02. Dezember 2002

Zerstreuung als symbolische Gewalt

Kirchen und der Diskurs der Mediengewalt

Matthias Loretan

Nach Meldungen über Gewalttaten wird oft die Frage gestellt, welchen Anteil die Medien an aggressivem Verhalten haben. Oft werden Darstellungen von Gewalt in Action-Filmen, Videos und Computerspielen als direkte Ursache für gewalttätiges Handeln gesehen. Wirkungen von Gewaltdarstellungen sind aber von vielen Faktoren abhängig und ebenso vielschichtig wie schwer nachweisbar. Wie also gehen wir mit Gewalt in den Medien um? Der Autor geht den unterschiedlichen Formen von Aggressions- und Angstbewältigung nach und rekonstruiert normative Zielwerte und Verfahren für Medien und Kirchen im Hinblick auf eine moderne und offene Konfliktkultur.

"Wir werden wohl nie über einen unmittelbaren wissenschaftlichen Beweis für einen direkten Zusammenhang von Taten wie dieser und der Darstellung von Gewalt verfügen. Aber ist das überhaupt notwendig? Es kann doch einfach nicht richtig sein, dass junge Menschen heutzutage in den elektronischen Medien so viel Gewalt als 'Unterhaltung' angeboten bekommen. Das soll keinen Einfluss auf die Seele eines jungen Menschen haben?" - Wer hier die rhetorischen Fragen stellt, ist Gerhard Schröder. Wie im offenen Brief des deutschen Bundeskanzlers zur Amoktat in Erfurt werden spektakuläre Verbrechen vor allem jugendlicher Gewalttäter immer wieder nacherzählt und begründet, als würden die Täter total fremdbestimmt das Skript von brutalen Videos, Computerspielen oder Musiksongs nachleben. Mit dieser monokausalen Erklärung findet die Politik in den Medien einen entlastenden Sündenbock für gesellschaftliche Gewaltprobleme, die auf diese Weise zugleich dramatisiert und bezüglich der eigenen Verantwortung abgewehrt werden. Für eine ethisch argumentierende Medienkritik empfiehlt sich eine etwas differenziertere Wahrnehmung des Problems.

 

Wirkungen von Gewaltdarstellungen

Der aktuelle Stand der empirischen Medienforschung geht davon aus, dass vom Ausmass der in Medienprodukten dargestellten Gewalt nicht monokausal auf eventuelle Wirkungen geschlossen werden darf. Mögliche Wirkungen sind vielmehr abhängig vom Inhalt (z.B. dramaturgische Gestaltung, Handlungskontext, Art der Gewaltdarstellung), von der Persönlichkeit der Zuschauenden (z.B. Alter, Geschlecht, Intelligenz, Aggressivität, soziale Interaktion), von der Rezeptionssituation (z.B. allein, mit Freunden, mit Eltern) sowie vom gesellschaftlichen Kontext des Gewaltdiskurses. Lerntheoretische Erklärungen gehen von einer Wechselwirkung zwischen Persönlichkeit und sozialer Umwelt aus und berücksichtigen, dass erstens Handeln durch Denken kontrolliert wird, also auch aggressives Verhalten antizipatorischer Kontrolle unterliegt, und dass zweitens verschiedene Beobachter verschiedene Muster von identischen Modellen übernehmen und zu neuen Einstellungen und Verhaltensweisen kombinieren.

In Bezug auf den Einfluss des Fernsehens auf spätere Aggressivität stellt die Forschung einen schwachen Zusammenhang fest. Die familiäre Umwelt sowie die Subkultur und das soziale Milieu spielen für das Erlernen destruktiver Aggression eine entscheidendere Rolle (vgl. Schorr 2000). Bei bestimmten Problemgruppen können sich allerdings durchaus starke Effekte zeigen, weil bei ihnen Gewalt fördernde Faktoren zusammentreffen und sich gegenseitig verstärken: Der Konsum violenter Medieninhalte erhöht die Wahrscheinlichkeit aggressiver Einstellungen oder Verhaltensweisen. Dadurch wiederum erhöht sich die Wahrscheinlichkeit, dass violente Medieninhalte als attraktiv angesehen und entsprechend genutzt werden. Begünstigt wird ein solcher Prozess durch niedriges Selbstbewusstsein und soziale Isolation, letztere ist ihrerseits mit erhöhtem Fernsehkonsum verbunden - ein Teufelskreis.

