09. August 2004

Medienimperium Italien

Premier und Medienzar Berlusconi

Dominik Baur

Silvio Berlusconi beherrscht Italiens Medienlandschaft, zu einem grossen Teil besitzt er sie sogar. Doch als Politiker versteht er nichts vom Umgang mit Fernsehen und Zeitungen.

Es muss ein Donnerschlag gewesen sein im Palazzo Chigi, als das Buch "Tendenza Veronica" vor wenigen Wochen zum ersten Mal über die Ladentheke ging und die Zeitungen ausführlich daraus zitierten. Schliesslich war die Verfasserin niemand Geringeres als Veronica Lario, die Gattin von Premier Silvio Berlusconi. Jahrelang hatte Lario sich öffentlichen Äusserungen enthalten und mit ihren Kindern ein zurückgezogenes Leben geführt, in ihrer Autobiografie rechnet sie jetzt ab mit ihrem Mann.

 

Geliftetes Lächeln

Interessante Dinge erfuhren die Italiener da über ihren Regierungschef: dass er jahrelang mit Lario bereits eine Affäre und sogar eine gemeinsame Tochter gehabt habe, während er noch mit seiner ersten Ehefrau zusammenlebte; dass er gelogen hat, als er vor den Europawahlen behauptete, er habe sich nur seiner Frau zuliebe liften lassen; und dass sie selbst die Partei ihres Mannes nie gewählt habe und ihre Kinder nicht seine Sender sehen liess.

Die ohnehin angeschlagene Beliebtheit des Premiers litt unter der Veröffentlichung von Larios Autobiografie erneut. Silvio Berlusconi, der Herrscher über sechs von sieben nationalen Fernsehsendern Italiens und zahlreiche Zeitungen und Zeitschriften, hatte mal wieder eine mediale Ohrfeige erster Güte einstecken müssen. Auch sonst, möchte man meinen, scheint dem Politiker sein Medienimperium in letzter Zeit wenig zu nutzen. Vor den Europawahlen im Juli war niemand so oft im Fernsehen zu sehen wie König Silvio. Plakate mit seinem Konterfei prangten überall am Strassenrand, und 57 Millionen nichts ahnende Handybesitzer bekamen unmittelbar vor der Wahl noch eine SMS-Nachricht vom Premier mit der Bitte, ihm doch ihre Stimme zu geben. Fazit: Berlusconis Partei Forza Italia schloss acht Prozentpunkte schlechter ab als bei der Parlamentswahl 2001. Eine verkehrte Welt: Silvio Berlusconi beherrscht die Medien, aber die öffentliche Meinung kontrolliert er nicht.

 

Italiens Medien nur "teilweise frei"

Dabei ist die Macht des Premiers über Italiens Medienlandschaft so unstrittig wie einzigartig in Europa. Nicht umsonst stufte die Organisation "Freedom House" in einer Studie im April die Situation der Pressefreiheit in Italien von "frei" auf "teilweise frei" herunter.

Berlusconi gehören rund 150 Unternehmen: Neben den Mediaset-Sendern Italia 1, Rete Quattro und Canale 5 sind das zahlreiche Radiostationen, das Verlagshaus Mondadori, Vertriebsgesellschaften für Filme und Videos, Werbe-, Produktions- und Verleihfirmen, eine Kinokette; die Tageszeitung "Il Giornale" leitet aus kartellrechtlichen Gründen sein Bruder. Die Turiner "Stampa" gehört zum Imperium der Berlusconi-freundlichen Fiat-Familie Agnelli, und selbst in den unabhängigen Mailänder "Corriere della sera" soll der Einfluss des Premiers hineinreichen. Kaum jemand in Italien glaubt, dass "Corriere"-Chef Ferruccio De Bortoli vor gut einem Jahr "aus rein privaten Gründen" seinen Posten geräumt hat. Berlusconi-kritische Medien wie das Nachrichtenmagazin "L'espresso" oder die Tageszeitung "La Repubblica" sucht man lange.

 

Staatsfernsehen RAI

Dass Berlusconi die Zügel bei der staatlichen RAI immer fester zieht, beunruhigt seine Kritiker zunehmend. Nun war die RAI noch nie eine Sendeanstalt frei von politischem Einfluss. Im alten Parteiensystem Italiens herrschte bei der RAI strenger Proporz, danach suchten die jeweiligen Regierungen - egal ob rechts oder links - sich grösstmöglichen Einfluss zu sichern. So scheiterte 1993 eine Reform des Senders, wonach unparteiliche Fachleute das Regiment hätten übernehmen sollen. "Aber ich habe in den zwanzig Jahren, die ich in der RAI war, noch nie eine solche Gleichschaltung der Information erlebt", klagte Lilli Gruber, bis vor kurzem noch Moderatorin der Hauptnachrichten von RAI Uno.

