14. Juli 2003

Passion auf Aramäisch

Frühe Diskussion über Mel Gibsons Christus-Film "The Passion"

Franz Everschor

Ein Film über die Passion Christi löst Beunruhigung aus, noch bevor er auf der Leinwand zu sehen ist. Gerüchte über die Dreharbeiten, das Setting des Films sowie die religiösen Überzeugungen des Regisseurs geben Anlass zu grosser Besorgnis und zu heissen Debatten. Ein Stimmungsbild.

Im Studio 5 des Produktionsgeländes von Cinecittà wurde unlängst ein Film abgedreht, der schon vor seinem Erscheinen auf der Leinwand als eines der unkonventionellsten und umstrittensten Projekte der jüngeren Filmgeschichte angesehen werden kann. Es ist eine Verfilmung der Leidensgeschichte Jesu Christi, genauer gesagt, der letzten zwölf Stunden vor dem Kreuzestod. Augenzeugen, die den Dreharbeiten beiwohnten und Teile des Rohschnitts kennen, berichten von einer ungewöhnlich realistischen und blutigen Darstellung der biblischen Ereignisse, von den "drastischsten Szenen, die jemals auf Zelluloid gebannt wurden" (Raymond Arroyo in "The Wall Street Journal"). Der ganze Film wurde in Aramäisch, Latein und Hebräisch gedreht und hat keine Untertitel. Wie der Regisseur sagt, mache der visuelle Stil eine Übersetzung überflüssig. Der Film heisst "The Passion", der Regisseur Mel Gibson.

 

Ohne jede Beschönigung

Zum ersten Mal seit seinem mit vielen Oscars ausgezeichneten Historienfilm "Braveheart" (1995) hat Gibson wieder hinter der Kamera gestanden und auch als Co-Autor fungiert. Diesmal verzichtet er sogar darauf, selbst eine Rolle als Darsteller zu spielen. Kein Hollywood-Studio ist an "The Passion" beteiligt, und kein Verleihvertrag hat im Voraus zur finanziellen Absicherung der Produktion beigetragen. Die 25 Mio. Dollar, die der Film gekostet haben soll, wurden ausschliesslich von Gibsons eigener Gesellschaft "Icon Productions" aufgebracht. Nach den Figuren, die Gibson in jüngster Zeit in den Filmen "We Were Soldiers" und "Signs" spielte, kommt die Konzentration auf das heilsgeschichtliche Thema dieses Vorhabens nicht ganz unerwartet. Der für seine Religiosität bekannte Mel Gibson, regelmässiger Kirchgänger und Vater von sieben Kindern, hat damit bei seinen Freunden und Kollegen in Hollywood kaum Überraschung ausgelöst. Was den Film so frühzeitig ins Gespräch brachte, war vielmehr ein langer Artikel im Wochenend-Magazin der "New York Times", der Verbindungen herstellte zwischen Gibsons Filmproduktion, einer neuen Kirche im kalifornischen Malibu und den unorthodoxen Ansichten von Gibsons 84-jährigem Vater.

Jim Caviezel ("The Thin Red Line") hat es auf sich genommen, den Jesus in Gibsons Film zu spielen. Wie berichtet wird, tat er das unter grossen persönlichen Opfern, denn Mel Gibson ist darauf aus, die Torturen und den Kreuzestod Christi ohne jede Beschönigung darzustellen. Auch sonst sei es ihm um historische Genauigkeit gegangen, bis hin zu Kleinigkeiten wie der Kleidung und den Essgewohnheiten der Zeit. Gibson hängt den Glaubensvorstellungen der Traditionalisten an, einer in den USA auf 100'000 Mitglieder geschätzten Glaubensgemeinschaft, die es mit der Überlieferung besonders genau nimmt und die sich nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil (1962-65) von der römisch-katholischen Kirche losgesagt hat. Traditionalisten lesen die Messe in lateinischer Sprache und lehnen in ihrer Mehrheit die Autorität des Papstes ab. Mel Gibson unternimmt es mit dem Film "The Passion" nicht zum ersten Mal, seinen Ruf und seinen Einfluss in den Dienst der Traditionalisten zu stellen. Als in den Hügeln oberhalb des von vielen Filmstars und Entertainment-Grössen bewohnten Küstenstädtchens Malibu unweit von Los Angeles der Bau einer Kirche Gestalt annahm, deren Kongregation allenfalls 70 Gläubige zählt, wurde bald bekannt, woher die 2,8 Mio. Dollar kamen, die zur Errichtung des Gebäudes nötig waren: Mel Gibson ist der Direktor, Chief Executive Officer und alleinige Geldgeber der wohltätigen Organisation, die für den Kirchenbau verantwortlich zeichnet.

