14. Dezember 2004

Die Selbstüberbietungsspirale

Krisenberichterstattung im Angesicht des Terrors

Stephan Alexander Weichert

Medien und Terrorismus haben eines gemeinsam: die Suche nach grösstmöglicher Aufmerksamkeit. So scheinen sie sich in der Verbreitung von Schreckensnachrichten gegenseitig überbieten zu wollen. Der Informiertheit des Publikums dient dies wenig, wohingegen die Emotionalisierung dem Terrorismus in die Hände spielt.

Osama Bin Laden und seine barbarischen Komplizen haben nicht nur die Grundpfeiler der Aussenpolitik ins Wanken gebracht, sondern auch die Medienwelt auf den Kopf gestellt: "Im neuen Terror ist alles erlaubt, und die Ideen scheinen nie auszugehen", schreibt Nicolas Richter in der "Süddeutschen Zeitung" (2004: 2). Selbst regionale Kämpfer setzten – wie bei der Anschlagsserie diesen Spätsommer in Russland – zunehmend die Lehren des weltweiten Al-Qaida-Terrors um – "um möglichst gross, medienwirksam und rücksichtslos zuzuschlagen. (...) Die Aufmerksamkeit der ganzen Welt ist über Fernsehen und Internet tagelang gesichert, der Schock gross und am Ende auch die Zahl der Opfer hoch". Aber nicht nur spektakuläre Geiselnahmen wie im südrussischen Beslan Anfang September und mörderische Bombenattentate wie im spanischen Madrid Mitte März sichern dauerhaft die Medienaufmerksamkeit. Auch Terrorbotschaften per Video verfehlen ihre Wirkung nicht.

 

Erstes Bekenntnis zu 9/11

Bin Laden bekannte sich Anfang November in einer Video-Botschaft, die eiligst vom arabischsprachigen Sender Al-Dschasira ausgestrahlt wurde, erstmals direkt zu den Anschlägen vom 11. September 2001 – und das ausgerechnet vier Tage vor der US-Präsidentschaftswahl: "Your security is not in the hands of Kerry or Bush or al-Qaida. Your security is in your own hands. Any nation that does not attack us will not be attacked" (CNN 2004: 1). Nach den Audiokassetten vom April 2004 mit deutlichen Bekenntnissen zu den Bombenanschlägen von Madrid war es das erste Video des Al-Qaida-Chefs seit knapp drei Jahren – und der offensichtliche Beweis dafür, dass der meistgesuchte Mann der Welt noch immer sein Unwesen treibt. Wieder wurde die Botschaft von den Medien unmittelbar gesendet, und wieder versuchte die Politik Einfluss zu nehmen: So setzte sich der US-Botschafter mit Katar, dem Hauptsitz von Al-Dschasira, umgehend in Verbindung und bat die dortige Regierung, ihren Druck auf das Management des arabischen Senders zu erhöhen, um eine Ausstrahlung zu unterbinden – ohne Erfolg, auch wenn das Video nicht in seiner kompletten Länge und auch kein zweites Mal gezeigt wurde.

 

Video on demand

In der Vergangenheit waren solche Druckversuche kein Einzelfall: Die USA hatten sich schon des öfteren über die aus ihrer Sicht unkontrollierte Berichterstattung Al-Dschasiras echauffiert und die Regierung Katars mehrfach aufgefordert, die Verantwortlichen des Nachrichtensenders "zu zügeln" – mit welchen Druckmitteln auch immer. Seit Sender wie Al-Dschasira die arabische Medienlandschaft vom "okzidentalen Informationsmonopol" (Rayyan 2002: 56) befreit haben und mit englischsprachigen Programmen den Rest der Welt regelmässig mit Nachrichten aus der Region versorgen, ist es für die herrschende politische Klasse – ob Orient oder Okzident – zunehmend schwieriger geworden, Informationen nach ihrem Gusto zu steuern. Und ebenso wenig wie das Westpublikum können auch die Westjournalisten wegschauen, wenn regionale Sender vor Ort berichten – etwa als Al-Dschasira als einziger Nachrichtensender während der heissen Phase des Afghanistankriegs schonungslos aus Kabul berichtete.