Die Zusammenhänge von Mediennutzung und Gewalt versucht Peter Vitouch (1993: 181ff) mit einem differenzierten medienpsychologischen Modell zu erklären. Dabei richtet er seine Aufmerksamkeit weniger auf die Aggressions- als auf die Angstbewältigung. Neben den kognitiven untersucht er vor allem die emotionalen Aspekte und fasst die Ergebnisse in der Theorie von der emotionalen Kluft zusammen (emotional gap). Diese besagt, dass die psychisch Stabilen in ihrer Persönlichkeit eher gefestigt und besser informiert sind, die psychisch Labilen aber immer instabiler und ängstlicher werden und sich von differenzierten Informationen abkoppeln. Die Defizite der Emotions- und Wissenskluft verstärken sich in der Regel gegenseitig. Darüber hinaus manifestieren sie sich in zwei geschlechtstypischen Mustern: entweder in defensiver Angstabwehr und damit in massiver Hinwendung zu stereotypen und vorhersagbaren Medieninhalten, die nur begrenzt mit Angstinhalten und Darstellungen physischer Gewalt arbeiten (Serien, Soap operas), oder in konfrontierender Weise mit permanenter Hinwendung zu Angstreizen und violenten Inhalten, wobei die Information nur auf einem niedrigen konzeptionellen Niveau verarbeitet wird (Boulevardisierung, Sensationssuche). Vor allem Vielseher leiden am Syndrom der "gelernten Hilflosigkeit". Ängstlichkeit, Misstrauen, Unselbständigkeit und Konformität treten gehäuft auf. Vielseher bevorzugen bestimmte Programme, die sich durch formale und inhaltliche Stereotypen auszeichnen. Darüber hinaus ist die Mediennutzung der Vielseher eingebunden in ein zirkuläres Kompensations- und Verstärkungsmodell "defensiver Angstbewältigung" (Vitouch: 1993, 178).

Befunde von der Gefährlichkeit der Gewaltdarstellung müssen also relativiert und im grösseren Zusammenhang der Mediennutzungsstile gesehen werden. Nur bei erwiesener Sozialschädlichkeit scheinen strafrechtliche Massnahmen gegen Hersteller und Verbreiter sinnvoll. Einer rechtlichen Regulierung stellt sich nämlich ein doppeltes Problem: Zum einen fehlen eindeutige Kriterien, um die Sozialschädlichkeit der Gewaltdarstellung zu belegen; denn sowohl die Quantität als auch die drastische Darstellung der Gewalt sind keine schlüssigen Indikatoren für gesteigerte Gewaltbereitschaft der Rezipienten. Zum anderen ist der Zusammenhang zwischen Mediengewalt und gewalttätiger Einstellung respektive Verhalten nur bezogen auf bestimmte, besonders gefährdete soziale Gruppen erwiesen. Zuverlässige Indizien für sozial unerwünschte Folgen lassen sich nur über die geduldige Interpretation ästhetischer Verschlüsselungen und ihrer Rezeption beim entsprechenden Publikum erschliessen. Gerade die einschlägigen provozierenden Genres erlauben ihren Nutzern teilweise distanziertere Lesarten der stilisierten Brutalität als die geglätteten Präsentationen der Gewalt in TV-Krimis und kommerziell aufwendigen Soft-Brutalos (vgl. "True Lies" oder "Indiana Jones"), welche die gezeigte Gewalt in der Regel mit psychologischen Rechtfertigungen zu verbrämen versuchen.

Spezifischere, auf Problemgruppen bezogene Massnahmen scheinen deshalb angemessen (vgl. Grimm 1999). So lässt sich die Nutzung brutaler Filme und Computerspiele (vgl. Klimmt 2001) durch Jugendliche als subkultureller Ausdruck u.a. eines Leidens an der erfahrungsarmen Abstraktheit in unserer Zivilisation bzw. als unbeholfener Protest dagegen verstehen. Diese Lesart bietet die Chance, sich mit jugendlichen Subkulturen über ihre Stile der Körperinszenierung und der Aggressionsgestaltung im direkten Gespräch zu verständigen. Mit therapeutischen Massnahmen wären allenfalls Fixierungen auf das Surrogat Brutalo abzubauen.

