![]() |
||||||||||||||||||||
|
08. Mai 2006 Wunderreise auf dem Zauberteppich der Fiktion Das Phänomen "The Da Vinci Code" Morgan Powell Seit Wochen wird "The Da Vinci Code" - zu Deutsch "Sakrileg" - als Skandalfilm zur Eröffnung des Filmfestivals in Cannes angekündigt. Über 40 Millionen Exemplare des gleichnamigen Romans von Dan Brown haben sich bereits verkauft. Die Popularität ist gross, und eine entsprechende Resonanz wird nun auch für den Film von Ron Howard erwartet. Derweil hat der Vatikan die Katholiken aufgefordert, "Sakrileg" zu boykottieren. Was steckt dahinter? "Also, die Figuren sind ja aus Pappe - ich weiss noch nicht mal mehr den Namen von diesem Professor. Aber die Geschichte fasziniert - da kann man nicht aufhören, darüber nachzudenken!" - Museumsdirektor einer US-amerikanischen Universität. "He, es ist doch nur ein Buch, ein Buch, versteht Ihr? Ein Roman, mehr nicht. Fiktion ist Fiktion, sie soll ja unterhalten!" - Amerikanische Leserin, 22. Wie repräsentativ diese "live" entgegengenommenen Urteile zum 40-Millionen-Seller "The Da Vinci Code" sind, kann man in Weblogs und anderen Diskussionsforen im Internet nachprüfen. Dort finden sich unendliche Variationen davon, und noch ganz andere. Hier sollen sie eine These unterstreichen: Die Diskussion zu Dan Browns Roman, die vorwiegend als Debatte zu den Grundsätzen des christlichen Glaubens stattfindet, sollte viel eher als eine Diskussion über das Wesen und den Wert der Fiktion geführt werden. Fiktion oder Faszination: Browns ungeheuerer Erfolg ist unbestreitbar eines der wichtigsten Ereignisse in der Geschichte der modernen Buchlektüre. Noch einmaliger als die schwindelerregenden Verkaufszahlen des Schmökers ist seine unglaublich nachhaltige Präsenz - in Amerika fing das Phänomen schon vor mehr als drei Jahren an - in Medienschlagzeilen jeder Art. Die Verfilmung des Romans, die Mitte dieses Monats ihre lang erwartete Kinopremiere feiern wird, kann man wohl jetzt schon als publizistischen Grosserfolg verbuchen. Was bedeuten 40 Millionen Exemplare in 44 Sprachen? Bereits 161 Wochen ununterbrochen auf der Bestsellerliste der "New York Times". Über 76 Millionen Dollar Gewinn für den Autor allein im ersten Jahr. In der Folge sind auch die drei früheren Romane von Brown in die obersten Plätze hinaufgeklettert - Bücher, die bei ihrer Erstveröffentlichung kaum zur Kenntnis genommen wurden. Ein geschichtliches Novum ereignete sich, als im Dezember 2004 alle vier obersten Plätze der Bestsellerliste der englischen "Sunday Times" von einem Autor belegt waren. Sowohl in den USA als auch in Grossbritannien lässt der Verkauf kaum nach. Inzwischen soll Brown um über 300 Millionen Euro reicher geworden sein. Das US-Nachrichtenmagazin "Time" nannte ihn unter den derzeit einflussreichsten Menschen der Welt. Das Buch wird in der amerikanischen Presse als "eines der wichtigsten glaubensbezogenen Bücher seit der Bibel" taxiert. Darüber sollte man nachdenken, wenn nicht über Browns Geschichte selbst. Was an Dan Browns Schmöker fasziniert, liegt so weit jenseits von literarischer Qualität wie von den üblichen Qualitäten des Thrillers, von denen der Büchermarkt Alternativen in Überfülle bereitstellt. Wie er es selbst schon 2003 in einem Interview zugab, sei der Erfolg keineswegs eigener Verdienst, sondern er habe seinen Grund vielmehr in dem behandelten Thema: einer angeblich bald zwei Jahrtausende alten Verschwörung, die das wahre Wesen des legendären "heiligen Grals" verheimlicht. Der Gral wäre kein Gefäss im üblichen Sinne eines Gebrauchsgegenstandes, dafür aber umso mehr im Sinne der Physiologie. Er wäre das Gefäss allen Lebens, die Gebärmutter, und zwar die der Maria Magdalena, die damit keinen geringeren Spross zur Welt brachte als eine leibliche Tochter des Erlösers, die im ehelichen Akt (Brown besteht auf einen Ehebund von Magdalena mit Christus) leiblich empfangen wurde. Die Erben dieser Blutlinie würden heute noch in Frankreich aufzufinden sein - hätte die aufwändige Geheimhaltung ihrer Identität nicht jeden Aufdeckungsversuch bisher vereitelt.
