12. Januar 2007

Politik, Medien und religiöse Identität

Die Transformation der öffentlichen Arena in Senegal

Frank Wittmann

Die Globalisierung hat in den Ländern Afrikas zu tiefgreifenden politischen, sozialen und medialen Transformationen geführt. Vor allem im Mediensektor schlägt sich eine stete Demokratisierung nieder und führt zu einer Ausdifferenzierung des Marktes. Doch die Rollen zwischen Medien, Politik und Religion sind nicht klar getrennt und die Akteure befinden sich in einem Netz wechselseitiger Konkurrenz und Abhängigkeit.

Wie ein Blick in einschlägige Verlagsverzeichnisse belegt, boomt der Globalisierungsdiskurs seit einigen Jahren und hat auch die Themenagenda der Medien- und Kommunikationswissenschaft erfasst. Allerdings fällt auf, dass die Forschung häufig regional durchgeführt wird und nicht etwa international oder komparativ angelegt ist. So ist bisher weitgehend unbemerkt geblieben, dass die Globalisierung zu tiefgreifenden politischen, sozialen und medialen Transformationen in den Ländern Afrikas geführt hat. Die Medienwelt wie auch die scientific community scheinen implizit davon auszugehen, dass die ökonomische Marginalität des afrikanischen Kontinents seine geringe Repräsentation rechtfertige. Allerdings ist diese Folgerung kaum haltbar, denn trotz seiner gravierenden Krisen ist Afrika heute auf neue Weise in das globale Weltsystem integriert und unterhält vielfältige Beziehungen zu anderen Räumen. Ausserdem vergibt man mit dieser Annahme auch die Chance auf ein vertieftes Verständnis der Globalisierung.

 

Historischer Rückblick

Beispiel Senegal. Das westafrikanische Land ist seit jeher zutiefst von transnationalen Austauschbeziehungen geprägt. Historisch gesehen gehen sie bis ins 8. Jahrhundert zurück, als arabische Händler Teile Westafrikas islamisierten. Nach Jahrhunderten von transregionalen Integrationsprozessen erlebte der Senegal dann mit Beginn des Imperialismus ab Mitte des 15. Jahrhunderts einen Höhepunkt des Transnationalismus. Durch den Kontakt mit Portugiesen, Holländern, Engländern und Franzosen wurde der Senegal in das als "black Atlantic" benannte transatlantische Netz zwischen Europa, Afrika und Amerika eingebunden. Im Kontext des Sklavenhandels ist es dann den religiösen Leadern (Marabuts) der verschiedenen muslimischen Bruderschaften gelungen, sich als Vermittler zwischen französischen Kolonialherren und senegalesischer Aristokratie einerseits und dem Volk andererseits zu etablieren. Diesen Einfluss haben die religiösen Akteure seither nicht mehr abgegeben und jeweils an neue politische Rahmenbedingungen anzupassen gewusst. Der Senegal erlangte 1960 seine Unabhängigkeit und gilt seither als ein Stabilitätsfaktor in der westafrikanischen Region. Die Hypothese vom demokratischen Modellfall wurde bereits unter den ersten beiden Präsidenten und jeweiligen Vorsitzenden der Parti Socialiste (PS), Léopold Sédar Senghor (1960-1980) und Abdou Diouf (1981-2000), propagiert. Sie wurde durch den demokratischen Regierungswechsel durch die Parti Démocratique Sénégalais (PDS) unter ihrem charismatischen Führer Abdoulaye Wade im Jahr 2000 bestätigt. Vordergründig schlägt sich die erfolgreiche Demokratisierung auch im Mediensektor nieder, der seit ihrem Einsetzen Ende der 1970er Jahre einem dynamischen Wandel unterworfen ist, der sich seit Anfang der 1990er Jahre weiter intensiviert hat und dessen Ende auch heute noch nicht absehbar ist. Im Zuge von Prozessen der Liberalisierung, Pluralisierung und Popularisierung hat sich der Markt ausdifferenziert. In der öffentlichen Arena treten politische, ökonomische, religiöse, mediale und Regulationsakteure auf.

