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17.03.2007
00:00 Von: Scharf, Wilfried

Wie viel Meinungsfreiheit ist möglich?
Über Mohammed-Karikaturen, Papst-Vorlesung, Idomeneo-Absetzung

Der Streit um die Mohammed-Karikaturen, die Empörung über ein Islam-kritisches Zitat des Papstes in einer Vorlesung und die vorschnelle Absetzung einer Inszenierung der Oper "Idomeneo" werfen die Frage auf, wie wir es im Konfliktfall mit der Kunst- und Meinungsfreiheit halten. Der Diskurs in den Leitmedien vergangenen Jahres zeugt weniger vom Kampf der Kulturen als von tiefen Gräben in der eigenen Gesellschaft.


Von Wilfried Scharf

Wenn 2006 in Europa eine Mozart-Oper nicht mehr aufgeführt werden darf, müssen die Umstände prekär und die Gründe für die Absetzung schwerwiegend sein. Diesen Zustand hatten wir in Deutschland erreicht, als die Intendantin der Deutschen Oper Berlin, Kirsten Harms, die "Idomeneo"-Inszenierung 2003 im September 2006 vom Spielplan absetzte. "Idomeneo" ist die zweite von Mozarts sieben Opern und ein typisches Produkt der europäischen Klassik. In ihr befinden wir uns in der Zeit nach dem Trojanischen Krieg. Nach Errettung aus Seenot hat sich der kretische König Idomeneo durch einen Schwur in die tragische Lage gebracht, seinen Sohn Idamantes töten (opfern) zu müssen. Er ist dazu bereit. Dies erinnert uns direkt an Abrahams im ersten Buch Mose, 22. Kapitel, Vers 1-19, verkündete Bereitschaft, seinen Sohn Isaak zu opfern. Letztlich kommt es in beiden Fällen zur Opferung nicht. Die beiden Geschichten stammen aus den wichtigsten Quellen europäischer Kultur: 1. Ilias und Odyssee und 2. der Bibel.

 

Hommage an die Aufklärung

Es ist nicht weiter verwunderlich, dass Wolfgang Amadeus Mozart (1756-1791) als Hauptvertreter der europäischen Klassik neben Joseph Haydn und Ludwig van Beethoven diesem Geist verpflichtet ist. Wir europäischen Zeitgenossen von 2007 sind es gleichermaßen. Zu Mozarts Zeit bedeutete der Stoff von "Idomeneo" eine Hommage an die Aufklärung, an Menschenrechte und Idealismus. Denn es wird das Glück Idamantes verteidigt gegen die Zwänge des Staates und seiner Raison. Ilia, die Tochter des "feindlichen" trojanischen Königs Priamos, liebt Idamantes nämlich und ist bereit, sich für ihn zu opfern. Dadurch wird der zuständige Meeresgott Poseidon beeindruckt und besänftigt. Idamantes darf am Leben bleiben und Ilia heiraten.

Worum es bei der Absetzung der Oper geht, ist klar. Auf der einen Seite steht die Kunstfreiheit und auf der anderen Seite die Religionsfreiheit, weil sich durch die Aufführung Muslime in ihren religiösen Gefühlen verletzt hätten fühlen können (tatsächlich hatte sich niemand beschwert), da in der Inszenierung von Hans Neuenfels am Ende die abgeschlagenen Köpfe von Poseidon, Jesus, Buddha und Mohammed von Idomeneo auf die Bühne getragen werden. Womit uns der Regisseur in seiner schlichten Art wohl sagen will, dass uns die Religionen auf dieser Welt nicht helfen können. Aber darauf kommt es gar nicht an. Die Kunstfreiheit ist in einem Atemzug zu nennen mit der Pressefreiheit und der Wissenschaftsfreiheit. Letztlich sind diese fundamentalen Menschenrechte abgeleitet von der Meinungsfreiheit, wonach jeder Mensch überall seine Meinung frei sagen darf. Diese Grundrechte sind aufgeschrieben in der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte von 1948 und in der Europäischen Menschenrechtskonven­tion von 1950.

