5. Oktober 2004

Der Mönch, das Buch, die Bildung

Über das Wesen der Klosterbibliothek

Odo Lang

Klosterbibliotheken waren während der langen und bewegten Zeit des Mittelalters sowohl Bewahrer antiker Klassiker als auch Entstehungsort grossartiger geistlicher Handschriften. Entstanden sind diese mittelalterlichen Wissensspeicher aufgrund von Klosterregeln, die den Mönchen die geistliche Lesung und das Studium vorschreiben. Die sakrale Umgebung hat aber nicht nur Bücher beherbergt und hervorgebracht, sondern das überlieferte Wissen auch mitgeprägt.

Die Gründung der Stiftsbibliothek Einsiedeln fällt zusammen mit der Gründung des Klosters im Jahr 934. Die Bibliothek bewahrt heute ca. 1'200 Handschriften, ebenso viele Inkunabeln und Frühdrucke (bis 1520) sowie ca. 230'000 gedruckte Bücher. Die knappen Daten und Zahlen verraten jedoch nichts über das innere Wesen der Klosterbibliothek. Dieses könnte man mit den Begriffen Tradition und religiöse Kultur fassen und ist Ausdruck des typisch benediktinischen Mottos ora et labora, bete und arbeite, wozu auch die Lectio, die geistliche Lesung und das Studium gehört.

 

Äussere Form und inneres Wesen

Das Benediktinerkloster versteht sich nach der Weisung des Ordensvaters Benedikt als eine schola dominici servitii - als eine Schule für den Dienst des Herrn. Das ist auch der Lebenszweck des Klosters Einsiedeln seit seiner Gründung im 10. Jahrhundert bis heute. Dieser Dienst vollzieht sich in Gebet und Arbeit unter Voraussetzung der asketischen Bildung und wird im Kloster umfassend als Gottes-Dienst wie in einer Schule gelehrt und gelernt. Das beweist das Bildungsprogramm unserer Klosterschule seit dem 10. Jahrhundert, wie es uns in der Lebensbeschreibung des Mönchs und Lehrers Wolfgang († 994), des späteren Bischofs von Regensburg, überliefert ist; denn sein Biograph schreibt über seine Tätigkeit in Einsiedeln: "Er unterrichtete mit Erlaubnis des Abtes die jungen Mönche in den Buchkünsten, in den Freien Künsten und, was diese alle übertrifft, in der Theologie." In diesen Worten offenbart sich der typische Charakter einer benediktinischen Klosterschule des Mittelalters. Um aber die Schreibkunst, die Freien Künste und die Theologie zu lehren, braucht das Kloster notwendig auch eine Bücherei, eine Bibliothek. Das Werden und Wachsen einer benediktinischen Klosterbibliothek ist deshalb direkt zu erklären aus der benediktinischen Lebensform.

 

Kern mit konzentrischen Kreisen

Während der intensiven Beschäftigung mit der Bibliothek Einsiedeln im Hinblick auf ihre dringend notwendige Sanierung, angefangen bei der ersten Planung über die Jahre der Durchführung bis zum Kontakt mit anderen Bibliothekskollegen, drängte sich mir die Frage auf: Was ist eigentlich das Besondere an unserer Klosterbibliothek, das sie von anderen, öffentlichen Bibliotheken, unterscheidet? Überhaupt: Wie entsteht eine benediktinische Klosterbibliothek? Diese Frage bezieht sich auf das innere Werden, auf die Genesis der Klosterbibliothek. Die Antwort darauf ist zugleich ein Gang durch die über tausendjährige Geschichte der Bibliothek, ja des Klosters überhaupt.

Man kann sich - um eine Metapher zu verwenden - das Werden einer Klosterbibliothek so vorstellen, dass sich um einen Kern zwei Kreise ziehen lassen, einen inneren und einen äusseren. Der Kern ist die Heilige Schrift, den inneren Kreis bilden die geistlichen, den äusseren die profanen Wissenschaften. Natürlich stellt dies eine grobe Vereinfachung der in Wirklichkeit sehr komplexen und auch sehr wechselhaften Entwicklung der Klosterbibliothek dar. Das Bild eignet sich jedoch vorzüglich, um die spezifische Eigenart einer benediktinischen Bibliothek aufzuzeigen, wobei ich in erster Linie an unsere eigene Stiftsbibliothek denke und zu den folgenden Erläuterung heranziehe.

