19. Juli 2004

Outfoxed

Greenwalds Film kritisiert Fox News

Gerti Schön

Am Wochenende feierte der Film Outfoxed in New York Premiere. Die Dokumentation über den konservativen Nachrichtensender Fox News geht mit dessen regierungsfreundlichen Berichterstattung hart ins Gericht. Kritiker des Films sehen darin allerdings keine tendenziöse Meinungsmache, sondern einen Beitrag zur Ausgewogenheit in einer linken Medienlandschaft.

Die Stimmung war gehoben, als sich am Sonntagabend rund hundert weitgehend progressiv ausgerichtete New Yorker im Gebäude der linken Stadtzeitung Village Voice einfanden, um gemeinsam das neueste Filmwerk der Anti-Bush-Bewegung zu sehen: Nach Michael Moores Fahrenheit 9/11 macht nun eine zweite Dokumentation aus dem linken Lager, Outfoxed, Furore. Über 70'000 Menschen in 4'000 Haushalten über die ganze USA verteilt sahen sich zur gleichen Zeit, organisiert von der Grassrootsorganisation MoveOn.org, den Film an.

Der Filmemacher Robert Greenwald hat sich hier den Nachrichtensender Fox News vorgenommen, der zu Rupert Murdochs News Corporation gehört. Und Greenwald hat nicht viel Schmeichelhaftes über Fox News zu sagen. "Wir haben angenommen, dass das Ergebnis sein würde, der Sender neigt nach rechts", sagte Greenwald bei einer Pressekonferenz Anfang der Woche. "Aber es hat sich herausgestellt, dass Fox kein konservativer Sender ist, sondern ein parteilicher. Sie [die Macher von Fox News] promoten keine Philosophie, sondern die regierende Partei. Das ist gefährlich für eine Demokratie, vor allem weil sie es nicht zugeben wollen."

 

Nichts als gute Ratschläge

Im 80-Minuten-Film, der im Sommer in die Kinos kommen soll und derzeit hauptsächlich über das Internet vertrieben wird, kommen mehrere Journalisten zu Wort, die früher bei Fox News gearbeitet haben. Einer sprach von einer "stalinistischen Atmosphäre" beim Sender. Andere beschreiben, wie sie von ihren Vorgesetzten Anweisungen bekommen hätten, bestimmte politische Ereignisse in einem für die Regierung positiven Licht zu porträtieren. In einer Memo etwa den Irakkrieg betreffend wurde geraten, "nicht in die simplifizierende Falle zu tappen, den Verlust von Leben zu betrauern und die Frage zu stellen, warum sind wir in Irak? Die USA helfen einem 30 Jahre lang ausgebeuteten Land den Fortschritt zu sichern, den die Operation 'Iraki Freedom' geschaffen hat". An anderer Stelle dröhnt Moderator Sean Hannity in seiner populären Abendsendung: "Noch 150 Tage bis zur Wiederwahl von George Bush!"

In internen Briefen wurden die Journalisten bei Fox News ausserdem ermahnt, bei Berichten von Antikriegsdemonstrationen die Protestierenden so darzustellen, als handele es sich um wenig ernst zu nehmende "Potheads". Eine weitere Memo wies sie bezüglich Nachrichten aus Irak an: "Wenn Sie darüber schreiben, denken Sie daran: alles ist gut. Berichten Sie nicht über die Zahl der Toten. Halten Sie es positiv. Betonen Sie das Gute, das wir tun." John Moody, Nachrichtenchef von Fox News, erwiderte auf die Vorwürfe in dem Murdoch-Blatt New York Post: "Ich kontrolliere unsere Berichterstattung nicht." Es habe sich lediglich um Ratschläge gehandelt.

 

Filmkritiken unterschiedlicher Güte

Fox News reagierte auf den Film mit einem Statement, in dem die Ex-Beschäftigten "Unterlinge" genannt werden, die den Sender wegen ihrer "Inkompetenz" verlassen hätten, und droht bereits mit dem journalistischen Gegenschlag: "Sollte eine Nachrichtenorganisation beschliessen, dies zu einer Geschichte zu machen, wird alles benutzte Material automatisch Futter für mögliche unausgewogene Berichte."