 

Ein Keil zwischen Juden und Christen?

Bereits die Verbindung von Gibsons angeblich extrem drastischer Verfilmung der Leidensgeschichte Christi mit seinem persönlichen Glaubensbekenntnis als Traditionalist hat in den USA ausgereicht, um Beunruhigung hervorzurufen. "The Passion", fürchten etliche Theologen und Journalisten, sei womöglich in der Lage, eine antisemitische Interpretation der Ereignisse wiederzubeleben, von der die katholische Kirche in den letzten Jahrzehnten wohltuend Abstand genommen habe. Solche Bedenken könnten ohne Kenntnis des Films leicht als verfrüht beiseite gelegt werden, wäre da nicht die Person von Gibsons Vater, dem sich der Star und Regisseur auch in Glaubensfragen verbunden fühlt. Hutton Gibson ist 84 Jahre alt, lebt in einem Vorort von Houston (Texas) und wurde kürzlich von der italienischen Zeitung "Il Giornale" als "Wolf im Schafspelz" charakterisiert. Auch Hutton gehört zu den Traditionalisten. Zudem hat er eine militante Vergangenheit, die nun anlässlich des Filmvorhabens seines Sohnes ans Licht gebracht wird. Hutton Gibson ist der Autor mehrerer vatikanfeindlicher Bücher, unter ihnen "Is the Pope Catholic?" und "The Enemy Is Here". Auch heute noch tut er sein Bestes, sich mit rechtsradikalen Ansichten einen Namen zu machen und dabei ebenso über die jüdische Glaubensgemeinschaft wie über die katholische Kirche herzuziehen. Der Verfasser des bereits zitierten Artikels in der "New York Times" berichtet von einem Gespräch mit Hutton Gibson, in dem dieser das Zweite Vatikanische Konzil als eine vom Judentum unterstützte Verschwörung bezeichnet, die Verantwortung der Terrororganisation Al Qaida für die Zerstörung des World Trade Centers strikt ablehnt und die Vernichtung von sechs Millionen Juden im Holocaust als pure Fiktion hinstellt. Für die Vermarktung von Mel Gibsons Film nicht gerade förderlich sind auch die Äusserungen anderer führender Traditionalisten mit Ansichten wie dieser: "Am wichtigsten ist, dass der Film die Verantwortung für den Tod Christi dort ansiedelt, wo sie hingehört" (Gary Giuffre).

Inzwischen wächst in den USA die Besorgnis, dass "The Passion" einen Keil zwischen die Annäherungsversuche von Juden und Christen treiben könnte. Kritische Kommentare zu dem Projekt mehren sich. Respektierte Tageszeitungen greifen das Thema auf. Im Internet entstehen die ersten Diskussionsforen. Mary Boys, Theologieprofessorin in New York: "Wir haben es hier mit einem reichen Filmemacher zu tun, dessen Glaubensvorstellungen allem widersprechen, was die Kirche in den letzten 50 Jahren gelehrt hat. Er kann seine Ansichten in die Medien lancieren und hat insofern mehr Macht als die Kirche." Mel Gibson selbst hat zu den zahllosen Spekulationen lange geschwiegen. Erst Mitte Juni nahm er schliesslich in einem Gespräch mit der Medienzeitschrift "Daily Variety" Stellung, nachdem auch aus Kreisen der Katholischen Bischofskonferenz in den USA Bedenken gegen den Film laut geworden waren. Gibson bezeichnet "The Passion" als einen "Film über Glaube, Hoffnung, Liebe und Vergebung", der sich getreu an die Darstellung in den vier Evangelien des Neuen Testaments halte. Vor allem den Verdacht eines latenten Antisemitismus weist Gibson zurück: Er habe sich in den 25 Jahren seines öffentlichen Lebens nie einer Diskriminierung schuldig gemacht und tue es auch jetzt nicht. Der Film befindet sich zur Zeit in der Postproduktion und soll nicht vor 2004 in den Kinos anlaufen.

 

Der Artikel wurde erstveröffentlicht im film-dienst unter:
http://film-dienst.kim-info.de/artikel.php?nr=14359

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