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11.12.2007
00:00 Von: Arnold, Judith

Eine Informationsgesellschaft für alle
Fazit der nationalen Tagung e-Inclusion

Seit der Austausch zwischen Menschen, Organisationen und Behörden zunehmend über die neuen Informations- und Kommunikationstechnologien stattfindet, ist entscheidend, dass möglichst alle Menschen Zugang zu diesen Medien haben. Wie aber Studien wiederholt zeigen, sind bestimmte Bevölkerungsgruppen gefährdet, den Anschluss an die Informationsgesellschaft zu verpassen. Die Tagung e-Inclusion beschäftigte sich mit der Frage, welche Chancen und Risiken die neuen Medien bergen.


Von Judith Arnold

"Wer kommuniziert, nimmt teil an der Gesellschaft. Gleichzeitig konstituiert sich die Gesellschaft durch Kommunikation". Mit diesen Worten eröffnete Martin Dumermuth, Direktor des Bundesamtes für Kommunikation (BAKOM), die nationale Tagung "e-Inclusion", die sich Ende November im Zentrum Paul Klee in Bern mit den Integrationsmöglichkeiten der neuen Medien auseinander setzte. "Kommunikation findet nicht mehr nur unter Anwesenden statt, sondern ist zunehmend medialisiert", so Dumermuth. "Der Zugang zu Information wird daher immer mehr zu einer Frage des Zugangs zur Informations- und Kommunikationstechnologie". Dieser ist aber ungleich verteilt, wobei neue Medien wie das Internet bestehende Ungleichheiten nicht einfach fortsetzen, sondern multiplizieren. Namentlich Senioren und Frauen sowie Menschen mit Migrationshintergrund, Behinderungen oder Bildungsdefiziten sind gefährdet, den Anschluss an die Informationsgesellschaft zu verpassen. Diese gesellschaftlichen Gruppen müssen nicht nur gefördert, sondern auch dazu angehalten werden, entsprechende Bildungsangebote zu beanspruchen, gab sich CVP-Ständerätin Madeleine Amgwerd überzeugt. Trotz einem allgemeinen Anstieg der Internetnutzung bleibt eine Schere zwischen den Geschlechtern bestehen, wie Jutta Croll von der Stiftung "Digitale Chancen" konstatierte. Und Rolf Riemenschneider, Leiter der Abteilung e-Inclusion der EU-Kommission, ging auf die Senioren ein, da aufgrund der demografischen Entwicklung damit zu rechnen ist, dass bis zu 40 Prozent der Bevölkerung das Risiko haben, nicht von der Informationsgesellschaft und ihrer technischen Entwicklung zu profitieren.

 

Senioren reisen und surfen

Am grössten öffnet sich die Schere bei der Altersgruppe 50plus, wie auch das Schweizerische Medienforschungsunternehmen WEMF unlängst gezeigt hat. Demnach nutzen nur 37 Prozent der Menschen über 50 Jahre das Internet regelmässig. Weshalb nur gut ein Drittel der älteren Generation die Möglichkeiten der neuen Medien ausschöpft, wollte die Koordinationsstelle Informationsgesellschaft des BAKOM noch genauer wissen und gab dem Schweizerischen Seniorenrat (SSR) den Auftrag, an der Publikumsmesse MUBA 2007 eine Umfrage unter Senioren durchzuführen. Das überraschende Ergebnis war, dass unter den 264 Befragten gut zwei Drittel mit dem Internet vertraut sind.

