer nicht ganz unumstrittener Spionage-Software, die Online-Schachzüge von Verdächtigen, wie Kreditkartenzahlungen oder Flugbuchungen, unbemerkt zu studieren. Ob dies letztlich der Terrorprävention dient, entzieht sich allerdings Weimanns empirischer 'Beweisführung'. Plausibel klingt es jedoch allemal.

Es besteht momentan sicher (noch) kein begründeter Anlass zur Hysterie, zumal potenzielle cyberterroristische Zerstörungsaktionen wie das ferngesteuerte Abschalten von Atomkraftwerken oder ein Online-Breakdown der globalen Finanzsysteme, wie sie bereits seit Jahren immer wieder beschworen werden, bis jetzt glücklicherweise keinem Praxistest standhielten. Trotzdem müssen wir - gerade auch wir Medienforscher - den terroristischen Informationsfluss ständig im Auge behalten. Denn das wirklich Gefährliche an der zunehmenden Verbreitung von Terroraktivitäten im Internet ist ihre derzeitige Unsichtbarkeit oder, um es mit den Worten Weimanns zu formulieren: "There is a real war going on in cyberspace but it is invisible to most of us." Auch in dieser Hinsicht ist Weimanns Studie auf dem Gebiet der Terrorforschung gleichermassen Pflichtlektüre und Standardwerk.

 

Literatur:

Weimann, Gabriel (2006): Terror on the Internet. The New Arena, the New Challenges. Washington: United States Institute of Peace Press. [309 S., 24,95 Euro, ISBN: 9781929223718]

 

Links:

Liste der "Foreign Terrorist Organizations" des "US Department of State, Office of Counterterrorism" in Washington, D.C. (Stand: 11. Oktober 2005):
http://www.state.gov/s/ct/rls/fs/37191.htm 

"United State Institute of Peace":
http://www.usip.org/ 

"Congressional Research Service Reports" über Al Qaida:
Dokumentation über Al Qaida 

"USA Patriot Act" (vgl. Wikipedia):
http://de.wikipedia.org/wiki/USA_PATRIOT_Act 


 
 

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