Der Hintergrund: ein Plagiat Eben dieser gewagte Gehalt brachte Brown im vergangenen Februar vor ein englisches Gericht. Nicht der Blasphemie oder der Verleumdung wurde er jedoch beschuldigt, sondern des Plagiats. Es stellte sich heraus, dass Brown, getreu seinen eigenen Beteuerungen zum "historischen" Hintergrund des Romans, diese Ideen schon bei den britischen Autoren Baigent, Leigh und Lincoln in ihrem 1982 erschienenen "Sachbuch" "The Holy Blood and the Holy Grail" gefunden haben könnte. Die diesbezügliche Anklage von Baigent und Leigh liess den zuständigen Richter aber nicht lange zweifeln. Anstatt Anteil an Browns Millionen zu bekommen, dürfen die beiden ihre eigenen Gerichtskosten tragen und darüber hinaus dem nach englischem Recht angeklagten Verlag, Random House, stattliche 1,27 Millionen Pfund zurückbezahlen. Nichtsdestoweniger brachte das Plagiatsverfahren die Faszination von Browns Roman auf ihren wahren Punkt. Denn die Lektüre von "The Da Vinci Code" ist vor allem ein Spiel mit der Wahrheit, das den Leser dazu einlädt, die Gültigkeit einiger für die westliche Kulturgeschichte fundamentaler "Wahrheiten" zu suspendieren, derweil die Handlung selbst hierfür den mysteriösen Ersatz Stück für Stück enthüllen soll. Das heisst, die Faszination des Leseerlebnisses liegt tatsächlich nicht in Browns "Story", sondern in dem, was man sonst als ihren "historischen Hintergrund" bezeichnen würde. Damit erklärt sich, was so vielen Experten vor dem Prozess nicht einleuchten wollte: warum Baigent und Leigh sich überhaupt auf diese Schnitzeljagd eingelassen hatten. Die Kläger behaupteten konsequent, dass selbiger "Hintergrund" nichts anderes als die "treibende Architektur" und das "zentrale Thema" ihres eigenen Werkes sei. Der Erfolg des "Da Vinci Code" gehöre somit rechtmässig zu einem guten Teil ihnen. Wer beide Bücher kannte, dem schien die Anklage soweit auch durchaus gerechtfertigt. In diesem Fall aber durfte die Abhandlung der Kläger, "The Holy Blood and the Holy Grail", selbst kein wissenschaftliches oder gar pseudowissenschaftliches Werk, kein Sachbuch, sondern allein die Schöpfung eigener Erfindungskraft sein - "Fiktion" also. Denn Brown konnte man nicht vorhalten wollen, dass er die "Fakten" eines Geschichtsbuches - seien sie noch so umstritten - nicht zur Grundlage eines fiktionalen Werkes nehmen durfte. Die Klage von Baigent und Leigh scheiterte daran, dass sie ihren fantasievollen Umgang mit der Kategorie Sachbuch nicht nachträglich als sachlichen Umgang mit der Kategorie Fiktion verkaufen konnten, jedenfalls nicht vor Gericht. Auf dem Büchermarkt dagegen ist wohl alles möglich. So jubelte das Magazin "The Bookseller" nach dem Prozess, "The Da Vinci Code" habe "unversehentlich ganze Genres der Literatur vor dem Ruin gerettet." Damit sind wohl dieselben dubiosen Zwischengenres gemeint, unter die Browns Roman ebenso zu zählen ist wie die Erzeugnisse der Baigents und Leighs dieser Welt. Wie die Zahlen es unleugbar belegen, ist der Pseudoroman