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29.08.2008
00:00 Von: Arnold, Judith

Rufer in der Wüste
Die unwahrscheinliche Stimme von Amira Hass

Als einzige jüdisch-israelische Journalistin lebt Amira Hass im besetzten Palästinensergebiet. Zuerst im Gazastreifen, heute im Westjordanland schreibt die Reporterin über Verletzungen der Menschenrechte im Nahen Osten.


Von Judith Arnold

Es war eine friedliche Demonstration. Am Anfang wenigstens. Denn irgendwann mussten sie fallen, die ersten Schüsse. Mitten unter die palästinensischen Demonstranten mischte sich Amira Hass, Reporterin der israelischen Tageszeitung „Ha’aretz“ und Autorin mehrerer Bücher über den Konflikt im Nahen Osten. Im Herbst 2000, zu Beginn der zweiten Intifada, zog es sie immer wieder mit den aufständischen Palästinensern auf die Strasse.

Der erste Stein

Einmal wollte sie wissen, wie lange es dauert, bis es zu den ersten Ausschreitungen kommt. Der Strassenzug war zunächst weit entfernt von israelischen Kontrollpunkten und es bestand keine Absicht, israelische Soldaten zu attackieren. Es war eine Minderheit, die den „Krieg der Steine“ suchte, die Mehrheit der Demonstranten verhielt sich friedlich, skandierte Parolen und wollte sich um die Kontrollpunkte sammeln. Doch die Soldaten reagierten mit Schusswaffen, zuerst von den Kontrollpunkten, dann von Helikoptern aus, die Tausende von Demonstranten in den Strassen trieben. „Das war ein Moment, wo ich um mein Leben fürchtete“, so Amira Hass.

Über die Schüsse der Soldaten wurde in den Medien nicht berichtet. Amira Hass ging daraufhin immer wieder auf die Strasse, um mit eigenen Augen zu sehen, was vor sich ging. Minute für Minute wollte sie aufzeichnen, was wirklich geschah. Wer wirft den ersten Stein, wer feuert den ersten Schuss? Es dauerte kaum vier Stunden nach Beginn einer Demonstration, bis die ersten Schüsse fielen. Dann waren drei Palästinenser tot. Auslöser waren zwei brennende Kanister, die in Richtung eines Kontrollpostens flogen, ohne jemanden zu gefährden. Doch israelische Soldaten reagierten mit ziellosen Schüssen. Über die brennenden Kanister wurde berichtet, über die Schüsse nicht.

Eine unparteiliche Berichterstattung wäre dringend nötig, um den Konflikt nicht weiter zu verschärfen. Doch Einseitigkeit in den Medien ist in kriegerischen Konflikten die Regel und nicht die Ausnahme. Das ist vor allem dann der Fall, wenn die Journalisten selbst einer Konfliktpartei angehören: Ihr Patriotismus, ihre Loyalität zu den eigenen Kampftruppen, die Erwartungen ihrer Leserschaft an der Heimatfront und auch die einseitigen Quellen des Militärs führen zu einer verzerrten Wahrnehmung. Dabei werden je nach Kommunikationsstrategie der Machthaber die eigenen Verluste in den Vordergrund gestellt, um kriegerische Aktionen zu legitimieren, oder aber marginalisiert, um Stärke zu demonstrieren. Je nachdem erscheint der Feind als übermächtiger Aggressor oder als unterlegener Gegner.

