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18.06.2007
00:00 Von: Arnold, J. & Rüfli, L.

Neue Kinder- und Jugendbücher
Empfehlungen des SIKJM

Christine Tresch und Verena Rutschmann vom Schweizerischen Institut für Kinder- und Jugendmedien SIKJM prüfen Neuerscheinungen und setzen sich dafür ein, dass mehr gelesen wird. In der Paulus-Akademie haben die beiden Expertinnen neue Kinder- und Jugendbücher vorgestellt.


Von Lukas Rüefli und Judith Arnold

Lesen ist Kommunikation und beruht auf der Fähigkeit, Symbole zu begreifen und sich Gedanken, Vorstellungen und Anschauungen zu vergegenwärtigen, die im Hier und Jetzt keine unmittelbare Entsprechung haben. Wir können Haltungen in absentia einnehmen und in Phantasiewelten verweilen (vgl. Burkart 1998: 48ff., 150ff.). Bücher sind für Kinder und Jugendliche daher wertvolle Medien, die zwischen dem inneren Erleben und der Alltagswelt eine Brücke schlagen. Können sich die jungen Leserinnen und Leser in den Protagonisten wieder erkennen, ist das eine gute Möglichkeit, um eigene Erfahrungen zu ordnen. Gefördert werden dabei gleichermassen die kognitiven, die emotionalen und die sozialen Fähigkeiten (vgl. Bucher 2004: 242ff.).

In der Wahl der Lektüre und der Häufigkeit des Lesens sind die Vorlieben von Knaben und Mädchen unterschiedlich (vgl. Bucher 2003; 2004 Süss 2004: 154ff.). Interessieren sich Buben mehr für Sport und Abenteuer stehen bei den Mädchen Tiere, Musik und Romantik im Vordergrund. Gemeinsam ist ihnen das Interesse an Komödien und Krimis. Während die Buben ihre Präferenzen für Abenteuergeschichten eher in audiovisuellen Medien finden, haben Bücher für die Mädchen einen hohen Stellenwert. Darüber hinaus verändert sich die Lesehäufigkeit und die Themenpräferenz mit dem Alter. Sind für mehr als die Hälfte der Kinder zwischen neun und zehn Jahren Tiere das wichtigste Thema (58%), so gilt das für Kinder zwischen zwölf und dreizehn Jahren nur noch für knapp einen Drittel (32%) und ist für Jugendliche zwischen fünfzehn und sechzehn Jahren kaum mehr interessant (15%). Gleichzeitig nimmt das Interesse an Romantik und Komödien einen gegenteiligen Verlauf, auch wenn diese Präferenzen insgesamt geringer ausgeprägt sind (vgl. Süss: 2004: 155ff.). Das Thema ist also entscheidend dafür, ob ein Buch von Buben und Mädchen eines bestimmten Alters gelesen wird. Wichtig ist aber auch die Lesebiografie, die Buben und Mädchen zurücklegen. Ist das Interesse am Lesen am Anfang bei allen gleich stark ausgeprägt, so nimmt es mit zunehmendem Alter ab und die Unterschiede verstärken sich: Mädchen sowie Schülerinnen und Schüler der höheren Bildungsniveaus und Gesellschaftsschichten lesen mehr (vgl. Bucher 2004: 244ff.; 2003: 47).