 

Empörung und Appeasement

Am 30.09.2005 hatte die dänische Tageszeitung "Jyllands Posten" zwölf Mohammed-Karikaturen publiziert, um damit eine Auseinandersetzung mit dem Islam in Europa in Gang zu setzen. Darüber waren zunächst wenige Intellektuelle empört, darunter auch islamische in Dänemark. Sie trugen ihre Empörung weiter. Schließlich wurde eine internationale Kampagne hauptsächlich in islamischen Staaten organisiert, die am "Internationalen Tag des Zorns" am 03.02.2006 unter dem Motto "Massakriert alle, die den Islam beleidigen" zu organisierter Wut und Gewalt führte, zu Stürmen auf die dänische Botschaften, dem Verbrennen von dänischen und europäischen Flaggen und zu Toten.

Wie nicht anders zu erwarten, kam es daraufhin in der europäischen Politik zu großen "Appeasement"-Anstrengungen. Der bayerische Ministerpräsident Edmund Stoiber verlangte einen "verantwortungsvollen Umgang mit der Pressefreiheit". "Der Respekt vor anderen Religionen verlangt manchmal auch ein Stück Zurückhaltung" (Beck 2006: 41). Der Papst dekretierte: "Muslime dürfen nicht in ihren religiösen Gefühlen verletzt und zum Objekt von Provokationen werden" (zit. in Süddeutsche Zeitung, 21.02.2006, S. 7). Der an dieser Stelle unvermeidliche Psychoanalytiker Horst-Eberhard Richter empfahl: "Der Westen sollte alle Provokationen unterlassen, die Gefühle von Erniedrigung und Demütigung hervorrufen, wir sollten die kulturelle Identität der islamischen Länder mehr achten. (…) Für die Muslime ist es wichtig, als ebenbürtig anerkannt und gewürdigt zu werden" (ebd.). Aber auch der Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, Paul Spiegel, meinte: "Solche Karikaturen dürfen nicht gedruckt werden" (Frankfurter Allgemeine Zeitung, 02.04.2006, S. 2).

Den Vogel abgeschossen hatte aber zweifellos Oskar Lafontaine als Vertreter der politischen Linken. Er sagte: "Der Islam setzt auf die Gemeinschaft, damit steht er im Widerspruch zum übersteigerten Individualismus, dessen Konzeption im Westen zu scheitern droht. Der zweite Berührungspunkt ist, dass der gläubige Muslim verpflichtet ist, zu teilen. Die Linke will ebenso, dass der Stärkere dem Schwächeren hilft. Zum Dritten: Im Islam spielt das Zinsverbot noch eine Rolle, wie früher auch im Christentum. In einer Zeit, in der ganze Volkswirtschaften in die Krise stürzen, weil die Renditevorstellungen völlig absurd geworden sind, gibt es Grund für einen von der Linken zu führenden Dialog mit der islamisch geprägten Welt. (…) Wir müssen uns immer fragen, mit welchen Augen die Muslime uns sehen. (…) Die Menschen in den muslimischen Ländern haben viele Demütigungen erfahren - eine der letzten ist der Irak-Krieg. Es geht um Rohstoff-Imperialismus" (Süddeutsche Zeitung, 21.02.2006, S. 40).

Aber das Appeasement beschränkte sich nicht auf die Politik, wo wir es nicht anders gewohnt sind, sondern trat sehr bald sogar in der Wissenschaft auf. Da ist von "gezielter Provokation" die Rede. Es handle sich bei "Jyllands Posten" um ein "rechtskonservatives" Blatt. Es habe eine "verletzende Absicht" bestanden. Wir müssten "Missverständnisse vermeiden". Die von Flemming Rose, dem zuständigen Redakteur, "hochgelobte Verteidigung der Pressefreiheit sieht jedenfalls mehr nach inszenierter Farce denn nach Abwehrkampf gegen die äußere oder selbstverordnete Einschränkung der Pressefreiheit aus" (Debatin 2006: 152). Es sei ein "übles Spiel getrieben" worden. "Den Abdruck im Namen der Pressefreiheit zu verfügen, verkennt eine wesentliche Dimension dieses hohen Gutes. Die Ausübung der Pressefreiheit ist immer auch mit Verantwortung verbunden" (Thomass 2006: 21). Witze über Tabus zu machen, setze den Urheber moralisch ins Unrecht. Der Nachdruck sei "provinziell und verantwortungslos" (ebd.).

 

Ein Kampf der Kulturen?