Gegen eine allgemeine Pathologisierung der Gewalt wäre aus einer ethischen Perspektive den Menschen die Kompetenz zur Gestaltung ihrer Aggression zu zumuten. Als ethische Subjekte haben vergesellschaftete Individuen Verantwortung für ihr Handeln zu übernehmen bzw. zu erlernen. Gegen abstrakte und universelle Betroffenheit sowie gegen soziale Entfremdung als erlernte Hilflosigkeit gilt es, Aggression als eine positive Kraft zu verstehen und als legitime Reaktion auf Versagungen und Ängste in die Lebensgeschichte zu integrieren. Integrierte Aggression und nicht defensive Angstbewältigung bildet die Voraussetzung einer kommunikativen Kompetenz, Situationen so einzurichten und zu verändern, dass darin sowohl die eigenen als auch die Bedürfnisse anderer befriedigt werden können (vgl. Vitouch 1993: 184).

 

Stile der Aggressionsgestaltung

In pluralistischen Gesellschaften verlieren gemeinschaftliche und traditionelle Bindungen an Bedeutung. Weltanschauungen und ethische Vorstellungen des guten Lebens können keine universelle Gültigkeit (mehr) beanspruchen. Ihre Akzeptanz beschränkt sich jeweils auf einzelne Traditionen und Erlebnismilieus. Dort allerdings bleiben sie relevant für gelingende Formen kultureller Aggressionsgestaltung und Angstbewältigung. - Auch innerhalb der Kirche spiegelt sich der Pluralismus der Lebenswerte, der Mediennutzungen und der Aggressionsgestaltung. Die in Pfarreien vorherrschenden Lebensstilmilieus, die vor allem für Angehörige älterer Generationen typisch sind, neigen zu eher defensiven Stilen der Konfliktlösung (vgl. Schulze 1992: 277ff.). Kerngruppen von Pfarreien, in denen sich diese defensiven Stile durchsetzen, neigen aber zur sozialen Schliessung. Das erschwert den Zugang vor allem für jüngere Menschen aus den für sie typischen Milieus der Selbstverwirklichung (höhere Bildung) und der Unterhaltung (niedere Bildung).

Der Einsatz von Medien zur Vernetzung und zum Dialog zwischen den Lebensstilen eignet sich vor allem in Pfarreien, die zielgruppenspezifische Formen pastoraler Praxis für Jugendliche und ältere Menschen ausgebildet haben. Bewährt haben sich insbesondere Angebote von Pfarreien, die Eltern die Möglichkeiten bieten, sich geschützt in ihren jeweiligen Milieus mit Kultprogrammen jüngerer Generationen wie "Big Brother" (vgl. Loretan 2001) oder Computerspielen möglichst unvoreingenommen auseinander zu setzen. Wer bereit ist zu verstehen, was die Faszination solcher Kultmedien für eine bestimmte Lebensstilgruppe ausmacht, lernt andere Identitätsformate kennen. So verlieren die einschlägigen Genres wie Slasher Movies und harte Brutalos einen Teil ihrer Provokation und ihrer Bedrohlichkeit. Über die blosse Ablehnung hinaus ermöglicht diese Annäherung, andere Stile der Aggressionsgestaltung (kritisch) zu anerkennen und vor allem Kinder bei medienvermittelten Angstritualen zu begleiten. Im Sinne eines ersten Schrittes ist vor allem Angehörigen älterer Generationen zu zumuten, dass sie ihre Lebensstilpräferenzen nicht verabsolutieren und sich auf die Lebensstile anderer Generationen und auf das notwendig Imperfekte moderner Gesellschaften einlassen.