 

Wahlvertrag

Eines der Hauptprobleme für die privaten Massenmedien besteht allerdings nach wie vor darin, dass die politische Kultur von klientelistischen und neo-patrimonialen Praktiken geprägt wird. Dies impliziert, dass die Rollen der verschiedenen Akteure teilweise intransparent sind. Die weit verbreitete Intransparenz von Handlungen in der öffentlichen Arena ist darauf zurückzuführen, dass die Rollen der verschiedenen Akteure nicht eindeutig von einander getrennt sind. Zwar kommt der Presse ein wichtiger Anteil beim Demokratisierungsprozess und bei der Entwicklung des zivilgesellschaftlichen Bewusstseins der Bürger zu, aber paradoxerweise haben diese Transformationen gleichzeitig zu einer Unterwanderung demokratischer Prämissen geführt. Insbesondere die in der Verfassung verankerte Gewaltentrennung zwischen den Sphären der Exekutive und der Judikative sowie der Politik und der Religion ist in der Praxis nicht funktional. Einerseits besteht zwischen allen Akteuren eine Konkurrenzsituation, andererseits sind sie auch gegenseitig voneinander abhängig. Die Politiker benötigen die Unterstützung der Marabuts, um sich genügend Stimmen in der Bevölkerung zu sichern, während umgekehrt die Marabuts an Geld, politischem Einfluss und guten Beziehungen in der Staatsverwaltung interessiert sind. Zwar wird durch dieses Beziehungsnetz das staatsrechtliche Modell einer Trennung von staatlicher und religiöser Ordnung unterlaufen, aber diese Gesellschaftskonzeption ermöglicht dem westafrikanischen Land eine gewisse Stabilität. Die senegalesische Bevölkerung ist sich der Interpenetration der verschiedenen öffentlichen Sphären bewusst. 58,8 Prozent der Senegalesen geben an, davon überzeugt zu sein, dass es keine Trennung zwischen der politischen und der religiösen Sphäre gibt. Gemäss Verfassung ist der Senegal ein laikaler Staat, doch aufgrund der historischen Macht der muslimischen Bruderschaften und ihrer gesellschaftlichen Vermittlungsfunktion kann in der Praxis von einer Gewaltentrennung zwischen Staat und Religion keine Rede sein. Dies zeigt sich bereits daran, dass die Parteien die Kritik der Bruderschaften mehr fürchten als die Kritik der politischen Opposition. Zwar hat der Generalkalif der Mouriden den traditionellen Wahlvertrag (in der senegalesischen Nationalsprache Wolof Ndigël genannt) 1993 aufgekündigt und der direkten politischen Intervention abgesagt. Indem er den Wahlvertrag in eine modifizierte Version überführt hat, wurde der Kalif aber nur den neuen gesellschaftlichen Verhältnissen gerecht. Entsprechend geben auch 55 Prozent der Befragten an, nicht auf die Wahlempfehlung der Marabuts zu achten. Mit Blick darauf, dass 45,7 Prozent der Senegalesen der Ansicht sind, dass eine Einmischung der religiösen Akteure in die Politik gerechtfertigt ist, kann geschlossen werden, dass die Bürger nicht so sehr gegen eine Interpenetration der verschiedenen öffentlichen Sphären sind. Aber sie misstrauen der traditionellen politischen Elite und sie sind dagegen, rein als Marionetten im politischen Kalkül behandelt zu werden.