 

Der Kern: bibliotheca - die Bibel

Das Wort bibliotheca kommt in der Benediktsregel, die bis heute die Grundlage der benediktinischen Lebensform bildet, im Kapitel 48 vor. Unter dem Titel "Von der täglichen Handarbeit" steht die Weisung Benedikts: "In den Tagen der Fastenzeit erhalte jeder ein Buch aus der 'Bibliothek', das er von Anfang bis Ende ganz lesen soll. Diese Bücher werden zu Beginn der Fastenzeit ausgeteilt."

An dieser Stelle ist nach allgemeiner Auffassung (noch) nicht von einer Bücherei des Klosters im heutigen Sinn die Rede. bibliotheca meint hier vielmehr die in Bücher aufgeteilte Heilige Schrift, eben: die Bibel. Diese Bedeutung des Begriff ist für die Zeit Benedikts durchaus nicht ungewöhnlich, sondern allgemein vertraut. Sie reicht in die Zeit des heiligen Hieronymus zurück. Eusebius Sophronius Hieronymus, der Schöpfer der lateinischen Vulgata-Übersetzung, schreibt nämlich in einem Brief: "Ich verfüge über viele Bände der heiligen Bibliothek." Dass Hieronymus wegen seiner Kenntnis der Heiligen Schrift schon bei seinen Zeitgenossen grösstes Ansehen genoss, beweist ein Wort des spanischen Dichters Caelius Sedulius, der in einem Brief den grossen christlichen Schriftgelehrten zur Nachahmung empfiehlt: "Wir wollen uns nicht schämen, das Beispiel des Hieronymus, des Übersetzers des göttlichen Gesetzes und Liebhabers der himmlischen Bibliothek, nachzuahmen." Fast gleichzeitig begegnet uns der Begriff bibliotheca im genannten Sinn auch in einer zu Beginn des 5. Jahrhunderts in Nordafrika geschriebenen Chronik, dem Liber genealogus: "Anfang aller Genealogien der ganzen Bibliothek, gesammelt aus allen Büchern des Alten und Neuen Testaments."

Von da an ist der Begriff bibliotheca für die Heilige Schrift, gemeint ist die Vollbibel, durch das ganze Mittelalter hindurch gebräuchlich. Wir begegnen ihm in Chroniken, Handschriftenkatalogen, Lebensbeschreibungen, Nekrologien, Urkunden, usw. - und eben auch in der Benediktsregel. Zeugnisse für diese Verwendung finden sich auch in Einsiedler Handschriften. So kennen beispielsweise die so genannten Consuetudines Einsidlenses aus dem 10./11. Jahrhundert in Cod. 235(490) diese Bedeutung, wenn sie für die Schriftlesung beim nächtlichen Chorgebet anordnen: "Die Brüder sollen der Reihe nach drei Lesungen halten aus den Propheten und den übrigen Büchern der Bibliothek, wie es der Brauch ist." Eines der wohl letzten Zeugnisse für diese mittelalterliche Begriffsverwendung finden wir im Kolophon der Bibelhandschrift Cod. 2(58), einer Vollbibel, die im 15. Jahrhundert in Böhmen entstand: "Dieses Buch der Bibliothek war beendet am Tag des heiligen Wenzel. Im Jahr des Herrn Tausend vierhundert zwanzig" (28. September 1420).

Die Bedeutung der Heiligen Schrift als Kern einer benediktinischen Klosterbibliothek zeigt sich auch am reichen Bestand der Bibelausgaben in unserer Einsiedler Stiftsbibliothek: 30 mittelalterliche Handschriften, 26 Inkunabeln und Frühdrucke sowie weitere 26 Inkunabeln und Frühdrucke des Bibeltextes mit Glossen (des Nikolaus von Lyra und anderer). Dazu kommen vom 16. bis 20. Jahrhundert gegen 700 weitere gedruckte Bibelausgaben in ungefähr 30 Sprachen. Besonders wertvoll sind die drei grossen Polyglotten (mehrsprachige Bibelausgaben): die spanische des Ximenes, die Antwerpener oder Königliche Polyglotte sowie die Londoner Polyglotte, auch Waltonia genannt.