David gegen Goliath

In der ersten Intifada von 1987 bis 1993 wurde der Nahost-Konflikt in den Medien zu einem Kampf von David gegen Goliath stilisiert, wie der israelische Kommunikationswissenschaftler Tamar Liebes (1992) in einer Studie feststellte: David schien zwar vordergründig klein, war aber Goliath im Grunde überlegen. Entsprechend wurden die aufständischen Palästinenser gegenüber dem israelischen Militär als ebenbürtige Feinde aufgebaut: Auf der einen Seite war eine aggressive Meute von Steine werfenden Jugendlichen, auf der anderen Seite eine kleine Gruppe von israelischen Soldaten, die zwar schwer bewaffnet, aber aus moralischen Gründen wehrlos waren. Am Anfang wenigstens. Denn irgendwann musste Goliath, dem so lange die Hände gebunden waren, auf die unablässigen Provokationen reagieren. So wurden die aufständischen Palästinenser zu einem ebenbürtigen Feind stilisiert, gegen den eine militärische Intervention gerechtfertigt schien. Die Bilder der primitiven, Steine werfenden Meute einerseits und der zivilisierten, zurückschiessenden Soldaten andererseits gingen über das israelische Fernsehen um die Welt und prägten die Vorstellung eines symmetrischen „Krieges“ in einem tatsächlich sehr ungleichen Kampf.

Einseitige Quellenlage und Befangenheit von Journalisten müssen unweigerlich zu einem verzerrten Nachrichtenbild führen. Und das betrifft nicht nur die Medien in den kriegsführenden Regionen, sondern auch die Medien jener Länder, die eine Kriegspartei unterstützen oder anderweitig befangen sind. Die USA gehören zu den wichtigsten Waffenlieferanten Israels, weshalb kritische Berichte über die israelische Politik in amerikanischen Medien selten sind. Und so lange es den Amerikanern möglich ist, ihr Kriegsmaterial im Nahen Osten zu testen, wird das auch so bleiben. – Es waren amerikanische Helikopter, die auf die palästinensischen Demonstranten schossen.

Journalisten sind sich ihrer eingeschränkten Perspektive oft selbst kaum bewusst. Anders Amira Hass: Seit 1997 lebt die jüdisch-israelische Journalistin in Ramallah, um zu sehen, wie die andere Seite der Wahrheit aussieht. Dem journalistischen Ideal eines unbeteiligten Beobachters kommt sie damit recht nahe. Doch Amira Hass ist nicht wirklich eine Unbeteiligte, sie ist viel eher eine mehrfach Betroffene: Seit Jahren erlebt sie die Folgen der Okkupation am eigenen Leibe, zuerst als Reporterin im Auftrag für die israelische Tageszeitung Ha’aretz im Gaza-Streifen, heute aus eigener Initiative als Buchautorin im Westjordanland.

Der Preis der Unabhängigkeit

Seit Amira Hass gegen die Menschenrechtsverletzungen im Nahen Osten anschreibt, hat sie zahlreiche Journalistenpreise gewonnen, unter anderem von der UNESCO und vom „International Press Institute“. Doch je mehr internationale Anerkennung sie erfährt, desto mehr wird sie zur Fremden im eigenen Land.

Oszillierend zwischen Israel und Palästina ist Amira Hass die Botschafterin zweier Welten. Das überfordert viele, vor allem jene, die einem Schwarz-Weiss-Denken verhaftet sind. Amira Hass kritisiert die Missachtung der Menschenrechte auf beiden Seiten. Sie ist nicht für die Palästinenser, genau so wenig, wie sie gegen die Israeli ist. Aber sie ist gegen die israelische Besetzung von palästinensischen Gebieten.

Wer es wagt, den parteilichen Blick aufzugeben, schafft sich damit keine Freunde. Für terroristische Selbstmordattentate hat Amira Hass genau so wenig Verständnis wie für die Ausbeutung der Palästinenser in den israelisch besetzten Gebieten. Und die Korruption der palästinensischen Autonomiebehörde kritisiert sie genau so wie die aggressive Siedlungspolitik der Israeli. In der palästinensischen Nachbarschaft stösst sie daher ebenso auf Unverständnis wie in ihrer Heimat Israel, wo sie von vielen als Abtrünnige betrachtet wird. Statt die Interessen der israelischen Siedler zu vertreten, erlaubt sich Amira Hass Kritik an den eigenen Reihen. Doch anders als viele ihrer Landsleute sieht sie nicht nur das erfahrene Leid der Israeli, sondern auch die von ihnen ausgeübte Gewalt.