Dieser Befund kann nur auf den ersten Blick überraschen und steht nicht im Widerspruch der WEMF-Studie. Denn wer im Internet surft, ist offenbar auch sonst viel unterwegs und zum Beispiel an der MUBA anzutreffen. Nicht umsonst steht die Website der SBB ganz oben auf der Liste der beliebtesten Internet-Adressen der befragten Senioren, gefolgt von Seiten mit Reiseangeboten und kulturellen Informationen. Die Aktiven der älteren Bevölkerung sind also online und offline mobil und zählen sich mit 60 noch lange nicht zum "alten Eisen", geschweige denn mit 50plus. Dennoch gibt es in dieser Altersgruppe viele, die in der Schule und im Beruf nicht mehr mit Informatik in Berührung gekommen sind und nun den Anschluss an die Informationsgesellschaft zu verlieren drohen. Wer aber nicht mehr aus beruflichen Gründen mit Computern umgehen muss, kann nur freiwillig an die die neuen Informations- und Kommunikationsmöglichkeiten herangeführt werden - und dazu braucht es eine persönliche Motivation und gute Argumente.

Tatsächlich gibt es für Senioren viele Gründe, sich mit den neuen Medien anzufreunden. So kann eine effiziente Abwicklung von Alltagsgeschäften via Internet den Menschen mit Gehbehinderung über die eingeschränkte Mobilität hinweghelfen. Viele Produkte sind im Internet zudem günstiger zu kaufen als im Laden, auch wenn man vielleicht dazu verleitet werden kann, mehr zu bestellen als anfänglich geplant. Doch selbst wenn das online Banking oder Shopping nicht ohne Tücken bleibt, wie Jutta Croll ausführte, ist es allemal riskanter, mit der Monatsrente in der Handtasche einkaufen zu gehen.

Für viele Senioren ist die unkomplizierte Informationsbeschaffung für den Alltag der grösste Nutzen des Internets, wie die Studie des SSR zeigte, wobei die Internetkommunikation nur eine untergeordnete Rolle spielt. Gerade ältere Menschen ziehen die direkte Kommunikation der indirekten vor. Das Hauptargument gegen einen Internetanschluss ist für viele Senioren das Risiko des Datenmissbrauchs, gefolgt von der Angst vor Viren, Spam und anderen unerwünschten Werbemails. Diese Ängste machen deutlich, dass am Anfang das Vertrauen steht. Ein Faktor, der laut Forschungsleiterin Karin Frick vom Gottlieb Duttweiler Institut in der Ära des Web 2.0 immer wichtiger wird. Denn während das Vertrauen in Politik, Verwaltung, Wirtschaft und Massenmedien sinkt, wird das Vertrauen in das Netz der sozialen Beziehungen immer wichtiger. Gerade Senioren müssen um die Vernetzungsmöglichkeiten des Internets wissen und von den Informations- und Kommunikationsmöglichkeiten überzeugt werden.

Mit einem standardmässigen Einführungskurs ist es also noch nicht getan. Abgesehen davon, dass viele Anfängerkurse bereits Grundlagenkenntnisse in EDV voraussetzen, tauchen die meisten Fragen und Probleme oft erst hinterher bei der alltäglichen Nutzung des Internets auf. Eine niederschwellige und kontinuierliche Begleitung im Alltag ist daher zentral, um den digitalen Graben im Alter zu überwinden, so Martin Odermatt von Pro Senectute Schweiz. Entsprechend wertvoll sind Initiativen, die einen Austausch auf Augenhöhe ermöglichen, wie die Computerias der Pro Senectute oder die Online-Foren des Seniorweb (www.seniorweb.ch). Besonders förderlich ist auch der Wissenstransfer zwischen Jung und Alt, wie er vom Projekt CompiSternli (www.compisternli.ch) gepflegt wird. Denn Kinder und Jugendliche haben einen lockeren Umgang mit Computern und können den Senioren nebst ihrem Wissen auch einen spielerischen Zugang vermitteln.

 

Migrantinnen finden vom Computer zum Buch

Ebenfalls erschwerten Zugang zum Internet haben Menschen mit Migrationshintergrund, wobei die Frauen aus traditionellen Kulturen gleich in mehrfacher Hinsicht vom Ausschluss aus der Informationsgesellschaft bedroht sind: Einerseits sind sie weniger berufstätig und kommen daher weniger mit Informatik in Berührung, andererseits haben sie auch innerhalb der Familie keinen privilegierten Zugang zum Computer und Internetanschluss, sofern diese Infrastruktur im häuslichen Umfeld überhaupt vorhanden ist. Eine Einführung von Migrantinnen in die neuen Informations- und Kommunikationstechnologien bedeutet daher nicht nur individuelle Unabhängigkeit, sondern erleichtert auch den kulturellen Anschluss in der neuen Heimat.

