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11.12.2007
00:00 Von: Maier, Sarah

Von sprechenden Händen
Das Bilderbuch "Maga und die verzauberten Ohren"

Wer gehörlos geboren ist, findet sich anfänglich in einer Welt mit unsichtbaren Schranken. Wo hörende Menschen reagieren und kommunizieren, bleibt die Wahrnehmung für Gehörlose auf das primär Sichtbare beschränkt. Die Sprachbarrieren lassen sich mit dem Erlernen der Gebärdensprache und der Lautschrift abbauen, wobei Medien hier einen wichtigen Beitrag leisten können. Doch Bilderbücher für Kinder über Gehörlosigkeit und Gebärdensprache hat man in den Schweizer Buchhandlungen bisher vergeblich gesucht. Mit der Gründung des in Allschwil ansässigen Verlags fingershop.ch vor eineinhalb Jahren könnte sich das nun ändern.


Von Sarah Maier

Das erklärte Ziel des Verlags fingershop.ch ist es, gehörlosen und hörenden Kindern die Gehörlosenkultur und die Gebärdensprache näher zu bringen. Das Verlagssortiment von fingershop.ch, das unter anderem aus Büchern und einer DVD besteht, ist zwar noch klein, aber stetig am Wachsen. Eben ist die jüngste Publikation, das Bilderbuch "Maga und die verzauberten Ohren", erschienen.

Maga ist eine kleine Hexe mit grasgrünem Zauberhut, spitzen Schuhen, roter wilder Mähne, Hexenbesen und Zauberstab. Ein ganz normales Hexenmädchen - oder doch nicht? Erst auf den zweiten Blick fällt auf, dass Maga ihren Zauberstab nicht in der rechten, sondern in der linken Hand hält. Denn Maga ist gehörlos und gebraucht ihre rechte Hand, um gut zaubern zu können. Bevor sie am Ende der Geschichte in Gebärdensprache zaubert, erlebt Maga nicht nur einige Abenteuer, sondern steht in einer Welt, die für eine Mehrheit von Hörenden eingerichteten ist, regelmässig an. So erlebt sie die Kommunikation mit ihren hörenden Eltern und den anderen Hexenkindern oft als schwierig. Und weil Maga auch das, was sie mit ihrer eigenen Stimme sagt, nicht hören kann, passiert es, dass sie Zaubersprüche falsch ausspricht. Das führt zu unvorgesehenen Resultaten: Anstelle des gewünschten Blumenstrausses zaubert sie eine Schar von Mäusen. Maga sei halt nicht so begabt im Zaubern, weil sie nichts hören könne, heisst es. Der Versuch, Maga durch grösser gezauberte Ohren zu einer hörenden Hexe zu machen, scheitert kläglich. Erst als Maga in eine Zauberschule für gehörlose Kinder gehen kann, wo man in Gebärdensprache zaubern lernt, kann sie ihre Zauberkünste vollständig entwickeln. Und am Ende des Buches verständigt sie sich mit Hilfe einer Gebärdensprachdolmetscherin problemlos auch in der hörenden Welt.

 

Das ABC der Gebärdensprache

Eines der zentralen Themen dieser Geschichte - die Gebärdensprache - ist auf schöne Weise auch auf der Bildebene präsent: Wenn Maga oder ihre MitschülerInnen im Dialog gezeigt werden, sind ihre Hände in bestimmten Gebärden dargestellt. Um auch das Bewegungselement zu verbildlichen, hat die Illustratorin in die Comicwerkzeugkiste gegriffen: Neben den gebärdenden Händen hat sie beidseitig weisse Streifen gezeichnet, welche die Bewegungsrichtungen der Hände zeigen. Wer mit der Gebärdensprache vertraut ist, kann anhand der Zeichnungen und mit Hilfe der geschriebenen Texte einige der Gebärden lesen. Für alle anderen gibt es auf den Cover-Innenseiten ein kleines Gebärdenwörterbuch, das einige zentrale Begriffe der Geschichte erläutert: Zweiundzwanzig Magas zeigen unter anderem die Gebärden für "Besen", "Zauberstab", "lernen", "gehörlos", "Gebärdensprache" oder "Dolmetscherin". Die von den Händen und Armen ausgeführten Bewegungen sind mit Pfeilen angezeigt, so dass gehörlose wie auch hörende Kinder die Gebärden nachahmen und lernen können.