Am Anfang des Einsiedler Skriptoriums im 10. Jahrhundert steht eine Abschrift der Bibel, eine Vollbibel in drei Bänden, datiert auf die Zeit um 940, also ganz kurz nach der Klostergründung 934; die Bände sind wohl von einer Hand geschrieben, aber vermutlich von mehreren Künstlern mit Initialen geschmückt worden. Aus dem 11. Jahrhundert muss in diesem Zusammenhang die Monumentalbibel Cod. 1(8) genannt werden; denn die Herstellung dieser Bibel stellt eine gewaltige Leistung des Einsiedler Skriptoriums dar, umfasst sie doch 484 Pergamentblätter in Grossformat, wofür man 242 einjährige Schafe oder Ziegen benötigte, von denen jede gerade ein Bifolium (Doppelblatt) lieferte. Zwölf Schreiber haben gemeinsam an diesem Werk gearbeitet, und ein Hauptredaktor hat es am Schluss von Anfang bis Ende sorgfältig korrigiert, ein Beweis für die Ehrfurcht, die man dem Bibeltext entgegenbrachte. Hinzu kommt der künstlerische Schmuck: Initialen, Kanontafeln, Federzeichnungen und vier grosse, ganzseitige Evangelistenbilder.

Wie sehr die Bibel Kern einer benediktinischen Klosterbibliothek ist und sein muss, geht schon aus der Benediktsregel hervor, die dem mönchischen Bibelstudium zugrunde liegt. Die Heilige Schrift durchzieht wie ein roter Faden die ganze Benediktregel vom Prolog bis zum letzten Kapitel. Und der Ordensvater schliesst mit der Frage: "Ist denn nicht jede Seite und jeder von Gott beglaubigte Ausspruch im Alten und im Neuen Testament eine genaue Richtlinie für das menschliche Leben?"

Doch was ist das Ziel dieser mönchischen Schriftlektüre? Die Absicht des Ordensvaters ist, dass sich die Mönche die Heilige Schrift innerlich zu eigen machen. Es geht ihm also nicht um den Buchstaben, sondern um das Herz. Auch das ist ein der alten Kirche und dem alten Mönchtum vertrauter Gedanke. Hieronymus lobt in einem Brief an Heliodor den jungen, früh verstorbenen Priester Nepotianus wegen seines Eifers im Schriftstudium: "Durch fleissiges Lesen und tägliche Betrachtung machte er aus seinem Herzen eine Bibliothek Christi." Dann erst ist das Wort Gottes richtig angeeignet, wenn es in uns ist, in der Bibliothek des Herzens, wie der heilige Petrus Chyrologus einmal sagt: "Das Wort des Glaubens muss in die Bibliothek des inneren Geistes eingesenkt werden." Wohl als erster spricht Origenes im 3. Jahrhundert von dieser Bibliothek des Herzens: "Wenn einer sich von den vergänglichen Dingen abzuwenden vermag, um das Wort Gottes zu hören, der baut in seinem Herzen eine Arche des Heils, und weiht in sich selbst eine Bibliothek des Wortes Gottes. Diese Bibliothek wird nicht aus Büchern der profanen Autoren zusammengefügt, sondern aus jenen der Propheten und Apostel." Die Hochschätzung der Heiligen Schrift und der Schriftlesung im alten Mönchtum nötigt uns auch heute dazu, in unsere Bibliothek die wichtigen Bibelausgaben unserer Zeit aufzunehmen, dazu aber auch die bedeutenden Bibelkommentare katholischer wie nichtkatholischer Exegeten sowie weitere Werke der exegetischen Wissenschaft und die verschiedenen biblisch-exegetischen Zeitschriften - vor allem auch im Hinblick auf unsere Theologische Schule.

 

Der innere Kreis: Geistliche Lesung

Um die Heilige Schrift als Kern der Bibliothek legt sich als erster, innerer Kreis das - verallgemeinernd gesagt - Geistliche Schrifttum. Dazu gehören in erster Linie die Bücher für den klösterlichen Gottesdienst, die Eucharistiefeier und das Chorgebet: Sakramentar, Missale, Messantiphonar, Epistolar und Evangeliar für die Messfeier; Psalterium, Antiphonar, Homiliar und Lektionar für die Feier des Stundengebetes.