In Ostermundigen bei Bern hat es besonders viele Familien mit Migrationshintergrund. Dies veranlasste die Gemeindebibliothek, Computerkurse für Migrantinnen durchzuführen, um neben den Kindern auch die Mütter zu erreichen und in die Arbeit mit PC und Internet einzuführen. "Öffentliche Bibliotheken sind Informationsvermittler, egal, ob die Informationen als Buch oder als digitale Daten vorliegen. Die Bibliotheken haben den Auftrag, die Bevölkerung an die Informationen heranzuführen", so Christine Eggenberg, Direktorin der Kornhausbibliotheken Bern. Im Kurs finden sich Frauen mit ähnlichen Lebensumständen zusammen und lernen den Umgang mit Maus und Tastatur, surfen durchs Internet, schreiben E-Mails und gestalten Einladungskarten für den nächsten Kindergeburtstag. Die erworbenen Computerkenntnisse befähigen zur einfachen Anwendung und dienen als Grundlage für weiterführende Computerkurse. Neben der Medienkompetenz üben die Teilnehmerinnen auch die deutsche Sprache und lernen ganz nebenbei das Angebot der Bibliothek kennen, wie Christine Eggenberg ausführte. Über das Internet wird somit auch Leseförderung betrieben. Nicht ganz einfach war es anfänglich, eine geeignete Kursleiterin zu finden. Bei der Reformierten Kirche Ostermundigen wurde man schliesslich auf Silvia Fels aufmerksam, die in der Gemeinde gut integriert ist. Vorbild des Kurses ist ein vergleichbares Projekt der Interkulturellen Bibliothek im Kanzleischulhaus Zürich, das 2004 vom BAKOM als vorbildliches Integrationsprojekt mit dem Hauptpreis des Wettbewerbs "Ritter der Kommunikation" ausgezeichnet wurde.

Neben den Migrantinnen würde in der Kornhausbibliothek auch für Kinder und Jugendliche sehr viel getan, wie Eggenberg auf Anfrage versicherte. Nur müsse im Falle der Buben, die längst der Faszination der audiovisuellen und interaktiven Medien erlegen seien, der umgekehrte Weg beschritten werden: vom Bildschirm zurück zum Buch. Der Filmheld "Harry Potter", der mit seiner Magie eine ganze Generation von Kindern in den Bann geschlagen hat, ist für viele Buben eine Ermutigung, sich auch einmal an diese ganz dicken Wälzer heranzuwagen. Das Motto der Leseförderung: "...echte Kerle lesen doch!" Noch nicht in Sicht ist hingegen ein Angebot der Bibliotheken für Gehörlose, wie Eggenberg auf Nachfrage eingestehen musste. Dabei ist die geschriebene Lautsprache für Gehörlose nur mit Mühe verständlich und die Gebärdensprache ihre eigentliche Muttersprache.

 

