21. Juni 2004

Fahrenheit 9/11

US- Medien auf dem Siedepunkt

Gerti Schön

Michael Moore hat sein grösstes Ziel eigentlich schon vor dem Start seines neuen Dokumentarfilms "Fahrenheit 9/11" erreicht: nämlich die Diskussion darüber in den Medien bis zum Siedepunkt anzuheizen und auf diese Weise kostenlose Publicity für den Film zu generieren.

Die Reaktionen auf die im typischen Moore-Stil gehaltene Polit-Komödie mit einem in Wirklichkeit tragischen Hintergrund fielen so gespalten aus wie die amerikanische Gesellschaft derzeit ist: Die konservativen Medien warfen Moore propagandistische politische Absichten vor, und ihr derzeit grösster Star, Fox-News Moderator Bill O'Reilly, verglich Moore mit Joseph Goebbels: "Er war der Kopf hinter der Nazi-Regierung und sein berühmtestes Zitat war: Wenn man eine Lüge oft genug erzählt wird daraus Wahrheit", gab er zum Besten.

 

Vereinzelt Lob und viel Skepsis

Die linken Medien, wie etwa das neu gelaunchte progressive Talkradio "Air America" priesen den Film, und die Mainstream-Medien taten das, was sie immer tun: die Inhalte der Dokumentation so ausgewogen wie möglich darzustellen, um anschliessend mit bedenklichem Kopfwiegen zu fragen, ob denn so ein Film wirklich Einfluss auf die Politik haben könnte. Obligatorisch ist dabei genauso ein sachtes Distanzieren von einem "Radikalen" wie Moore, der es wagt, sich ausserhalb des Mainstreams zu bewegen und seine - links von der Mitte angesiedelte - Meinung so unverblümt kund zu tun.

Unvermeidlich war es in diesem Fall, dass die grossen Medienhäuser sich von dem Film auf die Füsse getreten fühlen, sind sie doch dieses Mal ebenfalls eines der Ziele der Moor'schen Angriffsmaschinerie. Moore wirft vor allem den mächtigen Fernsehanstalten, zu denen etwa CNN und die TV-Networks NBC und CBS gehören, vor, dass sie die Bush-Administration zu unkritisch darstellen. Man erinnert sich an Pressekonferenzen des Präsidenten, bei denen eine Herde von ehrfürchtigen Reportern zahme Fragen stellte, wie etwa danach, wie sein Glaube ihm durch diese schweren Zeiten hilft, statt seine Irakpolitik zu hinterfragen.

In einem NBC-Interview, das "Fahrenheit 9/11" einem amerikanischen Millionenpublikum vorstellte, wurde Moore dementsprechend mit kritischen Fragen bombardiert: Dass die Dokumentation ja nichts anderes sei als ein parteipolitisches Pamphlet, das mit der Kunst des Filmemachens nichts zu tun habe. Warum er Filmdokumente aus dem berüchtigten Bagdader Gefängnis Abu Ghraib, die er Wochen vor den anderen TV-Anstalten besass, nicht herausgegeben habe. Woher er das teilweise brisante Filmmaterial denn bekommen habe? "Ich wünschte, die Medien hätten dem Präsidenten genauso knallharte Fragen gestellt", kommentierte Moore vor laufenden Kameras und demonstrierte damit einen seiner Hauptkritikpunkte.

 

Sieben lange Minuten

Wer auch immer eine kritische Einstellung zur Politik der derzeitigen US-Regierung hat, wird "Fahrenheit 9/11" wie schon seine Vorgänger "Bowling for Columbine" und "Roger & Me" teils witzig und teils unbehaglich finden. Schmerzhaft etwa fühlen sich jene sieben Minuten des 11. September 2001 an, während denen George W. Bush in einer Grundschule in Florida sitzt. Soeben hatte man ihn über den Angriff auf das World Trade Center informiert. Doch es dauert sieben lange Minuten, bis der Präsident Aktion ergreift. Kein schmeichelhaftes Bild des mächtigsten Mannes der Welt.

Doch es geht weiter. Anders als die Nachrichtensender es tun, die nur ein paar Ausschnitte einer Rede zeigen und dann ausblenden, bleibt die Kamera bei "Fahrenheit 9/11" auf dem Präsidenten ruhen, als dieser während seines Urlaubs eine Pressekonferenz über neue Terroranschläge gibt. "Ich fordere alle Nationen dazu auf, alles zu tun, um diese terroristischen Killer aufzuhalten", verkündet Bush grimmig, wendet sich ab, greift seinen Golfschläger und sagt: "Schaut euch dies an" - und zeigt der Presse, wie sehr er seine golferischen Fähigkeiten verbessern konnte.