Die Idee zum Buch "Maga und die verzauberten Ohren" stammt von Marina Ribeaud, der Verlagsleiterin von fingershop.ch, die selber gehörlos ist, und von ihrem Ehemann Patrick Lautenschlager. "Weil mir Hexen sehr gefallen, hatte ich den Wunsch, eine Geschichte in dieser Welt anzusiedeln und darin den Alltag, wie ihn gehörlose Personen tagtäglich erleben, darzustellen. Erstens ist es uns ein Anliegen, dass auch gehörlose Kinder Vorbilder zur Verfügung haben, und zweitens bedarf es in Bezug auf die Themen Gehörlosigkeit und Gebärdensprache nach wie vor einiges an Aufklärungsarbeit", so die Autorin. Aus diesem Wunsch ist eine anregende Geschichte entstanden, die in Form von kurzen und leicht lesbaren Textabschnitten und grosszügigen Bildern erzählt wird. Der Text stammt von Ribeaud und Lautenschlager; die Illustratorin Sonja Rörig hat mit Wasserfarbe und Farbstiften die Bilder dazu gestaltet.

 

Sprachwelten begreifbar machen

Zwar ist eine wachsende Gruppe von Menschen an der Gebärdensprache interessiert, was sich nicht zuletzt an gut besuchten Gebärdensprachkursen zeigt. Trotzdem trifft man noch regelmässig auf falsche Vorstellungen: Entgegen der gängigen Annahme, dass es nur eine einzige Gebärdensprache gäbe, die alle Gehörlosen der Welt verwenden, besitzt jedes Land seine eigene Gebärdensprache. In der Schweiz gibt es durch die drei grösseren Sprachregionen auch drei Gebärdensprachen. Innerhalb dieser Gebärdensprachen sind wiederum dialektale Unterschiede auszumachen. Eine andere, weit verbreitete Annahme ist, dass Gebärdensprachen keine wirklichen Sprachen sind und dass mit Gebärden nur einfache Sachverhalte beschrieben werden können. Linguistische Untersuchungen haben aber gezeigt, dass Gebärdensprachen alle Merkmale einer natürlichen und vollwertigen Sprache aufweisen - unter anderem eine vollständige und komplexe Grammatik - und dass damit sowohl konkrete als auch abstrakte Themen behandelt werden können.

Damit hörende Menschen differenzierter über Gehörlosigkeit und Gebärdensprache informiert sind und gehörlose Kinder mehr literarische Identifikationsfiguren zur Verfügung haben, sind Bücher wie "Maga und die verzauberten Ohren" wichtig. Die Pionierarbeit des Verlags fingershop.ch ist dabei ein nicht zu unterschätzender Beitrag. Wann das nächste Gebärdensprachebuch erscheinen wird, ist noch offen. Sicher ist, dass im Frühling 2008 beim Verlag fingershop.ch eine DVD herauskommen wird, die die Geschichte von Maga in Gebärdensprache erzählt.

 

Sarah Maier hat Germanistik und Filmwissenschaft studiert und ihre Lizentiatsarbeit zum Thema "Zeigegestik im Stummfilm" verfasst. Derzeit absolviert sie die Ausbildung zur Gebärdensprachdolmetscherin und ist in verschiedenen kulturellen Projekten engagiert.

 

Literatur:

Marina Ribeaud, Patrick Lautenschlager (2007): Maga und die verzauberten Ohren. Verlag fingershop.ch.

 

Links:

Fingershop-Verlag:
http://www.fingershop.ch

Schweizerischer Gehörlosenbund:
http://www.sgb-fss.ch

Verein zur Unterstützung der Gebärdensprache der Gehörlosen:
http://www.vugs.ch

Internet-TV in Gebärdensprache:
http://www.focus-5.tv

Dachorganisation der Gehörlosenselbsthilfe im Kanton Zürich:
http://www.sichtbar-gehoerlose.ch

Virtueller Treffpunkt für Gehörlose:
http://www.deafzone.ch

Vermittlung von DolmetscherInnen:
http://www.procom.ch

Produktion und Vertrieb von Multimediaprodukten in Gebärdensprache:
http://www.gs-media.ch

Universität für Gehörlose:
http://www.gallaudet.com


 
 

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