Gehörlose haben neue Visionen

Einerseits können die neuen Informations- und Kommunikationsmittel helfen, Sprachbarrieren abzubauen, andererseits besteht aber auch die Gefahr, dass die technische Entwicklung an Menschen mit besonderen Bedürfnissen vorbei geht, wenn keine gezielten Massnahmen getroffen werden. Die audiovisuellen Medien bilden für Gehörlose eine Chance, weil sich der akustische Kanal des Fernsehens durch eine Erweiterung des visuellen Kanals kompensieren lässt. Da jedoch für Gehörlose die Lautsprache nur mühsam nachvollziehbar ist, reicht eine rein textbasierte Übersetzung nicht aus. Fernsehsendungen sind daher nicht nur mit Untertiteln zu versehen, sondern müssen auch in Gebärdensprache übersetzt werden. Ein wichtiger Schritt in diese Richtung wurde diesen Herbst mit einer Vereinbarung der SRG SSR idée suisse mit den Behindertenverbänden vollzogen, die den Schweizer Radio- und Fernsehsender in der Nachfolge des revidierten Radio- und Fernsehgesetzes dazu verpflichtet, in drei Jahren einen Drittel aller Sendungen mit Untertiteln zu versehen und ab Januar 2008 die Tagesschau täglich in Gebärdensprache zu übersetzen. Neben Nachrichtensendungen wie 10vor10, Puls, Kassensturz und Rundschau, die erste Priorität für Untertitel haben, kommen ab 2008 vermehrt auch Spielfilme hinzu, die mit Gebärdensprache aufbereitet werden.

Neben dem "alten Medium" Fernsehen wird nun für Gehörlose auch das neue Medium Internet zu einer Chance. Denn hier bietet sich Raum für Nischensender, die den Bedürfnissen von Gehörlosen ganz entgegenkommen. Ein Beispiel ist focus-5 TV. Dieses Web-Fernsehen bietet Videofiles ausschliesslich in Gebärdensprache und liefert Informations- und Unterhaltungssendungen von der Sportreportage über News bis hin zu Kindersendungen. Zudem bieten die interaktiven Möglichkeiten des Internets gehörlosen und anderweitig handicapierten Menschen die Chance, vorurteilsfrei am gesellschaftlichen Austausch teilzuhaben, ohne immer gleich als Angehörige einer bestimmten Gesellschaftsgruppe wahrgenommen zu werden, wie Jutta Croll hervorhob. Und auch wenn die neuen Medien direkte soziale Kontakte niemals ersetzen, so können doch Gehörlose in Online-Communities wie deafzone.ch die akustischen Sprachbarrieren für einmal hinter sich lassen. Überhaupt bieten die neuen Medien nach Ansicht von Jutta Croll viele kreative Möglichkeiten, Handicaps zu überwinden, so dass Behinderte sogar stärker vom Internet profitieren könnten als andere - zum Beispiel wenn Gehörlose sich über die Videoplattform YouTube in Gebärdensprache austauschen. Hier werden behinderte Menschen zu Vorreitern der technischen Nutzungsmöglichkeiten.

Wie sehr die Technik unsere Fähigkeiten steigern oder kompensieren kann, wurde auch während der Publikumsdiskussion der Tagung deutlich. Während die meisten ein Mikrophon brauchten, um sich vernehmbar zu machen, konnten die Gehörlosen mit Gebärdensprache die Distanz vom Publikumssaal zur Dolmetscherin auf der Bühne ganz ohne technische Hilfsmittel überwinden. Anders sieht es mit der Distanzkommunikation via Telefon aus, das traditionell auf akustischen Signalen beruht. Hier braucht es für Gehörlose eine optische Übersetzung, wie sie von der Text/Video-Telefonvermittlung der Stiftung procom ab 2009 aufgebaut wird. An einem Messestand der parallel zur Tagung durchgeführten Ausstellung "Digitale Integration" wurde demonstriert, wie Telefonverbindungen mit Kamera in absehbarer Zeit das Telefonieren in Gebärdensprache möglich machen.

