29. März 2005

Medienpluralismus in einem semiautoritären System

Die Grenzen öffentlicher Kommunikation in Burkina Faso

Frank Wittmann

Obwohl sich das westafrikanische Land Burkina Faso seit der Ermordung von Thomas Sankara 1987 im Würgegriff eines semiautoritären Systems befindet, besitzt es einen pluralistischen Mediensektor. Allerdings ist die Meinungsäusserungsfreiheit bei politisch und sozial brisanten Themen eingeschränkt. Aus diesem Grund kommt der Entwicklung von alternativen Medien eine wichtige Funktion zu. Ein Augenschein vor Ort klärt über die Hintergründe und die neuesten Entwicklungen auf.

Burkina Faso ist eines der ärmsten Länder der Welt. Mit einer Lebenserwartung von 45,8 Jahren, einer Analphabetismusrate von 87,2 Prozent und einem Pro-Kopf-Einkommen von 1100 US-Dollar rangiert es auf dem drittletzten Platz des "Human Development Report" (2004) der Vereinten Nationen. Daher mag der Medienpluralismus des knapp 13 Millionen Bewohner zählenden Sahellandes überraschen: In den letzten 15 Jahren hat sich die Anzahl an Massenmedien, Kommunikationstechnologien und Informationsquellen vervielfacht. Allein im Pressesektor buhlen vier Tageszeitungen sowie rund 20 Wochen- und Monatszeitungen um die Gunst der Leserschaft. Dazu zählt auch "Sidwaya", das professionellste und umfangreichste Blatt auf dem Markt. Lange Zeit wurde die Redaktion am Gängelband des Informationsministeriums geführt, aber seit einigen Jahren ist eine gewisse Öffnung festzustellen. Aufgrund ihrer geringen Glaubwürdigkeit kommt die Tageszeitung aber nicht über eine Auflage von 3000 Exemplaren hinaus. Auch die drei übrigen Tageszeitungen "L'Observateur Paalga" (gegründet 1973), "L'Express du Faso" (1999), "Le Pays" (1991) müssen sich mit relativ bescheidenen Auflagenzahlen zwischen 1500 und 5000 Exemplaren zufrieden geben. Bei den kritischeren Blätter handelt es sich um "L'Evénement" (2001; 5000 Exemplare), "L'Indépendant" (1993; 7000 Exemplare), "Le Bendré" (1993; 3500 Exemplare) und um das satirische "Journal du Jeudi" (1991; 9000 Exemplare). Das neueste Blatt ist Ende Februar 2005 auf dem Markt erschienen und führt eine neue Gattung in die Presselandschaft ein: "Topvision" ist eine Boulevardzeitung nach dem Vorbild des Skandalblattes "Topvisages" aus dem Nachbarland Côte d'Ivoire.

 

Medienökonomische Probleme

Trotz der geringen Auflagenzahlen hat sich seit 1990 ein segmentierter Pressemarkt herausgebildet. Allerdings sind die privaten Zeitungen mit einer Vielzahl von Problemen konfrontiert: An erster Stelle ist die geringe Leserschaft zu nennen, die rund 10 Prozent der Bevölkerung ausmacht. Da die meisten Leser aber nur unregelmässig zur Zeitung greifen und sich lieber eine Zeitung ausleihen statt kaufen, ist der Verkaufserlös marginal. Auch ist es für die Redaktionen schwierig, Inserate zu akquirieren. Aus diesen Gründen ist der Journalismus in Burkina Faso ein defizitäres Geschäft. Der Import von Papier, die Rechnungen aus der Druckerei und die kostenintensive Beschaffung von logistischem Material wie Aufnahmegeräte, Computer oder Fahrzeuge haben hohe Produktionskosten zur Folge. Diese Kosten drücken auch auf die Lohnstruktur der angestellten Journalisten, die häufig nur auf eine Gelegenheit warten, einen lukrativeren Arbeitsplatz in der Staatsverwaltung oder bei den Internationalen Organisationen zu finden. Angesichts dieser Fluktuationen ist es kein Wunder, dass die Medien der Aus- und Weiterbildung keine Priorität einräumen. Handkerum schlagen die medienökonomischen Rahmenbedingungen auf die Qualität des Endproduktes durch. Umso wichtiger wäre es, Lösungsperspektiven vorzuschlagen. Aber gerade beim Import und der Produktion gelingt keine Zusammenarbeit zwischen den privaten Verlagen. "Sie leben von Tag zu Tag, von der Hand in den Mund", wie es die belgische Kommunikationswissenschaftlerin Marie-Soleil Frère ausdrückt.