Doch Outfoxed erntete auch von anderer Seite Kritik. Howard Kurtz, Medienreporter der Washington Post, bemängelt, dass der Film teilweise so geschnitten sei, dass die dargestellten Sachverhalte "ganz offensichtlich in die Irre führen, und der Eindruck entsteht, Journalisten würden politische Statements machen, während sie lediglich Quellen zitieren." Darüber hinaus würde nur aus gewissen internen Mitteilungen zitiert, die den konservativen Ruf des Senders bestätigen, während anders lautende Anweisungen ausgelassen würden. Eine gewisse Tendenz ist also auch dem Film Outfoxed nicht abzusprechen; er wurde zum Teil von der Grassrootsorganisation Moveon.org und dem Center for American Progress finanziert.

 

Keine Meinung ohne Parteilichkeit

Greenwald gab parallel zur Veröffentlichung der Dokumentation eine Studie über "Fox News" bei der linken Media Watchdog-Organisation FAIR in New York in Auftrag. Diese konzentrierte sich auf eine der Hauptnachrichtensendungen des Senders, "Special Report with Brit Hume". Die Untersuchung ergab, dass 72 Prozent der politischen Interviewgäste aus dem konservativen Lager kamen. Auch Frauen und Angehörige ethnischer Minderheiten kamen wenig zu Wort: 83 Prozent der Befragten waren weisse Männer. In früheren Studien aus den Jahren zuvor war die Kluft zwischen konservativ und progressiv weniger gross ausgefallen.

Dabei gesteht Greenwald Fox News durchaus eine politische Haltung zu: "Dies ist ein Meinungssender, der die Regierung unterstützt. Und das ist ja auch o.k." Allerdings behaupten die Fox News-Manager steif und fest, es handele sich bei ihrem Sender um ausgewogenen Journalismus. Und Greenwald glaubt, dass sie ihre Parteilichkeit zugeben sollten. Julie Hollar von der linken Media Watchdog-Organisation FAIR stimmt dem zu. "Es ist legitim eine gewisse Meinung zu vertreten", erklärt sie. "Aber zu behaupten, sie wären ausgewogen, kommt ihnen nur zugute, weil dann bei den Zuschauern der Eindruck entsteht, wenn Fox fair berichtet, dann müssen alle anderen Medien links davon stehen" - eine Behauptung, die das konservative Lager seit Jahren und mit zunehmendem Erfolg propagiert.

 

Die Mär von der linken Unterwanderung

Tatsächlich ist die zunehmende Polarisierung der US-Medien darauf zurückzuführen, dass konservative Kräfte seit einigen Jahren lautstark die Meinung propagieren, die amerikanischen Medien würden von linken Journalisten dominiert. Fox News galt als Reaktion auf diesen Überdruss, und der Sender sollte zu mehr Ausgewogenheit in der Medienlandschaft beitragen. Doch genau das Gegenteil ist eingetreten: Weil der Erfolg von Fox News auch andere Sender dazu nötigte, sich mehr konservativen Berichterstattern zuzuwenden, fühlen sich progressivere Medienmacher in die Ecke gedrängt. "Jetzt erst recht!", hiess es in den Chefetagen demokratischer Medienmacher, und als Gegenpol wurde vor einigen Wochen das liberale Talkradio Air America gegründet, wo Fox News gemeinsam mit Präsident Bush regelmässig der Lügen bezichtigt wird. Outfoxed und Fahrenheit 9/11 gelten als filmische Version dieses Trends.

Die gleichen Trotzreaktionen findet man bei den Zuschauern: Weil viele republikanisch ausgerichtete Medienkonsumenten nun ebenfalls glauben, die Mainstream-Medien seien zu liberal, flüchten sie in Scharen zu Fox News. Laut einer Studie des unabhängigen Forschungsinstituts "Pew Center for the People and the Press" bestehen über 52 Prozent der Fox News-Zuschauer aus Konservativen. CNN dagegen wird zu 44 Prozent von demokratischen Wählern gesehen. Dieser Trend, so Andrew Kohut vom Pew Center, zeigt "die politische Polarisierung (...). Es reflektiert, dass sich die Republikaner darüber ärgern, wie die Mainstream-Medien Präsident Bush derzeit darstellen, und wie erfolgreich Fox News ist."