Auch für sehbehinderte und blinde Menschen bringen die neuen Informations- und Kommunikationstechnologien Chancen und Risiken. So ist beispielsweise der touch screen, wie er auf den SBB-Bahnhöfen Verbreitung gefunden hat, für Blinde völlig unbrauchbar, wie Andreas Rieder vom Eidgenössischen Büro für Gleichstellung von Menschen mit Behinderungen zu bedenken gab. Das Billett am Schalter zu lösen bleibt daher für Sehbehinderte die einzige Option - sofern die Bahnhöfe überhaupt noch Billettschalter haben. Damit Technik also nicht zu einem Rückschritt wird, müssen die Bedürfnisse möglichst aller Menschen in die Entwicklung einbezogen werden. Dabei ist die drohende Exklusion von der Informationsgesellschaft nicht nur ein ethisches Problem, wie Marc Johannot vom Integrationsprojekt Joker und Eric Porcher von der Organisation ORIPH mahnten, sondern auch von volkswirtschaftlicher Bedeutung, wie Christoph Dill vom Bürozentrum überzeugt ist. Zwischen 20 bis 30 Prozent haben ein Handicap, ob nun angeboren oder altersbedingt, und bilden damit eine wirtschaftlich relevante Zielgruppe. Und diese Zielgruppe nimmt aufgrund der demografischen Entwicklung noch weiter zu. Nach Rolf Riemenschneider sind in absehbarer Zeit 30 bis 40 Prozent der Bevölkerung von einer Hör-, Seh- oder Gehbehinderung betroffen, die mit den neuen Technologien nicht ausgegrenzt werden dürfen, sondern im Gegenteil durch technische Hilfsmittel gesellschaftlich zu integrieren sind. Das ist nicht zuletzt eine Frage von Chancengerechtigkeit, Rechtsgleichheit und Demokratie, wie SP-Nationalrätin Pascal Bruderer betonte. Es geht hier um nicht weniger als um die Teilnahme aller an der Gesellschaft.

 

Blinde hören Zeitung

Eine zentrale Rolle im gesellschaftlichen Leben spielen die Massenmedien. Es ist daher von Bedeutung, dass möglichst alle Mitglieder der Gesellschaft am Diskurs der Medien teilhaben können. Wie für Gehörlose bieten die audiovisuellen Medien auch für sehbehinderte Menschen das Potential, auf ihre besonderen Bedürfnisse einzugehen, da sie den visuellen und den akustischen Kanal gegenseitig kompensieren können. Während sich Informationssendungen am Fernsehen weitgehend akustisch verfolgen lassen, braucht es bei Spielfilmen ergänzende Beschreibungen, damit blinde Menschen der Filmhandlung folgen können. Auch das Angebot dieser so genannten "Audio Description" will die SRG SSR idée suisse in den nächsten Jahren schrittweise erweitern. Ab 2008 sind es 12, ab 2010 jährlich 24 Filme, die mit Audio-Beschreibung erweitert werden sollen.

Neben dem Fernsehen bildet auch die Presse ein wichtiger Zugang zur Gesellschaft. Während jedoch zentrale Werke der Literatur und Wissenschaft in der tastbaren Braille-Schrift gedruckt werden, sind die Tageszeitungen und Wochenzeitschriften zu flüchtig für eine Übersetzung in Blindenschrift. Daher wurden Zeitungen bis anhin von sehenden Menschen vorgelesen und auf Tonbänder aufgenommen, wie das die Schweizerische Bibliothek für Blinde und Sehbehinderte (SBS ) praktiziert. Mit der digitalen Entwicklung eröffnen sich nun neue Möglichkeiten. Statt von Menschen können die Texte neu auch von Computern vorgelesen werden. Voraussetzung ist die digitale Aufbereitung der Schrift, sei es, dass die Texte von Zeitungen und Zeitschriften bereits online zugänglich sind, sei es, dass sie erst über einen Scanner eingelesen werden. Einmal digitalisiert können die Texte automatisch vorgelesen oder über die Braille-Zeile der Blindentastatur für Sehbehinderte tastbar werden. Der "Elektronische Kiosk", wie er vom Schweizerischen Blinden- und Sehbehindertenverband (SBV) genannt wird, macht derzeit 18 Tageszeitungen, sechs Wochenzeitungen und vier Monatszeitungen zugänglich und trägt damit wesentlich zur Selbstständigkeit sehbehinderter Menschen bei.