die weitaus potentere Variante dieses Spiels. Die ganze Welt schaute auf den eigentlich eher kläglichen Londoner Prozess, und sie meinte wohl darin zu sehen, was sie sehen wollte, eine Bestätigung der Glaubwürdigkeit von Dan Brown, wenn nicht gar von der Authentizität seiner eigenen Abhandlung christlicher Urgeschichte. Damit ist bei aller Korrektheit des Urteils keine Gerechtigkeit geschehen, und leider auch kein Verdienst an der literarischen Öffentlichkeit. Man nehme nur die Autoren beider Werke "beim Wort", d.h. man beurteile ihre Werke, wie sie sie selbst präsentieren, als Geschichte und Fiktion zugleich, und man käme zu einem anderen Schluss. Denn was wollten Baigent und Leigh mit ihren Begriffen "wesentliche Architektur" und "zentrales Thema" eigentlich umschreiben? An diesen Begriffen hing in ihren Augen die analoge Konstruktion beider Werke, und nicht an der einfachen Wiedergabe "geschichtlichen" Wissens. Die Antwort liegt in einer zusätzlichen Genremutation. Am besten müsste man beide Werke als Geschichtskrimis einstufen, eine Art Detektivhistorie, in der das Verbrechen, das es aufzudecken gilt, eine verborgene Weltgeschichte ist. Diese bildet den eigentlichen Wahrheitsgehalt des Werkes, und nicht bloss den faktischen Hintergrund. Den Reiz eines Krimis macht die Raffinesse in der Erfindung des Verbrechens und ihrer Verhüllung aus; Dan Browns Thriller lebt von diesem Reiz. Aber er hebt sich von jedem anderen Thriller dadurch ab, dass das Verbrechen nicht um seiner selbst Willen aufgedeckt wird, sondern um der Wahrheit Willen, um die Geschichte der Menschheit angeblich zurecht zu rücken. So betrachtet hatte Brown in der Tat nichts anderes vor, sein zentrales Anliegen - die "treibende Architektur" seines Romans - war kein anderes als das, was Baigent, Leigh und Lincoln schon unter einer anderen Variante der Genreverstellung zwanzig Jahre früher vorgenommen hatten.
Kleine Häppchen für die Massen Damit können wir Baigent und Leigh zurücklassen. Ihr Missgeschick ist allein nützlich, um dem Wesen des Ereignisses näher zu kommen. Dan Brown hat den Thriller, den Massenmarktroman, als Vehikel für Propaganda entdeckt, als Geheimwaffe in einem uralten Unterfangen: die geistige Kolonialisierung der Vergangenheit zur Rechtfertigung einer Umkrempelung der Gegenwart. Die Geschichtsschreibung nach Gelehrtenmanier taugt zu diesem Zweck nicht mehr. Das liegt nicht an einem ethischen Fortschritt der Historiographie, auch nicht in erster Linie an der jede Aufnahmefähigkeit überschwemmenden Fülle an verfügbaren Studien. Es liegt in erster Linie am Sieg der Massenmedien über das einstige öffentliche Diskursmonopol der intellektuellen Eilten. Die Ansichten der Kritiker, der Historiker und anderer mit Diplom und Lehrstuhl ausgestatteten Experten, traditionell durch Zeitungen und Magazine vertreten, erreicht das Publikum nicht, auf das es hier ankommt. Dieses Publikum bekommt über andere Vermittlungskanäle wiederum genügend Bestätigung für seine Interessen - etwa