23. November 2004

Behinderung in den Medien

Sichtbar und unsichtbar zugleich

Cornelia Renggli

Menschen mit Behinderung kommen in Nachrichten, Reportagen und Spendenkampagnen häufig vor. Trotz dieser Präsenz leidet das öffentliche Bild an einer Vielzahl blinder Flecken.

Medien haben sich in letzter Zeit verschiedentlich dem Thema Behinderung gewidmet, so etwa in Beiträgen zur Neugestaltung des Finanzausgleichs und der Aufgabenteilung zwischen Bund und Kantonen (NFA), zur Revision der Invalidenversicherung, zu Debatten um die so genannte "Scheininvalidität" oder zum Behindertengleichstellungsgesetz. Man kann also nicht behaupten, Behinderung würde in den Medien zu wenig thematisiert. Gegenüber den manchmal stereotyp wirkenden Darstellungen gibt es jedoch Aspekte, die in den Medien kaum oder keine Berücksichtigung finden.

Was also entscheidet, wann und wie Themen im Zusammenhang mit Behinderung von den Medien aufgegriffen werden? Und was wird dabei sichtbar, was bleibt unsichtbar? Diese Fragen lassen sich mit dem Ansatz der Visuellen Kultur untersuchen, der Phänomene des Sehens und der Sichtbarkeit fokussiert. Dabei wird nicht nur die visuelle Wahrnehmung untersucht, sondern auch die historische, politische und soziokulturelle Perspektive (vgl. Holert 2000: 19). Zudem geht es bei der Frage um Sichtbarkeiten und Unsichtbarkeiten auch um das Verhältnis zueinander (vgl. Foucault 2002: 206), denn das Wechselspiel kann dazu beitragen, Differenzen festzulegen. Gemäss dem Ansatz der Visuellen Kultur lassen sich Medien als Orte verstehen, wo Sichtbarkeiten und Unsichtbarkeiten aufgenommen, hergestellt und der Öffentlichkeit vermittelt werden. Die Auswahl, was sichtbar wird und was nicht, hängt dabei vom Profil der jeweiligen Medien ab. Damit setzen Medien Normen und Werte und haben darin Kirche, Staat, Schule und Familie teilweise abgelöst. Die Medien werden daher nicht nur in ihrer Funktion gesehen, den Alltag zu repräsentieren, sondern werden selbst als Alltag betrachtet.

Studien zur Repräsentation von Behinderung in den Medien kommen je nach Kontext zu unterschiedlichen Ergebnissen: So sieht Peter Radtke (2003) Menschen mit Behinderung kaum anders dargestellt denn als "Bettler" oder "Batman". Colin Barnes (1992) hingegen hat elf verschiedene Darstellungsweisen ausgemacht, die er aber zumeist als stereotyp bezeichnet. Und Rosemarie Garland Thomson (2001), die Behinderung gemäss den Disability Studies als soziales Phänomen betrachtet, unterscheidet die ausserordentliche, rührselige, exotische und alltagsnahe Repräsentationsweise von Behinderung.

 

Von Helden, Opfern, Exoten und Menschen

Früher wurde Behinderung als etwas Ausserordentliches betrachtet. Wunder- und Mirakelbücher dokumentierten Abbildungen von Menschen mit Körperbehinderung, wobei jeweils das Aussergewöhnliche ihres Körpers hervorgehoben und Behinderung als Ausnahmeerscheinung charakterisiert wurde. In der Moderne jedoch gewann die heldenhafte Darstellung an Bedeutung: Gezeigt wird heute etwa, wie Menschen im Rollstuhl Felswände hochklettern. Überhaupt sind solche Repräsentationen häufig in Beiträgen über Behindertensport anzutreffen, wobei allerdings mehr die Behinderung als die sportliche Leistung im Vordergrund steht. Ähnlichen Charakter hatten etwa die Berichte über den verunfallten Skirennfahrer Silvano Beltrametti oder den kürzlich verstorbenen "Superman" Christopher Reeve. Die heroisierende Repräsentationsweise ist gekennzeichnet durch ein Hinaufsehen zu Menschen mit Behinderung, was sich auch in Reportagen über Menschen zeigt, die "trotz" ihrer Behinderung Reisen in ferne Länder unternehmen.

Diese Perspektive des Hinaufsehens kehrt sich bei der rührseligen Darstellungsweise um: Voller Mitleid wird auf Menschen mit Behinderung hinuntergeschaut, die zuweilen als hilflose, leidende Opfer gezeigt werden, die Schutz oder Unterstützung benötigen. Diese Repräsentationsweise lässt Behinderung als sozial lösbares Problem erscheinen und ist oft in der Werbung zu beobachten. Ein Beispiel hierfür ist die Kampagne "Sonnenblumen" von Benetton, die idyllische Bilder von geistig behinderten Kindern und ihren Betreuungspersonen in bunten Kleidern zeigt. Auch Organisationen, die in der Vorweihnachtszeit zum Spenden aufrufen, wählen oft viktimisierende Darstellungen, so etwa der österreichische Verein "Licht ins Dunkel". Häufig werden auch Kinder mit Behinderung dargestellt, womit zusätzlich eine Verniedlichung einhergeht.

Eine weitere Repräsentationsweise, die Behinderung als exotisch erscheinen lässt, ist durch eine distanzierte Sicht geprägt: Menschen mit Behinderung werden als Sensation, als Objekt der Neugier oder Unterhaltung betrachtet. Diese Darstellungsweise war für Freak Shows charakteristisch, die Menschen mit Behinderung als Jahrmarktfiguren ausstellten. Heute ist ein solches Zurschaustellen eher selten anzutreffen. Dennoch gibt es zuweilen Medienbeiträge, die Menschen mit Behinderung als "verkörperter Widerspruch" präsentieren, stellen sie doch einerseits Normen in Frage und bestätigen diese zugleich. Dieser ambivalente Umgang mit Normen macht die exotische Darstellungsweise von Behinderung auch für die Werbung attraktiv, da sie Aufmerksamkeit erweckt.

