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02. Dezember 2000 Kurdisches Satellitenfernsehen Ein historischer Schritt in Richtung kurdischer Souveränität Eine nationale Öffentlichkeit für ein staatenloses Volk? Noch vor einigen Jahren wäre dies eine paradoxe Vorstellung gewesen. Aber heute haben Zensurversuche, Sprachverbote und Landesgrenzen ihr Haltbarkeitsdatum erreicht. Satellitensignale respektieren nationale Grenzen nicht. Deshalb ist es dem kurdischen Volk gelungen, eine nationale Öffentlichkeit im Äther aufzubauen, obwohl es über mehrere Staaten verstreut lebt. Bis vor kurzem war der Satellitensender MED-TV der einzige kurdische Fernsehsender gewesen. In jüngster Zeit haben die grossen kurdischen Parteien erhebliche Mengen an Energie und Geld investiert, um den Anschluss an das Medienzeitalter nicht zu verpassen. Inzwischen haben sich bereits fünf kurdische Satellitenstationen einen Platz im "globalen Dorf" gesichert. Erst im Juni dieses Jahres wurde der jüngste kurdische Satellitensender Mesopotamia TV in Dänemark eröffnet. Pünktlich zum Jahrtausendwechsel ging am 1. Januar mit KurdSat ein irakisch-kurdisches Satellitenfernsehen auf Sendung. Kurdistan TV schaffte den Sprung in die Satellitenwelt schon ein Jahr zuvor. Medya TV trat 1999 die Nachfolge des türkisch-kurdischen Fernseh-Pioniers MED-TV an, und aus dem Iran sendet der Kanal Saher.
Der Pionier MED-TV Angefangen hatte alles mit der Gründung des Satellitensenders MED-TV im Jahre 1994. Der Name MED-TV ist eine Anlehnung an das antike Volk der Meder, auf welches die Kurden ihre Abstammung zurückführen. Das Projekt war eine Antwort auf den wachsenden "Fernseh-Hunger" der in Europa lebenden Kurden: Sie wollten endlich eine eigene Fernsehstation haben und Sendungen in ihrer Sprache empfangen können. MED-TV bot sein komplettes Programm in allen verschiedenen kurdischen Sprachen an. Kein Aufwand wurde gescheut, um die Sendungen zu synchronisieren oder mit Untertiteln zu versehen. Das Programm reichte von Nachrichtensendungen, über Kinder- und Schulsendungen, bis hin zu Dokumentar- und Gesellschaftsfilmen. MED-TV erreichte ein potenzielles Publikum von insgesamt rund 30 Millionen Kurden in Europa, im mittleren Osten und in Nordafrika. Der Sender stationierte sich in London, denn in der Türkei selbst haben die Kurden kein Recht zur Kommunikation in ihrer Sprache. Aufgrund der geografischen Verteilung der Kurden über mehrere Staaten war es für kurdische Medien bis anhin nicht möglich gewesen, ein "nationales" Publikum zu erreichen. Aber MED-TV räumte erstmals einem staatenlosen Volk die Möglichkeit einer gemeinsamen Kommunikationsplattform ein. Für viele Kurden war deshalb die Lancierung von MED-TV ein erster historischer Schritt in Richtung kurdischer Souveränität.
Repressionen der türkischen Regierung
Vom ersten Tag an musste MED-TV
gegen den starken politischen Druck des aufgebrachten türkischen Staates
ankämpfen. Hauptargument war, dass der Sender in enger Verbindung mit der
kurdischen Arbeiterpartei PKK stehe. Da die PKK als terroristische und
separatistische Organisation angesehen wird, wollte die türkische Regierung
Grossbritannien auf höchster politischer Ebene davon überzeugen, dass dem
Sender MED-TV
die Sendelizenz zu entziehen sei. Des Weiteren entfachte die
türkische Radio- und TV-Kommission in Europa eine Meinungspolemik, wonach MED-TV
mit seinem Programm gegen Menschenrechte verstossen und zu Rassenhass
und Gewalttaten aufgerufen habe.