In einer Analyse der publizistischen Kontroverse um die Mohammed-Karikaturen haben wir zwischen dem 30.09.05 und dem 15.05.06 1219 Beiträge in den Meinungsführermedien "Frankfurter Allgemeine Zeitung" (FAZ), "Süddeutsche Zeitung" (SZ), "Die Welt" (W), "Frankfurter Rundschau" (FR), "Die Tageszeitung" (taz), "Der Spiegel" und "Die Zeit" untersucht. Ganz überwiegend fand dieser Diskurs in den Begriffen von Samuel Huntingtons "Kampf der Kulturen" (Huntington 1996, auch Tibi 1995) statt. Nach dem Ende der bipolaren Welt gäbe es keine politisch-ideologischen Kämpfe mehr, sondern nur noch kulturelle. Es stünden sieben oder acht Kulturkreise miteinander in Konkurrenz (der sinesische, japanische, hinduistische, islamische, westliche, lateinamerikanische, afrikanische). Es gäbe einen Kampf zwischen dem Universalismus (der Menschenrechte) und dem Kulturrelativismus.

Zwölf Intellektuelle (unter ihnen Ayaan Hirsi Ali und Salman Rushdie) sprachen sich in einem Manifest gegen die Anwendung der Formel vom "Kampf der Kulturen" auf den Karikaturenstreit aus. Es handle sich nicht "um ein Aufeinanderprallen der Kulturen oder einen Gegensatz von Okzident und Orient, sondern einen weltweiten Kampf der Demokraten gegen die Theokratie" (zit. nach Hehn 2006: 27). Sie schlossen sich damit einer Perspektive an, die typischerweise 1945 Karl Raimund Popper mit seinem weltberühmten Buch "Die offene Gesellschaft und ihre Feinde" eröffnet hatte. Darin rechnete er mit den "falschen Propheten" Platon, Hegel und Marx ab. Die Weltgeschichte habe keinen Sinn. Wohl aber könnten wir Menschen der Geschichte einen Sinn verleihen. Dieser Sinn allerdings könne verändert werden. Im Sinne der Menschen sei dies dann der Fall, wenn darüber von Fall zu Fall demokratisch abgestimmt werde. Popper sah auf dem Feld der Politik allein in der Demokratie eine legitime Herrschaftsform. Damit war er automatisch der weltanschauliche Lieblingsfeind der realen Sozialisten und anderer totalitärer Ideologen. M.E. ist seine Perspektive auch heute geeignet, die Konflikte zwischen Religionen und Staaten zu begreifen.

Zweifellos haben wir es ja in der Gegenwart mit einer Resurgenz des Islam zu tun. "Re-Islamisierung (…) bietet zuerst und vor allem die Möglichkeit einer neuen Identitätsstiftung in einer Welt, die ihren Sinn verloren hat (…)" (zit. nach Huntington 2002: 148). Andreas Platthaus schrieb: "Der Islam hat den Anspruch, eine Rechtsreligion zu sein: Die Welt soll nach theologischen Gesichtspunkten regiert werden. Diesen Anspruch hat das Christentum (…) jahrhundertelang gleichfalls erhoben. Erst mit der politischen Säkularisierung ist dieser Einfluss gebrochen worden, kam es zu einer Selbstreform der Religion" (Platthaus 2006: 39). Andrea Seibel geht noch weiter: "Hierzulande baut man Moscheen, praktiziert Religionsfreiheit und lässt sich doch wegen lächerlicher Mohammed-Karikaturen erpressen. In islamischen Ländern werden Andersgläubige schikaniert, Konvertiten, wenn nicht hingerichtet, dann ins Gefängnis geworfen oder gemeuchelt. Wie im Brennglas zeigt sich die Kluft zwischen Moderne und Mittelalter" (Seibel 2006: 1).

 

Vernunft als Chance für den Dialog

Am 12.09.2006 hielt Papst Benedikt XVI. in seiner Heimat-Universität Regensburg eine Vorlesung mit dem Titel "Glaube, Vernunft und Universität". Darin wandte er sich gegen Gewalt unter den Religionen. Das Hauptaugenmerk legte er auf die Vereinbarkeit von Glauben und Vernunft und nahm dabei eine typisch katholische Position ein. "Nicht vernunftgemäß handeln ist dem Wesen Gottes zuwider" (Benedikt XVI. 2006: 8). Benedikt sah die Chance zum viel geforderten Dialog der Religionen hauptsächlich in der Vernunft. "Eine Vernunft, die dem Göttlichen gegenüber taub ist und Religion in den Bereich der Subkulturen abdrängt, ist unfähig zum Dialog der Kulturen" (ebd.).

