25.1.2002

Die Grossstadt - des Schweizers Wunsch oder Albtraum?

Thomas Schneider

Während praktisch des gesamten 20. Jahrhunderts schwankte das Verhältnis der Schweizerinnen und Schweizer gegenüber grossen Städten zwischen Faszination und Ablehnung. Bewunderung für urbanes Leben war oft sehr nahe bei strikter Ablehnung von Grossstadt-Verhältnissen. Als ideale Schweizer Stadt galt meist die mit der ländlichen Umgebung verbundene Kleinstadt. Sehr deutlich lässt sich dieses Pendeln zwischen Bewunderung und Verteufelung der Grossstadt an der Bewertung eines der zentralen Symbole für die moderne städtische Gesellschaft zeigen: dem Hochhaus. Im Folgenden wird ein kurzer Überblick gegeben über den Wandel der Einstellungen zur Grossstadt im Verlauf des 20. Jahrhunderts.

Trotz Wachstum der Schweizer Städte: Grossstadtfeindlichkeit bis in die 40er Jahre

Wie in ganz Europa wurde auch in der Schweiz in den 20er und 30er Jahren von den Stadtplanern Kritik an den ungeplant gewachsenen Industriestädten geübt. Vor allem Zürich war seit Mitte des 19. Jahrhunderts massiv gewachsen und hatte bis Ende des Jahrhunderts die bisher führenden Schweizer Städte Genf und Basel überholt. Ein auch im 20. Jahrhundert anhaltender Zustrom ländlicher Bevölkerung, das explosionsartig gewachsene und stark verarmte Arbeiterquartier Aussersihl sowie die Eingemeindung ehemaliger Vororte schufen grosse städtebauliche und soziale Probleme, denen man im Zeitalter der sogenannten Moderne mit neuen städtebaulichen Vorschlägen Abhilfe schaffen wollte. Die Idee der Reduktion der Bebauungs- und Wohnungsdichte war damals in ganz Europa vorherrschend. Man sprach von Auflockerung und Durchgrünung, von Luft, Licht und Sonne. Noch im Rahmen der traditionellen Blockrandbebauung begann man in den 20er Jahren die Wohnungen weg von der Strasse zu orientieren, und beim Übergang zur Zeilenbauweise beabsichtigte man die Funktionen des Wohnens und des Verkehrs voneinander zu trennen. Die Optimierung der Bedingungen für Wohnen, Verkehr und Industrie sollte durch deren Entmischung erreicht werden. Gemäss dem Leitbild der Gartenstadt versuchte man, die Vorteile von Stadt und Land zu vereinen, und schuf neue vom Verkehr abgewandte Aussenquartiere, während man gleichzeitig wichtige Plätze und Strassen im Dienste des sich ausbreitenden Verkehrs neu gestaltete (z.B. Bellevue, Escher-Wyss-Platz, Rosengartenstrasse). Zudem plante man, die zu dichten und heruntergekommenen Altbauten der Altstadt oder das ganze Langstrassenquartier nach den neuen Leitbildern komplett neu zu bebauen.

Bereits im zweiten Weltkrieg setzte nach der Stagnation in der Krise der 30er Jahre erneut ein massiver Bevölkerungszustrom nach Zürich ein, welches sich nun definitiv als Wirtschaftsmetropole der Schweiz etablierte. Trotz des Wachstums der Städte herrschte in der Schweiz noch in den 40er Jahren eine regelrechte Grossstadtfeindlichkeit vor. 1945 schrieb der Architekt und Direktor der Landesausstellung von 1939, Armin Meili, die kleine Schweiz ertrage keine "grossstädtischen Wasserköpfe" (Meili 1945, zit. in: Blanc 1993: 23.). Das Wachstum der Städte sollte vielmehr in begrenzten Satellitenorten zehn Kilometer ausserhalb der Stadtgrenze aufgefangen werden. Als Vorbild dafür dienten Meili die sogenannten "New Towns", wie sie damals in England und anderen Ländern um die Metropolen herum geplant und gebaut wurden. Meili war es auch, der in den späten 30er und frühen 40er Jahren wesentlich an der Etablierung einer Schweizerischen Landesplanung mitwirkte.  

