10. September 2002

Signs

Charles Martig

Plötzlich wird ein Mann aus dem Schlaf gerissen und nun ist alles, was in diesem Film geschieht, an der unsicheren Grenze zwischen Wachen und Schlafen angesiedelt. Getrieben von einem unbestimmt bedrohlichen Gefühl springt Graham Hess (Mel Gibson) aus dem Bett, stürzt ins Zimmer seiner Kinder und daraufhin nach draussen, wo es dunkel ist und ihm die Maispflanzen die Sicht versperren. Hier sind die Zeichen, die auf eine höhere ausserirdische Macht verweisen, noch diffus, doch das wird sich bald ändern.

Verweise auf fremde und ferne Mächte, die durch ihre Unbestimmtheit immer auch bedrohlich wirken, durchziehen das Filmschaffen von M. Night Shyamalan. Dem Helden fehlt stets der klärende Überblick, die Erlösung der Gesamtschau, die die Zeichen in einen sinnvollen Zusammenhang rückt. Schon in "The Sixth Sense" und "Unbreakable" führten die Wege aus der Welt des Erklärbaren hinaus in ein Universum dunkler Ahnungen. So ist auch Graham Hess, ein ehemaliger Pfarrer, der durch den tragischen Autounfall seiner Frau derart traumatisiert wurde, dass er sein kirchliches Amt niedergelegt hat, auf diese Befindlichkeit verwiesen. Er sieht sich mit seiner Familie von aussen bedroht, wobei die eigentliche Frage viel tiefer liegt. Ein tiefgreifender Verlust des Urvertrauens prägt die Hauptfigur. Zeichen für diesen Einbruch in die Innenwelt sind die Kornkreise, die plötzlich in den Feldern auftauchen. Es sind geheimnisvolle Runen, unverständliche Eingriffe von aussen in das Farmerleben der Familie Hess. Dass es sich hierbei um Navigationszeichen von Ausserirdischen handelt, die eine Invasion der Erde im Sinn haben, ist nur der äussere Anlass der Erzählung. Wie schon in seinen früheren Filmen legt der Regisseur falsche Spuren aus. Er verwendet in "Signs" Genrekonventionen des Science-Fiction und des fantastischen Thrillers. Doch hier ist der "Krieg der Welten" nicht ein spektakulärer Katastrophenfilm im Stil von "Independence Day". Shyamalan reduziert vielmehr die Mittel auf ein Minimum. Er erzeugt Spannung durch nächtliche Spaziergänge im Kornfeld, durch seltsame Signale aus dem Babyphone, durch halbvolle Wassergläser, die überall im Hause herumstehen, durch Spiegelungen auf dem schwarzen Bildschirm des Fernsehers.

Der Familienvater schliesst sich mit seinen Kindern und seinem Bruder im Keller des Hauses ein und erlebt die Invasion der aggressiven Mächte in der Dunkelkammer der Seele. Die Aliens bleiben Spiegelungen der eigenen Dämonen. Vor diesen muss er seine Familie schützen; vor seinen eigenen Ängsten und Zweifeln. Die hochemotionale Auflösung am Schluss offenbart die existentielle Fragestellung des Films und lässt den zweifelnden Helden geläutert in die Rolle des Pastors zurückfinden. Sein Kind hat die Attacke der Ausserirdischen überlebt, doch nicht durch die Widerstandskraft des Vaters, sondern durch ein Symptom der Schwäche: ein Asthmaanfall des Kindes bewahrt es vor dem tödlichen Giftgas der Aliens.