Blut an ihren Händen

Kürzlich wollte eine israelische Fernseh-Reporterin von ihr wissen, was sie von der Freilassung der 200 palästinensischen Gefangenen im Westjordanland hält, welche die israelischen Behörden angekündigt haben. Im Wissen darum, dass auch zwei terroristische Attentäter darunter sind, wiederholte sie immer wieder den einen Satz: „They have blood on their hands“. Amira Hass wusste das nur zu gut, hatte sie doch selbst über einen dieser Attentäter in ihren Büchern geschrieben. Mit 31 Jahren in israelischer Gefangenschaft handelt es sich um den am längsten inhaftierten Palästinenser. Seine Taten sind Jahre her und der Täter ein alter Mann. „Zudem“, so Amira Hass, „werden die vielen Aufständischen der ersten Intifada, die noch heute in israelischer Haft sind, nicht wie politische Gefangene behandelt, sondern wie Kriminelle“. Anders als bei jedem Kriminellen bleibt ihnen aber das Recht auf Besuch ihrer Angehörigen verwehrt. „Auch darüber müsste man berichten“, so Amira Hass. „Und selbst wenn zwei Attentäter unter den Freigelassenen sind, die Menschenleben auf ihrem Gewissen haben, so haben doch die israelischen Behörden und Militärs so viel mehr Blut an ihren Händen“, erwiderte Amira Hass der Reporterin. Diese sei zu jung oder zu höflich gewesen, um zu protestieren, aber Amira Hass wusste, dass sie mit dieser Ansicht nicht auf Verständnis gestossen war. Zu unversöhnlich stand einmal mehr die Forderung nach Gerechtigkeit im Raum, um eine eigene historische Schuld zu sehen.

Dabei ist Amira Hass nicht blind für die jüdische Geschichte. Geboren in Jerusalem und Nachkomme von rumänisch-jugoslawischen Holocaust-Überlebenden, kennt sie die tiefen Wunden des israelischen Volks. Als ihre Mutter in das Konzentrationslager Bergen-Belsen abtransportiert wurde, sahen deutsche Frauen in den Strassen gleichgültig zu. Diese Erfahrung ihrer Mutter hat Amira Hass geprägt. Sie hat Geschichte in Jerusalem und Tel Aviv studiert, um die Vergangenheit zu begreifen. Und sie hat sich geschworen, nie tatenlos zuzusehen, wenn Unrecht geschieht.

Es gibt kein Zurück

Gegenwärtiges Unrecht sieht Amira Hass in der Kolonialisierungstendenz der Israeli, die einer traditionell-europäischen Logik zu folgen scheint. Dabei beruht auch die Gründung des Staates Israel auf erlittenem Unrecht, – auf der industriellen Vernichtung von über sechs Millionen Juden zur Zeit des Naziregimes. Nach dem Versprechen der UNO-Resolution von 1947 auf einen eigenen territorialen Staat, mussten die wiederholten kriegerischen und terroristischen Folgen der vergangenen sechzig Jahre fast zwangsläufig in eine Abriegelungspolitik Israels münden.