 

Eine differenzierte Gesellschaft braucht eine differenzierte Bauweise:
Der Bau der ersten Zürcher Wohnhochhäuser Ende der 40er Jahre

Nach dem zweiten Weltkrieg setzte in der Schweiz ein unerwartet rascher wirtschaftlicher Aufschwung ein. Der Bevölkerungszustrom nach Zürich steigerte sich, ebenso die Bautätigkeit, und die Zunahme des Automobilverkehrs übertraf alle Erwartungen. Nach den Erfahrungen mit den totalitaristischen Gesellschaftssystemen im Norden, Süden und Osten hielt sich die Schweiz weiterhin am Motto "Einheit in der Vielfalt" der Landi von 1939 fest. Die Zeilenbauweise der Zwischenkriegszeit wurde zunehmend als monotone Gleichmacherei empfunden. Man verschrieb sich mehr und mehr der Idee eines differenzierten Siedlungsbaus und bediente sich des Konzepts der organischen Stadt, welche analog zur Gesellschaft als ein lebendiger, hierarchisch aufgebauter Körper verstanden wurde. Unterschiedliche Menschen hatten unterschiedliche Bedürfnisse und sollten deshalb in unterschiedlichen Häusern wohnen: Einfamilienhäuser für die reichen Familien, Hochhäuser hingegen für Singles und untere Mittelstandsfamilien.

Die Befürwortung des Baus von Hochhäusern Ende der 40er Jahre lässt sich zwar als Ausweitung der an der Landi vorherrschenden Pluralismusvorstellung begreifen, Hochhäuser sind aber nicht bloss ein verspätetes Postulat der Krisenphase der 30er Jahre. Zum einen war die Landi weitgehend dem Bild von einer ländlichen Schweiz verhaftet, in dem der Hochhausboom der Wirtschaftswunderzeit noch keinen Platz hatte. Zum andern herrschte in den 30er Jahren noch die Vorstellung von der Einheitlichkeit der Bebauung sowie der Einbindung neuer Bauten in die allgemeine Ordnung. Zudem sollten keine privaten Wohn- oder Geschäftshäuser, sondern bloss Gebäude von öffentlicher Bedeutung die normale Bauhöhe überragen dürfen. So wurden denn in den 30er Jahren mit dem Walcheturm und dem Kirchgemeindehaus Wipkingen in Zürich bloss zwei Hochhäuser gebaut, die öffentliche Funktionen erfüllten, während Pläne von privaten Hochhäusern nicht umgesetzt werden konnten.

Obwohl diese beiden Forderungen Ende der 40er Jahre nicht mehr gestellt wurden, gab es nach wie vor zwei negative Assoziationen im Zusammenhang mit Hochhäusern: Einerseits war man sich einig, dass Schweizer Städte nicht zu einem Manhattan werden dürften. Bis weit in die 50er Jahre hinein hielt man reine Hochhausbebauungen von grosser Dichte als unhygienisch und unerwünscht. Hochhäuser verstand man lediglich als einen Teil einer Gesamtüberbauung in differenzierter Bauweise. Zum andern war ein allzu starkes Wachstum der Städte nach wie vor unerwünscht, und man war sich einig, dass die Hochhäuser nicht die Bodenspekulation fördern dürften.

Die Promotoren der ersten Zürcher Hochhäuser am Letzigraben waren sich dieser Vorbehalte sehr wohl bewusst, agierten äusserst vorsichtig und betrieben einen gewaltigen kommunikativen Aufwand, um die Bevölkerung behutsam auf die Hochhäuser vorzubereiten. Es gab viele lange Zeitungsartikel und Diskussionen über die optimale Gebäudehöhe und über die technischen Innovationen wie Gegensprechanlage und Personenlift. Dabei fällt auf, dass die Promotoren die Hochhäuser mit der europäischen, skandinavischen und nicht mit der amerikanischen Hochhauskultur in Verbindung brachten. 

 

Das Hochhaus als Symbol von Wachstum und Fortschritt

Als die von vielen erwartete Nachkriegsdepression ausgeblieben war und die Wachstumsraten ab 1950 immer steiler nach oben zeigten, begann man sich im Laufe der 50er Jahre auf eine lange Wachstumsperiode einzustellen. Man rechnete mit einem stetigen Bergauf, eine Erwartungshaltung, die ihrerseits wiederum zur Stabilisierung der gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Entwicklung beitrug. Die 50er und auch die 60er Jahre waren geprägt von einem breiten Konsens, von Wirtschafts- und Bevölkerungswachstum, von einem Bauboom und von einer massiven Ausweitung des Privatverkehrs. Man verfolgte eine Politik der Nachfragebefriedigung, forderte Strassenbau nach Massgabe des Verkehrs und Wohnungsbau gemäss der Bevölkerungsentwicklung. Um 1950 rechnete man mit einem Anwachsen der Zürcher Stadtbevölkerung auf 550'000 und mit einer Vervierfachung des Verkehrs bis 1975. Der autogerechte Umbau der Stadt mit Expressstrassen bis ins Zentrum war eines der zentralen Themen dieser Zeit.