 

Simple Erfolgslogik

Doch die eigentliche Medien-Zäsur markierte schon 9/11: Unzählige Echtzeit-Berichte, die Omnipräsenz der Bilder und die Anstrengungen der Medienschaffenden, ihre Logistik und Dramaturgie einem einzigen Geschehnis über Wochen und Monate anzupassen, haben ein neues Klima der Ereignisberichterstattung entstehen lassen (vgl. Beuthner et al. 2003). Neben einer Abhängigkeit der Terroristen von den Medien, wird zunehmend auch eine gewisse Abhängigkeit der Medien vom Terrorismus registriert (vgl. Weichert 2004b): Diese gegenseitige Abhängigkeit könnte, so der Siegener Publizist und Medienwissenschaftler Klaus Kreimeier, "zu einem zentralen Problem demokratischer Gesellschaften werden, die auf umfassende Informationen, Ursachenanalyse, gesellschaftliche Debatten und politische Diskurse angewiesen sind" (taz 2004: 11). Dabei ist es nicht nur die Mischung aus einem aufgeregten "Realtime-Reflex" seitens der Journalisten und einer Mentalität der "Breaking News" seitens der Fernsehgesellschaften, die dieses grausame Wechselspiel begünstigen. Vielmehr, so Kreimeier, sei eine "simple Erfolgslogik" dafür verantwortlich: Im Zuge der Globalisierung der Nachrichten funktioniere auch die Bewusstseinsindustrie nach den Gesetzen des Marktes. Terrorismus und Medien folgten daher einem "Zwang zur Selbstüberbietung": Wo sich die einen durch Gewaltanwendung und Massenmord einen maximalen Störeffekt erhoffen, wünschen sich die anderen durch dramatisierende und emotionalisierende Gewaltberichterstattung den maximalen Marktanteil.

 

Mediale Verwertungskette

Das 24-Stunden-Nachrichtengefäss der Fernsehsender will gefüllt werden und duldet keinen Informationsstopp. Hinzu kommt die grosse News-Konkurrenz: das Internet, über dessen Kanäle sich Informationen jeglicher Absender ihre eigenen Wege zum Adressaten bahnen, seien es Hinrichtungsvideos, Folterbilder, Terrorismuspamphlete oder Extremisten-Sites mit Anleitungen zum Kidnapping, zum Gebrauch von militärischem Equipment oder zum "Krieg in den Städten", wo Interessierten erklärt wird, wie sie per Mobiltelefon eine Bombe zünden oder Hilfe zum Selbstbau von Schulterraketen erhalten (vgl. Lipton/Lichtblau 2004: A 12). "Freilich sind die Terroristen mit ihrer Web-Strategie nur deshalb erfolgreich, weil es eine funktionierende mediale Verwertungskette für ihre Propaganda gibt", erklärt Yassin Musharbash (2005: 74). "Ohne die Hilfe tausender Sympathisanten, die das blutigste Material von den relativ versteckten Webseiten der Terrororganisationen in die ungleich bekannteren, grossen arabischsprachigen Diskussionsforen posten, liefe ihre Strategie ins Leere". Erst in diesen Foren stiessen dann für gewöhnlich auch die westlichen Nachrichtenagenturen auf Bekennerschreiben, Hinrichtungsvideos und Strategiepapiere aus dem Umfeld von Al-Qaida.

 

Das A und I des Terrorismus

Seit dem 11. September ist Musharbash ein gefragter Mann. Der 28-Jährige ist als Volontär bei "Spiegel Online" mit Terrorfragen aller Art befasst, vor allem wenn es um die Verbreitung extremistischer Botschaften von Sympathisanten aus dem Umfeld von Bin Laden und Al-Qaida via Internet geht. Und seit längerem gibt Musharbash, der Arabistik und Politikwissenschaft in Göttingen und Palästina studiert hat, nebenbei Nachhilfe in Sachen "Medienarabisch". Unter dem Titel "Fallstricke für Journalisten" bringt er TV-Journalisten in Weiterbildungskursen die richtige Schreibweise und Aussprache arabischer Namen und Worte bei und gibt ihnen Tipps, wie sie mögliche Recherchefallen umgehen können. Seit beinahe im Wochenrhythmus Berichte von Terroranschlägen über den Äther und Köpfungsvideos online gehen, haben Leute wie er viel zu tun. "Das Interesse an journalistischen Fortbildungen zum Thema 'islamische Welt' ist seit dem 11. September merklich gestiegen", sagt Musharbash. Um Licht ins Dunkel der weltweiten Terrorverschwörung zu bringen, ist Hintergrundwissen über terroristische Aktivitäten unentbehrlich geworden. Und während das korrekte Aussprechen von arabischen Namen wie Al-Qaida (sprich: langes 'a', kurzes 'i') der besseren Phonetik dient und eine falsche Schreibweise zu Recherchepannen führt – allein für die Terrororganisation wurden kürzlich neun verschiedene Schreibweisen ermittelt –, können falsche Übersetzungen terroristischer Bekennerschreiben schwerwiegende politische Folgen haben.