 

Konformistische Taktiken

Im Zuge des gestiegenen politischen Bewusstseins der Bevölkerung und des Erstarken der Zivilgesellschaft ist es daher zu Transformationen des Machtdispositivs der Marabuts gekommen. Denn auch ihnen blieb nicht nur der politische Unmut der Bevölkerung, sondern auch die zunehmende religiöse Emanzipierung verborgen. Immer mehr taalibé machten von ihrem Recht Gebrauch, ihren Marabut selbst auszusuchen. Aus diesem Grund verhandeln sie seither direkt mit den einzelnen politischen Akteuren über ihre Unterstützung oder sie steigen selbst in die politische Arena ein. So steht der Marabut Mamoune Niasse aus der Bruderschaft der Tijaniyya genauso der eigenen Partei Rassemblement du Peuple (RP) vor wie der Mouride Cheikh Modou Kara, der 2004 die Parti de la Vérité pour le Dévelopment (PVD) oder Hizbul Hakh gegründet hat. Dabei nutzt er sein Ansehen bei den Anhängern und das Misstrauen gegenüber den diskreditierten Politikern. Dank einer erfolgreichen Public-Relations-Strategie gelingt es Kara, sich als Meinungsführer jenseits der Politiker- und Marabut-Images zu positionieren. Je mehr er am öffentlichen Diskurs teilnimmt, desto mehr wird er in den Augen seiner religiösen Anhänger auch zu einer politischen Alternative. Die Aufkündigung des Ndigël hat also nicht zu einer Entpolitisierung der religiösen Akteure, sondern im Gegenteil zu einer Aktivierung ihres politischen Handelns geführt. Dies ist der Fall, weil es den Bruderschaften unterdessen gelungen ist, ihre Macht insbesondere in den Städten zu erhöhen. Aber auch die Beziehungen zwischen den übrigen Akteuren sind dabei, sich neu zu definieren. So zum Beispiel diejenigen zwischen religiösen und medialen Akteuren, denn die Leader der Bruderschaften sind vermehrt auch im Mediensektor aktiv, wo sie weit mehr als die politische Klasse den Einfluss des Journalismus zu begrenzen wissen. Der Einfluss der Marabut-Familien auf den privaten Mediensektor manifestiert sich auf verschiedene Arten. Zunächst sind sie direkt an Medienunternehmen beteiligt (Wal Fadrji) und treten publizistisch in Erscheinung (Khassaïdes, Radio Touba International, Touba FM). Darüber hinaus versuchen manche Marabuts, die publizistischen Inhalte der privaten Medien qua klientelistischer Beziehungen direkt zu lenken: "Wenn ein religiöser Leader einem Verlagsleiter sagt, du bist mein Gefolgsmann, schick mir einen Journalisten und leiste auf diese Weise Berichterstattung, befinden sich die Redaktionen in einer Zwickmühle", wie Mamadou Sy von der Tageszeitung Taxi Le Journal erläutert. Auf der einen Seite ist der Journalist an die Redaktionsleitlinien und das journalistische Berufsethos gebunden, auf der anderen Seite gehören die Journalisten auch einer Bruderschaft an und unterliegen den Anweisungen ihres Marabuts. Wie schwerwiegend solche Einflussnahmen sein können, zeigt das Beispiel der religiösen Berichterstattung des staatlichen Fernsehens RTS. Gemäss einer Rüge des HCA im Juli 2003 bevorteilt der Sender die Mouriden systematisch bei der Vergabe von Sendezeit und verletzt damit den Auftrag zur ausgewogenen Information. Schliesslich erwartet die Mehrheit der Marabuts, dass sich die Kritik- und Kontrollfunktion des Journalismus nicht auf sie und ihre politischen, ökonomischen und sozialen Aktivitäten selbst richtet. Die Journalisten reagieren auf die religiösen Erwartungen und Einflussnahmen mehrheitlich mit konformistischen Taktiken indem sie stillschweigend am Kodex des sozialen Konformismus festhalten. Entsprechend sind die wenigsten Redaktionen bereit, die Bruderschaften öffentlich zu kritisieren oder über ihre Aktivitäten zu informieren.