 

Zielwerte und Krisen

In der Vielzahl empirischer Untersuchungen über die Wirkung und Nutzung von Mediengewalt spielen gesellschaftliche (Gewalt-)Strukturen in Anlage und Durchführung der meisten Studien nur eine untergeordnete Rolle (vgl. Röser 2000: 12). Um diesem Defizit entgegen zu wirken, sollen Funktionen der Medien bei der gesellschaftlichen Verarbeitung der Gewalt skizziert und virulente Probleme aufgezeigt werden.

Moderne Gesellschaften zeichnen sich aus durch eine Pluralisierung der Lebensstile und durch eine funktionale Ausdifferenzierung gesellschaftlicher Problemlösungssysteme. Dabei fehlen objektive moralische Raster, die es erlauben würden, menschliches Handeln in jedem Fall und eindeutig zu beurteilen. Es bedarf daher einer steten Auseinandersetzung, welche ethisch-normativen Ansprüche Gültigkeit haben sollen. Die postkonventionelle Diskurs-Ethik entwirft jene Verfahren, in denen die Beteiligten ihre Konflikte nicht mit Gewalt, sondern über möglichst diskursive Verständigungen zu lösen versuchen. Eine diskurstheoretisch verfahrende Medienethik nimmt die Medien in Bezug auf die Leistungen in die Pflicht, die sie als professionelles System für die Einzelnen und die öffentliche Meinungsbildung zu erfüllen haben (vgl. Loretan 1999).

Gewalt ist nun keineswegs so harmlos, als dass sie durch Verständigung einfach aufgehoben werden könnte. Gewalt ist nicht nur Thema der Verständigung, sondern auch negative Bedingung ihrer Möglichkeit. Physische, psychische und strukturelle Gewalt setzen der Verständigung Grenzen. Der normative Diskurs setzt deshalb bei den Problemen an und versucht, über eine Verständigung der Beteiligten freiere, gerechtere und sachgemässere Lösungen zu entwickeln.

Über eine möglichst zwangslose Verschränkung unterschiedlicher Perspektiven leistet die öffentliche Meinungsbildung einen Beitrag zur Konfliktlösung und Angstbewältigung. Den rechtsstaatlichen Einrichtungen fällt dabei die Aufgabe zu, dem vorläufig Gültigen Geltung zu verschaffen. Die Verhältnisse in demokratischen Gesellschaften sind somit beides: Ausdruck der realen Macht und zugleich Ergebnis möglichst zwangsloser Verständigung. Auch die demokratisch legitimierten Ordnungen bleiben deshalb notwendig imperfekt und werden durch die öffentliche Meinungsbildung für Korrekturen offen gehalten.

Dieser Zwiespalt gilt auch für die Medien. Die öffentliche Meinungsbildung ist in modernen Massengesellschaften auf publikumsorientierte Medien angewiesen. Entsprechend sind Massenmedien Mandatare eines (aufgeklärten) Publikums, dessen Lernbereitschaft und Kritikfähigkeit sie zugleich voraussetzen, beanspruchen und bestärken. Durch die Selektion relevanter Themen und ihre publikumsattraktive Präsentation sind sie an der Konstruktion von Wirklichkeit beteiligt und beeinflussen nachhaltig die öffentliche Meinungsbildung. Der Einfluss der Medien auf das Publikum ist allerdings insofern beschränkt, als die Möglichkeiten der Einwirkung nicht nur in eine Richtung verlaufen. Denn längerfristig können Medien ihre Angebote nur als Antworten auf strukturierte Publikumserwartungen erfolgreich behaupten. Medien sind deshalb ein arbeitsteilig ausdifferenziertes System (vgl. Neuberger 2000), das sich über ein flexibles Gleichgewicht zwischen Publikumserwartungen und professionell entwickelten Medienangeboten stabilisiert. Je nach politischem Modell organisieren die professionellen Akteure ihre Ressourcen entweder über Märkte (Angebot und Nachfrage) oder über politische Aushandlungsprozesse (Auftrag und Gebühren) oder über Mischformen. In der Organisation der Medien bilden sich Strukturen merkantiler oder politischer Macht ab. Wie die vermachteten Medien Ihre Leistungen für die Gesellschaft und ihre öffentliche Verständigung am sinnvollsten erbringen sollen, kann nicht als ethische Lehre dekretiert werden. Vielmehr gilt es, die offene Dynamik der Mediendiskurse kritisch zu begleiten. Dies wäre die Aufgabe einer kontinuierlichen Medienkritik.