 

Terrorexperten in den Redaktionen

"Terrorismus ist eben derzeit eines der Top-Themen", erklärt Musharbash. "Und wenn Redaktionen den Anspruch haben investigativ zu arbeiten, müssen sie bereit sein, Zeit und Ressourcen zu investieren". Doch viele kleinere Redaktionen in Presse und Rundfunk können sich keine Fortbildungsmassnahmen leisten, geschweige denn einen Terrorspezialisten, was ihre Krisenberichterstattung fehleranfällig macht. Gerade im Fernsehjournalismus, der auf Ereignisse mit terroristischem Hintergrund meist ad hoc reagiert und allzu oft dem Druck erliegt, schnelle Einschätzungen zu liefern, ist das Fehlerpotenzial im Redaktionsalltag grösser geworden. "Die Begriffsverwirrung ist eines der grössten Probleme in der Berichterstattung", sagt Andreas Cichowicz, seit Mai 2004 Chefredakteur des NDR-Fernsehens, dessen Fortbildungsstelle Musharbash für Mitarbeiterseminare seit zwei Jahren regelmässig engagiert. Bei der Einschätzung von Terrorgefahren gibt es laut Cichowicz noch "zu wenig Handlungsmuster, wann wir eine Gefährdung melden sollten oder wann eine Meldung eher Panik erzeugt". Ähnliche Schwächen in der TV-Terrorberichterstattung sieht auch RTL-Nachrichtenchef Michael Wulf: "Ich glaube, dass man es schaffen muss, den Zuschauern das Thema richtig rüberzubringen, weil sie das alles nicht richtig einschätzen können". Daher glaubt Wulf, dass künftig jede grössere Redaktion, ob Presse oder Fernsehen, ihren eigenen Terrorexperten braucht – "so wie früher jeder seinen politischen Korrespondenten hatte". Überhaupt habe das Thema Terrorismus nach dem 11. September 2001 "einen ganz anderen Stellenwert bekommen", so Wulf.

 

Alles im Griff?

Viele Redaktionsleiter fühlen sich mittlerweile bestens gewappnet gegen künftige Terrorereignisse: "Seit dem 11. September 2001 hat N24 klare Strukturen geschaffen und sich intensiv auf eventuelle ähnliche Situationen vorbereitet", sagt etwa N24-Chefredakteurin Marita Schöps. Neben zusätzlichen Experten, die dem Nachrichtensender zur Verfügung stehen, habe "die ProSiebenSat.1-Media AG senderübergreifend Breaking-News-Telefonketten eingerichtet und wichtige Prozesse – etwa Crawls auf den Vollprogrammen – abgestimmt und kommuniziert". Auch die ZDF-Nachrichtenredaktion hat aus den Terroranschlägen vor drei Jahren logistische Konsequenzen gezogen: "Wir haben uns technisch und redaktionell so aufgestellt, dass wir jederzeit das Programm durch 'Breaking News' unterbrechen können", erklärt "heute"-Chefin Bettina Warken. Ausserdem habe man einen erfahrenen Fachredakteur, der exzellente Kontakte zu Behörden und Geheimdiensten pflege. Lediglich beim NDR, der am 11. September federführende Sendeanstalt der ARD war, haben sich keine grösseren Veränderungen ergeben, behauptet Chefredakteur Cichowicz. Dort existiere für Grossereignisse und Katastrophen schon länger "ein Masterplan". Der NDR fühle sich, was die Terror- und Krisenberichterstattung angeht, gut organisiert. Immerhin, räumt Cichowicz ein, habe man doch etwas gelernt, nämlich "wie wichtig es ist, 'zuerst' auf dem Schirm zu sein". Doch Schnelligkeit allein, auf die viele TV-Verantwortliche grossen Wert legen, trägt noch nicht zu einer Qualitätssteigerung der Terrorismus- und Krisenberichterstattung bei. Denn im Wettlauf um die ersten und besten Bilder liegen Sensationslust und Chronistenpflicht oftmals dicht beieinander (vgl. Weichert 2004b).