 

Gewalt

Allerdings gibt es auch Ausnahmen. Wenn Zeitungen den Verhaltenskodex einmal nicht respektieren, dann handelt es sich meistens um das satirische Blatt Le Cafard Libéré oder die investigative Wochenzeitung Le Témoin. Allerdings zögern die Marabuts in aller Regel nicht, die in ihren Augen fehlbaren Journalisten zur Rechenschaft zu ziehen. In einem Fall wurde beispielsweise der Journalist von Le Témoin, der kritisch über einen religiösen Führer berichtet hatte, herbeizitiert und beschuldigt, die Autorität des Kalifen in Frage gestellt und die Bruderschaft beleidigt zu haben. Darüber hinaus wurde er mit gewalttätigen Repressionen bedroht für den Fall, dass sich ein solches Verhalten wiederholen sollte. Dieser Fall wurde von den übrigen Zeitungen, wenn überhaupt, mit derselben äussersten Zurückhaltung aufgenommen wie im Fall eines Artikels in Le Matin im Jahr 1999. In dem besagten Artikel war der Name eines Marabuts gefallen, worauf die Anhänger dieses Marabuts den Journalisten gewalttätig angriffen und den Bruder des Journalisten als Geisel nahmen. Dieser Fall verweist auf die Gewalt, die den senegalesischen Mediensektor charakterisiert. Allerdings gibt es durchaus Grenzen des islamischen Machteinflusses: In einer ausserordentlich mediatisierten Debatte hat sich Präsident Wade im Frühjahr 2003 gegen das Islamische Komitee für die Reform des Familienrechts (CIRCOF) gestellt. Ihrem Vorstoss, das seit 1972 bestehende laikale Familienrecht mit den Inhalten des islamischen Rechts, der Scharia, in Übereinstimmung zu bringen, erteilte der Präsident eine unmissverständliche Absage.

 

Identitätskrise

Die Transformation der öffentlichen Arena und das konflikthafte Umfeld der Medien haben zu einer tiefgreifenden Identitätskrise der senegalesischen Journalisten geführt. Die senegalesischen Journalisten wissen nicht, wie sie sich in diesem Kontext mit seinen widersprüchlichen Anforderungen verhalten sollen. Diese Orientierungslosigkeit schlägt sich nicht nur in variablen Rollenverständnissen, sondern auch in den Inhalten der Zeitungen nieder. Mit Ausnahme einiger weniger professionell gemachter Zeitungen (Le Quotidien, Sud Quotidien, Wal Fadjri) werden grundlegende Qualitätskriterien verletzt. Ablesbar ist dies in der ideologischen Ausrichtung sowie in der Verletzung der Regeln der Sachgerechtigkeit, der Glaubwürdigkeit der Information und der Ausgewogenheit der Themenagenda. Ferner ist auch ein Mangel an Respekt gegenüber der Privatsphäre und der soziokulturellen Tradition zu nennen. Diese Identitätskrise hängt jedoch mitnichten mit der ethnischen Zugehörigkeit der senegalesischen Journalisten zusammen. Obwohl auffällig viele Journalisten der Ethnie der Pulaar entstammen, die eine traditionelle Affinität zum Wissen beanspruchen, sind die Gründe für die Identitätskrise einzig im soziopolitischen Kontext und in den kulturellen Praktiken zu suchen: Besonders die politischen und religiösen Akteursgruppen streben nach öffentlicher Repräsentation und nach Zugang zu Ressourcen. Dabei beschneiden sie den Spielraum von Journalisten und der Zivilgesellschaft. Allerdings sind von der Interpenetration der Akteurssphären und -rollen auch die Journalisten nicht ausgenommen.

 

Dr. Frank Wittmann beschäftigt sich mit Cultural Studies, Entwicklungskommunikation, Medienkultur und Konfliktforschung. Er hat Feldforschung in mehreren Ländern Westafrikas betrieben und arbeitet derzeit als Public Information Officer bei der UNO Friedensmission in Haiti.

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