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19. Dezember 2001 Auge um Auge, Zahn um Zahn Dietmar Heeg Am Abend des 11. September zitiert der amerikanische Präsident George Bush in seiner Rede an die Nation den biblischen Psalm 23: "Muss ich auch wandern in finsterer Schlucht, ich fürchte kein Unheil, denn du bist bei mir." Seit den Terroranschlägen in den USA werden fast täglich biblische Begriffe oder Zitate von Politikern und Journalisten verwendet - meist unreflektiert. "Gott steh uns bei!" titelte die "Bild" in
Riesenlettern am Tag danach, am 12. September. Und ein republikanischer
Senator benutzte die Vokabel Gott in anderer Weise als Drohung an die
Terroristen: "Gott sei euch gnädig, wir sind es nicht!" Dem
Missbrauch von religiösen Motiven und Begriffen ist im Konflikt zwischen der
freien Welt und den Terroristen Tür und Tor geöffnet. Denn hier
"paaren sich archaische und politisch instrumentalisierte religiöse
Bilder mit solider Ausbildung, hohem Sachverstand, höchster Motivation und
einer gnadenlosen Rationalität", bemerkt Claus Eurich im Westdeutschen
Rundfunk. Wer deshalb biblische Vokabeln gebraucht, sollte ihre
ursprüngliche Bedeutung kennen, damit diese im täglichen
Nachrichtengeschäft nicht missbraucht werden. Das Böse Für George Bush ist der Kampf gegen Osama Bin Laden "ein Kreuzzug gegen
das Böse". Biblisch gesehen ist das Böse ein negativ qualifiziertes
Verhalten oder Tun, das Gottes Schöpfung, die auf Leben hin orientiert ist,
bedroht. Für Siegfried Wiedenhofer im neuen Lexikon für Theologie und
Kirche (LThK) ist "das Böse nicht das von Gott gewollte", sondern
das aufgrund der Freiheit des Menschen aus ihm Hervorbrechende. Der Mensch
ist von Gott frei geschaffen und deshalb kann er sich ethisch gesehen
zwischen Gut und Böse entscheiden. Dass diese Entscheidung in der
Gesamtentwicklung einer Persönlichkeit und der dazugehörigen Gesellschaft
gründet, ist offensichtlich. Die Erfahrung des Bösen lässt sich eben nicht
oberflächlich bewerten, sondern zeigt, wie notwendig Vergebung und
Versöhnung sind. Der (heilige) Krieg Im Alten Testament findet sich eine Vielzahl von Kriegsberichten. Gott selbst
ruft sein Volk zum Krieg (zum Beispiel 1. Buch Samuel, Kapitel 11, Vers 6).
Für den Krieg als eine von Menschen zu verantwortende Handlung geben diese
Geschichten wenig her, weil es hier oft um historische Beschreibungen und
nicht um ethische Handlungsweisen geht. Demgegenüber ist die Forderung Jesu
im Neuen Testament offensichtlich: Bedingungslose Nächstenliebe, die auch
den Feind umfasst (Matthäus-Evangelium 5, Vers 43-48). Für einen heiligen
Krieg ist deshalb in der Botschaft Jesu kein Platz. Die Rache Die Militärschläge gegen das Taliban-Regime tragen das Etikett der Rache
für die Terroranschläge in den USA. Professor Erich Zenger stellt im LTHK
fest, dass abweichend vom heutigen Sprachgebrauch Rache im biblischen
Zusammenhang ein Begriff des Rechts sei. "Rache bezeichnet das
Eingreifen der für die Wahrung der Rechtsordnung zuständigen Autorität,
die ein Unrechtsverhalten dadurch beendet, dass sie den Unrechttäter nicht
nur in seinem Handeln behindert, sondern ihn gerecht bestraft." Der oft
zitierte Satz "Auge um Auge, Zahn um Zahn" (Levitikus 24, Vers 20)
war schon in biblischer Zeit als Handlungsanweisung ein Erfolg. Er beschreibt
die Verhältnismässigkeit der Mittel, mit denen zurückgeschlagen werden
soll und wendet sich gegen blinde Wut und Rache. Die Gerechtigkeit Da das Wort Gerechtigkeit schon zu biblischer Zeit sehr wichtig war, wird
daran deutlich, dass es einundneunzigmal im Neuen Testament vorkommt. Für
das Neue Testament ist Gerechtigkeit nicht zuerst eine Tugend, sondern das
Gerechtsein Gottes und des Menschen zueinander. Jesus geht den "Weg der
Gerechtigkeit" (Matthäus-Evangelium 21, Vers 32). Dieser Weg ist für
ihn eine praktische Grundhaltung. Er will damit zeigen, wie die Botschaft der
Nächstenliebe gelebt werden kann. Wer Gerechtigkeit im biblischen Sinne
reklamiert, kommt an dieser Grundeinstellung nicht vorbei. Armageddon Der amerikanische Präsident hat den Feldzug gegen den Terrorismus als ein Armageddon bezeichnet. Nachdem der Begriff schon durch den gleichnamigen Hollywood-Film vor einigen Jahren bekannt geworden ist, wird er nun in die politische Rhetorik eingebracht. Der in verschiedenen Schreibweisen überlieferte Ausdruck kommt einmal in der Bibel vor (Offenbarung des Johannes 16, Vers 16). Gemeint ist damit vermutlich der Berg von Megiddo in der Nähe von Haifa, der immer ein Ort kriegerischer Auseinandersetzungen war. Für den Autor der Offenbarung ist dieser Berg ein Symbol für das letzte Gefecht. Der für dieses Buch auch gebräuchliche Name "Apokalypse", der aus dem Griechischen kommt, bezeichnet das letzte Buch der Bibel. Darin wird der zu erwartende Weltuntergang bildhaft geschildert. Der Satan - und somit das Böse - wird überwunden und das Reich Gottes kann kommen. "Die Bevölkerung wartet darauf, im Problemnebel ein Fernglas zu
bekommen. Kriege sind immer Phasen rhetorischer Aufrüstung", sagt der
Politikwissenschaftler Ulrich Sarcinelli. Wer biblische Begriffe und die
damit verbundene Rhetorik bemüht - seien es Politiker oder Journalisten -
darf deshalb den Kontext des Alten und Neuen Testamentes nicht aus den Augen
verlieren. Das "Buch der Bücher" will eine Anleitung zur
Lebenshilfe sein und dient nicht als Steinbruch verbaler und praktischer
Kriegsführung. Dietmar Heeg ist der Beauftragte der Deutschen Bischofskonferenz für RTL und bei der Katholischen Fernseharbeit in Frankfurt am Main tätig. Der Text wurde erstveröffentlicht in "grimme", der Zeitschrift für Programm, Forschung und Medienproduktion der Ausgabe 4/2001. Druckversion:
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