Doch Amira Hass mag den Mord an ihrem Volk und an ihren Familienangehörigen in Europa nicht wie so viele Israeli als eine ewige Rechtfertigungsformel für die Unterdrückung und Enteignung des palästinensischen Volkes ansehen. Sie vergleicht die Siedlungspolitik Israels mit den einstigen europäischen Kolonien in Afrika, wobei sie Parallelen zum Apartheidsystem in Südafrika zu erkennen glaubt. In den besetzten Gebieten gibt es zwei soziale Sphären, zwei politische Systeme, zwei Rechtssysteme. Als Triebfeder für die Apartheid sieht sie allerdings keine rassistische Komponente, sondern die Sicherheitsmotive Israels. „In den Hospitälern beispielsweise begegnet man israelischen und palästinensischen Patienten Seite an Seite“. Ein weiterer wichtiger Unterschied sieht sie in der Herkunft: „Anders als sich die Engländer von Südafrika und die Franzosen von Algerien zurückziehen konnten, gibt es für die israelischen Siedler kein Ursprungsland, in das sie zurückkehren könnten“, so Amira Hass. Es bleibt ihnen nur die Wahl zwischen der Diaspora und diesem Staat Israel, den es unter allen Umständen gegen innere und äussere Angriffe zu verteidigen gilt. – Und so gibt es auch für die sechs Millionen vertriebenen Palästinenser in den Flüchtlingslagern bislang kein Zurück.

„Die Palästinenser haben ebenfalls viele Fehler gemacht“, so Amira Hass. „Vor allem können sie die historische Schuld an der jüdischen Bevölkerung nicht begreifen“. Doch gerade hier gilt es die Geschichte zu verstehen: „Könnten die Israeli wählen zwischen Israel und den sechs Millionen ermordeten Juden, sie würden sich für ihr Leben entscheiden“, so Amira Hass. Der Konflikt im Nahen Osten ist daher nicht wirklich eine Frage der Gerechtigkeit, weil das eine niemals gegen das andere aufgewogen werden kann.

Die Mauer im Kopf

Das Oslo-Abkommen von 1993 betrachtet Amira Hass als Geschenk der Palästinenser an die Israeli, als ein Zugeständnis auf eigenen Boden. Umso mehr kritisiert sie die aggressive Siedlungspolitik und damit die unablässige Expansion der israelischen Grenze. Die Israeli führen Sicherheitsgründe an. Doch durch den Bau der Mauer wurden palästinensische Autonomiegebiete zerteilt und damit der Personen- und Warenverkehr der Palästinenser massiv eingeschränkt. Neben der Knappheit an Gütern kommt die eingeschränkte Bewegungsfreiheit hinzu: Kurze Fahrten von 30 Minuten dauern jetzt drei Stunden und mehr, denn überall sind israelische Kontrollposten, die nur passieren lassen, wer eine Bewilligung hat. Für Spontaneität ist in den eingekesselten palästinensischen Gebieten im Westjordanland und im Gaza-Streifen kein Platz mehr. Die Mauer hat nicht nur den Lebensraum enger gezogen, sondern auch die Zeit rationiert: Sie raubt die Kreativität und Lebensperspektiven der Palästinenser, die nicht mehr Herr ihrer eigenen Entscheidungen sind. Stattdessen müssen sie warten, warten, warten. „Wer das nicht kennt“, so Amira Hass, „weiss nicht, was das in einem Menschen anrichten kann“. Kürzlich hat sie mit einer jungen Frau telefoniert und sie gefragt, was sie tun würde, wenn die Mauer nicht wäre. Doch es kam keine Antwort, jedenfalls keine, die man von einem 16-jährigen Teenager erwarten würde. Aufgewachsen in gefangenen Verhältnissen war die junge Frau nicht imstande, die Frage zu begreifen. Die Mauer ist im Kopf der Menschen.

Es ist ein System der Apartheid, das nicht nur die Israeli von den Palästinensern trennt, sondern auch einen Keil in die palästinensische Gesellschaft treibt. Denn während es den einen durch Spezialbewilligungen gestattet ist, sich frei zu bewegen, ist dieses Privileg den anderen verwehrt. Wer von den Verhältnissen profitiert sind die Israeli, die gelernt haben, mit der Okkupation auf gewinnbringende Weise zu leben. Sie kontrollieren Wasser, Strom und Telekommunikation der Palästinenser, die in ihrer wirtschaftlichen Entwicklung dadurch stark beeinträchtigt sind. Sie sind arbeitslos oder werden zu billigen Arbeitskräften, die den Müll wegräumen und die Strassen wischen. Anders ergeht es den israelischen Soldaten: Im Anschluss ihres Militärdienstes winkt ihnen nicht selten eine Karriere in der Wirtschaft. Als Profiteure der Okkupation haben sie nicht eine Mauer, sondern eine Schere im Kopf: Sie könnten, aber sie wollen nicht sehen, welches Unrechtssystem sie errichten.