Auch Christine Tresch vom SIKJM weiss: "Mädchen werden eher durch Emotionen angesprochen; sie interessieren sich für Beziehungen und mögen Bücher, in denen sie Anteil nehmen können. Jungs hingegen sprechen mehr auf Action und auf handlungsreiche Geschichten an; ihr Interesse gilt dem Abenteuer." Während Mädchen und Buben am Anfang noch die gleiche Motivation am Erlernen des Lesens und Schreibens zeigen, geht das Interesse der Buben mit zunehmendem Alter zurück. Die Ursache ist in der geschlechtsspezifischen Rollenzuschreibung zu suchen, die sich in der Leseförderung als Problem erweist: Im Kindergarten werden die Kinder meistens von einer weiblichen Bezugsperson betreut, ebenso in der Unter- und Mittelstufe. Damit lernen die kleinen Kinder vor allem Frauen kennen, die sich mit Büchern befassen. Später sind es vorwiegend die Mütter, die sich für die Lektüre der Kinder interessieren, und verstärken diese Rollenzuschreibung (vgl. auch Bucher 2004: 246ff.). Bis zum Ende der Unterstufe ist das kaum problematisch. "Dann aber beginnen Mädchen und Knaben sich mehr an den Vorbildern des eigenen Geschlechts zu orientieren", betont Tresch. Die geschlechtsspezifischen Zuordnungen vollziehen sich dabei nicht nur durch die Identifikation mit dem eigenen, sondern auch durch Abgrenzung vom anderen Geschlecht. So definieren sich Buben in einem gewissen Mass durch Abgrenzung von den Mädchen. Und weil sie das Lesen im Verlauf ihrer Entwicklung als weibliches Rollenmuster kennen gelernt haben, wird die Abgrenzung der Buben von den Mädchen oft auch in einer Ablehnung des Lesens vollzogen. Viele Buben, die noch in der ersten Klasse das Lesen und Schreiben motiviert gelernt haben, finden am Ende der Unterstufe das Lesen nicht mehr "cool". In dieser Übergangszeit den Buben diejenigen Bücher anzubieten, die ihren Vorlieben entsprechen, kann ein Mittel sein, sie nachhaltig im Lesen zu fördern. Und Bücher, die das Miteinander zwischen Buben und Mädchen thematisieren, können helfen, die spannungsreiche Zeit der Abgrenzung und Neufindung zu meistern.

Christine Tresch und Verena Rutschmann vom Schweizerischen Institut für Kinder- und Jugendmedien SIKJM stellten vergangenen Donnerstag einige Bücher vor, die für Buben und Mädchen in den frühen Jahren ihrer Lesebiografie geeignet sind.

 

Arthur Geisert: "Licht aus". Gerstenberg Verlag, Hildesheim 2006 (zuerst 2005: "Lights Out". Houghton Mifflin, New York). Altersempfehlung: bis 6/7 Jahre.

Wer kennt sie nicht, die Angst der Kinder im dunklen Zimmer vor dem Einschlafen. In seinem Bilderbuch fast ohne Worte entführt Arthur Geisert den Leser in einen Kreislauf durch die Dunkelheit. Es beginnt mit einem kleinen Schweinchen, das am Abend zu Bett geht. Das Dachzimmer des Kleinen ist ausgestattet mit allerhand Werkzeug: Hammer, Sägen und Zangen. An den Wänden hängen Zeichnungen von Flaschenzügen, Fahrrädern und anderer Mechanik bestehend aus Spulen, Federn, Zahnrädern, Pendel, Gewichten und Trichtern: "Um acht Uhr muss ich das Licht ausmachen. Meine Eltern wissen, dass ich Angst davor habe, im Dunkeln einzuschlafen. Sie haben gesagt: 'Wenn du dir etwas ausdenken kannst - nur zu.' Und so habe ich losgelegt." Das Schweinchen zieht eine Kordel mit dem Schild "Licht aus" und setzt damit eine fantastische Mechanik in Gang, die Bild für Bild vom Dachstuhl über das Ziegeldach hinunter in den Garten, hinein in den Keller und wieder zurück ins Dachzimmer führt. Seite für Seite wird eine Kette von Ursache und Wirkung entfaltet, wobei dieser Lauf der Dinge anschaulich die Physik von der Schwerkraft bis zur Hebelkraft enthüllt. Ein Gesamtbild gibt am Ende den Blick auf diese skurrile Maschinerie frei. Die Bilder sind in einem expressiven schwarzen Strich gezeichnet und in kräftigen Farben koloriert, was der Präferenz der Buben für Comics entgegen kommt (vgl. Bucher 2004: 254). Die Geschichte mit ihren nachvollziehbaren Ereignissen ist geeignet, um die Buben mit ihrem Hang zur bewegten Welt anzusprechen und auch bei den Mädchen das Interesse daran zu wecken.

 

Christine Nöstlinger: "Franz auf Klassenfahrt". Verlag Friedrich Oetinger, Hamburg 2007. Altersempfehlung: bis 7/8 Jahre.