Was ist in dieser unübersichtlichen Welt, in der Menschen von ihrem Schicksal gezeichnet und fremden Mächten ausgeliefert sind, angemessen: Glauben oder Nicht-Glauben? Es geht Shyamalan nicht um die Inhalte. Diese sind aus verschiedenen kulturellen Traditionen und Religionen gemischt und treffen in einem multikulturellen Cocktail aufeinander. Vielmehr geht es ihm um den Glaubensakt, die Tatsache, dass die Helden sich existentiell mit der Frage des Glaubenkönnens beschäftigen. Mehr als ein Regisseur von konventionellen Genre-Filmen zeigt sich Shyamalan fasziniert von metaphysischen Fragestellungen, die seine mise en scène, die Erzählung und die Schauspielführung bestimmen. So wie "Unbreakable" oder auch "The Sixth Sense" in Offenbarungsszenen münden, provozieren sie eine Auflösung und Umkehrung von Gewissheiten, die viel nachhaltiger wirken als gängige Erzählmuster des Mainstream-Kinos. Hier ist das biblische Motiv der Umkehr in die ästhetische Konstruktion überführt. Der Regisseur verwendet populäre Genres wie Science-Fiction, Mystery und Horror, bricht diese auf und organisiert sie neu in einer mehrschichtigen Erzählung. Der Umkehrpunkt am Schluss verschafft eine grundlegend neue Sicht der Dinge, quasi eine Kinoerleuchtung, die das Filmerlebnis in einen neuen Horizont rückt, der viel weiter ist, als die Erzählhandlung es vermuten liesse. In "Signs" gelangt Shyamalan nun an die Grenzen seines Erzähluniversums: Die ausgefeilte Komposition kann beim Betrachten jederzeit zur Erkenntnis führen, dass der Autor eigentlich alles weiss und er die Zuschauer lediglich über den Umweg einer raffinierten Erzählung auf eine tieferliegende Dimension verweisen möchte. Insofern kommt hier eine fantastische Trilogie der populären Metaphysik zu ihrem Abschluss.

Um das Kino von Manoj Nelliyattu Shyamalan - so der ursprüngliche Name des 1970 in Indien geborenen und in Philadelphia aufgewachsenen Regisseurs - zu verstehen, muss man vielleicht auf die philosophischen Quellen des indischen Subkontinents zurückgreifen. Auffallend ist das fliessende Gleichgewicht zwischen überlegten Referenzen auf das Christentum und den Werten der amerikanischen Gesellschaft in Wechselwirkung mit der Weltanschauung des Hinduismus. Hier ist Gott Brahmã, Schöpfer aller Lebewesen, eng verbunden mit der aufbauenden und erhaltenden Gottheit Vishnu und dem zerstörerischen Shiva. Dieses Konzept ist bekannt als Trimurti, die Hindu-Trinität der drei Götter, die das Prinzip von Schöpfung, Erhaltung und Zerstörung symbolisiert. Die drei existieren in Einem und das Eine in den dreien, so wie die Veden in drei (Samhitã, Brãhmana und Sutra) unterteilt und doch eins sind. Sie alle sind enthalten in dem einen Wesen, das das wahre Selbst aller Dinge ist.

Das Gleichgewicht im Erzähluniversum Shyamalans führt über die dreifache Einheit der Gegensätze. Das Leitmotiv der Zeichen verweist auf dieses trinitarische Grundverständnis des Gleichgewichts: Gut und Böse sind nicht mehr bipolar aufeinander bezogen, etwa im Kampf zwischen den Kräften des Guten gegen die Achse des Bösen. Sie sind Facetten einer vielschichtigen geheimnisvollen Wirklichkeit, die sich in verschiedenen Aspekten gegenseitig durchdringen. Im erfolgreichen Versuch, im Mainstream-Kino der Entzauberung der Lebenswelt entgegen zu wirken und neue Wege des metaphysisch-populären Erzählens zu beschreiten, bringt der Regisseur ein hinduistisches Weltverständnis zum Sprechen, das die Genrekonventionen überschreitet. Als Regisseur, Drehbuchautor, Produzent und Schauspieler geniesst Shyamalan im System Hollywoods eine aussergewöhnliche Freiheit, die ihn zu einem Autorenfilmer macht und ihm erlaubt, eine eigenständige religiöse Signatur einzubringen.

Charles Martig, Filmbeauftragter Katholischer Mediendienst

"Signs", USA 2002
Regie: M. Night Shyamalan
Besetzung: Mel Gibson, Joaquin Phoenix
Verleih: Buena Vista International Schweiz
Internet: www.buenavista.com, www.signs-zeichen.de, www.kornkreise.ch

Kinostart: 12. September

Von Franz Everschor ist eine Filmkritik zu "Signs" im film-dienst erschienen:
http://film-dienst.kim-info.de/kritiken.php?nr=5998 

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