Grenzen des Journalismus

Für die Abriegelungspolitik und für die absolute Kontrolle des Personenverkehrs werden Sicherheitsgründe vorgebracht. So hätten sich seit dem Bau der Mauer die Zahl der Attentate verringert. Nach der offiziellen Version der israelischen Behörden gilt es noch immer einen verwundbaren israelischen Staat vor einem offensiven palästinensischen Staat zu schützen. Und diese offizielle Version wird von den israelischen Massenmedien übernommen. Die Medienfreiheit ist zwar gewährleistet, doch das Problem bilden weniger die äusseren, als die inneren Schranken der Journalisten. Dabei würde es den Medien auch in Israel gut anstehen, als so genannte „vierte Gewalt“ im Staat kritisch über die Politik zu berichten. Doch zur partiellen Blindheit der Journalisten kommt die Trägheit der israelischen Bevölkerung hinzu, sich mit der eigenen Rolle im Konflikt auseinander zu setzen. Webseiten mit Gegeninformationen werden nur spärlich frequentiert. Und selbst wenn die Massenmedien kritisch berichten, finden sie damit nur wenig Resonanz.

In ihren Artikeln versucht Amira Hass immer wieder, die offizielle Version der israelischen Behörden zu hinterfragen. Doch es ist sehr schwierig, mit einer Gegenmeinung durchzudringen, weil die Leute stärker auf das Fernsehen als auf die Presse bezogen sind und nur wenige die liberale israelische Tageszeitung Ha’aretz lesen, für die sie selbst noch immer schreibt. „Sehr viel populärer, als die Politik zu kritisieren, ist es, über Opfer von Selbstmordattentaten zu berichten, was wiederum den Bau und die Aufrechterhaltung der Mauer legitimiert“, so Amira Hass.

Sprengkraft des Alltäglichen

Gegen den Mainstream anzuschreiben ist ebenso ermüdend wie enttäuschend. In all den Jahren ihres Engagements hat sich bei Amira Hass eine gewisse Ernüchterung darüber breit gemacht, was sie mit Journalismus auszurichten vermag. Statt Artikel schreibt sie daher zunehmend Bücher, um die Menschen über Geschichten des Alltags zu erreichen. „Es ist nicht so sehr die physische Gewalt, die die Menschen zerstört, es ist die strukturelle Gewalt“, so Amira Hass. „Es sind die alltäglichen Katastrophen, worunter die Menschen in den besetzten Gebieten leiden.“ Anstatt über die lauten Explosionen zu berichten, dokumentiert sie die leisen Folgen der Okkupation. Sie sieht nicht nur den öffentlich zur Schau getragenen Stolz der „Märtyrer“, sie kennt auch die stumme Verzweiflung der hinterbliebenen Familien in ihren vier Wänden.

So schreibt Amira Hass über das Schrumpfen von Raum und Zeit hinter der Grenze und wie mit der Bewegungsfreiheit auch die Lebensperspektiven schwinden. Auf der anderen Seite der Mauer sieht sie aber auch, dass sich die Gesellschaft der Palästinenser und der Israeli gar nicht so gross unterscheiden, dass die Ängste und Wünsche im Grunde ähnlich sind. Über eine Literatur des Alltäglichen hofft Amira Hass jene Grenze zu überwinden, die politisch und religiös so unbeweglich scheint.