Damit auch im Internet die Informationen für blinde und sehbehinderte Menschen besser zugänglich werden, ist die Kooperation der Zeitungsmacher, Öffentlichkeitsarbeiter und Webdesigner unerlässlich. Denn wo die Sensibilität fehlt, wird die Zugänglichkeit oft dem schönen Schein geopfert. Dabei braucht es wenig zu beachten, um eine Website für Sehbehinderte in unterschiedlichen Schriftgrössen anzuzeigen zu lassen oder den Textfluss ohne störende Unterbrechungen akustisch vernehmbar zu machen. Pionierarbeit leistet hier die Stiftung Zugang für alle, die über die technischen Möglichkeiten des barrierefreien Webdesigns informiert und insbesondere die öffentlichen Internetangebote nach ihrer Zugänglichkeit für Menschen mit unterschiedlichen Behinderungen testet. Demnach bekommt das Portal der Schweizer Bundesbehörden bereits sehr gute Noten, während die einzelnen Departemente noch Entwicklungspotential haben. Auch das Parlament, das Bundesgericht, die ETH, die SBB, die Post und die Swisscom könnten ihre Zugänglichkeit noch verbessern. Eine ganz unterschiedliche Sensibilität zeigt sich auf der Ebene der Kantone, die teils sehr gute Websites (Kanton Glarus) und teils noch ungenügend zugängliche Internetangebote haben (Kanton Jura). Auch die Kirchen sind erst schrittweise dabei, ihre Internetangebote barrierefrei zu gestalten. Der Nutzen auch für die Wartung von Websites wird oft erst nach einer Umstellung deutlich, wie Christoph Dill am Beispiel einer Zürcher Kirchgemeinde erläuterte. Der Werbeprofi und Marketingfachmann leitet das Bürozentrum des Mathilde Escher Heims, eine Behindertenwerkstatt, die sich unter anderem auf Webdesign und die Umrüstung von Internetseiten auf barrierefreie Angebote spezialisiert hat.

 

Ritter und Drachen der Kommunikation

Wie bedeutend Projekte sind, die Kommunikationsbarrieren überwinden, demonstrierten die zahlreichen Projekte, die auch in diesem Jahr mit dem BAKOM-Preis "Ritter der Kommunikation" ausgezeichnet wurden. Bundesrat Moritz Leuenberger hielt in seiner Lobrede fest, dass es den hochspezialisierten Informatikern oft Mühe bereite, die Bedürfnisse der Laien zu begreifen. Sie würden daher schon Ethnologen und Anthropologen auf den Normalbürger ansetzen, um die Kommunikationsprobleme der einfachen Menschen zu ergründen. Dennoch stellten sich technische Fortschritte noch oft genug als Rückschritt dar, wie Leuenberger am Beispiel des Handys launig ausführte. Konnte man früher noch in zwei Funktionsschritten eine Short Message versenden, so brauche es heute mindestens sechs - bis hin zum Dialogfeld: "Wollen Sie diese Nachricht wirklich senden?" Umso mehr brauche es Bürgerinitiativen, "die den ritterlichen Kampf aufnehmen", um "diese feuerspeienden Drachen der Kommunikation zu beseitigen". Spätestens an dieser Stelle machte die Simultanübersetzung in Gebärdensprache deutlich, dass die gewohnt träfe Rhetorik von Leuenberger auch gestisch etwas hergibt.