im Internet, Fernsehen oder Radio; dort wo man zunehmend selbst aussucht, was man sehen oder hören soll. Es ist das Produkt einer politischen Kultur, in der es allein auf die Masse der Aufmerksamkeit ankommt, und nicht auf die Qualität oder Urteilskraft. In diesen nunmehr frei dem "Appetit" überlassenen Diskursraum tritt Dan Browns Aneinanderreihung von 105 knabbergrossen Kapitelchen und bietet das publizistische Äquivalent von Kartoffelchips. Die ganze Tüte wird verschlungen, "eh man sich versieht", d.h. in einem Zustand geistiger Halbwachsamkeit, die einzige Art Textverzehr von 600 Seiten, die dem heute im Drahtnetz der elektronischen Kommunikation zappelnden Durchschnittsbürger noch die Kehle runtergeht. Zur "Mastikation" und "Rumination" der gelesenen Worte - in solchen Begriffen drückte die älteste europäische Lesekultur, die der (historisch authentischen) Mönche, ihr Verständnis von Lektüre als Verzehr und Verdauung aus - haben nur noch Kühe die nötige Ruhe. Wie anfangs zitiert, sei heute für den halbwachsamen Leser ein Buch eben "nur ein Buch", auf jeden Fall harmlos, allenfalls unterhaltsam. Das alles weiss Dan Brown sehr wohl - er beschwört die eigene "sehr kurze Konzentrationsspanne" als Erklärung für die trefflich verschlingbare Kürze seiner Kapitel. In anderen Dingen macht er es einem nicht so leicht, möglichen Sophismus von Naivität zu trennen. So scheint Brown aufrichtig, ja sogar leidenschaftlich von der geschichtlichen "Wahrheit" seines "Hintergrunds" überzeugt zu sein. Dafür, dass er das Buch von Baigent und Co. für eine durchaus legitime historiographische Quelle hielt, steht sein eigener Text Zeuge: Als Höhepunkt der zentralen Aufklärungsszene lässt er den grössten und weitsichtigsten Geist des Romans, Leigh Teabing (Anagramm für Baigent, eine verschlüsselte Hommage an den Autoren von "Holy Blood and Holy Grail"), eben jenen Titel vom "eigenen" Bibliotheksregal herunterholen und daraus vorlesen. Wie das Plagiatsverfahren klarmachte, käme das unter anderen Annahmen einem Schuldbekenntnis gleich. Und unter den möglichen Leserfragen, die Brown auf seiner Webseite beantwortet, befindet sich diese: "Was soll ich glauben, Ihren Roman, oder das, was ich in der Schule lernte?" Die Antwort ist kaum zu übersetzen, denn sie versteckt sich hinter einer nur im Englischen möglichen Vermengung der Begriffe "faktisch" und "geschichtlich": "How historically accurate is history itself?", fragt Brown zurück. Demnach gäbe es eine faktisch feststellbare Geschichte, allein von der Historiographie werde sie selten erkannt. Darüber, welches Mittel der Erkenntnis an die Stelle treten soll, gibt wiederum Teabing Auskunft: "Am Ende wird es eine Frage des Glaubens und der persönlichen Entdeckung, welche Version der Geschichte einen selbst überzeugt, aber zumindest ist die zutreffende Auskunft uns überliefert." Die Argumentation bewegt sich ständig in einem Kreis zwischen angeblich offener Interpretation und doch eindeutiger "faktischer" Überlieferung!
