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23.04.2007
00:00 Von: Meier, Urs

Das Mediensystem im Zeitalter seiner wirtschaftlichen Kalkulierbarkeit
Terroristen & Amokläufer steuern die Berichterstattung über ihre Taten

Terror- und Amokverbrechen sind immer auch Signale an die Öffentlichkeit. Es entspricht ihrer zynischen Logik, wenn sie die durch Medien ausgelösten Sekundärwirkungen in der Planung von Gewalttaten mit einkalkulieren. Ein konsequent auf Konkurrenz beruhendes Mediensystem hat einer solchen Indienstnahme kaum etwas entgegenzusetzen.


Von Urs Meier

Bevor der Student Cho Seung Hui das Massaker an der Virginia Tech University in Blacksburg beging, legte er eine Vielzahl von Spuren, durch die er offensichtlich die Deutung der Tat über seinen geplanten Tod hinaus in der Hand behalten wollte. So inszenierte er sich mit Bildern und Texten als Rächer eines ebenso vagen wie ungeheuerlichen Unrechts. Ausserdem stellte er sich in die Nachfolge der zu traurigem Ruhm gelangten Mörder von der Columbine Highschool in Littleton, Colorado (1999). Dabei sparte er nicht mit literarischen Anspielungen und Filmzitaten, mit denen er den Stoff bereitstellte für die akribischen Interpretationen, welche seit einer Woche Zeitungsspalten, Talkshows und Webforen füllen.

Selbstverständlich verlangt ein solches Verbrechen nach psychiatrischen, kriminologischen sozialpsychologischen und gewiss noch weiteren Deutungen. Die Aufklärung des Unbegreiflichen wird zwar nie ganz gelingen, und die bestenfalls möglichen Ansätze eines «Verstehens» werden kaum verhindern können, dass irgendwann Ähnliches erneut irgendwo in der Welt geschieht. Trotzdem kann eine zivilisierte Gesellschaft nicht anders, als nach Gründen eines solchen Geschehens zu forschen. Und in diesem Sinn ist es auch unumgänglich, dass in den Medien über Cho und den Amoklauf von Blacksburg diskutiert wird.

 

Fatale Attraktivität des Täter-Videos

Diese humane Notwendigkeit öffentlichen Nachforschens und Nachdenkens ist hier im Plan einer Schreckenstat zynisch einkalkuliert worden. Cho Seung Hui wusste wohl genau, wie er die angestrebte Wirkung erreichen würde: Er sandte ein Paket mit Bildern, Texten und Videobotschaften an die lokale Redaktion des Fernsehsenders NBC. Die Rechnung ging auf. NBC sendete Auszüge aus dem Hass-Video des Täters. Hemmungen hatte der Sender zwar offenkundig bei den angeblich unflätigen Ausdrücken des Mörders, nicht aber bei seinen exzessiv brutalen Posen. Die Bilder Chos als grimmig-cooler Killer, kaum unterscheidbar von den Ikonen der Gewaltverherrlichung in trivialen Shooter-Games, gingen prompt um die Welt. NBC entging der fatalen Attraktivität dieses spektakulären Testimonials nicht. Das Video war nun einmal vorhanden, und es war auf dem Medienmarkt ganz einfach zu viel wert, um nicht gesendet zu werden. NBC konnte nicht wissen, ob Cho Seung Hui sein Vermächtnis vielleicht auch anderen Sendern zugespielt hatte. Also blieb wenig Zeit für die Entscheidung. Man liess die obszönen Wörter weg und glaubte wahrscheinlich, der redaktionellen Sorgfaltspflicht so genügt zu haben. Die Brutalität der Bildsprache empfand man hingegen offensichtlich als tolerierbar.

Jetzt sind diese Bilder im Cyberspace und können nicht mehr zurückgeholt werden. Cho hat sich als finsterer Held verewigt, nicht im allgemeinen Gedächtnis (in diesem wird Blacksburg nach einigen Monaten unter den Sedimenten der laufend anfallenden News verschwunden sein), aber in den absonderlichen Communities der Randständigen, Verschwörungsgläubigen und Paranoiker. Die Heldenposen des Mörders oder eben «Märtyrers» von Blacksburg sind, so ist leider anzunehmen, eine neue harte Droge, mit der potentielle Amokläufer und Selbstmordattentäter sich in explosive Gemütszustände versetzen können.

Ein Mediensystem, das allein auf Konkurrenz beruht, hat solchen Zugriffen wenig entgegenzusetzen. Als Al-Kaida-Terroristen 2004 im Irak den Amerikaner Nicholas Berg vor laufender Kamera enthaupteten, konnten sie sicher sein, dass die Bilder mit der kalkulierten Schockwirkung in den Medien weltweit verbreitet würden. Nicht nur das arabische TV-Netzwerk Al-Dschasira, das sich dem Terror immer wieder als Sprachrohr zur Verfügung stellt, strahlte das schändliche Dokument aus, sondern auch westliche Medien glaubten die Bilder nicht zurückhalten zu können. Immerhin löste deren Veröffentlichung dann Diskussionen über die Instrumentalisierung der Medien durch Al-Kaida aus. Im Vergleich dazu blieben die kritischen Echos auf die Willfährigkeit der Medien im jüngsten Fall bisher schwach. Deutet das vielleicht auf einen Gewöhnungseffekt hin?


 
 

Herausgeber: Katholischer Mediendienst Charles Martig | Reformierte Medien Urs Meier
Impressum: Judith Arnold, Redaktion Medienheft, Badenerstrasse 69, 8026 Zürich
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