In seiner Vorlesung setzte er sich tatsächlich im Wesentlichen mit Duns Scotus (1266-1308) auseinander, den Reformatoren und der "liberalen Theologie" eines Adolf von Harnack (1851-1930), hauptsächlich aber mit der Philosophie Immanuel Kants (1724-1804). Dieser hatte in seiner Einleitung zur "Kritik der reinen Vernunft" (1781) Gottesglauben und Weltwissen unterschieden und voneinander getrennt und dabei betont, dass von dem einen für das andere nichts gewonnen werden könne. Eine Auffassung, die heute wohl das vorherrschende Wissenschaftsverständnis charakterisiert. Der Papst kritisierte dies und betonte: "In der westlichen Welt herrscht weithin die Meinung, allein die positivistische Vernunft und die ihr zugehörigen Formen der Philosophie seien universal" (ebd.). Benedikt XVI. kritisierte also den Westen.

Dies alles ging unter in der islamischen Rezeption, die sich an einem Papst-Zitat des byzantinischen Kaisers Manuel II. Palaeogulos (1391) störte, das dieser in einem Disput mit einem gebildeten Türken oder Perser gesagt haben soll: "Zeig mir doch, was Mohammed Neues gebracht hat, und da wirst du nur Schlechtes und Inhumanes finden wie dies, dass er vorgeschrieben hat, den Glauben, den er predigt, durch das Schwert zu verbreiten" (ebd.). Der Leiter der türkischen Religionsbehörde, Ali Bardakoglu, fand daraufhin die Vorlesung "einseitig, voreingenommen, feindselig und provozierend". Aber dies war noch eine gemäßigte islamische Reaktion. Von einer Dialogbereitschaft von dieser Seite war ansonsten wenig zu spüren.

Von der "Idomeneo"-Absetzung (bekannt geworden am 26.09.2005) war schon die Rede. Wir sollten uns vor Augen halten, dass nicht mit Gewalt gedroht worden war. Es genügte, dass wir uns vorstellen konnten, sie könne drohen. Dies war der vorläufige Höhepunkt der Appeasement-Politik. Ja, das Vorgehen trug Züge der Kapitulation. Insofern können wir uns nur Herfried Münkler anschließen, wo er sagt: "Was mit dem Streit über die dänischen Mohammed-Karikaturen begann, sich mit der Erregung über die Regensburger Vorlesung des Papstes fortsetzte und nun in der Absetzung von 'Idomeneo' gipfelt, ist eine einzige Einladung an die Islamisten und deren politische Hintermänner zu neuen Forderungen und zur Erhöhung der Preise für ihren Gewaltverzicht" (Münkler 2006a: 2).

 

Religionsfreiheit als erstes Menschenrecht

Beim Abwägen der Pressefreiheit, der Wissenschaftsfreiheit und der Kunstfreiheit auf der einen Seite gegen die Religionsfreiheit auf der anderen soll nicht vergessen werden, dass die Religionsfreiheit im Grunde das erste Menschenrecht ist. Dies wird uns klar, wenn wir uns fragen, woher die Menschenrechte eigentlich stammen. Für uns Europäer ist es meistens gut zu wissen, dass sie aus Amerika kommen. Denn die Gründungsväter der Vereinigten Staaten von Amerika waren weithin Menschen, die ihren Glauben im 16. und 17. Jahrhundert in Großbritannien nicht mehr voll ausüben konnten und deswegen nach Amerika auswanderten. Sie orientierten sich an der Persönlichkeit, dem Individualismus, der Autonomie der Gemeinden und ihrer Selbstverwaltung, schließlich am freiheitlich-demokratischen Staat. Mit der Unabhängigkeitserklärung der 13 Staaten von 1776 wurden zugleich die Menschenrechte verkündet. Sie bildeten die Grundlage der ersten amerikanischen Verfassung von 1789. In diesem Jahr wurden bekanntlich die Menschenrechte auch von der Französischen Revolution proklamiert.