Ebenfalls (noch) selten vorzufinden ist die alltagsnahe Repräsentationsweise von Behinderung. Ihr kommt allerdings die grösste politische Kraft zu, da sie Behinderung als etwas Gewöhnliches, als eine menschliche Erfahrung zeigt. Durch das Schaffen von Vertrautheit und Nähe wird die Differenz zwischen Betrachtenden und Betrachteten reduziert, was zu einer Normalisierung der Wahrnehmung von Menschen mit Behinderung führt. Exemplarisch hierfür ist die "Lindenstrasse": In dieser Fernsehserie werden ein Spastiker im Rollstuhl und ein Kind mit Down-Syndrom weder verklärt noch diskriminierend dargestellt. Vielmehr stehen die alltägliche Gedanken- und Lebenswelt dieser Menschen im Vordergrund.

Garland Thomson fasst die vier Darstellungsweisen von Behinderung wie folgt zusammen: "(…) the wondrous mode directs the viewer to look up in awe of difference; the sentimental mode instructs the spectator to look down with benevolence; the exotic mode coaches the observer to look across a wide expanse toward an alien object; and the realistic mode suggests that the onlooker align with the object of scrutiny" (Garland Thomson 2001: 346). In Medienbeiträgen treten diese idealtypisch beschriebenen Darstellungsweisen häufig als Mix auf.

 

Perspektivenwechsel

Auch wenn man über die verschiedenen Arten der Sichtbarmachung streiten kann, lässt sich doch allgemein feststellen, dass Behinderung meistens als individuelle Schädigung dargestellt wird. Oft werden Menschen auf ihre Behinderung reduziert und somit zum blinden Fleck in den Augen der Betrachter: Die Behinderung ermöglicht zwar, dass Menschen mit Behinderung sichtbar werden, gleichzeitig verhindert sie aber, dass die Menschen gesehen werden.

Peter Radtke entwirft eine alternative Perspektive: "Es geht darum, den Menschen ins Zentrum aller Überlegungen zu stellen und seine Behinderung als ein zwar vorhandenes, nicht aber konstitutives Merkmal zu betrachten." (Radtke 2003: 8) Und Peter Wehrli führt aus: "Wir Betroffenen sähen uns gerne als gewöhnliche Menschen dargestellt, die – auch wenn sie vielleicht anders aussehen, anders funktionieren oder Probleme anders anpacken – durchaus leistungs-, entscheidungs- und teilnahmefähig sind." (Wehrli 2004: 7) Darüber hinaus besteht die Notwendigkeit, dass Menschen mit Behinderung nicht nur als Betrachtete, sondern auch als Betrachtende – sei es als Zielpublikum oder Medienschaffende – präsent werden. Dies würde bedeuten, dass sich Menschen mit Behinderung künftig vermehrt an allen politischen, sozialen und kulturellen Diskussionen beteiligten – und nicht nur an jenen, die sich um Behinderung drehen.

Um stereotype, zuweilen diskriminierende Darstellungen von Menschen mit Behinderung in den Medien zu verändern, genügt es also nicht, bloss Behinderung sichtbarer zu machen. Vielmehr geht es darum, die verschiedenen Sichtbarkeiten und Unsichtbarkeiten zu berücksichtigen und das Verhältnis neu zu definieren. Damit lassen sich Bilder finden, die es erlauben, Behinderung immer wieder aus anderer Perspektive zu sehen.

 

Cornelia Renggli arbeitet als Kulturwissenschaftlerin am Volkskundlichen Seminar der Universität Zürich und an der Wissenschaftsforschung der Universität Basel. Sie promoviert mit dem Dissertationsprojekt "Un-/sichtbare Differenz. Gesellschaftlich geprägte Bilder von Behinderung".

 

Literatur:

Barnes, Colin (1992): Disabling Imagery and the Media. An Exploration of the Principles for Media Representations of Disabled People. Halifax.

Foucault, Michel (2002): Die Geburt der Klinik. Eine Archäologie des ärztlichen Blicks. 6. Aufl. Frankfurt am Main.

Garland Thomson, Rosemarie (2001): Seeing the Disabled. Visual Rhetorics of Disability in Popular Photography. In: Longmore, Paul K. / Umansky, Lauri (Hrsg.): The New Disability History. American Perspectives. New York, S. 335–374.

Holert, Tom (2000): Gelenkte Visualität. In: Ders. (Hg.): Imagineering. Visuelle Kultur und Politik der Sichtbarkeit. Köln, S. 14–33.

Radtke, Peter (2003): Zum Bild behinderter Menschen in den Medien. In: Aus Politik und Zeitgeschichte, Bd. 8, S. 7–12.

Wehrli, Peter (2004): Vorwort. In: Weisser, Jan / Renggli, Cornelia (Hrsg.): Disability Studies. Ein Lesebuch. Luzern, S. 7–9.

 

Links:

Arbeitsgemeinschaft Behinderung und Medien (ABM), München:
http://www.abm-medien.de 

Disability Studies in der Schweiz:
http://www.disability-studies.ch 

Disability World. A bimonthly web-zine of international disability news and views:
http://www.disabilityworld.org 

Europäischer Kongress zu Medien und Behinderung 2003:
http://www.media-disability.org 

In-and-out-Liste zum sprachlichen und medialen Umgang mit Menschen mit Behinderung:
http://www.oevp.at/download/general/03122314369.pdf 

Media & Disability Resources:
http://www.media-disability.net

 

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