Kostbarkeiten unserer Bibliothek aus den ersten Jahrhunderten sind z.B. das Prachtevangeliar Cod. 17(405) aus St. Gallen, das wohl schon zur Gründungszeit Einsiedelns - vielleicht als Geschenk über Bischof Ulrich von Augsburg - hierher kam; sodann der weltberühmte Cod. 121(1151), ein kleiner Prachtcodex mit kostbaren Zierseiten und Initialen in Gold, Silber, Minium und Grün, der hier in Einsiedeln zwischen 960 bis 970 geschrieben wurde und der nach alter, konstanter klösterlicher Überlieferung als das persönliche Buch des seligen Gregor, des dritten Abtes von Einsiedeln († 996) gilt. Codex 121 ist das älteste, vollständig erhaltene und neumierte Messantiphonar mit den Sequenzen Notkers von St. Gallen, unersetzlich für die Gregorianikforschung bis heute.

Gottesdienst und Gesang besitzen in unserem Kloster Kontinuität und Tradition. Denn dieselben Gesänge, die wir Mönche heute in Messfeier und Stundengebet singen, sangen schon die ersten Mönche der Meinradszelle im Finstern Wald vor mehr als tausend Jahren. Besonders eindrücklich ist der Nachweis dieser Kontinuität für den Gesang beim Stundengebet. Von Cod. 83(76), dem Breviarium antiquissimum mit Neumen aus dem 11. Jahrhundert, zieht sich die Linie zu den Transkriptionen in die guidonische Notenschrift in den Cod. 610 bis 613, die Abt Johannes I. von Schwanden († 1327) nach dem Zeugnis des Schulmeisters Rudolph von Radegg kurz vor 1314 schreiben liess; von da zu den nachtridentinischen Antiphonaren in Cod. 601(6), 602(2) und 605(15), die Abt Placidus Reimann († 1670) schreiben liess, sodann zum grossen Antiphonale, das 1681 in der Einsiedler Klosterdruckerei hergestellt wurde und in unserem Kloster bis 1944 in Gebrauch war, und weiter zum zweibändigen Antiphonarium monasticum, 1943 im Kloster Engelberg für die Klöster der Schweizerischen Benediktinerkongregation gefertigt, bis zum heute bei uns verwendeten Antiphonarium Eremi Beatae Virginis Mariae, das unter Benützung der genannten mittelalterlichen Quellen 1987 eigens für unser Kloster gedruckt wurde als Bekenntnis zur tausendjährigen und immer noch lebendigen Tradition des Einsiedler Choralgesanges. So lässt sich an einem konkreten Beispiel die Einsiedler Choraltradition geradezu lückenlos von den ersten Anfängen bis zur Gegenwart dokumentieren.

Zu diesem inneren Kreis geistlichen Schrifttums gehören sodann die Werke der frühchristlichen Theologen, in denen das Gotteswort ausgelegt wird, und später jene der geistlichen Schriftsteller und Theologen des Mittelalters und der Neuzeit. In der Frühzeit des Klosters sind es vor allem die Werke der Kirchenväter, die der Lectio divina, der geistlichen Lesung, aber auch dem Studium der Theologie dienten. Hier seien nur einige ausgesuchte Schriften genannt: Von den griechischen Vätern (in lateinischer Übersetzung) bewahrt die Bibliothek Basilius, Johannes Chrysostomus und Origenes, von den lateinischen Vätern Ambrosius, Augustinus, Hieronymus, Gregor der Grosse und Isidor von Sevilla. Dann folgen die Schriften der früh- und hochmittelalterlichen Theologen, von denen ich nur die wichtigsten nenne: Beda Venerabilis, Hrabanus Maurus und Walafried Strabo.

Ein Werk darf hier nicht unerwähnt bleiben, nämlich ein Kommentar zu den ersten acht Paulusbriefen, welcher Thietland († um 964), dem zweiten Abt von Einsiedeln, zugeschrieben wird. Dieser ist in weiten Teilen von seinem Zeitgenossen Bischof Atto von Vercelli († 960) abhängig - was übrigens bestens zeigt, wie gut die Kontakte zu anderen Skriptorien schon im 10. Jahrhundert waren, sogar über die heutigen Landesgrenzen hinaus. Während das Original vermutlich beim grossen Klosterbrand von 1577 verloren ging, besitzt die Bibliothek noch eine, schon im 10. Jahrhundert zur Wolfgangzeit entstandene Kopie mit einer ganzseitigen Miniatur des Völkerapostels in Cod. 38(366).