Hoffen auf die kleinen Schritte

Es ist nicht Mut, den sie antreibt, sondern Wut. Wut über ein Unrechtssystem, das letztlich alle in die Enge führt. Was es brauchen würde, um diese Lähmung aufzubrechen, wäre Zivilcourage – ein ziviler Ungehorsam, der geeignet wäre, ein absurdes System ad absurdum zu führen.

Chancen sieht Amira Hass in der Arbeit von unabhängigen Organisationen, denen es zuweilen besser als den Massenmedien gelingt, mit Zeugnissen von Menschenrechtsverletzungen die Öffentlichkeit aufzurütteln. Dazu gehört die israelische Menschenrechtsgruppe „B’Tselem“ (engl. „shooting back“). Diese Organisation verteilt Videokameras unter den Palästinensern in den besetzten Gebieten, damit sie das erfahrene Unrecht dokumentieren können. Auf diese Weise werden die Betroffenen selbst zu Zeugen der Okkupation. Gleichzeitig wird damit die Spirale von Gewalt und Gegengewalt durchbrochen: Statt mit Waffen wird mit Kameras zurückgeschossen. Dass dieser Bürgerjournalismus funktioniert, beweisen die gelegentlichen Ausstrahlungen von Übergriffen militanter Siedler im israelischen Fernsehen. Anlass zur Hoffnung geben aber auch die israelischen Frauen, die gegen die Kontrolleposten demonstrieren, oder die israelischen Soldaten der Organisation „Breaking the Silence“, die ihren Dienst quittiert haben und in den Schulen Aufklärungsarbeit leisten. „Im Kalten Krieg hat auch niemand geglaubt, dass sich jemals etwas ändern würde, und plötzlich bekam der Eiserne Vorhang Risse“, so Amira Hass. Es sind manchmal die kleinen Dinge, die etwas in Bewegung setzen.

 

Judith Arnold ist Kommunikationswissenschaftlerin und Redaktorin des Medienhefts.

Mit Amira Hass sprach Thérèse Obrecht, Generalsekretärin von Reporter ohne Grenzen der Sektion Schweiz, am 20. August im Volkshaus Zürich. Die Veranstaltung wurde organisiert von der Schule für Angewandte Linguistik (SAL) in Kooperation mit den Berner Literaturtagen. Jeweils im Oktober veröffentlicht Reporter ohne Grenzen die aktuelle Rangliste zur Situation der Medienfreiheit weltweit.

 

Bücher von Amira Hass:

Hass, Amira (2006): Tomorrow will be worse. Letters from Palestine and Israel, 2001–2005. (Deutsche Ausgabe: „Morgen wird alles schlimmer. Berichte aus Palästina und Israel“. Aus dem Englischen von Sigrid Langhaeuser. München: C.H. Beck, 2006.)

Hass, Amira (2003): Reporting from Ramallah: An Israeli Journalist in an Occupied Land. Editor: Jones, Rachel Leah. Semiotext(e). (Deutsche Ausgabe: “Berichte aus Ramallah: Eine israelische Journalistin im Palästinensergebiet”. Hrsg. von Rachel Leah Jones, aus dem Englischen von Andrea Panster. Diederichs Verlag, 2004.)

Hass, Amira (1999): Drinking the Sea at Gaza – Days and Nights in a Land under Siege. New York: Metropolitan Books. (Deutsche Ausgabe: „Gaza: Tage und Nächte in einem besetzten Land“. Aus dem Englischen von Sigrid Langhaeuser. München: C.H. Beck, 2003)

 

Links:

Breaking the Silence:
http://www.breakingthesilence.org.il/index_e.asp

B’Tselem (“shooting back”):
http://www.btselem.org/english/Video/Shooting_Back_Background.asp

Ha’aretz – Daily Newspaper Israel, Israeli News Source:
http://www.haaretz.com/

Reporter ohne Grenzen:
http://www.rsf.org

SAL – Schule für Angewandte Linguistik:
http://www.sal.ch

znet – a community committed to social change (mit zahlreichen Artikeln von Amira Hass):
http://zmag.de/autoren/Amira-Hass

