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17. Februar 2003 Parteilichkeit Regisseur Peter Mullan ergreift Partei für ausgebeutete Frauen in Irland Charles Martig Es ist nicht immer leicht, den Unterschied zwischen einer blinden Provokation und einem klaren, ethisch begründeten Standpunkt zu unterscheiden. Bei der Verleihung des Goldenen Löwen an den Film "The Magdalene Sisters" am Filmfestival Venedig hatte die römische Kurie im September 2002 offensichtlich deutliche Mühe, die Perspektive des Films zu deuten. Die Auszeichnung provozierte in der vatikanischen Tageszeitung "L’Osservatore Romano" eine Auseinandersetzung: Der Osservatore kommentierte den Film als "wütende und rachsüchtige Provokation" und Kardinal Ersilio Tonini urteilte über die Auszeichnung kurz und bündig: "Der Film sagt nicht die Wahrheit über die Kirche und ist auch kein Ruhmesblatt für das Festival." Mullan verteidigte seinen Film in einem offenen Brief an den Osservatore: "Ich bin kein Antikatholik, doch die Kirche muss um Verzeihung bitten für all das, was passiert ist." Filme wie "The Magdalene Sisters", der seit dem 13. Februar in den Schweizer Kinos gezeigt wird, wären für die katholische Kirche eine Möglichkeit, sich mit Fehlern zu konfrontieren und aus der eigenen Geschichte zu lernen. Insbesondere ginge es darum, nicht nur auf Angriffe zu reagieren, sondern schwierige Fragen aktiv anzugehen und Prozesse der kollektiven Verarbeitung zu gestalten. Es ist jedoch festzustellen, dass der Vatikan bei Fragen des Machtmissbrauchs und der sexuellen Ausbeutung weiterhin in einem Abwehrreflex verharrt, was für die Ortskirchen eine relativ schwierige Ausgangslage schafft. Parteilichkeit ist in einem Kunstwerk angebracht, wenn es mit seinen Figuren ethische Standpunkte vertritt. So haben etwa Rolf Hochhuth mit seinem Theaterstück "Der Stellvertreter" und Costa Gavras mit seiner filmischen Adaptation unter demselben Titel die Frage nach der Rolle des Papstes und des Vatikans während des II. Weltkrieges gestellt. Und so werden auch in "The Magdalene Sisters" grundsätzliche Fragen aufgeworfen: Warum hat die katholische Kirche in Irland über Jahrzehnte hinweg - in enger Zusammenarbeit mit Staat und Familie - Erziehungsheime zur Bestrafung und Disziplinierung von jungen Frauen geführt? Warum wurde hier die systematische Ausbeutung von Frauen geduldet, ja sogar aktiv von Ordensschwestern getragen? Mit dem Film "The Magdalene Sisters" hat der Schotte Peter Mullan ein für die römisch-katholische Kirche schwieriges Kapitel aufgegriffen. Mullan erzählt in seinem fiktionalen Drama, das auf historischen Begebenheiten beruht, von vier jungen Frauen, die in den sechziger Jahren in einem kirchlichen Erziehungsheim eingesperrt werden. Rose und Crispina haben ein uneheliches Kind zur Welt gebracht, Margaret wurde von ihrem Cousin vergewaltigt und Bernadette ist einfach zu attraktiv, um ein gutes Mädchen zu sein. In einer Wäscherei der Magdalenen-Schwestern müssen sie unter grossen seelischen und körperlichen Qualen Zwangsarbeit leisten. Dabei nimmt der Film die Perspektive der gefangenen Frauen ein und zeigt ihre Ohnmacht im System moralischer Repression, sozialer Kontrolle und Ausbeutung. Peter Mullan hat seine radikale Kritik an den katholischen Erziehungsheimen formal geschlossen in düsteren Bildern und mit knappen Dialogen inszeniert. Der Befreiungsschlag von "The Magdalene Sisters" richtet sich primär gegen die Kultur des Schweigens in der römisch-katholischen Kirche, doch lässt Mullan von Beginn seines Films keinen Zweifel daran, dass der Magdalenen-Orden von einer rigiden und moralistischen Gesellschaft für ihre Zwecke instrumentalisiert wurde. Der Film greift exemplarisch die Ungerechtigkeiten und Menschenrechtsverletzungen auf, die nach Schätzungen an etwa 30'000 Frauen in Magdalenen-Heimen begangen wurden, von Irland über Grossbritannien bis nach Australien. Das letzte Heim dieser Art wurde in Irland erst 1996 geschlossen. Mit seinem Film vertritt Peter Mullan einen ethischen Standpunkt, der sich auf die Seite der Opfer begibt und für deren Geschichte eintritt. In Irland hat der Film einen gesellschaftlichen Nerv getroffen. Seit Oktober haben über eine Million Zuschauer das Drama gesehen; dies entspricht mehr als einem Viertel der Bevölkerung. Es gibt dort offensichtlich ein grosses Bedürfnis, die Entlarvung des unterdrückerischen Gefüges von Staat, Kirche und Familie über eine fiktional verdichteten Form zu verarbeiten. Bereits haben über 3000 ehemalige Insassinnen von katholischen Erziehungsanstalten und Magdalenen-Heimen die Kirche und den irischen Staat wegen der menschenunwürdigen Behandlung verklagt. Parteilichkeit hat ihren Preis: Sie kann den Betroffenen zu ihrem Recht
verhelfen und bringt die Wahrheit ans Tageslicht. Sie schadet einer
Organisation wie der katholischen Kirche, die nur dann auf Fehler und
Machtmissbrauch reagiert, wenn sie durch Skandalisierungen in den Medien dazu
gezwungen wird. Eigentlich sollten wir um Leute wie Peter Mullan froh sein:
Da ist einer, der mit grossem Engagement gegen Verfehlungen der Vergangenheit
anrennt und sie mit einem heiligen Zorn auf die Leinwand bringt. Es wäre
weise, diese Form der Parteilichkeit als eine heilsame Provokation zu
verstehen. Charles Martig, Geschäftsführer Katholischer Mediendienst Links: Filmkritik: http://www.kath.ch/mediendienst/aktuell_film.php Stellungnahme von Peter Malone, Präsident der internationalen kath.
Medienorganisation SIGNIS
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