Die Meinungsfreiheit und die von ihr abgeleiteten Freiheiten sind so wichtig, weil keiner die Wahrheit kennt. Kein Zentralkomitee, keine Glaubenskongregation, nicht der amerikanische Präsident und auch nicht der türkische Religionsminister. Deswegen hat das Bundesverfassungsgericht herausgestellt: "Das Grundrecht auf freie Meinungsäußerung ist als unmittelbarster Ausdruck der menschlichen Persönlichkeit in der Gesellschaft eines der vornehmsten Menschenrechte überhaupt. Für eine freiheitlich-demokratische ist es schlechthin konstituierend, denn es ermöglicht erst die ständige geistige Auseinandersetzung, den Kampf der Meinungen, die ihr Lebenselixier ist. Es ist in gewissem Sinne die Grundlage jeder Freiheit überhaupt." BVerfGE 7, 198 (208).

 

Kampf der Meinungen

Grundsätzlich ist die Meinungsfreiheit weit zu verstehen. Sie umfasst Werbung. Sogar unwahre Tatsachenbehauptungen sind teilweise geschützt. Sie deckt im Zweifel einen Boykottaufruf. Dies gilt insbesondere für die Presse. Aber natürlich sind erfundene Interviews unzulässig. Zitate müssen stimmen. Die genannten Freiheiten gelten gerade dann, wenn es sich um einen Beitrag zum geistigen Meinungskampf in einer die Öffentlichkeit wesentlich berührenden Frage handelt. Dies war sowohl bei den Mohammed-Karikaturen als auch bei der Papst-Vorlesung und der "Idomeneo"-Absetzung gegeben.

Das führt uns zu dem Schluss: "Diese Konflikte müssen ausgetragen und ertragen werden. Auch die schlechte Karikatur bleibt also rechtlich geschützt, zugleich darf sie aber kritisiert, gescholten und auch moralisch verdammt werden" (Prantl 2006: 4). Alice Schwarzer meinte sogar: "Die einzige Antwort auf den Terror wäre gewesen, dass alle Zeitungen im Westen - und nicht nur die wenigen tapferen - diese harmlosen Karikaturen nachdrucken" (Schwarzer 2006: 8). Flemming Rose, der zuständige Ressortleiter von "Jyllands Posten" gab als seine Überlegung an: "Nahöstliche Diktaturen und radikale Imame haben den Jargon der europäischen Linken übernommen, bezeichnen die Karikaturen als rassistisch und islamophob. Wenn wir ihren Mangel an Bürgerrechten und die Unterdrückung von Frauen anprangern, behaupten sie, wir würden uns wie Imperialisten aufführen" (Rose 2006: 136).

Ganz anderer Meinung war Harald Müller: "Hier aufgeklärte Meinungs- und Pressefreiheit, dort dumpfes Mittelalter. Das ist die Hauptwindrichtung, aus der es durch die Leitartikel und Feuilletons weht, wenn von den Mohammed-Karikaturen und den gewaltsamen Protesten die Rede ist" (Müller 2006: 8). Henryk M. Broder war wieder auf Seiten der Freiheit: "Es geht um Meinungsfreiheit, den Kern der Aufklärung und der Demokratie, und um die Frage, ob Respekt, Rücksichtnahme und Toleranz die richtigen Mittel im Umgang mit Kulturen sind, die sich ihrerseits respektlos, rücksichtslos und intolerant gegenüber allem verhalten, was sie für dekadent, provokativ und minderwertig halten, von Frauen in kurzen Röcken bis hin zu Karikaturen, von denen sie sich provoziert fühlen, ohne sie gesehen zu haben" (Broder 2006: 38).