 

"Facts and Figures" statt Hintergründe

Trotz vieler Einsichten und Vorkehrungsmassnahmen hechele man im Journalismus immer noch "einer Art Ereignisberichterstattung hinterher", glaubt etwa der Erfurter Kommunikationswissenschaftler Kai Hafez. "Defizite liegen vor allem darin, dass Journalisten das Phänomen des internationalen Terrorismus von der Substanz her häufig kaum verstehen", findet Hafez. Sie orientierten sich überwiegend an Figuren und Namen wie Bin Laden und Al-Qaida und schnappten instinktiv Reizwörter auf. Dadurch würde jedoch die Ursachen- und Konfliktanalyse des Terrorismus stark vernachlässigt. Auch der Hamburger Politikwissenschaftler Hans J. Kleinsteuber sieht noch erhebliche Mängel in der aktuellen Fernsehberichterstattung, "insbesondere, was Bilder und Stereotypen anbetrifft, mitunter wird auch mit Feindbildern gearbeitet". Kleinsteuber fordert daher eine Ergänzung der journalistischen Ausbildung in praktischer Ethik um friedensjournalistische Elemente, wie sie vor allem in Skandinavien von Johan Galtung und in Deutschland von Wilhelm Kempf erarbeitet wurden (vgl. Weichert 2004a). Dem Konzept des Friedensjournalismus zufolge sollten sich Journalisten weniger für den Kampf interessieren als für den Konflikt dahinter, also die Perspektive des Gegenübers miteinbeziehen und vermehrt über die Ursachen und Motive des Krieges berichten.

 

Journalismus für den Frieden 

Galtung, der als Mitbegründer der Nachrichtenwerttheorie wie kein anderer weiss, dass Kriege und Terrorismus einen besonders hohen Nachrichtenwert haben, fordert seit Jahren einen Journalismus, der sich auf Hintergründe, Folgen und Lösungsmöglichkeiten konzentriert. Seiner Meinung nach müssten Journalisten häufiger über Friedensbemühungen und alternative Konfliktlösungen berichten sowie die Leiden und Opfer aller Beteiligten benennen. Das Pendant "gewaltorientierter Hassjournalismus", wie Galtung die gängige Kriegsberichterstattung nennt, stützt sich dagegen vor allem auf die von ihm erforschten Nachrichtenwerte, wonach etwa Konflikte und Negativität hohe Aufmerksamkeit erzeugen. Hass- oder Gewaltjournalismus propagiere oftmals Gewalt als einziges Lösungsmittel von Problemen, blende Hintergründe aus und konstruiere Feindbilder. Gleichzeitig werde ein "Wir-Sie-Schema" aufgebaut, das Kampf und Sieg in den Mittelpunkt des öffentlichen Interesses rücke (vgl. Galtung 1993 und 1997).

Hier sieht auch Friedensforscher Kempf dringenden Handlungsbedarf. Dem Konstanzer Psychologen zufolge beabsichtigt das Projekt des Friedensjournalismus, "friedenswissenschaftliche Erkenntnisse an Journalisten weiterzugeben und für die journalistische Arbeit fruchtbar zu machen" (Kempf 1999: 1) – indem es die Rolle der Medien als Katalysatoren von Gewalt kritisch hinterfragt. Ein wichtiges Untersuchungskriterium sind für Kempf berufsethische Normen, wenn beispielsweise Journalisten in Kriegssituationen ihre Professionsregeln über Bord werfen, weil sie sich vom strategischen Informationsmanagement der kriegführenden Nationen an der Nase herumführen lassen. Möglicher Desinformation zu misstrauen und auf unnötig polarisierende und dramatisierende Darstellungen zu verzichten, empfiehlt Kempf daher als Richtlinien für eine deeskalationsorientierte Konfliktberichterstattung.