Ausgezeichnet mit dem Hauptpreis von jeweils Fr. 10'000 wurden die Projekte Joker, Avenir Bergregion und die Stiftung Zugang für alle. Ziel von Joker ist es, Senioren sowie finanziell und anderweitig Benachteiligte kostengünstig mit Computern und Internetanschluss auszustatten und für die Anwendung zu befähigen. Beispielhaft ist das Projekt dafür, wie es soziale Organisationen, öffentliche Institutionen und private Unternehmen im Engagement für eine Informationsgesellschaft Schweiz zusammenführt: Ausgediente Geräte werden von der BEDAG und anderen Informatikunternehmen wieder flott gemacht, von Mobility und anderen Transportunternehmen vor Ort gebracht und schliesslich von einer Fachperson installiert und erklärt. Der Anschluss und Internetservice wird u.a. von der Cablecom und von VTX gewährleistet und von der Caritas, der Pro Senectute und dem Kanton Waadt subventioniert. Im Joker-Programm inbegriffen ist zudem ein technischer Support für die Dauer eines Jahres. Unter dem Personal von Joker sind Jugendliche, die noch keine Lehrstelle gefunden haben, und andere Arbeitslose auf der Durchgangsstation. Entsprechend sei es als Erfolg zu werten, wenn die Mitarbeiter das Projekt wieder verlassen, so der Projektleiter Marc Johannot, denn das sei ein sicheres Zeichen dafür, dass die Leute den Weg in den Arbeitsmarkt zurückgefunden haben. Avenir Bergregion, das zweite Integrationsprojekt, das mit dem Hauptpreis ausgezeichnet wurde, hat zum Ziel, die örtliche Bevölkerung in der abgelegenen Bergregion Obersimmental-Saanenland ans Internet anzuschliessen. Im Vordergrund steht die Erwachsenenbildung der Volkshochschule, die um Informatikkurse entscheidend erweitert wurde. Schliesslich wurde auch die Stiftung Zugang für alle für ihr Engagement ausgezeichnet, Internetangebote auf ihre Zugänglichkeit für behinderte Menschen zu prüfen. Lobende Erwähnung fanden die Projekte Elektronischer Kiosk des Schweizerischen Blinden- und Sehbehindertenverbandes (SBS), der Wissenstransfer CompiSternli zwischen Jung und Alt, das Seniorweb und das Softwarepaket EcoPC, das Computer einfach synchronisiert.

 

lic. phil. Judith Arnold ist Medienwissenschaftlerin und Redaktorin des Medienhefts.

 

Die nationale Tagung e-Inclusion von der Koordinationsstelle Informationsgesellschaft des Bundesamtes für Kommunikation BAKOM fand am 28. November 2007 im Zentrum Paul Klee in Bern statt:
http://www.bakom.admin.ch/themen/infosociety/02030/index.html?lang=de

 

Quellen:

Bossart, Margrit (2007): Senioren@Internet. In: BAKOM Infomailing Nr. 7.

Bundesamt für Kommunikation (BAKOM) (2007): Senioren@Internet. 19.06.2007.

Bundesamt für Statistik (BFS) (2007): Indikatoren zur Informationsgesellschaft Schweiz.

Bundesrat (2006): Strategie des Bundesrats für eine Informationsgesellschaft in der Schweiz. Januar 2006.

European Commission Information Society and Media (2007): i2010: Independent Living for the Aging Society.

Forum ICT 21 (2007): Informationsgesellschaft Schweiz. Gerzensee, 31.01.-01.02.2007.

Maier, Sarah (2007): Von sprechenden Händen. Das Bilderbuch "Maga und die verzauberten Ohren". In: Medienheft, 11.12.2007: http://www.medienheft.ch/kritik/bibliothek/k07_MaierSarah.html

Nabulon, Barbara (2007): Migrantinnen und PC - Ein Pilotprojekt der Kornhausbibliotheken Bern. In: BAKOM Infomailing Nr. 8, 11.09.2007.

Reformierte Kirche Ostermundigen (2007): "bewegt", Monatszeitschrift, Juni 2007:
http://www.refmundigen.ch/media/archive1/bewegt/bewegt_6_07.pdf

Schweizerischer Blinden- und Sehbehindertenverband (SBV) (2007): Elektronik trägt zur Selbstständigkeit bei. Zeitschrift "der Weg", Jg. 94, November 2007.