Zur geistlichen Lesung gehören aus der Zeit des Hoch- und Spätmittelalters die Schriften der deutschen Mystiker: Meister Eckhart, Johannes Tauler und Heinrich Seuse. Besonders wichtig unter ihnen ist die Handschrift Cod. 277(1014) mit dem "Fliessenden Licht der Gottheit" der heiligen Mechthild von Magdeburg. Diese mystischen Schriften sind grösstenteils erst später in die Stiftsbibliothek Einsiedeln gekommen.

Dass dieses Feld des "inneren Kreises" durch unsere Stiftsbibliothek besonders eifrig gepflegt wurde und wird, ist leicht verständlich. Als Beispiel erwähne ich nur die verschiedenen Kirchenväterausgaben von der Maxima Bibliotheca Patrum (Lyon-Paris 1677-1704) über die Patres graeci und latini von Migne zu den modernen kritischen Ausgaben und Übersetzungen im Corpus Christianorum, im Corpus Scriptorum Ecclesiasticorum Latinorum, in den Sources chrétiennes oder in den Fontes christiani. Das Gebiet der Theologie und Spiritualität gilt mit Recht als Spezialgebiet unserer Bibliothek und dies vor allem mit Blick auf die geistliche Lesung und Betrachtung und die theologische Weiterbildung der Mönche.

 

Der äussere Kreis: Die profanen Wissenschaften

Um die Heilige Schrift als Kern der Bibliothek und um den inneren Kreis des Geistlichen Schrifttums legt sich schliesslich der äussere Kreis, das grosse Gebiet der profanen Wissenschaften. Auch hier setzt die Bibliothekstradition schon mit dem 10. Jahrhundert ein. Denn Einschlägige Handschriften wurden gebraucht für die Schule des Klosters, in welcher die Artes liberales gelehrt wurden: das Trivium mit Grammatik, Dialektik und Rhetorik sowie das Quadrivium mit Geometrie, Arithmetik, Astronomie und Musik.

Die Grammatik beinhaltete im Mittelalter nicht nur die Wort- und Satzkunde, sondern auch die Lektüre, Erklärung und Kritik der klassischen Autoren. Hier seien nur die wichtigsten Namen genannt, deren Werke freilich oft nur noch in Fragmenten erhalten sind: Priscians Institutiones grammaticae: Cod. 15(487), weiter Aesopus, Caesar, Cato, Horaz, Iuvenal, Persius, Plautus, Sallust, Seneca, Terentius, Vegetius und Vergil sowie der christliche Dichter Aurelius Prudentius Clemens.

Die Dialektik entfaltete sich im Mittelalter hauptsächlich zum Studium der Philosophie, die man vorwiegend anhand der Übersetzungen und Einführungen (Isagoge) des Boethius zu Aristoteles und Porphyrius sowie aus seinen eigenen Schriften (z.B. De consolatione philosophiae) studierte. Hier muss aus dem 12. Jahrhundert auch das Werk Sic et non des Petrus Abaelardus erwähnt werden, worin er die dialektische Methode in die Theologie einführte. Die Handschrift Cod. 300(439), ein kalligraphisches Meisterwerk der Einsiedler Schreibschule, ist schon rein deshalb bemerkenswert, weil sie hier zu Lebzeiten Abaelards geschrieben wurde.

In der Rhetorik galt begreiflicherweise Cicero als die Autorität, ausser seinen Reden vor allem seine Topik: Cod. 324(1154).

Die Kenntnis der Arithmetik fand im Mittelalter praktische Anwendung vor allem bei der Berechnung der christlichen Festtage und Jahre anhand des Computus (von Beda Venerabilis: Cod. 178(456) und von Hrabanus Maurus: Cod. 319(645).

Wichtigstes Sachbuch der Geometrie war wiederum eine Schrift des Boethius: De geometria: Cod. 298(119) und 358(610). Hier wurde vor allem die in der Agronomie wichtige Flächenberechnung gelehrt.