"historically accurate" Eine eindeutigere Sprache hat Brown in ersten Interviews nach der Publikation des Romans geredet, zu einer Zeit, als er selbst kaum etwas von dem bevorstehenden, historischen Erfolg des Buches ahnen konnte: "Fiktiv in 'The Da Vinci Code' sind allein die Figuren und der Verlauf der Handlung", beteuerte er gegenüber "National Public Radio" in den USA, "sämtliche Schauplätze, die Gemälde, die Darstellung geschichtlichen Altertums, die geheimen Dokumente, die Rituale - das ist alles faktisch belegt." Einfacher noch behauptete er bei CNN: "Im Hintergrund der Handlung ist alles wahr." Das kann aber nur heissen, "historically accurate" ist zwar selten die "History", jedoch immer die Krimihistorie. Dan Brown versteht seinen Roman als die authentische Vermittlung der sonst nicht zugänglichen historischen Wahrheit. Und dieser Standpunkt ist trotz Koketterie und Verstellung für das Erlebnis der Lektüre - ob bewusst oder unbewusst - wesentlich bestimmend. Die Kombination von empirischen Fakten und fiktiver Handlung macht das Grundgewebe literarischer Fiktion selbst aus: sogar im "Fantasy"-Genre werden nur gewisse Gesetze und Grenzen unserer Realität aufgehoben, während andere selbstverständlich als Grundlage der Identifikationsmöglichkeit unangetastet bleiben. Solches verdient an sich nicht hervorgehoben zu werden, und löste schon bei Abertausenden anderen Romanerfolgen keine Diskussion aus. Was hier auf dem Spiel steht, und weshalb die Fiktion Browns Geschichtsumdeutung vor dem Vorwurf der Scharlatanerie keinen Schutz bietet, wird durch einen Blick zurück auf die Kontroverse um Glauben, Geschichte und Wahrheit beleuchtet, die vor zwei Jahren um Mel Gibsons "The Passion of the Christ" ausgebrochen war. Gibson wurde vorgeworfen, die Geschichte der letzten Leiden Jesu einer höchst eigenen und vor allem der visuellen Sensationsgier ausgelieferten Vision unterworfen zu haben. In der Schrift stehe nichts dergleichen. Seinerseits behauptete Gibson, er habe für eine historisch authentische Wiedergabe grosse Mühe aufgewendet (Brown lässt grüssen); und als Autorität zitierte er den Papst selbst, der nach einer Privatpremiere gesagt haben soll, in Gibsons Film sei alles, wie es damals war. Später stellte sich heraus, dass die päpstliche Sanktion jemand in Gibsons Lager wohl erfunden habe. Doch diese Feststellung nahm weder der Debatte ihre Brisanz noch Gibsons Film seine unwiderstehliche Anziehungskraft. Und die eigentliche Wohnstatt der Wahrheit blieb ungeortet. Gibson hatte nicht, und konnte nicht "historische" Authentizität auf die Leinwand bringen, er hatte sich auch nicht an die spärlichen Hinweise der Heiligen Schrift gehalten. Nichtsdestoweniger berichteten Millionen von Zuschauern von einer Erfahrung, die sie zutiefst erschüttert habe. Und diese lag nicht, oder zumindest nicht nur an dem in der intellektuellen Presse immer wieder verschrienen Blutbad, sondern an einer authentischen Begegnung mit dem wahren Gesicht menschlichen Leidens, mit dem Kern der Wahrheit, der unter den vielen kosmetischen Schichten der zerfleischten Kinohaut Jesu verborgen lag. In diesem Bereich, jenseits von Wahrheit und Lüge, Faktum und Fiktion, lag die einzige stichhaltige Rechtfertigung für Gibsons Werk; sie ist dieselbe, die seit Jahrhunderten für jede Passionsdarstellung gilt, auch wenn nicht alle Leser oder Betrachter sich des Unterschieds zwischen dieser Art sublimer Wahrheitsfindung und der Begegnung mit historisch verbürgten Fakten bewusst gewesen sein mögen.