 

Quellen:

Baur, Dominik (2003): Israels besetztes Land: „Es herrscht nur noch Ohnmacht“. Amira Hass im Gespräch mit Dominik Baur. In: Spiegel Online, 11. März 2003: http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,239502,00.html

Großbongardt, Annette (2002): Die Grenzgängerin. In: Der Spiegel, 33/2002, 12. August 2002: http://wissen.spiegel.de/wissen/dokument/dokument.html?id=23786298&top=SPIEGEL

Hass, Amira (2001): Die Grenze von 1967: Ein Geschenk und seine Tücken. Israel und Palästina und die Utopie einer normalen Zukunft. Aus dem Englischen von Niels Kadritzke. In: Le Monde diplomatique, Mai 2001, S. 2.

Hass, Amira (2001): Okkupierter Alltag: Ein Bericht aus Palästina. Aus dem Englischen von Uli Aumüller. In: Le Monde diplomatique, Dezember 2001, S. 16f.

 

Weiterführende Quellen:

Galtung, Johan (1997): Kriegsbilder und Bilder vom Frieden – oder: Wie wirkt diese Berichterstattung auf Konfliktrealität und Konfliktbearbeitung? In: Jörg, Calliess (Hrsg.): Das erste Opfer eines Krieges ist die Wahrheit – oder: Die Medien zwischen Kriegsberichterstattung und Friedensberichterstattung. Loccumer Protokolle, Nr. 69/95, Evangelische Akademie Loccum, S. 81–92.

Galtung, Johan (1998b): Low Road – High Road. In: Track Two: Media and Conflict. Vierteljahreszeitschrift des Centre for Conflict Resolution and the Media Peace Centre, Rondebosch, Republik Südafrika, Dezember 1998.

Hanitzsch, Thomas (2004): Journalisten zwischen Friedensdienst und Kampfeinsatz. Interventionismus im Kriegsjournalismus aus kommunikationswissenschaftlicher Perspektive. In: Krieg als Medienereignis II: Krisenkommunikation im 21. Jahrhundert. Wiesbaden, S. 169–193.

Kempf, Wilhelm/ Schmidt-Regener, Irena (Hrsg.) (1998): Krieg, Nationalismus, Rassismus in den Medien. Reihe Friedenspsychologie, Band 4, München.

Kunczik, Michael (1999): Wie man Feindbilder aufbaut. Message – Internationale Fachzeitschrift für Journalismus, Nr. 1, S. 12–18.

Liebes, Tamar (1992): Our War / Their War: Comparing the Intifadeh and the Gulf War on U.S. and Israeli Television. In: Critical Studies in Mass Communication, 9/1992, p. 44–55.

Löffelholz, Martin (2004): Krisen- und Kriegskommunikation als Forschungsfeld. Trends, Themen und Theorien eines hoch relevanten, aber gering systematisierten Teilgebiets der Kommunikationswissenschaft. In: Krieg als Medienereignis II. Krisenkommunikation im 21. Jahrhundert. Wiesbaden, S. 13–55.

Löffelholz, Martin (1993): Krisenkommunikation. Probleme, Konzepte, Perspektiven. In: Löffelholz, Martin (Hrsg.): Krieg als Medienereignis: Grundlagen und Perspektiven der Krisenkommunikation. Opladen, S. 11–32.

Neidhardt, Irit (Hrsg.) (2003): Mit dem Konflikt leben!? Berichte und Analysen von Linken aus Israel und Palästina. Münster: Unrast.

Schönhagen, Philomen (1999): Der Journalist als unbeteiligter Beobachter. Publizistik, Vierteljahreshefte für Kommunikationsforschung, 44. Jg., H. 4, S. 271–287.

 


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