Thomas Assheuer unterstrich: "Darf der Papst, und sei es nur im Gewande eines Zitats, islamische Gewalt ansprechen und dabei Ross und Reiter nennen? Allein die Frage scheint abwegig. Natürlich darf er es, es ist sogar seine Pflicht. Denn niemand kennt die Verbindung zwischen Religion und Gewalt besser als ein Mann der katholischen Kirche" (Assheuer 2006: 1). Allerdings gab er zu bedenken, dass es hilfreich gewesen wäre, der Papst hätte ein Wort über die römisch-katholische Auslegung des Tötungsverbots verloren, über die mittelalterliche Verfolgung der Juden, das Abschlachten der Ungläubigen und das Verbrennen der Hexen, auch ein Wort über die Liturgie des Folterns, Verstümmelns, Ertränkens, stets mit der Bibel in der Hand. Noch den Franco-Faschisten sei die katholische Kirche unter den Rock gekrochen, und die Befreiungstheologie habe sie bekämpft, als sei sie der Leibhaftige. Ein Hinweis auf die Todsünden der eigenen Kirche, ein Hauch von Bußfertigkeit hätte den Ajatollahs ein Zeichen gegeben, und wäre dieses Zeichen so kühl gewesen wie dieser Satz: "'Menschen der Kirche haben im Namen des Glaubens und der Moral auf Methoden zurückgegriffen, die dem Evangelium nicht entsprechen.' Der Satz stammt übrigens nicht von einem Häretiker. Er stammt von Joseph Kardinal Ratzinger, damals noch gefürchteter Präfekt der Glaubenskongregation" (ebd.).

Anne Applebaum gab sich sehr entschieden, nannte aber erfreulicherweise Ross und Reiter: "Westliche Politiker, Schriftsteller, Intellektuelle und Redner sollten aufhören, sich zu entschuldigen. Stattdessen sollten sie einen Weg finden, wie sie sich gegen die empörende Überreaktion eines Teils - leider des lauteren Teils - der muslimischen Welt vereinen können. (…) ganz gewiss können wir uns doch vereinen, um die Rede- und Pressefreiheit zu unterstützen. (…) Mit 'wir' meine ich hier das Weiße Haus, den Vatikan, die Grünen in Deutschland, das französische Außenministerium, die Nato, Greenpeace, 'Le Monde', die 'FAZ', den 'Daily Telegraph' und Fox News - westliche Institutionen der Rechten, der Linken, der Mitte und von allem, was dazwischen liegt" (Applebaum 2006).

Für Eleonore Büning stand angesichts der "Idomeneo"-Absetzung fest, "dass selbst [dann], wenn diese Inszenierung dumm, albern, gedankenarm, ignorant oder gar verletzend wäre - sie nicht schlicht per Federstrich abgesetzt werden [dürfe], nur aus Furcht vor eventuell aggressiven Andersdenkenden" (Büning 2006: 1). Und Heinrich Wefing fügte hinzu: "Niemand hat sich offenbar bewusst gemacht, dass ein solcher Schritt einer Einladung an Hitzköpfe und Radikalisierer gleichkommt, künftig nicht nur die Spielpläne der Opern zu diktieren, sondern alle öffentlichen Äußerungen der Meinungsfreiheit" (Welfing 2006: 38). Dennoch habe der Skandal auch etwas Gutes. Die Einhelligkeit, mit der die Absetzung dieser Operninszenierung kritisiert werde, befestige den Konsens, Anfechtungen der Meinungsfreiheit, gleich welcher Art, nicht weichen zu wollen. Das sei in den letzten Jahren, gerade mit Rücksicht auf die religiösen Gefühle von Minderheiten, durchaus nicht immer so gewesen (vgl. ebd.).

Herfried Münkler unterstrich: "Und auch die Freiheit kann nicht nur besessen und genossen, sondern muss immer wieder auch neu erworben und erkämpft werden - gelegentlich mehr gegen unsere Ängste und unsere Trägheit als gegen tatsächliche Bedrohungen von außen" (Münkler 2006b: 2). Und Bassam Tibi sah ein speziell deutsches Problem: "Das Problem ist: Deutschland kann den Fremden keine Identität anbieten, weil die Deutschen selbst kaum eine haben. Das ist wohl eine Folge von Auschwitz" (Tibi 2006: 47). Auf die Frage, was uns noch heilig ist, gibt Robert Leicht folgende Antwort: "Erstens das Recht, dies für sich selbst zu bestimmen, zweitens die Pflicht, die Entscheidung des anderen zu achten, drittens die Notwendigkeit, Ansprüche des Staates auf die Religionsfreiheit abzuwehren, und viertens, die Wachsamkeit gegenüber allen religiösen Anmaßungen, unsere freiheitliche Verfassung in Frage zu stellen" (Leicht 2006: 6). Und das hat zur Folge, dass wir unsere Werte und Regeln nicht deswegen aufgeben können, weil sie anderen fremd oder gar ärgerlich sind, im Gegenteil: sie haben sich gerade im Konfliktfall zu bewähren (vgl. ebd.).