Franz Fröstl hat eine beste Freundin und einen besten Freund: Seine Freundin Gabi Gruber geht in die Parallelklasse und ist zudem ein Nachbarskind und die Tochter seiner Tagesmutter. Und sein Freund Eberhard Most geht in die gleiche Klasse wie er. Eines Tages verkündet sein Lehrer Zickzack, dass die Klassen 2a und 2b gemeinsam eine Klassenfahrt machen. Doch Franz kann sich nicht so recht darüber freuen, denn er weiss, dass sich Gabi und Eberhard nicht gut verstehen. Anfänglich zwischen den beiden hin und hergerissen lässt Franz während der Klassenfahrt den Dingen ihren Lauf. Die Beziehungen der drei Kinder entwickeln sich und Phasen der Annäherung wechseln mit Momenten der Distanz. Franz lernt, dass Freundschaften in Gruppen andere Formen annehmen können und Zweierkisten einfacher als Dreiecksbeziehungen sind. Er erkennt aber auch, dass Freundschaften wie Feindschaften nicht ein für allemal gemacht sind, sondern entstehen und sich verändern können.

 

Kirsten Boie und Silke Brix: "Prinzessin Rosenblüte - Wach geküsst!". Verlag Friedrich Oetinger, Hamburg 2007. Altersempfehlung: bis 8/9 Jahre.

Wie bereits der Titel und das Titelbild verraten, ist die Geschichte der Prinzessin Rosenblüte eine Anlehnung an Dornröschen. Doch das ist nur auf den ersten Blick so. Denn anders als die Heldin des bekannten Märchens, schläft die Protagonistin dieser Geschichte nicht, sondern hat alle Hände voll zu tun, um das Reich der Schwäne zu retten. Schon bald entpuppt sich die Geschichte als eine Reise durch die Märchenwelt, hinein und vorbei an Episoden von Rumpelstilzchen, Schneewittchen, Froschkönig, Schneeweisschen und Rosenrot. Emma, die Heldin der Geschichte, ist zuerst gar nicht erfreut, als sie aus ihrem Alltag herausgerissen und zur Errettung der Märchenwelt aufgeboten wird. Im Gegenteil ergreift sie zunächst die Flucht, als die Stimme einer Fee durch die Lautsprecher der U-Bahn dringt. Aber die Stimme verfolgt sie auch zu Hause und am Sporttag. Und dann passiert es: Emma wird zusammen mit ihrem Kameraden Ludwig von einem Windstoss erfasst und durch die Luft in die Märchenwelt getragen. Seite an Seite mit Ludwig macht sich Emma auf, um den Prinzen und die Prinzessin zusammenzuführen und das Reich der Schwäne zu erretten. Die bunt illustrierten Episoden sind durchsetzt von Anspielungen an vertraute Märchen, die durch Emma und Ludwig eine neue Lesart erfahren. Gleichzeitig ist die Geschichte eine witzige Auseinandersetzung mit dem Spiel der Annäherung und Abgrenzung der Geschlechter.

 

Lukas Rüefli hat an der Universität Freiburg Sozial- und Religionswissenschaften studiert und das Diplom der Journalistik erworben.

Judith Arnold ist Redaktorin des Medienhefts.

 

Link:

Schweizerisches Institut für Kinder- und Jugendmedien:
http://www.sikjm.ch 

 

Literatur:

Boie, Kirsten/ Silke Brix (2007): "Prinzessin Rosenblüte Wachgeküsst." Verlag Friedrich Oetinger, Hamburg.

Bucher, Priska (2004): Lesen in der Mediengesellschaft. In: Bonfadelli, Heinz/ Leonarz, Martina/ Meier, Werner A. (Hrsg.): Informationsgesellschaft Schweiz. Medien, Organisationen und Öffentlichkeit im Wandel. Zürich, S. 242-260.

Bucher, Priska (2003): Leseförderung in der Schule. Chancen und Herausforderungen. In: Medienheft Dossier 19: Medien im Lebenszusammenhang, S. 46-54.
http://www.medienheft.ch/dossier/bibliothek/d19_BucherPriska.html

Burkart, Roland (1998): "Kommunikationswissenschaft. Grundlagen und Problemfelder. Umrisse einer interdisziplinären Sozialwissenschaft". 3. Aktualisierte Auflage, Verlag Böhlau.

Geisert, Arthur (2006): "Licht aus!" Aus dem Englischen übersetzt von Kathrin Jokusch. Gerstenberg Verlag, Hildesheim 2006 (zuerst 2005: "Lights Out". Houghton Mifflin, New York).

Nöstlinger, Christine (2007): "Franz auf Klassenfahrt". Verlag Friedrich Oetinger, Hamburg 2007.

Süss, Daniel (2004): Mediensozialisation von Heranwachsenden. Dimensionen - Konstanten - Wandel.


 
 

Herausgeber: Katholischer Mediendienst Charles Martig | Reformierte Medien Urs Meier
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