 

Öffentliche Verständigung über Gewalt

Im Hinblick auf die öffentliche Verständigung über Gewalt lassen sich drei Bündel normativer Erwartungen an das Mediensystem benennen: Sie beziehen sich auf die kognitive und die emotionale Verarbeitung der Gewalt sowie auf die Pflege der öffentlichen Kommunikationskultur.

1. Kognitive Verarbeitung der Gewalt:
Journalismus als professionelles System vermittelt aktuelles relevantes Wissen, damit Probleme möglichst (zweck-)rational bearbeitet werden können. Durch dauerhafte Beobachtung, Darstellung und Kommentierung des sozialen Geschehens informieren die Medien über physische, psychische und strukturelle Formen der Gewalt sowie über Ansätze der Konfliktlösung. Die Informationen sind dabei so aufzuarbeiten, dass die Rezipienten sich ihrer persönlichen und politischen Verantwortung bewusst werden und Handlungsperspektiven als Privatpersonen und Bürger entwickeln können. Die tagesaktuellen Medien leisten dazu einen Beitrag, indem sie möglichst sachlich über die Ereignisse berichten und sie so kommentieren, dass die Nutzer selbstständig die Relevanz der ausgewählten Probleme einschätzen und die Qualität der diskutierten Lösungen werten können. Als Mandatar des Publikums übernehmen die Medien in modernen Demokratien zudem eine Kontrollfunktion gegenüber anderen professionellen Systemen, insbesondere gegenüber dem Rechtsstaat, der mit der Durchsetzung der geltenden Ordnung einen wesentlichen Beitrag zur Garantie der inneren und sozialen Sicherheit leistet.

2. Emotionale Verarbeitung der Gewalt:
Neben dem kognitiven (indirekten) Beitrag zur Bearbeitung aktueller Probleme leisten die Medien mit Unterhaltung und fiktionalen Angeboten auch (direkte) Beiträge zur unmittelbaren Bedürfnisbefriedigung. Unterhaltung und Fiktion stellen handlungsentlastende Möglichkeiten der Beobachtung sozialen Handelns bereit. Vor allem über (künstlerische) Fiktionen haben die Medien die Möglichkeit, Menschen in ihren Ängsten und Nöten darzustellen und Modelle gelingender Integration ihrer Schattenseiten anzubieten. Sie können die Rezipienten unterstützen, eine reflektierte Einstellung zu ihrer Aggression und den Risiken ihrer sozialen Umgebung aufzubauen. Fühlen als konstruktiver Prozess, auf dessen Grundlage Individuen sich selbst und ihre symbolische Umwelt intuitiv erzeugen und gestalten, ist allerdings nur teilweise und meist erst im Nachhinein für das Bewusstsein zugänglich. Gerade deshalb sind hohe ethische Anforderungen an die Unterhaltung, an Spannung und Entspannung zu stellen. Das unverzweckte Spiel und die reflexive Distanzierung des ästhetischen Erlebens eröffnen den Betrachtenden einen Freiraum der intuitiven Selbstvergewisserung. Sie verhindern die Fixierung des Publikums auf die Konsumentenrolle und die manipulative Lenkung der Aufmerksamkeit auf das Programm. Die Darstellung von Gewalt sollte nicht nur der unmittelbaren Bedürfnisbefriedigung dienen. Gewalt als Unterhaltung verharmlost ihr Skandalon und schränkt die Möglichkeiten des Publikums ein, durch Distanzierung seine Verantwortung und Empathie wahrzunehmen.