 

Ressortkompetenz "Krisenjournalismus"

Im Zeigen von Gewaltbildern, die bei bestimmten Menschen Lustgefühle erzeugen, erkennt Galtung nicht nur eine "Gewaltpornografie" (2005: 67), sondern insgesamt einen Trend zur Entertainisierung der Fernsehnachrichten. Eine spezielle Ressortkompetenz "Konflikt- und Krisenjournalismus", wie sie derzeit in der Medien- und Kommunikationswissenschaft diskutiert wird, könnte helfen, solchen Tendenzen nachzuspüren und ethischen Grenzüberschreitungen vorzubeugen. "Die Ressortkompetenz Krisenjournalismus versucht, den Strukturschwächen des Journalismus langfristig entgegenzuwirken – in Form von optimierter Infrastruktur und Handwerkszeug", so die Hamburger Kommunikationswissenschaftlerin Irene Neverla. Damit könnten sich Fernsehredakteure im Krisen- und Konfliktmanagement schulen und künftig vermeiden, dass Terrorismus in den Medien als isoliertes Phänomen ohne Kontext dargestellt wird. Insgesamt lassen sich elf Kompetenz- und Infrastrukturbereiche benennen, die einer verbesserten Krisenberichterstattung im Fernsehen dienen (vgl. Weichert 2005):

Materialversorgung: Kontinuierlich Beiträge von Fremdquellen (z.B. BBC, CNN, Al-Dschasira) sichten, archivieren und tagesaktuell verfügbar halten; Infrastruktur weiter ausbauen, u.a. Zugriff auf internationale Bilderpools und unabhängige Aufklärungssatelliten gewährleisten

Synergien: Redaktions-, sender- und branchenübergreifende Kooperations- und Kommunikationsmodelle zum Material- und Informationsaustausch sowie zur Abstimmung von konzertierten Aktionen (z.B. Nachrichtenstopp), um Terroristen kein unnötiges Forum zu bieten

Korrespondentenvertretung: Auslandvertretungen fach- und ortskundiger Korrespondenten in Hauptstädten und Krisenregionen weiter ausbauen und deren ständige Studiopräsenzen gewährleisten (keine "Parachute"-Journalisten)

Internes Expertennetzwerk: Aufbau eines internen Netzwerks von Dolmetschern und Fachleuten, die Bekennerschreiben, Videobotschaften u.ä. übersetzen und interpretieren können

Externe Expertendatenbank: Aufbau und Pflege einer Datenbank für externe Experten; ständige Überprüfung von Seriosität und Aktualisierung der Fachkompetenzen der Ansprechpartner (zur Vermeidung von "Praktikanten-Aufsagern")

Netzwerk Recherche: Geheim- und Sicherheitsdienste, Regierungsstellen und Bundesämter (z.B. Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe) als Informationsquellen nutzen

Live-Logistik: Rund-um-die-Uhr-Koordination von Produktionstechnik und Redaktionsmitarbeitern, um unmittelbar auf Sendung gehen zu können, z.B. mittels Breaking-News-Systemen

Aus-/Fortbildung: Spezielle Schulungen und Trainingskurse für Mitarbeiter anbieten, z.B. Sprachkurse, Hintergrundseminare ("Islam"); Ergänzung der journalistischen Aus- und Weiterbildung um friedensjournalistische Elemente

Guidelines: Notfallpläne mit Verhaltensregeln zur Herstellung von Transparenz der Nachrichtenlage und Handlungsanweisungen in Krisensituationen, um z.B. Panikreaktionen in der Bevölkerung und in Redaktionen zu vermeiden

Planspiele: Szenarien von Terror-, Kriegs- und Krisensituationen redaktionell durchspielen (Atomschlag, Bioterrorismus etc.), um Eventualitäten professionell vorzubeugen (z.B. Wie sendefähig sind wir nach einem Nuklearanschlag?)