 

Der Fall Norbert Zongo

Solange sich die Zeitungen auf die Berichterstattung der Tagespolitik oder auf den Unterhaltungsbereich beschränken, ist ihr redaktioneller Spielraum gross. Allerdings lassen Repressionen von Seiten des semiautoritären Regimes nicht lange auf sich warten, sobald sich die Journalisten investigativer Berichterstattungsmuster bedienen. Auch sechs Jahre nach der Ermordung Norbert Zongos gilt dieser Fall als warnendes Beispiel für die Entschlossenheit des burkinischen Regimes, gegen seine Kritiker vorzugehen: "Es handelt sich um ein politisches Verbrechen, das heisst um ein an den Bürgern begangenes Verbrechen, das den Fortbestand der politischen Macht sichern soll", wie es der Journalist Talanto Sîîd Saya ausdrückt. Die vorgängig angedrohte und schliesslich kalt exekutierte Ermordung des landesweit bekanntesten Journalisten Norbert Zongo von der Wochenzeitung "L'Indépendant" am 13. Dezember 1998 steht mutmasslich in Zusammenhang mit seinen Recherchen gegen gewalttätige und kriminelle Machenschaften des präsidialen Sicherheitsdienstes (der Mordfall ist im Internet fotografisch dokumentiert: http://www.cnpress-zongo.net/pages/photos_du_drame.htm).

 

"Supposons aujourd'hui que L'Indépendant arrête définitivement de paraître pour une raison ou une autre (la mort de son directeur, son emprisonnement, l'interdiction définitive de paraître, etc.). Nous demeurons convaincus que le problème David restera posé et que tôt ou tard il faudra le résoudre. Tôt ou tard!" - Norbert Zongos letzte Worte, die fünf Tage vor seiner Ermordung am 13. Dezember 1998 gedruckt wurden. (© CNT)

 

Die Garde untersteht François Compaoré, dem Bruder von Präsident Blaise Compaoré. Aufgrund des Drucks von der burkinischen Zivilgesellschaft und den internationalen Menschenrechtsorganisationen sah sich die Regierung aber schliessich gezwungen, eine unabhängige Expertenkommission mit der Aufklärung des Mordfalls einzusetzen. Obwohl die Untersuchung seit mehreren Jahren im Gange ist, zögert sich die Einvernahme der mutmasslichen Drahtzieher des Mordes hinaus. Ob sich die Beseitigung des kritischen Reporters Zongo für das burkinische Regime langfristig gelohnt hat, kann heute bezweifelt werden. Die Aufmerksamkeit der internationalen Institutionen, die Mobilisierung der Zivilgesellschaft und die Solidarität unter den nationalen Journalisten hat den Spielraum der Regierung von Blaise Compaoré eher eingeschränkt. So kann der Medienpluralismus weiter zunehmen, und einige Journalisten testen ständig aus, wie weit sich die Meinungsäusserungsfreiheit ausdehnen lässt. Der im Sommer 1998 gegründete "Centre National de Presse Norbert Zongo" bemüht sich unter der Leitung von Abdoulaye Diallo zu einer Entspannung des Verhältnisses zwischen der Regierung und der Presse. Neben der Sensibilisierung der politischen und militärischen Kreise für die Pressefreiheit setzt sich das Zentrum für die journalistische Qualitätssicherung ein.

 

Spiritualität aus dem Äther

Die eingeschränkte Pressefreiheit und angespannte politische Situation hat all jene enttäuscht, die Anfang der 1990er-Jahre auf einen prosperierenden Mediensektor gehofft hatten. Damals gab es auch einigen Grund zu Optimismus. Mit "Horizon FM" konnte das erste Privatradio Westafrikas auf Sendung gehen. In der Folge wurde der Rundfunkmarkt weitgehend liberalisiert. Heute versorgen rund 70 verschiedene Radiostationen in vielen verschiedenen Sprachen das multiethnische Land mit Informations- und Unterhaltungssendungen. Sie werden von 92 Prozent der Bevölkerung gehört. Die Radios lassen sich in verschiedene Kategorien einordnen. Das öffentlich-rechtliche bzw. staatliche "Radio National du Burkina" verfügt über zwei Sender: Während RNB in 16 Sprachen sendet und einen Service-public-Auftrag wahrnimmt, ist "Arc en Ciel" auf ein junges und kulturell interessiertes Publikum ausgerichteten. Neben den vier internationalen Sendern "Africa No 1", "Radio France International", "La Voix de l'Amerique" und BBC gibt es 23 kommerzielle Stationen. Die privaten Stationen wie die bereits erwähnte "Horizon FM" oder "Ouaga FM" sind insbesondere in ihren satirischen Sendungen teilweise recht kritisch und behandeln auf diese Weise heikle politische Themen wie Armut, Korruption oder die Verwicklung der Regierung in die ivorische Staatskrise. Allerdings wird ihre Arbeit von einem Informationsgesetz bedroht, das der "Conseil Superieur de l'Information" anwendet, sobald sich die Regierung in ihrem politischen Einfluss bedroht fühlt. Provisorische Schliessungen, Bussen und willkürliche Verhaftungen sind keine Seltenheit. Dieser Gefahr entgehen die 30 kommunalen Sender, die per Konzession keine politischen Inhalte senden dürfen.