Man war überzeugt, die Probleme mit technischem Fortschritt lösen zu können, Planung war schon als Begriff negativ besetzt - vor allem mit Blick auf den Kommunismus. Die zehn Jahre zuvor begonnene Landesplanung war kaum mehr möglich, Planung musste sich darauf beschränken, die offensichtlichsten Wachstumsfolgen zu beseitigen. Die Zeit des Wirtschaftswachstums wurde auch die Zeit der Hochhäuser. Von den 50er bis in die 70er Jahre nahm die Zahl der pro Jahr gebauten Hochhäuser in Zürich weitgehend parallel zu den Wachstumsraten der Wirtschaft zu. Es entstand eine enge Verbundenheit zwischen dem Hochhaus und der Vorstellung von Fortschritt und Modernisierung, wobei Hochhäuser nicht bloss Symbol des Fortschritts, sondern mit ihren technischen Errungenschaften eben selbst Teil dieses Fortschritts waren. Die Hochhäuser machten im Laufe der Wachstumsperiode ebenfalls eine Entwicklung durch: Waren die ersten Wohnhochhäuser am Letzigraben mit zwölf Stockwerken gerade mal 33 Meter hoch, stieg die Höhe der Häuser Ende der 50er Jahre auf über 50 Meter oder 18 Stockwerke, in den 60ern auf 60 Meter und in den 70er Jahren auf 70 bis 90 Meter.

Allerdings liegt man falsch, wenn man den Zürcher Hochhausboom seit den frühen 50er Jahren in erster Linie mit der ökonomischen Entwicklung begründet. Ruedi Weidmann (1999) hat in seiner Lizentiatsarbeit über die Letzigraben-Hochhäuser darlegt, dass der Boom weder mit einer höheren Rentabilität von Hochhäusern noch mit dem Bevölkerungswachstum etwas zu tun hat. Denn die in den 40er Jahren erarbeiteten Zonenpläne schrieben maximale Stockwerkzahlen und Mindestabstände zwischen den Gebäuden und somit eine maximale Ausnützung oder Dichte eines zu überbauenden Gebietes vor. Diese aus einer zonenkonformen Bebauung errechenbare maximale Ausnützungsziffer galt auch für Bebauungen mit Hochhäusern, das heisst, dass ein Hochhaus mit entsprechend grösseren umliegenden Freiflächen oder sehr niedriger Bebauung auf dem übrigen Baugelände kompensiert werden musste. Zudem hätte eine dichtere Bauweise dem damaligen städtebaulichen Konzept der aufgelockerten Stadt widersprochen. Die meisten Schweizer Hochhäuser entstanden bis Ende der 70er Jahre denn auch im Rahmen solcher differenzierter Überbauungen. Schliesslich unterschieden sich die Baukosten von Überbauungen mit Hochhäusern nur unwesentlich von denen zonenkonformer Bebauungen. Es konnte also - mit Ausnahme einiger weniger Geschäftshäuser in der Zürcher Innenstadt aus der späten Hochhauszeit - mit einem Hochhaus keine grössere Anzahl Wohnungen und Arbeitsplätze auf einer Parzelle bereitgestellt und keine höhere Rendite erzielt werden als mit einer zonenkonformen Bebauung. Das zeitliche Zusammenfallen von Hochkonjunktur und Hochhausbau kann also weder mit finanziellem Gewinnstreben noch mit dem Bevölkerungswachstum erklärt werden.  

 

Manhattan an der Sihl:
Die Pläne vom Ausbau Zürichs zur europäischen Wirtschafts-Metropole

Zu Beginn der 50er Jahre war man noch sehr behutsam mit dem Thema Hochhaus umgegangen, hatte ein allzu starkes Städtewachstum und reine Hochhaussiedlungen klar abgelehnt, und die Hochhauspromotoren hatten mit grossen Kommunikationsanstrengungen versucht, eine möglichst breite Bevölkerungsschicht auf den "Weg des Fortschritts" mitzunehmen.