Die Kenntnis der Astronomie war unerlässlich zur Regelung der Gebetszeiten unter Tag und bei Nacht. Das Universalinstrument des Mittelalters dafür war das so genannte Astrolabium. Die Stiftsbibliothek besitzt die Phainomena des Aratos: Cod. 338(1321) und astronomische Schriften des arabischen Astrologen Messahalla: Cod. 29(878)

Das Studium der Musik schliesslich war unumgänglich für die feierliche Gestaltung des Gottesdienstes, wie die Neumenhandschriften des 10. bis 12. Jahrhunderts bzw. die Schwandencodices aus dem 14. Jahrhundert zeigen. Die Musiktheorie wurde gelehrt anhand des Werkes De musica des Boethius: Cod. 298(119) und Cod. 358(610) sowie der Schriften des Hucbald und Pseudo-Hucbald, deren Kenntnis wohl durch den Mönch und Lehrer Wolfgang hierher vermittelt wurde: Cod. 79(522), 169(468) und 319(645).

Hinzu kommen weitere profane Wissenschaften, die hier gelehrt wurden:

Die Geschichte wurde in Einsiedeln selbst gepflegt in der Anlage der Annalen, die Zeugnis geben vom lebendigen Geschichtsbewusstsein der Mönche im damals noch weltabgeschiedenen Waldkloster der Meinradszelle. In den Annalen wurde die Geschichte des noch jungen Klosters bewusst in den umfassenden Rahmen der Reichs- und Kirchengeschichte hineingestellt: in den heilsgeschichtlichen Kontext, denn die Annalen beginnen mit Christi Geburt, und in den universalgeschichtlichen Kontext des Kaisertums.

Für das Studium der Medizin - man praktizierte ja im Kloster die Medizin z.B. im dreimal jährlich vorgenommenen Aderlass - las man die Schriften des Galenus und des Hippokrates, später auch die Articella des Joannicius bzw. Constantinus Africanus, eines Mönchs von Montecassino und Lehrers in Salerno.

Für die Rechtskunde besass man die wichtigen Canonessammlungen der Konzilien, später die Schriften des Cresconius und des Ivo von Chartres sowie die Dekretalen Gregors IX. oder die Summen des Raimund von Peñafort und des Johannes von Freiburg.

Da die Stiftsbibliothek auch für die Lehrer und Lehrerinnen der Stiftsschule die nötige Literatur zur Verfügung stellen muss, vor allem die Textausgaben für den alt- und neusprachlichen Unterricht, führen wir die verschiedenen Klassiker-Ausgaben: die Oxfordausgabe, die Sammlung Tusculum und andere für die lateinische und griechische Philologie relevante Werke, und für den neusprachlichen Unterricht die Bibliothek deutscher Klassiker, die Pleiades-Ausgabe der französischen Klassiker, die Classici Italiani, usw. Hinzu kommen die wichtigsten Einführungen in die klassische und moderne Literaturwissenschaft, entsprechende Nachschlagewerke, zusammen mit den einschlägigen Zeitschriften für den Unterricht.

Was sich so im Lauf der über tausendjährigen Geschichte unseres Klosters und seiner Bibliothek angesammelt hat, kann mit Recht als ein "Spiegel seines geistigen Lebens" bezeichnet werden. Die Bibliothek selbst mit ihrem reichen Bestand ist deshalb bis heute ein lebendiges Zeugnis benediktinischer Tradition und Kultur - und ich hoffe, dass sie es nach der glücklich abgeschlossenen Sanierung und Restaurierung auch in Zukunft bleiben wird.


P. Dr. Odo Lang ist Stiftsbibliothekar in Einsiedeln und erforscht und katalogisiert Handschriften.

 

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Literatur:

Benziger, Karl Joseph (1912): Geschichte des Buchgewerbes im fürstlichen Benediktinerstifte U. L. F. v. Einsiedeln. Einsiedeln.

Brändle, Johannes (1989): Artes liberales. "Die sieben freien Künste". Zug.

Jakobi-Mirwald, Christine (1997): Buchmalerei. Ihre Terminologie in der Kunstgeschichte. Berlin.

Lang, Odo (1991): Bildung und Geistesleben im mittelalterlichen Kloster Einsiedeln. Einsiedeln.

Lang, Odo (1996): Festschrift zum tausendsten Todestag des seligen Abtes Gregor, des dritten Abtes von Einsiedeln 996-1996. St. Ottilien.

Lang, Odo (1999): Der Mönch und das Buch. Einsiedeln.

Schneider, Karin (1999): Paläographie - Handschriftenkunde. Tübingen.

 

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