Ein wichtiges Element des Radiomarktes sind die 15 konfessionellen Sender wie "Radio Evangile et Développement" oder "Radio Maria". Diese Stationen werden von journa­listisch ausgebildeten Priestern geführt und sind wie die kommunalen Stationen meist in ländlichen Gebieten domiziliert. Zwar stellen die religiösen Sendungen (Diskussions­runden, Informationen, Gebete, Musik) ein wichtiges Element dar, aber die Mehrheit der Stationen begreifen sich als Aufklärungs- und Entwicklungsinstrument. So produziert Paul Dah, Direktor von "Radio Unitas" in Diebougou, Sendungen zu den Themen Armut, Ernährung, Gesundheit, Hygiene, Kultur oder Menschenrechte (insbesondere Frauen- und Kinderrechte). Er leistet damit einen Beitrag an den alltäglichen Überlebenskampf der Bürger und hilft, den sozialen Frieden zu bewahren. Deshalb sendet das 1999 gegründete Radio auch in insgesamt sechs Sprachen. Viele Sendungen sind multilingual, das heisst die Inhalte werden konsekutiv übersetzt. Neben der Diözese finanziert sich "Radio Unitas" durch kurze, als "avis et communiqué" bezeichnete Werbeblöcke, durch die Beteiligung an ruralen Mikroprojekten sowie durch einen Beitrag vom "Fonds d'aide à la presse". Dieser staatliche Fonds verteilt jährlich 200 Mio. Franc CFA (ca. 500'000 CHF) unter die unabhängigen Massenmedien.

 

 

Fernsehen, Internet und Mobilfunk

Was das Fernsehen angeht, gehört Burkina Faso zu den wenigen westafrikanischen Ländern, in dem es lokales Privatfernsehen gibt. Dank dem konfessionellen "Canal Viim Koèga" und dem an Unterhaltung orientierten "Canal 3 Burkina" und "Sky, Sport & Music" ist gegenüber dem staatlichen "Télévision Nationale du Burkina" zumindest ein minimaler Pluralismus gewährleistet. Seit der politisch motivierten Schliessung der Sender TVZ und "Multimedia" ist der politische Informationsgehalt allerdings gering. Immerhin bietet das Privatunternehmen "Neerwaya" Satellitenfernsehen mit internationalen Sendern wie "Canal France International" (CFI) oder "Canal Horizons" an. Dieses Angebot ist jedoch nur für die wohlhabenden Bevölkerungsschichten erschwinglich. Daher geht "Télé Yaka" einen innovativen Weg, um die rurale Bevölkerung mit Fernsehen zu versorgen: Die Sendungen werden auf Video aufgezeichnet und auf einer Grossleinwand in einigen Dörfern abgespielt.

Die Verbreitung des Internets ist in Burkina Faso anfänglich nur sehr schleppend vorangegangen. Mittlerweile haben aber Regierung und Wirtschaft den Anschluss an die internationale Entwicklung geschafft. Besonders die Presse nutzt das Internet, um ihre Informationen weltweit zur Verfügung zu stellen. Landesweit gibt es etwa 70 Internetcafes, die Mehrzahl davon in der Hauptstadt Ouagadougou und in Bobo Dioulasso. Eine Stunde Surfen kostet in einem Cybercafe etwa 500 Franc CFA (1,30 CHF). Heute benutzen schätzungsweise 200'000 Menschen das Internet in Burkina Faso. Nach einer etwas veralteten Umfrage von Sylvestre Ouédrago (2000) sind 68,7 Prozent der burkinischen Internetnutzer männlich und 31,3 Prozent weiblich, 46,9 Prozent der Nutzer sind zwischen 20 und 25 Jahre alt. Bei den Berufsgruppen nutzen die Studierenden mit 48,3 Prozent das Internet am meisten, gefolgt von Schülern und Angestellten. Das Internet wird vor allem für den Austausch von E-Mails und für Bildung genutzt. Einer weitaus grösseren Popularität erfreut sich der Mobilfunk. Wer immer es sich in der Stadt wie auf dem Land leisten kann, besitzt heute ein Handy. Wie der Linguist Adolphe Sanon (2004) betont, sind die Handys seit der Liberalisierung des Rundfunkmarktes und der Einführung von Prepaidkarten durch die privaten Anbieter "Celtel" und "Telecel" auch für die Bürger der Mittelklasse erschwinglich. In diesem Zusammenhang erstaunt das Ergebnis einer von "Vodafone" in Auftrag gegebenen Studie nicht, dass der Mobilfunk in Afrika zwischen 1998 und 2003 um 5000 Prozent zugelegt hat.