Von einer solchen schweizerischen Vorsicht war in den 60er Jahren immer weniger zu spüren. Allerdings musste man in deren Verlauf einige Illusionen der 50er Jahre begraben. So hatte man ein Einsehen, dass es nicht möglich war, alle die für den stetig wachsenden Verkehr benötigten Strassen zu bauen. Zudem hatte die Bevölkerungszahl der Stadt Zürich im Jahre 1962 mit rund 440'000 ihren Höhepunkt erreicht und nahm seit diesem Jahr kontinuierlich ab. Die Agglomeration jedoch dehnte sich weiter aus und die Zahl der Pendler nahm massiv zu. Allerdings war der Glaube an die Problemlösungskraft des Fortschritts noch ungebrochen: steigende Unfallzahlen, Lärm und verstopfte Strassen wurden als vorübergehende Erscheinungen betrachtet, welche durch geeignete Massnahmen zu beheben seien. Man wollte nun den privaten Arbeitsverkehr eindämmen und konzentrierte sich auf die Förderung des wirtschaftlich interessanten Geschäftsverkehrs. Dabei wurde die gebaute Stadt mehr und mehr als Verkehrshindernis empfunden, und man plante weiter an der verkehrsgerechten Neugestaltung von Plätzen und Strassen. Zudem kam allmählich Kritik an den aufgelockerten Neubauquartieren der frühen 50er Jahre auf. Man bemängelte das Fehlen von Dichte in diesen Quartieren und sprach nun vom Prinzip "Urbanität durch Dichte", welches der Stadt wieder ein vermehrt städtisches Flair verleihen sollte.

Seit der zweiten Hälfte der 60er Jahren wurden die Planungsanstrengungen zunehmend ausgeweitet, weil man mit sektorieller Betrachtung immer weniger zu befriedigenden Lösungen kam. Grundsätzliche Einwände gegen die bisher verfolgte wachstums- und fortschrittsorientierte Politik gab es allerdings bis Ende der 60er Jahre praktisch nicht. Auch der Bau der Westtangente als dauerhaftes Provisorium mitten durch die Quartiere wurde angesichts vermeintlicher Sachzwänge kaum bekämpft. Teilstück für Teilstück wurde mit grossen Mehrheiten vom Stimmvolk angenommen.

Ende der 60er Jahre war die vorsichtige Bescheidenheit der frühen 50er Jahre verflogen und nicht wenige träumten davon, Zürich zu einem erstrangigen europäischen Wirtschaftszentrum zu machen. So formulierte Allemann, der Geschäftsführer der Zürcher City-Vereinigung im Jahr 1969 in einem Vortrag unter dem Titel "Provinzstadt oder europäische Metropole" ein klares Bekenntnis zur Wünschbarkeit der Weiterentwicklung Zürichs zur europäischen Grossstadt (vgl. Allemann 1969: 3, zit. in: Blanc 1993: 128). Diese von der FDP mitgetragene Vision einer modernen Stadt mit hochragenden Bürohäusern und schnellen Autostrassen war eine klare Absage an die sich bis in die 50er Jahre hinein haltende Grossstadtfeindlichkeit. Nach der behutsamen Einführung um 1950 hatte sich das Hochhaus in den 60er Jahren für Wohn- und Geschäftsbauten weitgehend durchgesetzt und durfte in keiner zeitgenössischen City-Erweiterung fehlen. Dabei spielten weniger ökonomische Argumente eine Rolle, vielmehr handelte es sich um einen Ausdruck des Optimismus der Hochkonjunkturjahre: Grossunternehmen bauten repräsentative Hauptsitze und legten so die alte schweizerische Bescheidenheit ab. Während man die Altstadt im Unterschied noch zu den 30er und 40er Jahren bereits als schützenswert empfand, plante man erneut die "Sanierung" älterer innerstädtischer Quartiere wie z.B. den Abbruch und Neubau des gesamten Langstrassenquartiers im Kreis 4 als Hochhausquartier. Allerdings war die Umsetzung solcher Pläne schwierig, da die Uneinigkeit über die konkrete Linienführung der Expressstrassen die reale Entwicklung des Sihlraumes blockierte. Ende der 60er Jahre verfügte man mit der Vision eines Manhattans an der Sihl erstmals über ein klares Leitbild für eine geplante Stadtentwicklung und wollte sich nach langen Jahren der Diskussion und Planung nun endlich daran machen, diese Vision auch zu verwirklichen. Mit einem ernsthaften Widerstand der Bevölkerung rechnete man dabei nicht.