Die Beispiele der Hofberichterstattung häufen sich: So lud sich Berlusconi im Februar gleich selbst als Gast in die RAI-Diskussionssendung "Porta a Porta" ein. Bloss: Eine wirkliche Diskussion wollte nicht aufkommen an dem Abend - neben Berlusconi sassen lediglich seine Kulturministerin Letizia Moratti und der Berlusconi gewogene Moderator Bruno Vespa im Studio. Der Parteichef der Linksdemokraten, Piero Fassino, hätte zwar gern an der Runde teilgenommen, auf Anordnung des Regierungschefs musste er jedoch draussen bleiben. Denn mit politischen Oppositionellen tut sich Berlusconi schwer. Seine Begründung: "Diese Figuren beleidigen mich fast täglich. Sie verfälschen die Wahrheit, greifen mich ständig an. Warum sollte ich mich mit solchen Personen auseinander setzen?" Ein interessantes Verständnis von politischem Diskurs. Damit seien die "Grenzen des Anstands" überschritten, fand denn auch Lucia Annunziata, damals noch Intendantin der RAI.

 

Plädoyer für Moral und Demokratie

Annunziata, ein linkes Feigenblatt an der Spitze des Staatssenders, hatte aus ihrer Meinung über den Premier auch während ihrer Amtszeit keinen Hehl gemacht, aber selten etwas ausrichten können. Schon am Tag vor der "Porta a Porta"-Ausstrahlung hatte sie einige bezeichnende Zahlen vorgelegt: 335 Minuten war der Premier demnach in nur einem Monat in den Nachrichtensendungen des Staatssenders präsent. Sein wahrscheinlicher Herausforderer bei den nächsten Wahlen, der derzeitige EU-Kommissionspräsident Romano Prodi, musste sich mit 90 Minuten begnügen. Fassino und Francesco Rutelli, Oppositionsführer im Parlament, kamen gerade einmal auf 52 beziehungsweise 72 Minuten.

Oft hatte die RAI-Chefin den Einfluss des Premiers beklagt. Ohne seinen Willen gehe praktisch nichts mehr. "Berlusconi greift selbst zum Telefonhörer, um Programme und Inhalte zu beeinflussen." Das nimmt dann bisweilen bizarre Züge an: Der beliebte Kabarettist Paolo Rossi etwa sollte in der Sendung "Domenica in" einen kurzen Auftritt bekommen. Doch die Verantwortlichen bei der RAI liessen sich seinen Text vorlegen. Als sie ihn lasen, wurde Rossis Sketch gekippt. Sein Text war nichts weiter gewesen als ein Plädoyer für Moral und Demokratie - und das stammte noch nicht einmal von ihm, sondern von Perikles: "Ein Bürger Athens vernachlässigt die öffentlichen Aufgaben nie, um dem eigenen Geschäft nachzugehen", sollte der Vater der Demokratie zitiert werden. Oder: "Uns wurde gelehrt, die Richter zu respektieren, die Gesetze zu befolgen..." Kannte schon Perikles Berlusconi?

 

Exodus bei RAI

Annunziata musste zahlreiche Rückschläge hinnehmen. Als sie etwa den ehemaligen "Corriere della Sera"-Chefredakteur Ferruccio de Bortoli für eine tägliche Politsendung gewinnen wollte, scheiterte sie ebenfalls am Widerstand Berlusconis. Frustriert schmiss die Intendantin im Mai ihren Job.

Annunziatas Abgang war jedoch nicht der erste. Schon lange macht sich Unmut unter den 9'700 Angestellten und 30'000 freien Mitarbeitern der RAI breit. Wenige Tage vor der Intendantin hatte Moderatorin Gruber ihren Job gekündigt, um den Premier Wochen später bei der Europawahl vernichtend zu schlagen. Mehrfach hatte auch sie den Druck der regierungsnahen Fernsehchefs zu spüren bekommen. So gab es einmal sogar Rüffel, als sie von einer "Auseinandersetzung" in Berlusconis Koalition sprach. Im Sender war zuvor festgelegt worden, nur das Wort "Differenzen" zu benutzen. Aus Bagdad wurde die Reporterin abgezogen, als sie irakische Aufständische als Widerständler bezeichnete. "Es gibt viel zu viel Manipulation und viel zu viel Zensur von Seiten der Regierung", klagte Gruber im Interview mit der Online-Ausgabe des deutschen Nachrichtenmagazins "Der Spiegel". Als sie schliesslich für eine Kandidatur gegen Berlusconi entschied, verschwand die "rote Lilli" urplötzlich von den Bildschirmen. "Das Fernsehen hat mich ausgeschaltet. Das Gesetz, das allen Parteien gleichmässige Präsenz im Fernsehen garantiert, greift in meinem Fall offenbar nicht." Nach der Wahl redete die RAI Berlusconis verheerende Niederlage derart klein, dass die "Süddeutsche Zeitung" schon von "einer Art Kreml-Fernsehen" sprach.

 

Politik im Sandwich

Auch die Chefredakteurin der wichtigsten Nachrichtensendung von RAI, Daniela Tagliafico, hatte vor Monaten aus Protest gegen die Berlusconisierung des Senders ihren Job hingeworfen. 30 Redakteure bekundeten daraufhin in einem offen Brief Solidarität mit ihr. Tagliafico kritisierte besonders das alltägliche "Polit-Panino". Das "Sandwich" ist eine RAI-typische Art der regierungsfreundlichen Berichterstattung: eine Lage Regierung, dazwischen eine Stimme Opposition, und dann noch einmal die Regierung - dergestalt stossen die Fernsehbeiträge selten auf die Kritik von Berlusconi.