Schweizerischer Seniorenrat (SSR) (2007): Zugang älterer Menschen zum Internet. Ergebnisse der konkreten Kontakte zwischen Senioren und Besuchern der MUBA 2007. Auswertung von 264 dokumentieren Gesprächen. Abschlussbericht zu Handen der Koordinationsstelle Informationsgesellschaft Schweiz: http://www.ssr-csa.ch/d/data/255/Microsoft_Word_-_BAKOM-Studie_d-_Senioren-u-Internet_20070620.pdf

SRG SSR idée suisse (2007): Vereinbarung zwischen SGB-FSS, pro audito schweiz, SONOS, SBV, SZB, SVEHK/ASPEDA und SRG SSR idée suisse über die von der SRG SSR zu erbringenden Leistungen für behindertengerechte Aufbereitung von Fernsehsendungen.

SRG SSR idée suisse (2007): Anhang Deutsche Schweiz SF zur Vereinbarung über die von der SRG SSR zu erbringenden Leistungen für die behindertengerechte Aufbereitung von Fernsehsendungen. 18.10.2007.

Stiftung Zugang für alle (2007): Schweizer Accessibility Studie 2007. Bestandesaufnahme der Zugänglichkeit von Schweizer Websites des Gemeinwesens für Menschen mit Behinderungen.

 

Links:

Ausbildungs- und Beratungszentrum für Migrantinnen und Migranten (ABSM):
http://www.absm.ch

Avenir Bergregion:
http://www.govhs.ch/av/index.php

Bürozentrum - Mathilde Escher Heim:
http://www.buerozentrum.ch

Design for All:
http://www.design4all.ch

elternet.ch - Medienkompetenz für Eltern:
http://www.elternet.ch

Förderagentur für Innovation KTI/CTI:
http://www.kti-cti.ch

Joker:
http://www.joker-vd.ch

Lernfestival mit IKT-Schnupperkursen:
http://www.lernfestival.ch

Organisation romande pour l'intégration professionelle des personnes handicapées (ORIPH): http://www.oriph.ch

Stiftung Digitale Chancen:
http://www.digitale-chancen.de

Stiftung Zugang für alle:
http://www.access-for-all.ch

Zertifikatsstelle Barrierefreie Website:
http://www.label4all.ch

 

Websites von und für Blinde und Sehbehinderte

Elektronischer Kiosk - Schweizerischer Blinden- und Sehbehindertenverband (SBV):
http://www.sbv-fsa.ch/infopool/e-kiosk/el-kiosk-d.htm

Schweizerische Bibliothek für Blinde und Sehbehinderte (SBS):
http://blindenbibliothek.kaywa.ch

Schweizerischer Zentralverein für das Blindenwesen (SZB):
http://www.szb.ch/de/index.php

 

Websites von und für Gehörlose

Virtueller Treffpunkt für Gehörlose:
http://www.deafzone.ch

focus-5 TV - Schweizerisches Gebärdesprachen Web-TV:
http://www.focus-5.tv

Multimediaprodukte in Gebärdensprache:
http://www.gs-media.ch

pro audito schweiz - Organisation für Menschen mit Hörproblemen:
http://www.pro-audito.ch

procom - Stiftung Kommunikationshilfen für Hörgeschädigte in der Schweiz:
http://www.procom-deaf.ch

Schweizerischer Gehörlosenbund:
http://www.sgb-fss.ch

Schweizerischer Verband für Gehörlosen- und Hörgeschädigten-Organisationen:
http://www.sonos-info.ch

Schweizerischer Verein für Eltern von hörgeschädigten Kindern (SVEHK/ASPEDA):
http://www.svehk.ch

 

Websites von und für Senioren

CompiSternli - Kinder vermitteln PC-Kenntnisse an Senioren:
http://www.compisternli.ch

Computerias von Pro Senectute u.a.
http://www.computerias.ch

Pro Senectute - Internet für alle:
http://www.pro-senectute.ch/internet-fuer-alle

Schweizerischer Seniorenrat (SSR):
http://www.ssr-csa.ch

Seniorweb:
http://www.seniorweb.ch


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