 

Der Wolkenkratzer als Symbol für die Zerstörung städtischer Lebensqualität

Die hochfliegenden Pläne der ausgehenden 60er Jahre wurden durch die Krise der frühen 70er Jahre aber jäh zerschlagen. Die sich langsam vergrössernden negativen Folgen des Wachstumsprozesses wurden plötzlich als Probleme wahrgenommen und in einer breiten Öffentlichkeit diskutiert. Jahrzehntelang stabile Leitbilder wurden nun radikal in Frage gestellt. Plötzlich war die Rede von der Verschlechterung der Lebensbedingungen in der Stadt, von der "Unwirtlichkeit der Städte", von Umweltzerstörung. Man fürchtete nicht mehr - wie noch wenige Jahre zuvor - den wirtschaftlichen Abstieg der Stadt zur Provinzstadt, sondern den Niedergang der Stadt als Lebensraum.

Die Mehrheit der Bevölkerung weigerte sich nun, vermeintlichen Sachzwängen einfach zuzustimmen: Von 1970 bis 1973 wurden alle Zürcher Modernisierungs- und Infrastrukturprojekte vom Stimmvolk abgelehnt. So scheiterten lange Zeit unumstrittene Projekte wie dasjenige der U- und S-Bahn sowie die letzte Bauetappe der Westtangente am unerwarteten Volks-Nein, so dass die Hardbrücke ab 1972 für mehrere Jahre ohne Abschluss beim Hardplatz in der Luft hängen blieb. Das Projekt "Jolliville", eines neuen Quartiers zwischen Wollishofen und Adliswil, wurde nach zehnjähriger Planung ebenso begraben wie das mit dem Übernamen "Sigi-Ville" bezeichnete Projekt einer Satellitenstadt im Wald zwischen Fluntern und Witikon. Mit einem Hochhausband mit 30'000 Wohnungen und 13'000 Arbeitsplätzen hatte Stadtpräsident Sigmund Widmer dem damals als drastisch empfundenen Bevölkerungsschwund der Stadt entgegenwirken wollen. Anders als wenige Jahre zuvor stiessen solche Projekte in den frühen 70er Jahren nicht mehr auf Begeisterung, sondern auf deutliche Ablehnung.

In kürzester Zeit weitete sich die Krise der städtischen Modernisierung zu einer Krise der Moderne aus: Wachstum wurde nun nicht mehr als Problemlöser, sondern allgemein als Ursache der Probleme angesehen. Der Vertrauensverlust in die bisherigen Leitbilder von Wachstum und Fortschritt und die damit verbundene Orientierungslosigkeit eröffnete in den frühen 70er Jahren Raum für grundsätzliche Diskussionen und bereichsübergreifende Gesamtplanungen (Gesamtverkehrskonzeption, Gesamtenergiekonzeption, etc.). In dieser Zeit stiessen neue Leitbilder wie Lebensqualität und Wohnlichkeit auf eine erhöhte Resonanz. Das Hochhaus, das nebst dem Automobil als eines der stärksten Symbole für Moderne und Fortschritt galt, wurde nun plötzlich negativ konnotiert. Anscheinend konnte man aber auf das Auto viel schwerer verzichten als auf die Hochhäuser. Während der Autoverkehr weiterhin zunahm, ging der Bau von Hochhäusern, der in den 50er und 60er Jahren stets zugenommen hatte und Anfang der 70er seinen Höhepunkt erreichte, ab 1974 rasch zurück. Danach wurden noch die laufenden Planungen realisiert, aber praktisch keine neuen Projekte mehr lanciert. Von den 147 Hochhäusern der Stadt Zürich wurden gerade noch drei nach 1981 neu gebaut.