Auf die Desinformationskampagne folgte eine Hetzjagd auf die Mitarbeiter
und Zuschauer von MED-TV.
Mitarbeiter erhielten Drohbriefe, und wer in der
Türkei vor laufendem MED-TV-Programm am Fernseher erwischt wurde, musste mit
Bedrohung und Verhaftung rechnen. Satellitenschüsseln wurden zerstört oder
verbrannt, denn in der Türkei ist es nicht nur verboten, in der
Öffentlichkeit kurdisch zu
sprechen, sondern auch Sendungen in dieser Sprache zu empfangen. Im Kampf
gegen MED-TV
schaffte es die Türkei sogar, Satellitensignale zu sabotieren
und dadurch gewisse Übertragungen gezielt zu unterbrechen. Schliesslich
entzog die britische Independent Television Commission ITC dem Sender im
vergangenen Jahr die Sendelizenz. Aber bereits drei Monate später, im Juli
1999 nahm sein Nachfolger Medya TV
ein tägliches Programm auf.
Meinungsmonopol durchbrochen
Nach dem durchschlagenden Erfolg von MED-TV
hoffte man, dass die politischen und kulturellen Gräben zwischen den
verschiedenen kurdischen Interessengruppen überwunden werden könnten. Das
Auftauchen von vier weiteren kurdischen Satellitenstationen durchbrach zwar
das ehemalige Meinungsmonopol von MED-TV,
konnte aber keine weitere
Annäherung der unterschiedlichen politischen Interessen bewirken. Im
Gegenteil: Drei der Satellitensender werden massgeblich von politischen
Parteien beeinflusst und unterstützt. Während die Fernsehstationen
einerseits gut recherchierte Programme zu sozialen und kulturellen Themen
anbieten, sind sie andererseits nicht frei von politisch einseitiger
Berichterstattung. Medya-TV steht beispielsweise wie sein Vorgänger MED-TV
der kurdischen Arbeiterpartei PKK nahe. So müssen sich die Zuschauer auf
Medya TV ausufernde Statements der PKK-Führung gefallen lassen, während
ihnen auf Kurdistan TV die Nachrichten durch die Brille der demokratischen
Partei Kurdistans KDP zugemutet werden. Betreiberin des Senders KurdSat
wiederum ist die Patriotische Union Kurdistans PUK. Demgegenüber ist der
iranische Sender Saher in seiner kurdischen Berichterstattung ziemlich
neutral.
Alle Fernsehstationen bieten ihr Programm bislang auf Kurdisch an.
Um die politische Situation der Kurden auf internationaler Ebene stärker
bekannt zu machen und der Welt die kurdische Kultur näher zu bringen, wäre
die Lancierung eines kurdischen Satellitensenders nötig, der sein Programm
auf Englisch anbietet. Aber die Lancierung sowie Aufrechterhaltung eines
solchen Fernsehkanals verlangte eine koordinierte Zusammenarbeit aller
politischen Parteien Kurdistans, was angesichts der bestehenden
kurdeninternen Macht- und Interessenkämpfe noch unvorstellbar ist.
Der Text entstand im Rahmen des Seminars "Kurdische
Öffentlichkeit" unter der Leitung von Matthias Loretan und Ayten Muttu
am Institut für Journalistik an der Universität Freiburg Ue. . Die
Ergebnisse des Seminars sind einsehbar unter:
Druckversion:
pdf
(Zur
Ansicht im pdf-Format benötigen Sie den Acrobat
Reader)
Ausführliche Fassung mit umfangreichen Hintergrundinformationen:
html
pdf
Links:
MED-TV: Medya-TV: http://ku.wikipedia.org/wiki/Medya_TV Mesopotamia TV (metv): Kurdistan TV: KurdSat:
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