 

Ausrangierte Mitte

Manchen Mainstream-Journalisten, etwa bei den TV-Networks ABC, NBC und CBS, wird angesichts des immer lauter werdenden Gezeters von links und rechts zunehmend mulmiger. "Ich bin davon überzeugt, dass es noch immer ein verzweifeltes Bedürfnis nach Nachrichten gibt, die von einem Standpunkt der Mitte aus präsentiert werden", sagte etwa der Starjournalist Ted Koppel vom TV-Network ABC kürzlich auf einer Konferenz. Die inzwischen ausrangiert wirkenden ehemaligen Reporter-Stars wie Koppel und zahlreiche andere müssen derzeit zusehen, wie ihnen von links und rechts das Wasser abgegraben wird. "'Fahrenheit 9/11' ist ein tolles Stück Entertainment", gibt Koppel zu. Doch habe er die gleichen Sachverhalte in seiner Sendung weniger polemisch widergegeben, und die Quoten sind die gleichen geblieben. "Ich will ehrlich sein", sagte er, "meine Sendung ist nicht annähernd so unterhaltsam."

Dabei leisten weder Bill O'Reilly noch Michael Moore nennenswerte Arbeit, wenn es darum geht, die Leute für einen anderen Standpunkt als den ihren empfänglicher zu machen. "Wie jeder gut gemachte Agitprop bestätigt auch 'Outfoxed' eher die dunklen Verdächtigungen der Linken, als dass der Film die Meinung eines Konservativen ändert", schreibt die frühere Chefredakteurin des Intelligenzblattes New Yorker, Tina Brown, in einer Kolumne in der Washington Post. Und wie sie es damals bei der Überholung des New Yorker gemacht hat, schlägt Brown den liberalen Medien vor, der Konkurrenz mit den eigenen Methoden zu begegnen. "Die meisten Zeitungen und TV-Sender haben sich auf einen distanzierten Standpunkt zurückgezogen, und ein Skandal wie die Geheimdienstpannen um den Irakkrieg werden wie eine x-beliebige Geschichte dargestellt", wirft sie den Mainstream-Medien vor und begibt sich auf die Suche nach einem linken Rupert Murdoch: "Was wir brauchen ist ein neuer wilder Medienmann mit einem dicken Bankkonto und aufrichtiger Neugierde, der sich genauso von sauberer Berichterstattung antörnen lässt wie vom Zugang zur Macht."

 

Zunehmender Medienverdruss

Doch der Streit zwischen links und rechts könnte Konsequenzen haben, die sich Amerikas Journalisten bisher nicht träumen liessen: nämlich ein allgemeiner Vertauensverlust in die Medien. Die Non-Profit-Medienorganisation "Project for Excellence in Journalism" hat in einer Studie Erschreckendes über den Ruf der amerikanischen Medien enthüllt: Die Zahl der Amerikaner, die glauben, dass die Medien professionell arbeiten, ist in den vergangenen 20 Jahren von 72 auf 49 Prozent gesunken. Zudem glauben heute 67 Prozent, dass Fehler in der Berichterstattung unberichtigt bleiben, verglichen mit 13 Prozent im Jahr 1985. "Das Problem ist, dass Journalisten glauben, ihre Arbeit stünde im Interesse der Öffentlichkeit, während die Öffentlichkeit glaubt, dass Journalisten lügen oder sich selbst etwas vormachen", heisst es im Report.

Es ist zu erwarten, dass mit dem näher rückenden Termin der Präsidentschaftswahl in den USA auch die Medien weiterhin polarisierter über die politischen Ereignisse berichten werden. Sollte George W. Bush wiedergewählt werden, können sich die amerikanischen Medienkonsumenten auf weitere vier Jahre mit dieser Kost gefasst machen.

 

Gerti Schön, Reporterin von European Media, lebt und arbeitet in New York.

 

Links:

Konservativer Nachrichtensender "Fox News": http://www.foxnews.com 

Offizielle Website zum Film "Outfoxed" (Robert Greenwald, 2004): http://www.outfoxed.org 

Offizielle Website zum Film "Fahrenheit 9/11" (Michael Moore, 2004): http://www.fahrenheit911.com 

Liberales Talkradio "Air America": http://www.airamericaradio.com 

Liberale New Yorker Stadtzeitung "Village Voice": http://www.villagevoice.com 

Grassrootsorganisation "MoveOn.org": http://www.moveon.org 

"Center for American Progress": http://www.americanprogress.org 

Forschungsinstitut "Pew Center for the People and the Press": http://people-press.org 

Medienorganisation "Project for Excellence in Journalism": http://www.journalism.org 

"Media Watchdog"-Organisation FAIR: http://www.fair.org 

 

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