Nichts oder jedes Wort Nicht von ungefähr geht die Geburtsstunde des europäischen Romans mit der Herausbildung einer stark affektiv betonten Identifikation in der Verehrung der Passion einher - beide erleben ihre erste grosse Blüte in der Zeit um 1200. Denn auch in der literarischen Fiktion soll die Wahrheit weder in Fakten noch in Schriftworten zu suchen sein, sondern in der Authentizität der Wirkung, im Nachvollzug der inneren Erfahrung des Andern. Mittels der anfangs erwähnten Pappfiguren ist so etwas nicht zu erreichen. Diese Erfahrung will weder verborgenes Wissen enthüllen noch heischt sie nach Glaubwürdigkeit mit dem Hinweis auf verstaubte Archive. Im Gegenteil: Die fingierten Ereignisse der Fiktion sollen es erlauben, menschlichen Erfahrungen näher zu kommen und deren inneres Gewebe besser zu beleuchten, in einer Form, in der sie jedem ungeachtet des Bildungs- oder Wissensstandes zugänglich werden. Brown dagegen hat es verstanden, ferne und schlecht verstandene, komplexe historische Zusammenhänge jedem näher bringen zu wollen, der unzureichende Kenntnisse besitzt, um sie zu überprüfen. Die Wahrheit der Fiktion ist Menschennatur, folglich für jeden Menschen zu erkennen; die Fiktion von Browns Kirchengeschichte dagegen ist auch für den Fachmann nicht von einem faktischen Hintergrund zu unterscheiden. Es wird hier mit dem Durcheinander an faktisch Belegtem und fantastisch Zugedichtetem so willkürlich verfahren, dass allein zwei Möglichkeiten bleiben: Entweder misstraut man grundsätzlich allem "Wahrhaftigen" dieses Textes oder man glaubt ihm schlichtweg jedes Wort. Damit wäre der eigentliche Gehalt von Teabings Aussage entschlüsselt. Die Fiktion selbst ist hier nur ein Code, eine Verschlüsselung der Wahrheit, deren Entschlüsselung schliesslich in Reichweite jedes Lesers liegt, der seine "persönliche Entdeckungsreise" dem Glauben an Dan Browns Führerschaft unterwirft. Diese Feststellung ist aber nicht ohne Konsequenzen für eine Prognose im Zeichen der bevorstehenden Filmpremiere. Im simulierten 30-Stunden-Ablauf des Romans spielt die Identifikation mit den Figuren trotz ihrer Eindimensionalität eine Rolle, denn der Leser erfährt alles, was diese erfahren, wie in Echtzeit. Ihre Wahrheitsentdeckung ist auch unsere. Aber dieselben dreissig Stunden werden im Kino auf zwei bis drei reduziert werden, und es ist kaum zu erwarten, dass das Movie-Medium den schon im Roman künstlich aufgesetzt wirkenden pseudowissenschaftlichen Erläuterungen hier den Vortritt lassen wird. Man darf daher bezweifeln, ob der Film zur öffentlichen Wirkung des Romans noch etwas beizusteuern vermag. Im Gegenteil, die Vermutung liegt nahe, dass die klar abgetrennte Fantasielandschaft der Leinwandwelt endlich das erreicht, was die aufgebrachten Gegner, die Literaturkritiker, die vergangene Zeit und der "common sense" noch nicht erreichen konnten: die Trivialisierung dieser scheinbar unendlich anhaltenden Sensation, ihre entscheidende Verrückung ins Reich der Fantasie. Es gilt heute nach wie vor: Lesen tut man, um sich zu bilden, um sich zu informieren, um innerlich zu wachsen - und zeitweilig um der reinen Unterhaltung willen. Ins Kino geht man um zwei Stunden im Land der Träume zu verweilen und dann mit klarer physischer Abgrenzung wieder nach Hause zu gehen. Hier soll der innere Wert solcher Erfahrung mitnichten bestritten werden. Es geht um etwas anderes. Das kontinuierliche und mehrschichtige Verwischen der Grenzen zwischen Fiktion und Realität, Fantasie und Sachlichkeit, das die einzige kunstvolle Leistung von Browns Roman ausmacht, wird dem Kinoerlebnis abhanden gehen. Was bleibt, wird die Aufmerksamkeit solange im Bann halten, wie das Spiel aus Licht und Schatten braucht, um uns vor der weissen Leinwand wieder aufwachen zu lassen. Damit könnte Browns eigener Zauberreise allmählich ein Ende bereitet sein.
Übertragung der Zitate aus "The Da Vinci Code": Morgan Powell.
Druckversion: pdf (Zur
Ansicht im pdf-Format benötigen Sie den Acrobat
Reader)
|
|||||||||||||||||||