 

Der politische Diskurs in den alternativen Medien

Aufgrund der Restriktionen der massenmedial vermittelten Kommunikation kommt dem politischen Diskurs in den alternativen Medien eine herausragende Bedeutung zu. In erster Linie ist der Kinofilm anzuführen, der über eine lange Tradition in Burkina Faso verfügt. Dank des seit 1972 im Zweijahres-Rhythmus stattfindende "Festival Panafricain du Cinéma et de la Télévision de Ouagadougou" (Fespaco) kann sich Burkina Faso als das Zentrum des afrikanischen Dokumentar- und Spielfilms sowie der Fernsehserie bezeichnen. Hier wird jährlich eine ansehnliche Anzahl von Produktionen realisiert, in denen auch politische, wirtschaftliche und soziale Themen verhandelt werden. Dies ist auch im Theater und in der Populärmusik der Fall, die sich seit Mitte der 1990er-Jahre sehr dynamisch entwickelt. Vor allem die Musikstile HipHop und Reggae bieten der Jugend ein Gefäss, ihre Sichtweise auszudrücken und sich an der öffentlichen Kommunikation zu beteiligen. Die alternativen Medien sind gerade für den Informationsaustausch, die Wissensgenerierung und die Identitätsbildung von sozial benachteiligten Bevölkerungsgruppen in Burkina Faso wichtig und sollten nicht gering geschätzt werden.

 

Frank Wittmann ist Assistent am Departement für Gesellschaftswissenschaften der Universität Fribourg. In Zeitungen und Zeitschriften berichtet er regelmässig über Gesellschaft, Kultur und die Medien Westafrikas.

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Literatur:

Balima, Serge Théophile / Frère, Marie-Soleil (2003): Médias et Communications sociales au Burkina Faso. Approche socio-économique de la circulation de l'information. Paris.

Cheneau-Loquay, Annie (Hrsg.) (2000): Enjeux des technologies de la communication en Afrique. Paris.

Ouédraogo, Sylvestre (2000): Accès aux Nouvelles Technologies au Burkina Faso. Une analyse des centres d'accès collectifs et des comportements des usagers Internet. Ouagadougou.

RSF (2004): Rien de nouveau au “pays des hommes intègres”. In:
http://www.rsf.org/article.php3?id_article=12061 

Sanon, Adolphe (2004): Le cellulaire au Burkina Faso. In: Beck, Rose Marie / Wittmann, Frank (Hrsg.): African Media Cultures. Transdisciplinary Perspectives. Köln, S. 311-317.

Tudesq, André-Jean (2002): L'Afrique parle, l'Afrique écoute. Les radios en Afrique subsaharienne. Paris.

UNDP (2004): Human Development Report. Cultural Liberty in Today's Diverse World. New York.

Wittmann, Frank (2004): Medien in Westafrika: Burkina Faso und Senegal. In: Hans-Bredow-Institut (Hrsg.): Internationales Handbuch Medien 2004/2005. Baden-Baden, S. 1105-1117.

 

Links:

Centre Nationale de Presse Norbert Zongo:
http://www.cnpress-zongo.net 

Journal du Jeudi:
http://journaldujeudi.com 

L'Evénement:
http://www.evenement-bf.net 

L'Indépendant:
http://www.independant.bf 

L'Observateur Paalga:
http://www.lobservateur.bf 

Le Bendré:
http://www.bendre.africa-web.org 

Le Pays:
http://www.lepays.bf 

Reporters Sans Frontières:
http://www.rsf.org 

Sidwaya:
http://www.sidwaya.bf 

Télévision Nationale du Burkina:
http://www.tnb.bf

 

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