 

Von der Vorstellung des "gebauten Zürichs" zur neuen Grossstadteuphorie

Nach dem Einsetzen der Rezession Mitte der 70er Jahre wurde zwar die in der Orientierungskrise verstärkte Planung weitgehend wieder aufgegeben, und man wandte sich vermehrt einer pragmatischeren Politik zur "Wiederankurbelung" der Wirtschaft zu. Aber nicht mehr Wachstum, sondern Stabilität wurde zum bedeutendsten Begriff der 70er Jahre. Die Leitbilder hatten sich in den frühen 70er Jahren nachhaltig gewandelt.

Auch als die Wirtschaft wieder anzog und anfangs der 80er Jahre eine bürgerliche Mehrheit in den Stadtrat gewählt wurde, wurde die Politik der Verkehrsberuhigung und der Verbesserung der Lebensqualität weitergeführt, ja sogar ausgeweitet und einige Forderungen aus der Zeit der Krise umgesetzt. Hochhäuser blieben weiterhin verpönt: 1984 wurde vom Stimmvolk ein Hochhausverbot für die Zürcher Innenstadt an der Urne angenommen. Seit 1992 beschränkt das kantonale Planungs- und Baugesetz den Bau von Hochhäusern auf von den Gemeinden eng zu definierende Zonen, wobei in der Stadt Zürich keine solche Zone bezeichnet wurde. Der Spruch "Zürich ist gebaut" prägte die Politik in der ersten Hälfte der 90er Jahre während der Amtszeit der sozialdemokratischen Hochbaudepartementsvorsteherin Ursula Koch.

Erst in der zweiten Hälfte und vor allem gegen Ende der 90er Jahre lässt sich ein erneuter Stimmungswandel in Bezug auf die Haltung gegenüber der Stadt und dem Hochhaus feststellen. Zeichen für eine Wiederentdeckung des grossstädtischen Lebens sind zum Beispiel das Aufkommen einer illegalen Gastronomie- und Unterhaltungsszene, die sich nicht an die offiziellen Bestimmungen und Öffnungszeiten hielt - eine Entwicklung, die durch die Liberalisierung der Öffnungszeiten von Läden und Lokalen in den ausgehenden 90er Jahren durch die Annahme entsprechender Gesetze rechtlich abgestützt wurde. Das ehemalige Industriequartier im Kreis 5 um den Escher-Wyss-Platz entwickelte sich zur neuen Szenen-Meile, und zahlreiche zum Teil grössere Bauprojekte sind daran, diesem Stadtteil ein neues, moderneres Gesicht zu verleihen.

Zudem wurde auch in Studenten- und Künstlerkreisen (vgl. Pipilotti Rist) das Wohnen im Hochhaus wieder als echte Alternative zur schönen Altbauwohnung erkannt, und auch die Verwaltung und die Wirtschaft haben die Hochhäuser für sich neu entdeckt (vgl. Dienstleistungs- und Verwaltungszentrum Winterthur, Bluewin-Turm Zürich, etc.). Spannend ist es nun zu verfolgen, ob und in welchem Zusammenhang sich die neu aufkommende Grossstadt- und Hochhauseuphorie in ähnlicher Weise entwickeln wird wie in der Wachstumsphase der 50er und 60er Jahre.

 

Thomas Schneider hat Allgemeine Geschichte, Wirtschaftswissenschaften und Englische Literaturwissenschaften studiert.


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Literatur:

Allemann, Richard (1969): Provinzstadt oder europäische Metropole. Was will die City Vereinigung von Zürich. Zürich, S. 3.

Blanc, Jean-Daniel (1993): Die Stadt - ein Verkehrshindernis? Leitbilder städtischer Verkehrsplanung und Verkehrspolitik in Zürich 1945 - 1975. Zürich.

Koch, Michael (1992): Städtebau in der Schweiz 1800-1990: Entwicklungslinien, Einflüsse und Stationen. Zürich.

Meili, Armin (1945): Zürich heute und morgen. Wille oder Zufall in der baulichen Gestaltung. Sonderdruck NZZ. Zürich.

Weidmann, Ruedi (2000): Skandinavisches Know-how. Die Bedeutung Skandinaviens beim Bau der ersten Schweizer Hochhäuser. In: Schweizerische Bauzeitung - Offizielles Publikationsorgan SIA GEP USIC, Vol. 118 Nr. 31/32, August 2000, S. 4-7.

Weidmann, Ruedi (1999): Hochhaus und Hochkonjunktur. Planung und Bau der ersten Hochhäuser in Zürich 1946-1952. Unveröffentlichte Lizentiatsarbeit, Zürich.

 

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