3. Pflege der öffentlichen Kommunikationskultur:
Die private und öffentliche Meinungsbildung als normatives Modell der Gewaltverarbeitung in modernen demokratischen Gesellschaften setzt Werte als Ressourcen voraus, welche das Mediensystem nutzt, aber auch vernutzen kann. In Bezug auf die längerfristige Glaubwürdigkeit der Medien sollten ihre Akteure zu folgenden Werten als Ressourcen Sorge tragen und sie als normative Kriterien journalistischer Qualität operationalisieren:

Toleranz: Als Instanzen der öffentlichen Meinungsbildung haben Medien zur toleranten Verständigung unter den verschiedenen Bevölkerungsgruppen insbesondere auch mit den Minderheiten beizutragen. Die Verständigungsorientierung der Medien darf nicht mit Konfliktverleugnung und kulturellerer Homogenisierung verwechselt werden. Opfern, Tätern und Marginalisierten sind Sprachen und Gesichter zu geben. Toleranz meint die Anerkennung der Anderen in ihrer Andersartigkeit. Ihre Grenze findet sie dort, wo Beteiligte nicht bereit sind, Andere in ihrer leiblichen und seelischen Integrität zu respektieren, und rechtsstaatliche und demokratische Konfliktlösungen ablehnen.

Vertrauen: Der Journalismus erfasst die Wirklichkeit in ihrer Ereignishaftigkeit. Als Unterscheidungsvermögen hat Kritik sich zu beschränken auf die Dimensionen des Konfliktes. Pauschaler Skeptizismus untergräbt das Vertrauen in die Strukturen rechtsstaatlicher und demokratischer Konfliktlösung. Die Mobilisierung des ängstlichen Gefühls, von allen Risiken betroffen und bedroht zu sein, sowie des Allmachtswahns, für alles Verantwortung übernehmen zu müssen, lähmen die politische Handlungskraft und lassen vor allem Vielseher vor ihren Apparaten resignieren.

Kritikfähigkeit: Durch die Vermittlung aktuellen Wissens reduziert der Journalismus die Komplexität der Wirklichkeit und ermöglicht seinen Adressaten kognitive Orientierung. Er fokussiert Aufmerksamkeit auf relevante Themen (Selektion) und schreibt ihnen Ordnungsmuster ein. Nachrichten konstruieren Wirklichkeit als Kurzzeit-Modelle, welche die Welt in ihrer Ereignishaftigkeit (Ort, Zeit, Handlung) beschreiben. Die Kritikfähigkeit können Medien fördern, indem sie das Faktum der Gewalt als Problem konstatieren, es implizit oder explizit bewerten und Ansätze zu seiner Lösung diskutieren.

Die Qualität der Medien wäre daraufhin zu untersuchen, ob sie ihre Informationen über verschiedene Stufen kurz- bis längerfristiger Relevanz so auswählen und präsentieren, dass die Rezipienten sie zu nachhaltigem Wissen verarbeiten können. Als Kurzzeit-Modelle werden journalistische Sinnkonstruktionen zum Problem, wenn die Rezipienten die Informationen nicht mehr in den für sie relevanten Zusammenhängen zu deuten vermögen. Durch Rhythmus und Dramatik der Fernsehnachrichten fehlt den Betrachtern jene Halbsekunde, die sie benötigen, um Informationen kognitiv einzuordnen und in Bezug auf ihre Relevanz für allfällige Problemlösungen zu bewerten. Kurzzeit-Modelle verbrauchen die kognitive Kritikfähigkeit, so dass sich die Mediennutzer vor allem jenen Programmen und Boulevardzeitungen zuwenden, die sie am besten unterhalten. Die Publikumserwartung nach möglichst unterhaltsam aufbereiteter Information kann zu einem gefährlichen rekursiven Prozess führen: Marktorientierte Medien sind nun ihrerseits gezwungen, der zerstreuten Nachfrage zu entsprechen und kurzfristig Aufmerksamkeit mit unterhaltsamen Effekten zu binden. Weil die audiovisuelle Repräsentation von Gewalt wahrnehmungspsychologisch automatische und weitgehend vorbewusste Reflexe auslöst, setzen die Medien Gewaltdarstellungen strategisch zur Aufmerksamkeitslenkung ein. Die kommerzielle Instrumentalisierung der Mediengewalt vermag zwar kurzfristig Aufmerksamkeit zu binden, zerstört aber längerfristig die kognitive Kritikfähigkeit der Adressaten.