In mancher Hinsicht scheint die Schere im Kopf der RAI-Redakteure sogar eifriger zu klappern als bei den Mediaset-Kollegen. So berichtet der Italien-Korrespondent der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung", Tobias Piller, von Berlusconis Antrittsrede als EU-Ratspräsident im Europaparlament, als der Premier einem deutschen Parlamentarier die Rolle des Kapo in einem KZ-Film anbot. Der Eklat sei in dem Berlusconi-Sender Canale 5 nicht vermeldet worden, hätten wenig später Nachrichtenagenturen berichtet. Die Redaktion des Senders habe technische Probleme vorgeschützt. Als Piller der Sache nachging, stellte er fest: In der Tat wurden die Bilder aus dem Parlament ohne Bilder ausgestrahlt. Die skandalösen Aussagen des Premiers nahmen jedoch breiten Raum in der Berichterstattung von Canale 5 ein - anders als bei RAI Uno und RAI Due, die das Thema sehr klein fuhren. Nur das traditionell linke dritte Programm der RAI berichtete genüsslich aus Strassburg, allerdings erreicht das Programm nicht allzu viele Zuschauer.

 

Mediale Peinlichkeiten

Für peinliche Auftritte wie in Strassburg scheint Italiens Regierungschef ein Händchen zu haben. Anders als etwa Medienkanzler Gerhard Schröder beweist Medienzar Silvio Berlusconi als Politiker auffallend wenig Geschick im Umgang mit den Medien. Zwar ist er peinlich darauf bedacht, dass kein ungünstiges Bild von ihm veröffentlicht wird, und versorgt deshalb Zeitungen und Fernsehstationen gleich selbst mit Medienmaterial - zum Teil gar mit komplett fertig geschnittenen Sendebeiträgen. Im vergangenen Jahr jedoch lud der unbedachte Premier den Chefredakteur des britischen "Spectator" zum Interview in seine Villa Certosa auf Sardinien ein. Ohne Argwohn plauderte der Regierungschef drauflos, schliesslich hatten seine Einflüsterer ihm versichert, der Mann sei konservativ, das Interview werde den Premier schon nicht negativ dastehen lassen. Entsprechend gross war das Erstaunen, als Berlusconi anderntags mit den Worten zitiert wurde, nur anthropologisch abartige Menschen würden Richter, und Mussolini sei doch eigentlich ein gutartiger Diktator gewesen.

 

Der Premier - ein Geschäftsmann

Die politische Beeinflussung der Medien steht für Berlusconi tatsächlich nicht an erster Stelle. Denn er sieht sich nicht eigentlich als Politiker, sondern als Unternehmer. So ist es weniger der Premier Berlusconi, der die Medien instrumentalisiert, als der Medienzar Berlusconi, der die Politik instrumentalisiert. Bei aller Einmischung interessiert ihn nicht so sehr, was seine Sender ausstrahlen, als was sie einnehmen.

Bestes Beispiel ist da ein Kommissar aus Sizilien: Salvo Montalbano. Die Krimifigur von Schriftsteller Andrea Camilleri feierte im Fernsehen grosse Erfolge. Die Fälle von Commissario Montalbano waren eine der beliebtesten Serien der RAI. Der Polizist kam nicht nur Verbrechern auf die Spur, sondern lockte Millionen von Zuschauern vor den Fernseher. Doch seit Berlusconi an der Macht ist, werden keine weiteren Folgen der Serie mehr produziert. Zu viel Quote für die Konkurrenz, das kann nicht gut gehen. Auch Publikumslieblinge wie die politischen Journalisten Enzo Biagi und Michele Santoro mussten gehen, sie freilich waren nicht nur zu populär, sondern auch zu links.

Wenn wundert's da, dass die Sender von Berlusconis Mediaset-Konzern entgegen dem Branchentrend in den vergangenen Jahren ihre Umsätze halten konnten. Dasselbe gilt im Übrigen auch für Italiens grössten Zeitschriften- und Buchverlag Mondadori. Auch er gehört Berlusconis Fininvest-Gruppe an.

Reichster Mann Italiens ist Silvio Berlusconi längst, doch der Unternehmer bleibt nicht untätig. Seine neueste Herausforderung heisst digitales Fernsehen. Hier hatte bislang in Italien ausschliesslich Medientycoon Rupert Murdoch das Sagen. Doch jetzt sicherte sich Berlusconi für drei Jahre die Senderechte aller Heimspiele der drei wichtigsten Vereine. Um den Zuschauern ein attraktives Angebot machen zu können, bediente sich der Premier eines neuen Mediengesetzes. Danach werden die nötigen Decoder vom Staat zu drei Viertel bezuschusst. Schlechte Karten für Murdoch.

 

Dominik Baur ist Nachrichtenredakteur bei SPIEGEL ONLINE

 

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