George Bush wird in diesem Film, wie vorauszusehen war, als Führungsperson dargestellt, die den Ernst der Situation nicht zu erfassen vermag, der die Interessen einer kleinen Gruppe mächtiger Industriebosse über diejenigen seines Volkes stellt und in der entscheidenden Phase vor dem 11. September "schlafend am Steuer" sass. Zu den bleibenden Momenten des Films wird die Szene gehören, in welcher der stellvertretende Verteidigungsminister Paul Wolfowitz seinen Kamm mit Spucke befeuchtet, um ihn anschliessend durch sein Haar zu führen.

 

"Do something"

Moore bestreitet, dass er mit dem Film aktiv Wahlkampf für John Kerry, dem Kandidaten der demokratischen Partei, betreibt. Er gibt offen zu, dass er Bush aus dem Amt haben will, macht jedoch keine Werbung für seinen Opponenten. Moore hatte in der Vergangenheit den Parteiführer der Grünen Partei, Ralph Nader, unterstützt, und zu Beginn des Wahlkampfes den früheren Nato-General Wesley Clark.

Wenige Tage bevor "Fahrenheit 9/11" ab 25. Juni zum ersten Mal in den amerikanischen Kinos gezeigt wird, bekam ein ausgesuchtes Publikum ihn in dem eleganten New Yorker Ziegfeld Theater zu sehen. Linksliberale Entertainment-Stars wie Richard Gere, Leonardo DiCaprio, Tim Robbins oder auch "New York Times"-Verleger Arthur Sulzberger gaben der Dokumentation am Ende "standing ovations", auch wenn viele der geladenen Network-Journalisten demonstrativ sitzen blieben. Moore war in der Lage, auch vor diesem erlesenen Publikum seine eigentliche Message ans Volk zu bringen: "Wenn ich diejenigen Amerikaner, die der grössten Partei angehören, nämlich die Nicht-Wähler, dazu bewegen kann, diese Partei zurückzulassen und zur Wahl zu gehen, dann habe ich meine Arbeit getan." Dementsprechend schliesst der Film mit der Message: "do something".

 

Breiter Vertrieb trotz Hindernisse

Moores neuer Film wird in über 650 Kinos gezeigt werden - mehr als bei einem Dokumentarfilm je zuvor. Man schätzt, dass die Ausgaben von sechs Millionen Dollar, die die Produktion gekostet hat, leicht wieder hereinkommen werden, hatte doch schon "Bowling for Columbine" über 21 Millionen eingebracht. Der Gewinn wird zwischen Moore und den Brüdern Weinstein, die den Film von Disney gekauft hatten, nachdem der Konzern sich weigerte, ihn zu vertreiben, aufgeteilt. Harvey Weinstein, Chef des Filmstudios Miramax, gilt als ein wichtiger Unterstützer der demokratischen Partei. Die neuen Distributoren sind das kanadische Medienunternehmen "Lions Gate" und der "Independent Film Channel" (IFC).

Dennoch musste Moore einen weiteren Rückschlag hinnehmen, da die zuständige Aufsichtsbehörde den Film mit dem Label R bewertete, das heisst, dass Jugendliche unter 17 Jahren ihn nur in Begleitung eines Erwachsenen sehen können. Moore kommentierte dies mit der Bemerkung, dass vielen 15- bis 17-Jährigen der Film vorenthalten bliebe, die in den nächsten Jahren von der US-Armee rekrutiert werden könnten. Der Filmemacher versucht vor allem die jüngeren Generationen zum Wählen zu bewegen und macht sich das Internet dafür zu Nutze. Unter anderem versucht er die Jungwähler über die Grassrootsorganisation "Moveon.org" mit ihren 2,2 Millionen Mitgliedern zum Wählen zu animieren.

Doch Amerikas politische Aktivisten sind in keinem der beiden Lager faul. Am andern Ende des Spektrums versucht die konservative Organisation "Move America Forward" unter Führung des Lokalpolitikers Howard Kaloogian mit Hilfe einer Internetkampagne genau das Gegenteil zu erreichen. Er will die Kinobesitzer ermutigen, den Film gar nicht erst zu zeigen. Kaloogian hatte vor kurzem einen Erfolg verbuchen können, indem er das TV-Network CBS mit seiner Lobbyarbeit davon überzeugte, einen Reagan-kritischen Film nicht zu zeigen.

Dabei ist Moore mit seiner progressiven Dokumentation nicht der einzige Filmemacher, der die Gesellschaft mit seiner non-konformistischen Botschaft aufwecken will. Mit im Rennen um die Gunst des liberalen Publikums sind in diesem Sommer ausserdem "Control Room", ein Film über Al Dschasira, "The Corporation" über grosse Industrie-Konglomerate in den USA, und "The Hunting of The President" über die republikanische Hetzjagd des früheren Präsidenten Bill Clinton.

 

Gerti Schön, Reporterin bei European Media, lebt und arbeitet in New York.

 

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Links:

Trailer zu "Fahrenheit 9/11": http://www.fahrenheit911.com/trailer

Michael Moore's Website: http://www.michaelmoore.com

"Air America": http://www.airamericaradio.com

"Moveon.org": www.moveon.org

"Move America Forward": http://www.moveamericaforward.org



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