Verantwortungsgefühl und Compassion: Neben kognitiven Fähigkeiten beanspruchen Medien auch emotionale Kompetenzen ihrer Adressaten. Sie setzen den emphatischen Willen der Nutzer voraus, sich für ihre Mitmenschen und die gemeinsame Mitwelt zu interessieren und sich auf die Lösung der diagnostizierten Probleme praktisch einzulassen. Damit die Fähigkeit, auf Medienbotschaften zu antworten, nicht überfordert wird, müssen Rezipienten eine diffizile Unterscheidung vornehmen: Sie nehmen die Krisenhaftigkeit der Wirklichkeit wahr, dennoch dürfen sie sich nicht von allen Krisen betreffen lassen, sondern müssen die beschränkten Kapazitäten ihres praktischen Engagements exemplarisch auf ausgewählte Probleme fokussieren.

Noch ausgeprägter als bei der kognitiven Informationsverarbeitung ist die emotionale Verarbeitung der meist negativen Nachrichten auf Zeit angewiesen. Eine angemessene Reaktion auf die in der Tagesschau gezeigte Gewalt wäre Trauer. Fehlt die dazu nötige Verlangsamung des Nachrichtenflusses, verbraucht die Medienrezeption die Bereitschaft, sich durch die Not anderer betreffen zu lassen. Nicht nur intellektuell, sondern auch emotional können die Medien die Kompetenzen ihrer Adressaten überfordern. Sind Verantwortungsgefühl und Compassion der Adressaten einmal zerstreut, muss die Bereitschaft zur Rezeption von Medienbotschaften mit unterhaltenden Gratifikationen künstlich von aussen mobilisiert werden. Eine Spirale des Marketings beginnt sich zu drehen. Zur Aufmerksamkeitslenkung bedienen sich die Medien der Dramatisierung und Skandalisierung von Konflikten und wenden diese Moblisierungsstrategien auf beliebige Themen an. Die Rhetorik der Medien verkommt zum abstrakten und aussen gesteuerten Appell.

 

Symbolische Gewalt aufbrechen

Der Diskurs über die Mediengewalt bietet den Kirchen interessante Möglichkeiten, ihre Wahrnehmungen der Gewalt in die aktuelle öffentliche Diskussion einzubringen. Sie realisieren ihren Verkündigungsauftrag, indem sie die Ansprüche ihres Glaubens in die öffentlichen Diskurse einbringen, im Dialog mit den Medien die Zeichen der Zeit deuten und zu den Medien als Einrichtungen öffentlicher Kommunikation Sorge tragen. Sie setzen sich politisch für eine sinn- und sachgerechte Organisation der Publizistik ein und begleiten mit ihren Publikationen kritisch deren Leistungen.

Auf der lokalen Ebene können die Pfarreien einen wichtigen Beitrag gegen die Vernutzung der Aufmerksamkeit und der Fähigkeit zum Mitleiden (Compassion) einseitig marktorientierter Medien leisten (vgl. Hurth 2001, auch Thomas 2000). Indem etwa Predigerinnen und Prediger aktuelle Medienereignisse zitieren oder paraphrasieren, können sie aktuelle Bezüge zu öffentlich relevanten Problemen herstellen, an denen sich die auszulegende Botschaft des Evangeliums zu bewähren hat.

Daneben wäre das "Recycling" von Fernsehnachrichten für Veranstaltungen der Erwachsenenbildung noch zu entdecken. Eine Pfarrei könnte ihre Mitglieder einladen, gemeinsam eine aktuelle Nachrichtensendung anzuschauen und im Hinblick auf praktische Konsequenzen zu besprechen. Ein solches Projekt könnte ein Vielfaches leisten:

  • Es versammelt die in der Regel vor ihren privaten Apparaten zerstreuten Rezipienten zu einem präsenten Publikum.
  • Die Aufzeichnung der Tagesschau auf Video ermöglicht Wiederholungen und gezielte Zugriffe auf einzelne Sendeteile, wodurch die für das Programmfernsehen typische Flüchtigkeit der Rezeption aufgehoben wird. Das Recycling verlangsamt aber auch den durch Mechanismen der Aufmerksamkeitslenkung beschleunigten Rhythmus der Dramaturgie von Fernsehnachrichten. Es gibt den Betrachtern jene Zeit zurück, die sie benötigen, um die Informationen zu Wissen zu verarbeiten und eine angemessene emotionale Haltung zu bilden.
  • Durch Wiederholung und Versammlung können Rezipienten bewusster entscheiden, von welchen aktuellen Medienthemen sie sich betreffen lassen und in welchen exemplarischen Handlungsfeldern sie gemeinsam Verantwortung übernehmen wollen. Die Kontaktnahme mit kirchlichen Hilfswerken, Dritt-Welt-Organisationen und Umweltverbänden kann die Ausweitung der Solidarität auf überpfarreiliche Ebenen erleichtern.
  • Wo wirksames Handeln an seine Grenzen kommt, kann enttäuschte Allmachtsphantasie in Resignation und Zynismus umschlagen. Um sich von der Dauermobilisierung der Medien mit schlechten Nachrichten dennoch nicht überfordern zu lassen, ist ein waches Gespür dafür notwendig, wann Mediennutzer in ihrer Verantwortung gefordert sind.

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Diakonia, die internationale Zeitschrift für die Praxis der Kirche, hat ihr Heft 5/2000 angesichts von Terror und Krieg dem Thema Gewalt gewidmet. Gegen die Gewöhnung an das scheinbar Unvermeidliche werden Perspektiven des Gewaltverzichts und des Friedens vorgestellt und diskutiert. Medienheft veröffentlicht den Beitrag, der sich mit Mediengewalt auseinandersetzt.

 

Links:
www.bundeskanzler.de/Kanzler-News-.7698.67728/Brief-des-Bundeskanzlers-zu-der-Bluttat-von-Erfurt.htm 
www.medienpraktisch.de/amedienp/xregiste/regewalt.htm 
www.medienheft.ch/medienethik/bigbrother 
www.medienheft.ch/medienethik/ethikdesoeffentlichen 
www.funkkorrespondenz.de 
www.medienheft.ch 

 

Literatur:

Grimm, Jürgen (1999): Fernsehgewalt. Zuwendungsattraktivität, Erregungsverläufe, sozialer Effekt, Wiesbaden.

Hurth, Elisabeth (2001): Zwischen Religion und Unterhaltung. Zur Bedeutung der religiösen Dimension in den Medien, Freiburg.

Klimmt, Christoph (2001): Ego-Shooter, Prügelspiel, Sportsimulation? Zur Typologisierung von Computer- und Videospielen. In: Medien- & Kommunikationswissenschaft 2001/4, S. 480-497.

Loretan, Matthias (2001): Wer bin ich, wenn ich "Big Brother" mitspiele. Ansätze einer theologisch-ethischen Kritik an "Big Brother" als Medieninstallation spätmoderner Identitätsdiskurse. In: TEXTE Nr. 4/2001. Sonderheft der Zeitschrift medien praktisch, S. 43-51.

Loretan, Matthias (1999): Ethik des Öffentlichen. Grundrisse einer Medienethik als Theorie kommunikativen Handelns. In: Holderegger, Adrian (Hrsg.): Kommunikations- und Medienethik. Interdisziplinäre Perspektiven, Freiburg i Ue., S. 153-183.

Neuberger, Christoph (2000): Journalismus als systembezogene Akteurskonstellation. Vorschläge für die Verbindung von Akteur-, Institutionen- und Systemtheorie. In: Löffelholz, Martin (Hg.): Theorien des Journalismus. Ein diskursives Handbuch. Opladen/Wiesbaden 2000, S. 275-291.

Röser, Jutta (2000): Fernsehgewalt im gesellschaftlichen Kontext. Eine Cultural Studies-Analyse über Medienaneignung in Dominanzverhältnissen, Opladen.

Schorr, Angela (Hg.) (2000): Publikums- und Wirkungsforschung. Ein Reader, Wiesbaden.

Schulze, Gerhard (1992): Erlebnisgesellschaft. Kultursoziologie der Gegenwart, Frankfurt/Main, New York.

Thomas, Günter (Hrsg.): Religiöse Funktionen des Fernsehens? Medien-, kultur- und religionswissenschaftliche Perspektiven, Wiesbaden.

Vitouch, Peter (1993): Fernsehen und Angstbewältigung. Zur Typologie des Zuschauerverhaltens, Opladen.

 

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