 

Dr. Wilfried Scharf ist Leiter der Abteilung Publizistik- und Kommunikationswissenschaft an der Georg-August-Universität Göttingen.

Der Text basiert auf einem Manuskript für einen Vortrag anlässlich der Tagung "Europäische Medienethiken" vom 22. bis 23. Februar 2007 in München, veranstaltet vom Netzwerk Medienethik und der DGPuK-Fachgruppe Kommunikations- und Medienethik.

 

Literatur

Applebaum, Anne (2006): Es reicht. In: Literarische Welt, 23.09.2006, S. 1.

Assheuer, Thomas (2006): Das bedrohte Wort. Der Papst muss sagen dürfen, was er will - auch wenn es das Falsche ist. In: Die Zeit, 21.09.2006, S. 1.

Beck, Sebastian (2006): Gipfel des Glaubens. In: Süddeutsche Zeitung, 29.04.2006, S. 41.

Benedikt XVI. (2006): Glaube, Vernunft und Universität. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 13.09.2006, S. 8.

Benedikt XVI. (2006): Glaube und Vernunft. Die Regensburger Vorlesung. Vollständige Ausgabe. Kommentiert von Gesine Schwan, Adel Theodor Khoury, Karl Kardinal Lehmann. Freiburg.

Broder, Henryk M. (2006): Wir kapitulieren! In: Der Spiegel, 14.08.2006, S. 38.

Büning, Eleonore (2006): Die Bresche. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 27.09.2006, S. 1.

Debatin, Bernhard (2006): Die Grenzen der Pressefreiheit? Der Karikaturenstreit als inszenierte Farce. In: Publizistik, Heft 2/2006, S. 149-152.

Hehn, Jochen (2006): Manifest der 12. Gemeinsam gegen den neuen Totalitarismus. In: Die Welt, 02.03.2006, S. 27.

Frankfurter Allgemeine Zeitung (2006): Drohung mit Anschlägen wegen der Karikaturen. 04.02.2006, S. 2 (ohne Verfasser).

Huntington, Samuel P. (2002): Kampf der Kulturen: Die Neugestaltung der Weltpolitik im 21. Jahrhundert. München (zuerst 1996: The Clash of Civilizations and the Remaking of World Order, New York).

Leicht, R. (2006): Wo keine Last ist, da lässt sich nur schwer lästern. In: Die Zeit, 16.02.2006, S. 6.

Müller, Harald (2006): Totentanz der Brandstifter. In: Frankfurter Rundschau, 11.02.2006, S. 8.

Münkler, Herfried (2006a): Angst essen Freiheit auf. In: Süddeutsche Zeitung, 30.9./1.10.2006, S.2.

Münkler, Herfried (2006b): Angst essen Seele auf. Wer vor Extremisten zurückweicht, spricht eine Einladung an sie aus. In: Süddeutsche Zeitung, 30.09./01.10.2006, S. 2.

Platthaus, Andreas (2006): Stichprobe. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 04.02.2006, S. 39.

Prantl, Heribert (2006): Caroline, Muslime und die Grundrechte. In: Süddeutsche Zeitung, 08.02.2006, S. 4.

Rose, Flemming (2006): Die Stunde der Wahrheit. In: Der Spiegel, 29.05.2006, S. 136.

Schwarzer, Alice (2006): Islamisten aller Länder vereinigt euch. In: Die Welt, 11.02.2006, S. 8.

Seibel, Andrea (2006): Der Christ von Kabul. In: Die Welt, 23.03.2006, S. 1.

Süddeutsche Zeitung (2006): Aufgebrachte Muslime setzen Kirchen in Pakistan in Brand. 21.02.2006, S. 7 (ohne Verfasser).

Thomass, Barbara (2006): Pressefreiheit und Verantwortung. In: Journalist, 3/2006, S. 21.

Tibi, Bassam (2006) im Interview "Friede, Freude, Eierkuchen" in: Der Spiegel, 40/2006, S. 47.

Tibi, Bassam (1995): Krieg der Zivilisationen. Politik und Religion zwischen Vernunft und Fundamentalismus. Hamburg.

Wefing, Heinrich (2006): Nur Mut! In: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 29.09.2006, S. 38.


 
 

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