Sicherheit: Schutzvorkehrungen für die Sicherheit der in Kriegs- und Krisengebieten beschäftigten TV-Journalisten im Aussendienst treffen

Diesem Elf-Richtlinien-Katalog zur Verbesserung des journalistischen Handwerks in Krisensituationen lässt sich unter Einbezug aktueller Ergebnisse der Medien- und Kommunikationswissenschaft eine übergreifende Forderung anfügen: Um die innewohnende Dominanz, Dynamik und Dramaturgie ihrer Berichterstattung reflektieren zu können, müssen Medienschaffende ihre Instrumente zur Selbstbeobachtung und Selbstkontrolle kontinuierlich optimieren (vgl. Beuthner/Weichert 2005). Nur eine rückblickende, ständige Selbstthematisierung der "Medienkarrieren" von Kriegen, Katastrophen und Konflikten, welche aktuelle Terrorereignisse in den Kontext ihrer Ursachen stellt, kann eine kundige Dauerberichterstattung gewährleisten und die Spirale der Selbstüberbietung von Terroristen und Journalisten aufbrechen.

 

Stephan Alexander Weichert ist Chefredakteur und Herausgeber des Medienmagazins Cover. Er lebt und arbeitet als Medienwissenschaftler in Hamburg.

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Literatur:

Beuthner, Michael / Buttler, Joachim / Fröhlich, Sandra / Neverla, Irene / Weichert, Stephan Alexander (Hrsg.) (2003): Bilder des Terrors – Terror der Bilder. Krisenberichterstattung am und nach dem 11. September. Köln.

Beuthner, Michael / Weichert, Stephan Alexander (Hrsg.) (2005): Die Selbstbeobachtungsfalle. Grenzen und Grenzgänge des Medienjournalismus. Wiesbaden.

CNN (2004): Bin Laden: Al Qaeda motivated to strike U.S. again: www.cnn.com/2004/WORLD/meast/10/29/binladen.tape 

Galtung, Johan / Vincent, Richard C. (1993): Krisenkommunikation morgen. Zehn Vorschläge für eine andere Kriegsberichterstattung. In: Löffelholz, Martin (Hrsg.): Krieg als Medienereignis. Grundlagen und Perspektiven der Krisenkommunikation. Opladen, S. 177–210.

Galtung, Johan (1997): Der Frieden ist das erste Opfer des Krieges – deshalb Friedensjournalismus. In: epd-Entwicklungspolitik H. 20/21, 1997, S. d8.

Galtung, Johan (2005): News sind Entertainment. Interview. In: Cover – Medienmagazin, H. 5, 2005: Realitätsverlust. Wie Medien die Wirklichkeit verzerren. S. 64–67.

Kempf, Wilhelm (1999): Konfliktprävention und Medien. Plädoyer für einen Friedensjournalismus. In: epd-Entwicklungspolitik H. 6, 1999: www.epd.de/entwicklungspolitik/1999/6kempf.html 

Kreimeier, Klaus (2004): Die Normalisierung des Anomalen. In: taz vom 11. September 2004, S. 11.

Lipton, Eric / Lichtblau, Eric (2004): Online and Even Near Home, a New Front Is Opening in the Global Terror Battle. In: New York Times vom 23. September 2004, S. A 12.

Musharbash, Yassin (2005): Der Cyber-Dschihad: In: Cover – Medienmagazin, H. 5, 2005: Realitätsverlust. Wie Medien die Wirklichkeit verzerren. S. 74-76.

Rayyan, Alia (2002): Unzensiert. In: Cover – Medienmagazin. H. 4, 2004: Medien-Apokalypse: Zäsur und Zensur nach dem 11. September. S. 54–57.

Richter, Nicolas (2004): Wachstumsfaktor Grausamkeit. In: Süddeutsche Zeitung vom 2. September 2004, S. 2.

Weichert, Stephan Alexander (2004a): Schreiben für den Frieden. In: Journalist 1/2004, S. 27–30.

Weichert, Stephan Alexander (2004b): Zwischen Sensationslust und Chronistenpflicht. Journalismus in den Fängen des Terrors. In: Medienheft vom 21. Juni 2004, Zürich:
http://www.medienheft.ch/kritik/bibliothek/k22_WeichertStephanAlexander.html 

Weichert, Stephan Alexander (2005): Von der Live-Katastrophe zum Medienereignis. Der 11. September im Fernsehen. Dissertation Hamburg 2005 (im Erscheinen).

 

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